Embedded Fiction

Phil Klay: Wir erschossen auch HundeWenn ein Autor seinen ersten Geschichtenband mit einem Dank an die lieben Tanten «Aunt Mimi, Aunt Pixi» und an die von der Familie «schwer vermisste Aunt Boo» beschliesst und dazu noch der Schreibwerkstatt für Kriegsveteranen seine Reverenz erweist, erwartet man vom betreffenden Opus eher Verarbeitungsprosa der simpleren Art, womöglich im Selbstverlag erschienen. Genau das trifft auf Phil Klays Erzählungen über den Irak-Krieg nicht zu.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 28. März 2015, S. 64.

Phil Klay
Wir erschossen auch Hunde.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer.
Berlin: Suhrkamp-Verlag,  2014. 301 Seiten.

«Der Wilde Hossten»

Buchcover

Endlich ist der neue Jamic da! Jamic, der im bürgerlichen Leben Johannes Stauffer heisst, sich selber aber James Stoicovic nennt und damit auf seine angeblich bosnischen Wurzeln anspielt, nimmt uns mit auf den Balkan, den «Wilden Hossten».

Damit wären wir auch gleich beim typischen Jamic-Stil, der Verschmelzung und Verballhornung: sei es terminologisch wie im Falle von Bonanzas Hoss und Osten, eben zu Hossten, oder inhaltlich, wenn er in Kusturica-Manier eine Gipsy-Brass-Band auf Winnetou und Old Shatterhand treffen lässt.

In seinen früheren Werken hat er zum Beispiel E. T. auf der Titanic auftreten lassen: E. T. funkt nach Hause, was auf dem Schiff für eine bizarre Hoffnungseuphorie sorgt. Oder er lässt den 1. Weltkrieg durch eine Pestwelle zu Ende bringen. In einem seiner raren Interviews verrät er uns den Grund seines Verschmelzungs-Faibles. Als Kind sei er vom Film-Monster King Kong versus Godzilla so fasziniert war, dass er ihn mindestens 1000 Mal gesehen habe, 250 davon rückwärts und bis heute künstlerisch nicht davon losgekommen.

Mit Der Wilde Hossten gelingt ihm wieder eine Genre-Verschmelzung. Dabei steht dem Buch das surrealistische Moment gut an. Zum Beispiel, wenn Winnetou mit seinem zur Querflöte umgeschnitzten Tomahawk gegen die Brass-Wand von Brogevic andudelt und das Ganze schliesslich in einem infernalen Gegurke endet. Dem Dada setzt dann Sam Hawkens die Krone auf, wenn er mit den Apachen zusammen aus seiner Perücke einen Putzlappen für die Tuba flechtet.

Ein weiteres typisches Jamic-Stilmittel, die Behauptung, mit denen er frühere Geschichten ordentlich gesalzen hat, ist in diesem Buch doch eher zu viel des Guten. So hätte er eigentlich einfach sagen können, Winnetou und Konsorten seien aus einem Karl-May-Film in Kroatien entronnen. Punkt. Stattdessen lässt er Brogevic behaupten, die Indianer stammten ursprünglich aus Kroatien und seien von den Wikingern nach Amerika verschleppt worden, ausser eben Winnetou und seine Apachen. Das überzeugt wenig, und originell ist es auch nicht.

Dazu kommen Jamics hanebüchene historischen Verdrehungen und plumpen Bezüge, mit denen er das Balkangulasch endgültig versalzt: «Brogevic»  ist natürlich eine Anspielung auf Goran Bregovic, damit es auch der Hinterste und Letzte versteht. Muss das sein?! Oder maue Wortkapriolen, wenn er Brogevic immer wieder zu Winnetou sagen lässt: «Winne, tu’ dies, Winne, tu’ das.» Macht nicht wirklich Freude!

Gegen Ende ist dann alles historisch verschwirbelt und die Geschichte derart verstrickt – Old Shatterhand ist nun auf einmal kein Mensch mehr, sondern ein Mechanoid aus Hoxas Albanien, der von den Jelzin persönlich gesteuert wird – dass es nicht mehr zum Dabeisein ist.

Was anfänglich ein heiteres Balkan-Beaten und wildes Hossten war, wird jetzt zum Balkenbiegen in dicker Sosse. Jamic wäre gute beraten gewesen, hätte er nach der Hälfte Schluss gemacht. Die Figuren entgleiten ihm und alles mündet in einer grotesken, wüsten und letztlich auch unmotivierten Publikums- und Autorenbeschimpfung.

Trotzdem, ein Lesegenuss ist der neue Jamic allenthalben, sofern sich die Leser*innen an den guten alten Diätgrundsatz halten: FdH (Friss die Hälfte).

Jamic
Der Wilde Hossten.
Krönlitz: Mandalassie-Verlag, 2015.
1543 Seiten.

