Lehrer Bichsel

Foto: Pia Zanetti.
Foto: Pia Zanetti.

Ein   halbes   Jahrhundert ist   vergangen, seit Pia Zanetti den jungen Lehrer und Schriftsteller Peter Bichsel für die Zeitschrift Woche fotografiert hat. Die Fotografin erinnert sich gut an die Stimmung im Klassenzimmer. Entspannt, kreativ und humorvoll sei es zu- und hergegangen. Im Deutschunterricht wurden schräge, aber syntaktisch korrekte Sätze konstruiert. «Der Lehrer erklärt dem Schüler ungeduldig die Rechnungen» – dieser Satz, der an der Tafel zu lesen ist, sei im Unterricht mehrfach um- und ausgebaut worden. Mit seinen 1964 erschienenen Geschichten Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen ist Bichsel bekannt geworden. Für seine Schülerinnen und Schüler blieb er der Herr Lehrer, aber sie waren stolz darauf, dass er in der Zeitung kam. Ein Mädchen habe während der Stunde einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche gezogen und gesagt: «Herr Lehrer, ich häng Sie übers Bett.» Was für ein schöner Satz! Pia Zanetti wird ihn nie vergessen. Er diente denn auch als Titel für den Beitrag über Bichsel in der Nr. 50 der Woche von 1965. Auf unserem Foto, das nicht in der Illustrierten abgedruckt wurde, ist Bichsel sitzend aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler zu sehen. Wirkt er nicht etwas entrückt? Gibt es nicht eine unsichtbare Linie zwischen ihm und der Klas- se? Sehen wir im stillen und starken Foto des beliebten Jung- lehrers nicht den einsamen Melancholiker und Schriftsteller Peter Bichsel?

(Fotografisches Fundstück von Thomas Hermann aus der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 38.)

Q&A Zitieren #2: «Wer hat’s erfunden?»

In einem Lexikon, auf einer Webseite oder in einem Zeitschriftenartikel stossen Sie auf das Zitat eines Schriftstellers, einer Politikerin oder Philosophin. Wie müssen Sie vorgehen, wenn Sie die Textstelle in Ihre Arbeit übernehmen möchten? Reicht da die Angabe des Lexikons, der Internetseite oder ein Hinweis auf den Sternstunde-Moderator? – Wo denken Sie hin!

Q&A Zitieren #2: «Wer hat’s erfunden?» weiterlesen

Kultur der Peinlichkeit

Greiner: SchamverlustGreiner klagt in seiner Darstellung unserer Gefühlskultur nicht über Werteverlust. Er beschreibt einen Wandel. Zwar titelt Greiner mit dem Begriff «Schamverlust», doch er antwortet im Untertitel sogleich auf die Verlustvermutung oder die Zerfallsklage: Wandel steht im Fokus. Scham, ein erst in den letzten Jahren in der Psychologie differenzierter Affekt, unterliegt einem Wandel. Der Autor konkretisiert seine, wie er sie selber nennt, «vorläufigen Bestimmungen» mit Rückgriff auf Philosophen und illustriert an Literatur: Hebbel, Kierkegaard, Sartre, Goffmann, Dostojewski, Thomas Mann, Elias, Sennett, Bourdieu, Hans Peter Duerr. Die zentrale These: An die Stelle der alten Schuldkultur und der noch älteren Schamkultur sei eine Kultur der Peinlichkeit getreten. Angst vor Peinlichkeit bewege Menschen etwa dazu, Kleidertrends mittragen oder Schön­heits­idealen um jeden inneren und äusseren Preis entsprechen zu wollen.

Kurzrezension von Monique Honegger aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 35. – Das PDF gibt es hier.

Ulrich Greiner
Schamverlust: Vom Wandel der Gefühlskultur.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2014. 349 Seiten.

Q&A Zitieren #1: Gehört das alles ins Literaturverzeichnis?

So viel vorweg: In Ihrer Arbeit können Sie alles zitieren: Ihre Grossmutter, den Wetterbericht, die Packungsbeilage einer Tiefkühlpizza oder den Refrain eines Songs, der am Radio rauf und runter gespielt wird. … Aber gehört das alles ins Literaturverzeichnis? — Nein, natürlich nicht.
Das Literaturverzeichnis führt in erster Linie jene Fachartikel und Bücher auf, die Sie als Grundlage für Ihre Arbeit verwendet und aus denen Sie im Text zitiert haben. Da kann durchaus eine Radioreportage, eine Fernsehsendung oder eine DVD mit dabei sein. Falls es aber schwierig wird, den Urheber eines Wort- oder Bildzitats, den Betreiber einer Website oder den Erfinder eines Gedankens ausfindig zu machen, handelt es sich wahrscheinlich nicht um eine brauchbare Quelle.

Q&A Zitieren #1: Gehört das alles ins Literaturverzeichnis? weiterlesen

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 1/2015

Akzente 1/2015Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 1/2015 von «Akzente» zum Thema «Übergänge» berichtet Amanda Wong auf Seite‎ 25 von abenteuerlichen Ausflügen ins Brocki-Land.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Amanda Wong: «Von Brockenhaus zu Micky Maus» (und als PDF hier).

