PH Goes Poetry zum Sechsten – wer gewinnt?

Die Jury hat gesprochen – die Finalist:innen sind nominiert! Nach hitzigen Debatten stehen die acht Autor:innen fest, die in die Endrunde des diesjährigen «PH Goes Poetry»-Schreibwettbewerbs steigen.

Mit dabei sind nicht nur die bekannten Laura Bachmann (Finale 2020, 3. Platz 2021) und Monique Honegger (3. Platz, 2018, 2. Platz 2020). Mit auf- und anregenden Texten ins Rennen steigen auch viele neue Talente. Die weiteren Finalist:innen sind: Oliver Keller, Tosca Rüttimann, Nadia Gsell, Julia Vetter, Jessica Hogg und Janine Eberle.

Der literarische Wettstreit steigt am 29.9.2022 im Kafi Schnauz. Auf der Bühne battlen die Auserwählten um Preisgeld, Applaus und den klassischen Poetry-Slam-Whisky! Ihr entscheidet – wem gebt ihr die Stimme?

Damit ihr richtig in Stimmung kommt, öffnet das Kafi Schnauz um 17 Uhr. Das Finale beginnt um 18.30 Uhr. Seid mit dabei, wenn Literaturgeschichte geschrieben wird und es wieder heisst «PH Goes Poetry»!

Was tun, wenn ich nicht weiss, woher ein Bild kommt? (Q&A #19)

Mirjam Beglinger

In wissenschaftlichen Arbeiten dürfen Sie Bilder verwenden, solange diese dazu dienen, einen in der Arbeit dargelegten Sachverhalt visuell zu unterstreichen. Mit  Erläuterungen in Ihrem Text verweisen Sie auf die Abbildung. Zur korrekten Beschriftung einer Abbildung gehören Abbildungsnummer, eine aussagekräftige Bildunterschrift sowie Angaben zur Urheberschaft (z. B. Künstler:in und/oder Fotograf:in). Anders gesagt: Bei Angaben zu Bildern reicht es nicht aus, lediglich den Fundort eines Bildes anzugeben (z.B. eine Website), sondern es braucht konkrete Angaben zur Herkunft des Bildes.

Fundort ist nicht gleich Quelle

Was das konkret heisst, schauen wir uns am Beispiel der Mona Lisa an. Nehmen wir mal an, ich finde auf dem Netz eine Abbildung der Mona Lisa, einem Gemälde von Leonardo da Vinci, jedoch keine Angaben zur Urheberschaft. Da ich weiss, mir bewusst ist, dass die URL, unter der ich das Bild gefunden habe (= Fundort), nicht ausreicht, um das Bild in einer wissenschaftlichen Arbeit korrekt zu beschriften, braucht es weitere Suchanstrengungen von mir. Doch wie vorgehen, wenn ich keine Anhaltspunkte zu einem Motiv habe?

Urheberschaft eines Bildes ausfindig machen

Eine erste Möglichkeit, Informationen zur Urheberschaft in Erfahrung zu bringen, bietet die Anfrage bei der Betreiberin oder beim Betreiber einer Website. Fehlen Angaben zu Abbildungen auf einer Website, ist ja davon auszugehen, dass sie im Auftrag der Betreibenden erstellt worden sind und diese Auskunft zur Urheberschaft geben können.

Im Falle unserer Mona Lisa lässt sich das Bild auch über die ‹umgekehrte Bildersuche›, wie etwa Google sie anbietet, identifizieren (images.google.de): Mit einem Klick auf das Kamera-Symbol im Suchfenster öffnet sich ein Feld, auf dem Sie URL oder Bild zum vorhandenen Bild eingeben können. Darauf gibt Ihnen Google verschiedene Websiten aus, auf denen das Bild – und allenfalls Angaben zur Urheberschaft – zu finden sind. Und Sie sehen richtig: Bei Fotografien von Gemälden sind wir gleich zweifach gefordert: Wir machen sowohl Angaben zur Urheberschaft von Gemälde als auch von Fotografie.

Neben Google bieten auch auch andere Bildersuchmaschinen die umgekehrte Suche an. Solche Alternativen sind etwa «TinEye» (tineye.com) oder «RevEye», das als AddOn für Firefox und Chrome zur Verfügung bereitsteht. Auch diese Suchmaschinen geben einzelne Websites mit Bezug zum Bild als Treffer an. «Reversee» wurde eigens für die Verwendung auf dem iPad entwickelt und ist im AppStore zu haben. Fürs iPhone gibt es zum Beispiel «CamFind Visual Search Engine» oder «Google Lens».