Q&A Zitieren #3: Wie genau ist genau?

Abschreiben ist ausdrücklich erlaubt – sogar erwünscht. Sie können sich ja in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht alles aus den Fingern saugen. Nur dürfen Sie halt Anführungszeichen und Quellenangabe nicht unterschlagen. Aber damit nicht genug. Die Formel mit den «drei E» verlangt nämlich, dass Sie Zitate in Ihrer Arbeit nicht nur eindeutig und einheiltlich kennzeichnen, sondern den Originaltext möglichst exakt wiedergeben. Das betrifft zum einen die genaue Formulierung und Schreibweise, zum anderen die Bedeutung. Wenn Sie in einem zitierten Satz ein «nicht» weglassen und den Sinn  ins Gegenteil verwandeln, nützen auch die eckigen Klammern nichts. Das Gleiche gilt, wenn Sie den Kontext so beschneiden, dass die Aussage in einem anderen Licht erscheint.

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ArtOrt Hörspiel / Das weisse Lauschen

Sendungshinweis: Mittwoch, 25.3.2015, 20.00 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle
von Gerhard Meister

Wo steckt die Seele? Wo hockt das Ich? Zwischen den Ohren! Das findet der Autor Gerhard Meister. Und lädt nun ein: Setzen Sie die Kopfhörer auf, und erleben Sie ein lustvolles Experiment. Denn: Was Hirnforschung kann, kann das Hörspiel schon lang.

1 Milliarde Euro investiert ein EU-Förderprogramm in das «Human Brain Project»: Damit soll an der ETH Lausanne das menschliche Hirn nachgebaut werden — digital und voll funktions-fähig. Zehn Jahre lang wird geforscht. Der Hörspielautor Gerhard Meister hingegen braucht keine Stunde, um das Ich im Hirn zu suchen. Ein akustisches Experiment, das Fragen stellt, den Hirnlappen kitzelt und unterhält.

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle ist Gerhard Meisters drittes Hörspiel, das er im Auftrag von Radio SRF geschrieben hat. Hatte er im Hörspiel Naturkunde für Altweltaffen mit der Evolutionstheorie Darwins auseinandergesetzt, so sind es jetzt die Gehirnforschung und die Frage nach dem Bewusstsein, die zum Thema werden. Wie produziert das Gehirn Bewusstsein und wozu? Ist Bewusstsein etwas, das nur in Gehirnen entsteht oder tritt es vielleicht auch anderswo auf? Sagt uns die Beschäftigung mit dem Gehirn etwas darüber, wer wir sind? Und warum haben die alten Ägypter beim Mumifizieren ausgerechnet das Gehirn als einziges Organ einfach weggeworfen? In diesem Hörspiel versucht das Gehirn sich selber auf die Spur zu kommen und begibt sich damit auf einen Trip, auf dem sich die Wirklichkeit Stück für Stück immer weiter auflöst.

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle.
Regie: Erik Altorfer. Musik: Martin Schütz. Technik: Franz Baumann. Regieassistenz: Myriam Zdini. Produktion: SRF 2015. Dauer: 54 Min.‘
Mit Mareike Hein (Die narzisstisch Gekränkte), Sebastian Rudolph (Der Neuromane), Stefan Kurt, Anne Ratte-Polle, Katja Reinke, Siggi Schwientek und Jirka Zett als Radiostimmen.

Lehrer Bichsel

Foto: Pia Zanetti.
Foto: Pia Zanetti.

Ein   halbes   Jahrhundert ist   vergangen, seit Pia Zanetti den jungen Lehrer und Schriftsteller Peter Bichsel für die Zeitschrift Woche fotografiert hat. Die Fotografin erinnert sich gut an die Stimmung im Klassenzimmer. Entspannt, kreativ und humorvoll sei es zu- und hergegangen. Im Deutschunterricht wurden schräge, aber syntaktisch korrekte Sätze konstruiert. «Der Lehrer erklärt dem Schüler ungeduldig die Rechnungen» – dieser Satz, der an der Tafel zu lesen ist, sei im Unterricht mehrfach um- und ausgebaut worden. Mit seinen 1964 erschienenen Geschichten Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen ist Bichsel bekannt geworden. Für seine Schülerinnen und Schüler blieb er der Herr Lehrer, aber sie waren stolz darauf, dass er in der Zeitung kam. Ein Mädchen habe während der Stunde einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche gezogen und gesagt: «Herr Lehrer, ich häng Sie übers Bett.» Was für ein schöner Satz! Pia Zanetti wird ihn nie vergessen. Er diente denn auch als Titel für den Beitrag über Bichsel in der Nr. 50 der Woche von 1965. Auf unserem Foto, das nicht in der Illustrierten abgedruckt wurde, ist Bichsel sitzend aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler zu sehen. Wirkt er nicht etwas entrückt? Gibt es nicht eine unsichtbare Linie zwischen ihm und der Klas- se? Sehen wir im stillen und starken Foto des beliebten Jung- lehrers nicht den einsamen Melancholiker und Schriftsteller Peter Bichsel?