Situation Room

Das politische bildMüsste man Barack Obamas Amtszeit auf ein einziges Foto reduzieren, hätte das Gruppenbild, das Pete Souza von der US-Führungscrew während des Schlags gegen Osama Bin Laden gemacht hat, gute Chancen zur Kür. Vier Annäherungen aus verschiedenen Disziplinen sind im vorliegenden Band vereint. Günter Haller diskutiert das Foto vor dem Hintergrund politischer Bildstrategien und stellt die Protagonisten vor. Ulrike Pilarczyk situiert das Bild methodisch stringent im Kontext des gesamten Photostreams zum Ereignis vom 1. Mai 2011 und deckt ein «unheilvolles Spiel mit scheinbarer Transparenz» auf. Aus psychologischer Sicht beschäftigt sich Aglaja Przyborski mit dem bildlichen Habitus von Macht, während Martin Schuster eher grundlegende bildliche Eigenschaften wie Mehrdeutigkeit oder kulturelle Codes durchdekliniert. – Ein tolles Buch über ein Bild, das Geschichte(n) schreibt. – Kurzrezension von Thomas Hermann aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Aglaja Przyborski und Günther Haller, Hrsg.
Das politische Bild. Situation Room: Ein Foto – vier Analysen.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 168 Seiten.

Autorschaft: Vom Genie zu Copy-and-paste?

Autorinnen und Autoren saugen sich nicht alles aus den Fingern. Sie stützen sich auf Vorarbeiten von anderen, beziehen sich auf existierende Texte und schreiben auch mal wörtlich ab. Was sagt uns der Blick hinter Zitierregeln und Plagiatsvorwürfe über den Begriff der Autorschaft?, fragt Aurel Jörg in seinem Radiobeitrag «Autorschaft: Vom Genie zu Copy-and-paste?» in der Sendung Reflexe auf Radio SRF 2.
Im Gespräch: Philipp Theisohn, Professor am Deutschen Seminar der Universität Zürich, der  immer wieder als Sachverständiger zu Wort kommt, wenn es um Plagiate und literarisches Eigentum geht.

Asoziale Netzwerke?

Disconnect_012-1_webZwei Jugendliche geben sich im Chat als freizügiges Girl aus und setzen damit leichtfertig das Leben eines Mitschülers aufs Spiel. Ein Ehepaar spricht seit dem Tod seines Babys kaum noch miteinander. Sie sucht in einem Selbsthilfeforum Trost, er lenkt sich online mit Pokerspielen ab. Eine engagierte TV-Reporterin möchte einem Cam-Boy helfen, scheint ihn aber ebenso für ihre Zwecke zu missbrauchen wie der Betreiber der Porno-Website. In seinem Spielfilm Disconnect verwebt Regisseur Henry-Alex Rubin persönliche Schicksale und Parallelgeschichten zu einem Sittenbild der digitalisierten Gesellschaft – und er zeigt, dass «Soziale Medien» unser Zusammenleben nicht einfacher machen.
Asoziale Netzwerke? weiterlesen

Glaube, Liebe und Gesetz

McEwan KindeswohlKindeswohl ist ein Gerichtsdrama in Romanform: In fünf Kapiteln entfaltet sich die Handlung nachgerade lehrbuchmässig entlang der «Technik des Dramas». In der Exposition lernen wir die Heldin Fiona Maye und ihren Gatten Jack an einem Sonntagabend zu Hause kennen. Ein ehelicher Eklat macht den Auftakt, daneben erfahren wir viel über Fionas Alltag als Richterin am High Court, wo sie täglich diffizile Entscheidungen in Familienrechtsfragen fällt. Ein Anruf ihres Sekretärs kündigt den Fall an, um den es im Buch vor allem gehen wird: Ein Spital verlangt ein Eilverfahren und einen richterlichen Entscheid, damit ein 17-jähriger Leukämiepatient mittels Bluttransfusion behandelt werden darf. Die Eltern sowie der Jugendliche sind Zeugen Jehovas und lehnen die Behandlung aus religiöser Überzeugung ab.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 13. Jan. 2015, S. 41.

Ian McEwan
Kindeswohl
.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Zürich: Diogenes, 2015. 224 Seiten.

Diogenes-Hörbuch, 5 CDs, 6 Std. 17 Min. Gelesen von Eva Mattes.
Hörprobe:

 

Reflexion im Portfolio

bräuer_Portfolio als Reflexionsmedium_coverDie Begriffe ‹Reflexion› und ‹Portfolio› lösen nicht nur positive Reaktion aus – sowohl bei Studierenden als auch bei Dozierenden. Indem angehende Lehrpersonen Praxis und Theorie verknüpfen, sollen sie zu lebenslangem Lernen angeregt werden. Auch Schreibpädagoge Gerd Bräuer geht von dieser Idealvorstellung aus und skizziert in seinem Vademecum schreibdidaktische Szenarien zu einer reflexiven Praxis. Er differenziert hierarchische Ebenen der Reflexion, welche die Studierenden auf ihrem Weg durchlaufen. In der wiederkehrenden Rubrik «Ideen für Ihre Lehre» gibt Bräuer praxiserprobte Vorschläge, wie Reflexionen in Lehrveranstaltungen eingesetzt und weiterentwickelt werden. Grossen Wert legt der Autor darauf, E-Portfolios anzupreisen. Diese schaffen seiner Meinung nach einen Mehrwert, indem sie unterschiedliche Dokumenttypen vereinen und neue Zusammenhänge erschliessen lassen. – Kurzrezension von Yves Furer aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Gerd Bräuer
Das Portfolio als Reflexionsmedium für Lehrende und Studierende.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 128 Seiten.