Ungutes im Morgengrauen


spaetholz
«Um sieben Uhr würden sie kommen. Sie kommen immer am frühen Morgen, wenn sie etwas Ungutes vorhaben. Im Morgengrauen werden Verurteilte abgeholt. Rocco wusste nicht, wo er das gehört oder gelesen hatte. Ihm war nur, als ob er es wüsste: In der ersten Morgendämmerung finden jene, die Ungutes vorhaben, den geringsten Widerstand vor.»

Wenn ein kantiger Tessiner Altbauer in der Küche seines Hofes mit einem Militärkarabiner in der Hand auf das Ungute wartet, darf viel Helvetisches erwartet werden: Ein ordentlicher Schuss Grappa in einem Sennen-Quadratschädel und schweizerischer Wehrwillen gegen den Ausverkauf der Heimat. So wartet der Karabiner auf den rücksichtslosen Fabrikanten Korten, der seine Villa unbedingt auf der Schafswiese hinter seinem kleinen Hof hat bauen müssen und nun per Gerichtsbeschluss auch noch Roccos Lebensbaum fällen lassen will. Soll der speckige Fabrikant nur kommen!

Aber das Helvetische hat noch andere Nuancen: die Verschandelung der Heimat, sprich früher war alles besser. In gutschweizerischer Manier schreibt hier ein Deutschschweizer Autor von einem Tessiner Bergbauern, der sich gegen alles Neue sträubt: gegen den Stausee, gegen fliessend Wasser im Haus, gegen Strom. Ganz nach dem Motto: «Das hatte man früher nicht und brauchte es auch nicht.»

Zweifelsohne nicht ungut ist, wie Kauer von Ungutem erzählt. Im Gegenteil, gut kann er erzählen, der Kauer Walther, ausserordentlich gut sogar.

Wie’s rauskommt, soll hier nicht verraten werden. Aber nur so viel: Es gibt viel Ungutes am Ende, aber anders als erwartet und trotzdem irgendwie gleich.

Walther Kauer
Spätholz.
2. Auf. Basel: Lenos Pocket, 2015.
230 Seiten.

Die Lücken im Text der Geschichte – Nachruf auf E.L. Doctorow

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Der amerikanische Romancier E. L. Doctorow in seinem Haus in Sag Harbor, New York. Aufgenommen am 19. 8.2009. (Bild: Gordon M. Grant/The New York Times)

In seinen Romanen hat E. L. Doctorow reale und fiktive historische Figuren und Ereignisse virtuos amalgamiert. Damit sicherte er sich einen Platz in der ersten Liga der zeitgenössischen US-Literatur. Zu seinen prominentesten Lesern gehörte US-Präsident Barack Obama, nannte dieser doch E. L. Doctorow neben Shakespeare seinen Lieblingsautor. Mit linksliberaler Haltung leuchtete Doctorow zahlreiche Winkel der amerikanischen Geschichte aus und überraschte bis zuletzt immer wieder mit frischer Stimme. Nun ist diese Stimme, die im deutschen Sprachraum dank den Übersetzungen von Angela Praesent ein adäquates Pendant gefunden hat, verstummt. Doctorow verstarb im Alter von 84 Jahren in New York.

Artikel von Thomas Hermann in der NZZ vom 23. Juli 2015, S. 43.

Auf dem Schulweg

Foto: © Odd Andersen, Keystone
Foto: © Odd Andersen, Keystone

«Auch der Schulweg bildet.» Das verspricht etwa die Webseite schulweg-bildet.ch. Kinder, die ihren Schulweg alleine oder mit ihren Peers zurücklegen, lernen Selbstverantwortung zu übernehmen, sich im Strassenverkehr selbständig zu bewegen und können sich «ungestört mit Gleichaltrigen austauschen», wie es auf
der Seite heisst. Wer möchte da widersprechen. Nicht überall auf der Welt stellt der Verkehr aber die grösste Gefahr dar. Das Bild mit den drei Buben zeigt, wie ein Schulweg in einem Kriegsgebiet aussehen kann. Das schöne Wetter und die Gelassenheit, mit der sich die Jungen auf dem Heimweg bewegen oder pausieren, kontrastieren scharf mit dem Trümmerfeld, das sie durchqueren. Was lernen diese Kinder wohl auf ihrem Schulweg?

Der Fotograf Odd Andersen hat das Bild am 10. Dezember 2001 aufgenommen. Sechs Tage zuvor wurden hier bei einem Luftangriff ein Polizist getötet, mehrere Schulkinder verletzt und dutzende Gräber zerstört, wie es in der Legende zum Foto bei Keystone heisst. Dass das Bild in Gaza aufgenommen wurde und dass die Gebäude und der angrenzende Friedhof von israelischen Kampfjets zerstört worden sind, spielt in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle. Die Liste von Kriegsgebieten ist derzeit so lange, dass die drei Buben stellvertretend für zahllose Kinder verschiedener nationaler oder ethnischer Gruppen stehen, die täglich massiven Bedrohungen ausgesetzt sind.

(Fotografisches Fundstück von Thomas Hermann aus der Zeitschrift «Akzente» 2 (2015): S. 42.)

Wo Lehrpersonen im Kanton Zürich ausgebildet wurden

Im hep Bildschirmfoto 2015-07-14 um 07.46.10verlag ist der von Andreas Hoffmann-Ocon herausgegebene Band «Orte der Lehrerinnen- und Lehrerbildung» erschienen. Es ist eine Geschichte der Zürcher Lehrer/innenbildung entlang ihrer Ausbildungsstätten bis hin zum aktuellen Campus. Die Publikation basiert auf der gleichnamigen Ausstellung, die vom Zentrum für Schulgeschichte zur Campus-Eröffnung 2012 durchgeführt worden ist.  Ein Beitrag im Buch wirft einen Blick in die Schweizer Lehrerzeitung der 1950er-Jahre, wo Sarah Schlachetzki und ich fragen, welche Motive besonders häufig fotografisch gezeigt werden und was wir daraus über die damalige Zeit lernen können.