Und wenn ich die Urheberschaft trotz allen Bemühungen nicht finde?

Die Möglichkeiten des virtuellen Raums machen es heute viel einfacher, Bilder in wissenschaftlichen Arbeiten zu nutzen und korrekt auf die Urheberschaft hinzuweisen. Trotzdem kann es vorkommen, dass bei allen Bemühungen keine Informationen zur Urheberschaft ausfindig zu machen sind. Was Sie tun können, wenn das der Fall ist, davon berichten wir einem späteren Blog-Beitrag.

Auf den Zitierseiten und dem «Zitierkompass» im Studierendenportal (nur mit Login) oder im öffentlich zugänglichen «A–Z des wissenschaftlichen Schreibens» finden Sie zahlreiche Beispiele, an denen Sie sich orientieren können. Gestalten Sie Ihre Angaben nach diesen Vorbildern.

[redaktionell aktualisiert 24.12.2023]

Zum Weiterlesen

Bundesgesetz über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte

ProLitteris: FAQ Wie funktioniert das Urheberrecht?

Erster Blog zum Thema ist hier, dort finden sich auch obige Links:

blog.phzh.ch/schreibzentrum/category/schreibberatung/qa-zitieren/

 

Psychochirurgie

Ein einfacher Schnitt ins Hirn kann das Leben eines Individuums von Grund auf verändern – aber nicht nur zum Guten, wie die Geschichte der Psychochirugie zeigt. – In seinem Medientipp in Akzente (2/2022, S. 39) stellt Daniel Ammann drei ebenso eindrückliche wie haarsträubende Fälle aus der Wirklichkeit und dem Reich der Fiktion vor.

Trailer: An Angel at My Table (Jane Campion 1990)
Trailer: Severance. TV-Serie. USA 2022

Bildung gegen Rassismus

Welche Worte verletzen? Welche Symbolik versteckt sich in Kinderliedern, Büchern und Spielen? In ihrem Buch «Gib mir mal die Hautfarbe»: Mit Kindern über Rassismus sprechen helfen Olaolu Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar Fallstricke zu erkennen und zu überwinden. Peter Holzwarth, Mitarbeiter des Schreibzentrums, stellt den Titel in einem Medientipp von Akzente (2/2022, S. 39) vor.

Paprikatante

Von Joël Cipirano

Es sieht nicht so aus, als würde es heute noch regnen. Ich denke, es wird nicht regnen. Nein es sieht nicht so aus. Die Wolken sind zwar da, aber sie scheinen irgendwie, irgendwie sind sie nicht so prall wie sonst. Naja, eigentlich hätte ich nichts dagegen, wenn es mal wieder ein bisschen regnen würde. Diese Trockenheit ist doch auf die Dauer langweilig. Langweilig wie mein Tag, langweilig wie mein Leben. Jeden Tag mit diesen Paprika rumsitzen und warten, bis der Stapel weggekauft ist. Aber, aber doch. Dieselben Gedanken habe ich mir doch bereits gestern gemacht. Und am Tag davor auch, und am Tag davor auch. In der Woche davor auch und im Jahr vor diesem Jahr ebenso. Ich dumme Ziege. Ich bin halt die Paprikatante der Stadt. Die Leute nennen mich seit Jahren so. Ich bin die Paprikatante der Stadt. Paprika, Paprika, Mamrika, Paprika. Ich spinne. Ich dumme Ziege. Tag aus, Tag ein, Paprika sein. Meine Bluse ist rot wie ne Paprika, ich passe mich der Umgebung an.

