FAQ – Evergreens aus der Schreibberatung – #21

FAQHäufig gestellte Frage: «Ist meine Arbeit gut so?»

Unsere Antwort:
Wir unterstützen dich gerne in deinem Schreibprozess auf dem Weg zu besseren Texten. Wir zeigen exemplarisch auf, wo Stärken deines Textes sind und was verbessert werden kann. Was du dann davon umsetzt, entscheidest du und ist nicht zuletzt davon abhängig, welche Ansprüche du hast und wie viel Zeit du einsetzen möchtest. Wenn du deinen Aufwand minimieren willst, ist das genauso legitim, wie wenn du eine vertiefte Auseinandersetzung mit einem Thema suchst. Wichtig ist, dass du die Vorgaben der betreuenden Fachperson kennst und um die Stärken und Schwächen deines Textes weißt. So kannst du letztlich selbst entscheiden, ob dein Text gut ist.

Schulkultur

IMG_24302-620x413

Wir sehen den Eingangsbereich einer Primarschule. Alexander Schiess, Student an der PH Zürich, hat das Foto aufgenommen. Es ist Teil einer Fotodokumentation, die er für seine Vertiefungsarbeit zum Thema «Visuelle Schulkulturen: Sichtbare Ausprägung von Werten und Normen an der Schule» gemacht hat. Ausgehend von einem Verständnis von Schulkultur als Zusammenspiel von nicht beobachtbaren Grundhaltungen, von gemeinsamen Leitideen und von beobachtbarem Verhalten untersucht Schiess die Innen- und Aussenräume sowie die Schulwebsite nach sichtbaren Manifestationen von Schulkultur. Viele Details auf diesem Foto lassen Rückschlüsse auf gelebte oder an- gestrebte Werte und Normen zu.

Die in farbigen Lettern formulierte Aufforderung zur Freundlichkeit wird untermalt durch Zeichnungen zum «Grüssen». Miteinander Kontakt aufnehmen ist wichtig für eine Kultur gegenseitiger Wahrnehmung. Die Glastür vom Entree ins Treppenhaus signalisiert Offenheit und Transparenz. Wir fühlen uns willkommen. Die drei Steinskulpturen sind Arbeiten von Schülerinnen und Schülern, wohl das Resultat einer Projektwoche. Wie bei den Zeichnungen rechts an der Wand zeugen sie von der Mitwirkung der Kinder bei der Gestaltung der Innenräume. Die Vogelsilhouette deutet auf einen achtsamen Umgang mit der Natur hin, und die Pet-Sammelbox ist Ausdruck eines ökologischen Bewusstseins. Ob diese Zeichen als Indizien für gelebtes Verhalten im Schulhaus gedeutet werden können, ist eine andere Frage – aber als Absichtserklärungen sind sie ernst zu nehmen.

(Fotografisches Fundstück von Thomas Hermann aus der Zeitschrift «Akzente» 3 (2015): S. 38.)

FAQ – Evergreens aus der Schreibberatung – #20

FAQHäufig gestellte Frage:  «Da ich noch nie eine wissenschaftliche Arbeit verfasst habe, hat mich meine Betreuerin mit dem Theorieteil meiner Vertiefungsarbeit zu Ihnen geschickt, um ein Feedback einzuholen. Ist das ok?»

Unsere Antwort: Klar, deine Vertiefungsarbeit so wie auch andere Arbeiten (schriftliche Leistungsnachweise, Portfolio, Masterarbeiten etc.) coachen wir gern – vorausgesetzt du bist Member. Allerdings: Das Schreibzentrum hat rein beratende Funktion: Wir begleiten deinen persönlichen Schreibprozess und unterstützen dich beim Planen, Schreiben und Überarbeiten deines Textes. Die inhaltliche Betreuung und Beurteilung liegt bei der zuständigen Fachperson (also den Dozierenden, Mentorinnen und Mentoren etc.). Welchen Kriterien deine wissenschaftliche Arbeit zu genügen hat, muss deine Betreuerin vorgeben. Diese Vorgaben – sprich der Kriterienkatalog – müssen bekannt sein. Ist das nicht der Fall, darfst du sie einfordern. Wenn eine Vorgabe nicht ganz klar ist, kannst du auch selber Vorschläge machen und damit proaktiv werden.
Übrigens: Du entscheidest selber (und nicht deine Betreuerin), ob du unsere Dienstleistungen (Coaching, Workshops) in Anspruch nehmen willst. Unsere Angebote sind völlig freiwillig und unverbindlich.