Hier gibt’s das Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe als pdf-Datei:  ortderlehrerbildung

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 2/15

Akzente_2015-2_Blog_coverSeit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 2/2015 von «Akzente» zum Thema «Heterogenität – Umgang mit Vielfalt im Schulalltag» wundert sich Gabriel M. Sánchez auf Seite‎ 27 über ominöse ‹unisichtbare Hände›, die den Markt regulieren.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Gabriel M. Sánchez: «The Invisible Hand» (und als PDF hier).

Produktives Aufschieben

Voller Esprit und Selbstironie nimmt sich der amerikanische Philosoph John Perry in The Art of Procrastination (dt. Einfach liegen lassen) einer Schwäche an, die den meisten nur zu gut vertraut ist. Statt der Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben, wenden wir uns lustvoll etwas anderem zu. Wir verplempern kostbare Zeit im Internet, starten ein neues Projekt oder widmen uns hingebungsvoll einer Mail-Anfrage, deren Beantwortung weder eilt noch in dieser Ausführlichkeit gerechtfertigt ist.Procrastination Workshop postponedWie Perry in seinem erfrischenden Plädoyer zeigt, hat das keineswegs mit Faulheit, Willensschwäche oder mangelnder Disziplin zu tun. Viele der strukturierten Aufschieber, wie er sie nennt, sind sogar ausgesprochen tüchtig und produktiv. Sie arbeiten einfach lieber an Dingen, die nicht zuoberst auf der Prioritätenliste stehen – zumindest so lange, bis etwas Unwichtigeres dazwischenkommt oder der Abgabedruck einer anstehenden Arbeit unerträglich wird. Das hat auch Vorteile, denn was wir liegen lassen, erledigt sich zuweilen von selbst.

Kurzrezension aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 2 (2015): S. 38.

Einfach liegen lassen von John Perry
John Perry
Einfach liegen lassen: Das Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun.
München: Goldmann, 2015. 125 Seiten.

 

arte-Beitrag über John Perry und «The Art of Procrastination» unter tracks.arte.tv/de/art-procrastination

Die Siegertexte vom Schreibwettbewerb «Warteschleife» 2015

Die GewinnerInnen und Gewinner des diesjährigen Schreibwettbewerbs der PH Zürich, der KME Zürich, der EB Zürich und des Careum Bildungszentrum Zürich wurden am 26. Mai 2015 anlässlich der Preisverleihung geehrt. Die Siegertexte der beiden Kategorien GLORY und HOPE inklusive Laudationes der Jurorinnen und Juroren gibt es hier zum Download:

Kageorie GLORY Siegertexte mit Lautadtiones
1. Jörg Roos                        2. Iris Stucki                       3. Katrin Furler
1.GLORY_Jörg Roos2.GLORY_Iris Stucki3.Glory_Ruth_Furler

 

 

 

 

Kategorie HOPE Siegertexte mit Lautadtiones
1. Helen Kaufmann             2. Soraja Sonderegger      3. Ruth Loosli       
                                              -Hüsenjow        
1.HOPE_Helen Kaufmann2.HOPE_Soraja Sonderegger-HüsejnowRuth Loosli

Wir gratulieren allen Preisträgerinnen und Preisträgern ganz herzlich!

 

Trittsteine zum effizienten Schreiben

mayer_300_Tipps_coverAlle paar Wochen – so fühlt es sich an – erscheint ein neuer Ratgeber zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium. Die durchwegs gut gemeinten Handreichungen beschäftigen sich mit der Vorbereitung und Strukturierung schriftlicher Arbeiten, der Literaturrecherche, dem Ausformulieren des Textes und der gewissenhaften Überarbeitung und Schlussredaktion. Angereichert wird das Ganze mit allerlei Tipps zur Zeitplanung, für die Layout-Gestaltung, das Zitieren oder den kreativen Umgang mit Schreibblockaden. Weil beim Verfassen einer grösseren Arbeit einiges an Anforderungen und Ansprüchen zusammenkommt, fühlen sich nicht alle Studierende dem wissenschaftlichen Schreiben gewachsen. Da tut Hilfe not.
Philipp Mayer fügt den zahlreichen Leitfäden und Handreichungen kein weiteres Manual hinzu. Vielmehr fasst er das Wichtigste noch einmal zusammen und reiht seine 300 Tipps wie Kalendersprüche auf. Die kurzweiligen Merkpunkte und Gebote bringen vieles auf den Punkt, was es für Novizen wie Schreiberfahrene zu beherzigen und immer wieder zu üben gilt. Jedes der elf Kapitel schliesst zudem mit Lektüre-Empfehlungen zur weiteren Vertiefung.
Die Anregungen sind zwar thematisch gruppiert, aber ein Schlagwortregister wäre für den schnellen Zugriff dennoch von Nutzen. Ausserdem handelt es sich bei manch einem Tipp um eine Plattitüde, die im Schreiballtag nicht ohne Weiteres umzusetzen ist. «Lassen Sie Ihre Texte wachsen so wie Perlen wachsen», heisst es da fast poetisch. «Ergänzen Sie bei jeder Sitzung eine weitere Schicht.» – Schön und gut, aber wie das funktioniert, lässt sich nur durch kontinuierliche Praxis und Geduld entdecken.

Philipp Mayer
300 Tipps fürs wissenschaftliche Schreiben.
UTB 4311. Paderborn: Schöningh, 2015. 138 Seiten.