Old Lady from Capbon (c) Yosra Tebourbi

Es gibt Ärzte, Anwälte, Lehrer und Priester und dann gibt es auch noch mich, die Paprikaschrulle, die Tag aus Tag ein hier sitzt und mit versteinerter Miene in die Menge blickt. Apropos Menge, heute sind nicht so viele Leute hier. Ist ja auch ne Schande dieses trockene Wetter. Die Luft fühlt sich an wie Schmirgelpapier. Ah, eine Kundin. Maria die gute Alte, jeden Tag ein nettes Wort für mich. Und eine wahre Paprikagöttin. Im Laufe der Jahre hat sie mir sicher schon zweihundert Varianten Paprikagerichte gegeben. Was wohl heute auf dem Speiseplan steht? Reis mit Bohnen und Paprikagemüse? Hähnchen in Salsa? Oder das weitum gelobte Paprikasüppchen? Ach egal, ist doch eh immer dasselbe. Ich bin die Paprikatante der Stadt und habe eigentlich Paprika satt. Haha, ich bin witzig. Eine verkannte Dichterin, ein Genie! Wenigstens haben meine Kinder nicht dasselbe Schicksal. Gott sei Dank ist Alba schön und hat einen wohlhabenden Mann gefunden. Und Angel ist Obstverkäufer und im regen Austausch mit den Bauern. Abwechslungsreicher als mein Tag alleweil. Als Kind wollte ich immer Krankenschwester werden. Ach, wem sage ich das überhaupt, ich weiss ja, was ich werden wollte. Aber ich tue ja doch was für die Gesundheit der Leute, Paprika ist gesund, das weiss doch jedes Kind. Beugt Erkältungen und manchen Leiden vor. Ich bin die Paprikapatronin der Stadt! Dank mir wird niemand mehr krank. Haha, ich bin doch eine Witztante. Eine verkannte Witzziege. Stellt mich auf die Bühnen der Welt. Das Paprikacabaret wäre ein Riesenerfolg. Shows in Santiago, Mexiko City und Rio. So, noch eine Stunde, dann gehe ich nach Hause. Und morgen dann schon wieder hier. Vielleicht sollte ich die Branche wechseln. Wie wäre es mit Kartoffeln? Es sind schon viele tolle Gespräche durch Kartoffeln entstanden. Auf zu neuen Ufern! Ja, was hätten Sie gerne? Zwei Pfund Paprika …

Joël Cipirano ist PH-Student auf der Sek I-Stufe.

Von Bloody Marys und Plattenspielern

Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums schon für das Magazin Akzente  der PH Zürich.
In der Studikolumne der Mai-Ausgabe (2/2022, S. 25) gibt unsere Tutorin Lisa Morellini einen Einblick in ihre Wochenendvorsätze und erzählt, warum sie fünf auch mal gerade sein lässt, wenn am Sonntag ab 14 Uhr bunte Drinks gereicht werden.

Haare stutzen

Von Lisa Thwaini

Bevor wir ihre Gesichter pudern, rasieren wir den soeben Verstorbenen Backen, Kinn und Oberlippe. Es wäre würdelos, sie zuwuchern zu lassen wie alte Ruinen, sagen wir uns. Es war ihm immer wichtig, gepflegt auszusehen, er hätte auch jetzt darauf bestanden.

Gepflegt sein, heisst: nicht verwildern, nicht wie die anderen Tiere sein. Der Körper als Wildnis, die begärtnert werden muss. Das Fell als Dickicht, das gerodet gehört. Rasiere keine Achselhaare! Hör auf, deinen Bart zu modellieren! Kümmere dich nicht um spröde Enden! Entwirre keine Knoten!

Im Wald lebt ein Heiliger. Sein Haupthaar reicht ihm bis zu den Kniekehlen, sein Bart bedeckt seine Genitalien, so dass er sich vor Gott nicht schämen muss. Tagsüber betet er, nachts bettet er sich auf Moos und schläft ruhig, denn die Tiere des Waldes sind mit ihm.

«Wilder Mann», Illustration aus einem Nürnberger Schönbartbuch, ca. 1600 (Wikimedia Commons)

Fast vier Jahre dauerte es, bis ihr Haar richtig wuchs, bis man es endlich zu kleinen Zöpfchen flechten konnte. Die Kopfhaut spannt, doch sie findet sich wunderschön. Eine Fee mit Haaren aus Mond- und Sternenlicht.

Sie ist überzeugt, dass die Haare der Reichen besser aussehen. Besser, das heisst: gesünder, dichter, kräftiger. Sie benutzen dafür teure Wundermittel, die tatsächlich wirken. Haarmasken mit Extrakten aus Ginkgo und menschlicher Placenta. Oder sie spritzen sich Blut von Sportlern in die Kopfhaut, zur Verjüngung der Follikel.