Neue Pfade im alten Dickicht

Deadline_Constantin_SeibtGewöhnlich gibt’s bei Schreibratgebern nicht viel zu lachen. Bei Constantin Seibts Deadline ist das anders. Obwohl es auch ums Schreiben geht, um Kolumnen ganz genau, lacht es sich ständig. Vielleicht weil’s nicht ums wissenschaftliche Schreiben geht oder weil Seibt es einfach kann, das Schreiben. Jedenfalls ist sein Ratgeber ein seltener Genuss in der Schreibberatungslandschaft und das nicht nur sprachlich. Nur, ist Genuss auch für wissenschaftliches Schreiben statthaft oder verdirbt Populärwissenschaftliches den akademischen Charakter? Vielleicht beantwortet sich diese polemische Frage am besten mit Augustinus, dem Kirchenvater, der gesagt haben soll: «Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.» Schreiben als Tanz, lassen wir das mal als Bild so stehen.

Bleibt die Gretchenfragen, was Seibt ausser sprachlichem Tanz noch liefert. Für die Schreibberatung nicht wirklich Neues, dafür aber Altes neu geschrieben. Das ist dann auch Seibts Credo: «Die guten Geschichten sind so gut wie nie völlig neue Geschichten: sie sind nur neu erzählt.» Die Welt muss nicht neu erfunden, nur nach neuen Pfaden im alten Dickicht gesucht werden. Das entlastet und stimmt versöhnlich. Trotzdem, wie soll das gehen? Ganz einfach: Fragen stellen. Fragen nach dem Warum und dem Wie-genau und zwar so, dass nicht die Antworten die Fragen gebären, sondern aus Neugier Fragen werden. Dieser Gedanke ist zwar auch nicht wirklich neu, dafür aber nicht weniger bestechend, wie auch der folgende aus der seibtischen Rhetorikkiste: «Die Schwierigkeit ist nur, auf abgegrastem Feld die richtigen Fragen zu finden.» Wer sich schon in der Kunst der Fragestellung wissenschaftlicher Arbeit versucht hat, weiss: Das hat was. Noch plakativer kommt Seibts Empfehlung daher, die eigene Inkompetenz nicht zu überspielen, «denn dadurch verpassen Sie die eigene Verblüffung, die besten Fragen und die gute Story.»

Zum Glück lässt Seibt Ratsuchende mit diesen hochtrabenden Empfehlungen – so viel Neugier und Ehrlichkeit – nicht im Regen stehen, sondern spannt mit pragmatischen Schreibtipps einen Schirm. So empfiehlt er, im Zweifelsfall halbgute Ideen zu verwenden. Es geht also auch ohne Originalität, das beruhigt. Oder noch einfacher: Schreibende holen sich originelle Gedanken bei andern, in Form von Zitaten. Zitate, die für Seibt Senf an der Bratwurst sind. Hier mache ich einen Punkt. Nur so viel sei verraten: Senf gibt’s noch einigen in seinem Buch und auch Pfeffer, wenn’s zum Beispiel um Ratteninseln und Schwanzbeisser geht.

Constantin Seibt
Deadline.
Zürich: Kein und Aber Pocket, 2014. 320 Seiten.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 3/15

3_2015_cover_websiteSeit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 3/2015 von «Akzente» zum Thema «Fremdsprachen – Unterrichten in der Lebenswelt der Kinder» fragt sich Alexandra Edelmann auf Seite‎ 25, ob ein Leben in der von Kriegen verschonten Schweiz nicht zu mehr Verantwortung gegenüber weniger Privilegierten verpflichtet.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Alexandra Edelmann: «Ein unglaubliches Privileg» (und als PDF hier).