(Fotografisches Fundstück von Thomas Hermann aus der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 38.)

Q&A Zitieren #2: «Wer hat’s erfunden?»

In einem Lexikon, auf einer Webseite oder in einem Zeitschriftenartikel stossen Sie auf das Zitat eines Schriftstellers, einer Politikerin oder Philosophin. Wie müssen Sie vorgehen, wenn Sie die Textstelle in Ihre Arbeit übernehmen möchten? Reicht da die Angabe des Lexikons, der Internetseite oder ein Hinweis auf den Sternstunde-Moderator? – Wo denken Sie hin!

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Kultur der Peinlichkeit

Greiner: SchamverlustGreiner klagt in seiner Darstellung unserer Gefühlskultur nicht über Werteverlust. Er beschreibt einen Wandel. Zwar titelt Greiner mit dem Begriff «Schamverlust», doch er antwortet im Untertitel sogleich auf die Verlustvermutung oder die Zerfallsklage: Wandel steht im Fokus. Scham, ein erst in den letzten Jahren in der Psychologie differenzierter Affekt, unterliegt einem Wandel. Der Autor konkretisiert seine, wie er sie selber nennt, «vorläufigen Bestimmungen» mit Rückgriff auf Philosophen und illustriert an Literatur: Hebbel, Kierkegaard, Sartre, Goffmann, Dostojewski, Thomas Mann, Elias, Sennett, Bourdieu, Hans Peter Duerr. Die zentrale These: An die Stelle der alten Schuldkultur und der noch älteren Schamkultur sei eine Kultur der Peinlichkeit getreten. Angst vor Peinlichkeit bewege Menschen etwa dazu, Kleidertrends mittragen oder Schön­heits­idealen um jeden inneren und äusseren Preis entsprechen zu wollen.

Kurzrezension von Monique Honegger aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 35. – Das PDF gibt es hier.

Ulrich Greiner
Schamverlust: Vom Wandel der Gefühlskultur.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2014. 349 Seiten.

Q&A Zitieren #1: Gehört das alles ins Literaturverzeichnis?

So viel vorweg: In Ihrer Arbeit können Sie alles zitieren: Ihre Grossmutter, den Wetterbericht, die Packungsbeilage einer Tiefkühlpizza oder den Refrain eines Songs, der am Radio rauf und runter gespielt wird. … Aber gehört das alles ins Literaturverzeichnis? — Nein, natürlich nicht.
Das Literaturverzeichnis führt in erster Linie jene Fachartikel und Bücher auf, die Sie als Grundlage für Ihre Arbeit verwendet und aus denen Sie im Text zitiert haben. Da kann durchaus eine Radioreportage, eine Fernsehsendung oder eine DVD mit dabei sein. Falls es aber schwierig wird, den Urheber eines Wort- oder Bildzitats, den Betreiber einer Website oder den Erfinder eines Gedankens ausfindig zu machen, handelt es sich wahrscheinlich nicht um eine brauchbare Quelle.

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Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 1/2015

Akzente 1/2015Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 1/2015 von «Akzente» zum Thema «Übergänge» berichtet Amanda Wong auf Seite‎ 25 von abenteuerlichen Ausflügen ins Brocki-Land.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Amanda Wong: «Von Brockenhaus zu Micky Maus» (und als PDF hier).

Situation Room

Das politische bildMüsste man Barack Obamas Amtszeit auf ein einziges Foto reduzieren, hätte das Gruppenbild, das Pete Souza von der US-Führungscrew während des Schlags gegen Osama Bin Laden gemacht hat, gute Chancen zur Kür. Vier Annäherungen aus verschiedenen Disziplinen sind im vorliegenden Band vereint. Günter Haller diskutiert das Foto vor dem Hintergrund politischer Bildstrategien und stellt die Protagonisten vor. Ulrike Pilarczyk situiert das Bild methodisch stringent im Kontext des gesamten Photostreams zum Ereignis vom 1. Mai 2011 und deckt ein «unheilvolles Spiel mit scheinbarer Transparenz» auf. Aus psychologischer Sicht beschäftigt sich Aglaja Przyborski mit dem bildlichen Habitus von Macht, während Martin Schuster eher grundlegende bildliche Eigenschaften wie Mehrdeutigkeit oder kulturelle Codes durchdekliniert. – Ein tolles Buch über ein Bild, das Geschichte(n) schreibt. – Kurzrezension von Thomas Hermann aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Aglaja Przyborski und Günther Haller, Hrsg.
Das politische Bild. Situation Room: Ein Foto – vier Analysen.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 168 Seiten.