Im Sonnenlicht sieht man den Schädel durch ihr schütteres Haar scheinen. Es ist fein wie Spinnfäden, löst sich fast auf unter den Blicken der Leute. Dünnes Haar, das heisst: Zerfall, Verlust der Lebenskraft. Es ist Zeichen der Sünde, auf die falschen, die billigen Wundermittel vertraut zu haben. Jene, die die Kopfhaut verätzen und das Haar brüchig machen – wie blöd kann man nur sein?!

Am Ende der Welt hält ein Cyborg Wache. Wenn ihre Maschinenaugen eine Bewegung in der Ferne erfassen, fokussieren sie scharf und zielgenau; nichts entgeht ihrem Blick. Auf ihrem metallenen Schädel spiegelt sich das Sternenlicht. Ein Schwarm Vögel jagt über sie hinweg und quietscht dabei wie rostige Scheren. 

Derweil träumt der Fleischteil ihres Gehirns von Hasen und Rehen, die zu ihren Füssen grasen.

Lisa Thwaini studiert an der PH Zürich und ist Tutorin im Schreibzentrum.

Schreiben verbindet

Erik Altorfer und seine Kollegin Amel Meziane von der Universität Tunis haben im Rahmen des SINAN-Projekts eine Unterrichtsreihe zu kreativem Schreiben konzipiert und in Zaghouan/Tunesien und Zürich erprobt. Für den Lifelong Learning Blog der Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung haben sie unter dem Titel «The Bridge Between Us» gemeinsam einen Beitrag zu ihrer internationalen Zusammenarbeit verfasst und würdigen darin auch den Poetry-Slam-Schreibwettbewerb und das mehrsprachige Booklet mit den Texten und Gedichten der Sieger:innen.

Darf ich Bilder in meiner wissenschaftlichen Arbeit verwenden? (Q&A #18) 

Von Mirjam Beglinger

Grundsätzlich ist Bildmaterial urheberrechtlich geschützt, unabhängig vom Fundort. Ziel des Urheberrechts ist es, Urheberinnen und Urheber davor zu schützen, dass ihre Werke beziehungsweise ihre persönliche geistige Schöpfung missbräuchlich von Dritten verwendet werden (Art. 1 URG). Jedes Fotografie unterliegt dem Urheberrecht im Moment der Entstehung – das gilt auch für den Schnappschuss (Art. 2 URG). Da die Urheber:innen allein darüber entscheiden, in welcher Form und in welchem Umfang ihr Bildmaterial genutzt wird, bedarf es für die Verwendung in einer eigenen Arbeit deshalb der Zustimmung der Rechteinhaber.

Bildrecht und Zitatrecht

Beim Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten ist der Umgang mit den Urheberrechten unter bestimmten Umständen gelockert, nämlich dann, wen ein Bild dazu eingesetzt wird, einen Sachverhalt zu belegen (Belegfunktion). Dieses Zitatrecht gilt jedoch nur, wenn ein Bild im Rahmen der Arbeit tatsächlich als Beleg dient, also ein notwendiger Bestandteil der Argumentation ist (URG, Art. 25).

In jedem Fall braucht es einen Bildnachweis und zusätzlich eine Quellenangabe, z. B. in Form eines Kurzbelegs und eines Eintrags im Literaturverzeichnis, wenn das Bild etwa einem Buch entnommen ist. Wird ein Bild verfremdet, braucht es streng genommen eine Einwilligung der Urheberin oder des Urhebers.

Zur korrekten Beschriftung von Abbildungen informieren wir in einem späteren Blog ausführlich. Grundsätzlich gilt, dass jedes in der Arbeit aufgeführte Bild nummeriert, beschriftet und in einem Abbildungsverzeichnis aufgeführt sein muss. Das sind die Details dazu:

  • In der Bildunterschrift selbst ist neben Nummer und Titel die Urheberschaft anzugeben (z. B. in Klammern nach dem Titel).
  • Die Informationen zum Bild werden mit Angaben zur Seitenzahl im Abbildungsverzeichnis aufgeführt (am Anfang der Arbeit oder am Schluss vor dem Literaturverzeichnis).
  • Stammt das Bild aus einer Publikation, dann braucht es zusätzlich zu den Angaben zum Bild noch eine Quellenangabe im Literaturverzeichnis.