Handstand im Think-Tank

Doctorow_In_Andrews_KopfDas Verhältnis zwischen der Realität und dem geistigen Abbild, das wir uns von ihr machen, hat den Romancier E. L. Doctorow immer beschäftigt. Sein letztes Buch ist ganz auf diese Frage fokussiert.

Auslöser für E. L. Doctorows Romane waren innere Bilder, die er zu Papier brachte und aus denen sich Geschichten entwickelten. Geplant habe er seine Storys nie, vielmehr habe er erst beim Schreiben herausgefunden, worüber er schrieb. So erläuterte der kürzlich verstorbene amerikanische Schriftsteller seine Schreibstrategie. Bei seinem letzten Buch, In Andrews Kopf, bringt das Bild eines Mannes in Not, der bei Schneegestöber an einer Haustüre klingelt, den Roman in Gang.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 25. Aug. 2015, S. 37.

E. L. Doctorow
In Andrews Kopf.

Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2015. 208 Seiten.

Ungutes im Morgengrauen


spaetholz
«Um sieben Uhr würden sie kommen. Sie kommen immer am frühen Morgen, wenn sie etwas Ungutes vorhaben. Im Morgengrauen werden Verurteilte abgeholt. Rocco wusste nicht, wo er das gehört oder gelesen hatte. Ihm war nur, als ob er es wüsste: In der ersten Morgendämmerung finden jene, die Ungutes vorhaben, den geringsten Widerstand vor.»

Wenn ein kantiger Tessiner Altbauer in der Küche seines Hofes mit einem Militärkarabiner in der Hand auf das Ungute wartet, darf viel Helvetisches erwartet werden: Ein ordentlicher Schuss Grappa in einem Sennen-Quadratschädel und schweizerischer Wehrwillen gegen den Ausverkauf der Heimat. So wartet der Karabiner auf den rücksichtslosen Fabrikanten Korten, der seine Villa unbedingt auf der Schafswiese hinter seinem kleinen Hof hat bauen müssen und nun per Gerichtsbeschluss auch noch Roccos Lebensbaum fällen lassen will. Soll der speckige Fabrikant nur kommen!

Aber das Helvetische hat noch andere Nuancen: die Verschandelung der Heimat, sprich früher war alles besser. In gutschweizerischer Manier schreibt hier ein Deutschschweizer Autor von einem Tessiner Bergbauern, der sich gegen alles Neue sträubt: gegen den Stausee, gegen fliessend Wasser im Haus, gegen Strom. Ganz nach dem Motto: «Das hatte man früher nicht und brauchte es auch nicht.»

Zweifelsohne nicht ungut ist, wie Kauer von Ungutem erzählt. Im Gegenteil, gut kann er erzählen, der Kauer Walther, ausserordentlich gut sogar.

Wie’s rauskommt, soll hier nicht verraten werden. Aber nur so viel: Es gibt viel Ungutes am Ende, aber anders als erwartet und trotzdem irgendwie gleich.

Walther Kauer
Spätholz.
2. Auf. Basel: Lenos Pocket, 2015.
230 Seiten.

Die Lücken im Text der Geschichte – Nachruf auf E.L. Doctorow

doctorow_nzz
Der amerikanische Romancier E. L. Doctorow in seinem Haus in Sag Harbor, New York. Aufgenommen am 19. 8.2009. (Bild: Gordon M. Grant/The New York Times)

In seinen Romanen hat E. L. Doctorow reale und fiktive historische Figuren und Ereignisse virtuos amalgamiert. Damit sicherte er sich einen Platz in der ersten Liga der zeitgenössischen US-Literatur. Zu seinen prominentesten Lesern gehörte US-Präsident Barack Obama, nannte dieser doch E. L. Doctorow neben Shakespeare seinen Lieblingsautor. Mit linksliberaler Haltung leuchtete Doctorow zahlreiche Winkel der amerikanischen Geschichte aus und überraschte bis zuletzt immer wieder mit frischer Stimme. Nun ist diese Stimme, die im deutschen Sprachraum dank den Übersetzungen von Angela Praesent ein adäquates Pendant gefunden hat, verstummt. Doctorow verstarb im Alter von 84 Jahren in New York.

Artikel von Thomas Hermann in der NZZ vom 23. Juli 2015, S. 43.