Q&A Zitieren #3: Wie genau ist genau?

Abschreiben ist ausdrücklich erlaubt – sogar erwünscht. Sie können sich ja in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht alles aus den Fingern saugen. Nur dürfen Sie halt Anführungszeichen und Quellenangabe nicht unterschlagen. Aber damit nicht genug. Die Formel mit den «drei E» verlangt nämlich, dass Sie Zitate in Ihrer Arbeit nicht nur eindeutig und einheiltlich kennzeichnen, sondern den Originaltext möglichst exakt wiedergeben. Das betrifft zum einen die genaue Formulierung und Schreibweise, zum anderen die Bedeutung. Wenn Sie in einem zitierten Satz ein «nicht» weglassen und den Sinn  ins Gegenteil verwandeln, nützen auch die eckigen Klammern nichts. Das Gleiche gilt, wenn Sie den Kontext so beschneiden, dass die Aussage in einem anderen Licht erscheint.

Damit bekam sogar die satirische Heute-Show Probleme. In einem Interviewausschnitt erlärte eine junge Politikerin der Linken, weshalb Sie nun rechts wähle (Sendung vom 6.2.2015). Dafür haben sich ZDF und Moderator Olli Welke dann entschuldigt. Was war passiert? – Die Worte von Marlena Schiewer wurden im Clip zwar exakt wiedergegeben, aber die entscheidende Einleitung hatte man kurzerhand weggeschnitten: «Hier auf dem Dorf gibt’s ziemlich viele Leute, die rechter Meinung sind und die einfach sagen …» – Die Politikerin hatte also gar nicht für sich selbst gesprochen, sondern eine landläufige Haltung zitiert.
So wundert man sich gelegentlich bei Superlativen und Lobesbezeugungen auf Buchumschlägen und Filmplakaten. Waren die zitierten Besprechungen wirklich so euphorisch? Auf dem Buchdeckel steht in fetter Schrift «Fazinierend!» … aber in der Originalrezension hiess es vielleicht: «Ein sülziger und abgrundtief langweiliger Roman, einzig die sprechenden Kühe sind auf verquere Weise faszinierend!»
Auch der Protagonist in Cory Doctorows Jugendroman Pirate Cinema macht sich über diese Praxis lustig, als er sich an eine miserable, aber kommerziell erfolgreiche Comicverfilmung erinnert:

Die Kritiker hassten den Film. Die Rezensionen waren einmütig so verheerend, dass die Pressezitate auf den Plakaten zu einzelnen Wörtern verkürzt wurden, etwa:
«Action» – The New York Times
«Schnell» – » The Guardian
«Abenteuer» – The Globe and Mail
Natürlich lauteten die Zitate ungekürzt eher: «Viel zu viel Action, zu wenig Hirn», «Szenen, die schnell an einem vorbeirauschen und einen dabei völlig kalt lassen» oder «Wie man aus einer der meistgeliebten historischen Abenteuergeschichten einen weiteren trivialen Blockbuster macht.»

P.S. Wie wär’s mit einer kleinen Recherche-Übung? Nehmen Sie ein fettes Lob vom Klappentext eines Buches, das Sie gelangweilt hat, und suchen Sie die Quelle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.