Eine Woche ohne Smartphone

Was für viele unvorstellbar ist, hat eine Studentin der PH Zürich im Rahmen einer Lehrveranstaltung in Medienbildung gewagt: Sie hat ihr Handy für eine Woche abgegeben. Ihre Erfahrungen zeigen, dass der Verzicht ein Gewinn sein kann.

«Heute habe ich mich um Punkt 12 Uhr für eine Woche von meinem iPhone verabschiedet.» Mit diesem Satz beginnt Priscilla Gallis Erlebnisbericht, der ihr Selbstexperiment «Eine Woche ohne mein Smartphone» dokumentiert. Angeregt hat den siebentägigen Smartphone-Verzicht Peter Holzwarth, Dozent an der PH Zürich. Er hat den Studierenden in seiner Lehrveranstaltung die Wahl gelassen, anstelle der Bearbeitung von vier Aufträgen – darunter das Verfassen einer Filmanalyse und die Produktion eines Handyaudioguides – für eine Woche das Handy abzugeben und einen Bericht über die Erfahrung zu verfassen. Sechs Personen haben sich für Letzteres entschieden. «Es hat mich überrascht, dass es so viele waren», sagt Peter Holzwarth.
Eine der sechs Studierenden ist Priscilla Galli. Seit ihrem 17. Lebensjahr ist die 24-Jährige im Besitz eines Smartphones. Als das erste iPhone auf den Markt gekommen sei, habe sie es noch ein wenig verrückt gefunden, dass ein Gerät so viel kann, sagt Priscilla Galli. Doch obwohl sie sich selber nicht als «Smartphone-Addict» bezeichnet, ihr Smartphone beim Essen nicht auf den Tisch legt und oft den Flugmodus aktiviert, ist es in ihrem Leben mittlerweile selbstverständlich geworden. Sie kann sich nur noch schwer vorstellen, verschiedene Geräte wie etwa einen iPod oder eine Kamera mit sich herumtragen zu müssen. «Das Smartphone vereint alle Funktionen, die ich benötige, um mein Leben zu bewältigen», sagt sie. Doch es muss auch ohne gehen, dachte sich die angehende Primarlehrerin und entschied sich, eine Woche lang auf die Annehmlichkeiten des Geräts zu verzichten.

Weniger Ablenkung, mehr Freiräume
Der zeitweilige Verzicht auf die Handykommunikation ist mit einem grossen Potenzial verbunden, ist Peter Holzwarth überzeugt. So könne anhand des Experiments beispielsweise überprüft werden, inwieweit Aspekte von Mediensucht erkennbar sind, oder sich verdeutlichen, dass das Handy auch Stress bedeuten kann – wie etwa das Gefühl der Erreichbarkeit oder der Zwang, zeitnah zurückschreiben zu müssen. «Ausserdem erkennen die Studierenden die Bedeutung der Medienerziehung für die Schule und werden möglichweise angeregt, das Experiment mit ihren eigenen Schülerinnen und Schülern durchzuführen», so der Dozent. Des Weiteren würden sie erleben, wie es sich anfühlt, wenn man im Kollegenkreis die einzige Person ohne Mobiltelefon ist. Letztere Erfahrung beschreibt Priscilla Galli in ihrem Bericht besonders deutlich: «Es war ein komisches Gefühl, mich einfach darauf  verlassen zu müssen, dass sie um die abgemachte Zeit erscheinen», schreibt sie etwa zum Besuch ihrer Familie und ergänzt: «Eigentlich eine traurige Erscheinung, da Abmachungen, Verlässlichkeit sowie Pünktlichkeit an Wert verloren haben, seit wir die Möglichkeit haben, andere sofort telefonisch über die eigene Verspätung zu informieren.»

Besserer und längerer Schlaf
Bereits nach wenigen Tagen erfuhr die Studentin, dass der Verzicht mit der Entstehung von Freiräumen einhergeht: Sie hat Zeit, wieder einmal ein Buch zu lesen und schaut sich konzentriert einen Film an. Zudem fällt ihr das Lernen leichter, da sie nicht abgelenkt wird, was sie in ihrem Fazit auf den Punkt bringt: «Schultechnisch habe ich nur profitiert in dieser Woche. Ich war beim Lesen zu Hause viel konzentrierter, effizienter und genoss besseren und längeren Schlaf. In den Lehrveranstaltungen war ich mental viel präsenter. Diese hohe Konzentration erhoffe ich mir auch zukünftig bei meinen Schülerinnen und Schülern.»
Nach einer Woche war Priscilla Galli froh, ihr Smartphone wiederzuhaben – vor allem wegen der darauf gespeicherten Musik, die sie während des Experiments am meisten vermisst hat. Dennoch, so schreibt sie, hätte sie problemlos eine weitere Smartphone-freie Woche anhängen können: «Die Woche hat mir gezeigt, dass ich gut ohne mein iPhone auskommen kann.»

 

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