Und doch gibt es Ausnahmen bei der Verwendung von Bildern, also Bilder, die nicht unter das Urheberrecht fallen beziehungsweise für deren Verwendung das Urheberrecht etwas anders gelagert ist. Dazu gehören u.a.:

  • Bilder, hinter denen keine eigenständige Leistung steht (z. B. technische Zeichnungen, Grafiken zu einem geschilderten Sachverhalt). Diese unterliegen nicht dem Urheberrecht.
  • Bilder, die kostenlos bzw. ohne Lizenz zu eigenen Zwecken unter Berücksichtigung der Nutzungsbedingungen verwendet werden dürfen (z. B. Pixabay, Fotolia, Shutterstock, Pixelio, Flaticon).
  • Bilder, die via Google-Bildersuche als kostenlos zu nutzen gekennzeichnet sind.
  • Bilder auf Wikipedia, für die jeweils angegeben wird, ob und unter welchen Bedingungen die Bilder genutzt und weiterverwendet werden dürfen.

Lehrpersonen dürfen zudem veröffentlichte Werke zu Unterrichtszwecken verwenden (Art. 19 und Art. 24d URG). Unter dem Aspekt des Persönlichkeitsrechts ist im Lehrberuf und in schriftlichen Arbeiten jedoch darauf zu achten, keine Bildern von Schüler:innen ohne deren Einwilligung bzw. der Einwilligung der Erziehungsberechtigten zu verwenden.

Zum Weiterlesen

Bundesgesetz über das Urheberrecht und verwandte Schutzrechte

ProLitteris: FAQ Wie funktioniert das Urheberrecht?

[letzte Aktualisierung 16.2.2024 ]

Wer bist du, wenn du niemand sein musst?

Tutor Nicolas Schmid
(Illustration: Elisabeth Moch)

Mit dieser Frage habe ich mich im letzten halben Jahr immer wieder auseinandergesetzt. Doch die Frage fühlt sich schwer an – so schwer, dass wenn sie mir durch den Kopf schwirrt, mein Körper merkt, wie die Schwerkraft einsetzt und mich langsam in Richtung Boden zieht.

Ich liege gerade auf der Couch und starre an die Decke. Um mich herum ist es still. Diese Stille gibt mir ein Gefühl, das sowohl angenehm als auch unwohl zugleich ist. Nun lausche ich tief in mich hinein – so tief, dass ich beinahe den Boden unter mir verliere und ich in die endlose Unendlichkeit meines Daseins verschwinde. Ich höre die Schreie undefinierbarer Gedanken, die aufeinanderprallen. Sie verlangen nach Ordnung und kaum greifbaren Antworten.

Wie selten bin ich nur für mich, frei von allen Rollen und Obligationen unserer Leistungsgesellschaft? Im Jetzt bin ich kein Lehrer, kein Student, kein Mitarbeiter, Bruder, Sohn oder Freund – nur mich und die Abgrundtiefe meiner Gedanken. «Wer bin ich?», rede ich im Dialog zu mir selbst. «Wer will ich sein?», «Was will ich sein?». Seit knapp 25 Jahren lebe ich mit mir – Tag für Tag – und doch scheine ich mich kaum zu kennen.

Kann ich das überhaupt noch? Mir selbst zuhören? In einer reizüberfluteten Welt, gefolgt von stetiger Erreichbarkeit und des immer Daseins – wenn auch abwesend – stehen wir konstant unter Strom und in Bewegung, mit nur seltenen Momenten für uns allein.

Fragen über Fragen, eine Aneinanderreihung verschiedenster Ereignisse meines Lebens – alles in meinem Kopf. Der scheinbar kurze Moment dehnt sich weiter und weiter bis hin zur Unendlichkeit. Ich merke, wie meine Augen immer schwerer werden, mein Körper sinkt immer tiefer in die Couch, sie hüllt mich ein mit altem Stoff und trägt mich wie auf Wolken durch meine Wohnung. Nun ja, das wars wohl mit der Lebensphilosophie. Morgen ist ein neuer Tag. 

Liebe Leserinnen und Leser: Wann hast du dir das letzte Mal zugehört und dir die Frage gestellt, wer du bist, wenn du gerade niemand sein musst?

Nicolas Schmid studiert an der PH Zürich und arbeitet als Tutor im Schreibzentrum.
Der Text ist erschienen als «Gastspiel»-Kolumne im Magazin für die Mitarbeitenden der PH Zürich, inside 1/2022, S. 21.