Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 2/15

Akzente_2015-2_Blog_coverSeit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 2/2015 von «Akzente» zum Thema «Heterogenität – Umgang mit Vielfalt im Schulalltag» wundert sich Gabriel M. Sánchez auf Seite‎ 27 über ominöse ‹unisichtbare Hände›, die den Markt regulieren.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Gabriel M. Sánchez: «The Invisible Hand» (und als PDF hier).

Produktives Aufschieben

Voller Esprit und Selbstironie nimmt sich der amerikanische Philosoph John Perry in The Art of Procrastination (dt. Einfach liegen lassen) einer Schwäche an, die den meisten nur zu gut vertraut ist. Statt der Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben, wenden wir uns lustvoll etwas anderem zu. Wir verplempern kostbare Zeit im Internet, starten ein neues Projekt oder widmen uns hingebungsvoll einer Mail-Anfrage, deren Beantwortung weder eilt noch in dieser Ausführlichkeit gerechtfertigt ist.Procrastination Workshop postponedWie Perry in seinem erfrischenden Plädoyer zeigt, hat das keineswegs mit Faulheit, Willensschwäche oder mangelnder Disziplin zu tun. Viele der strukturierten Aufschieber, wie er sie nennt, sind sogar ausgesprochen tüchtig und produktiv. Sie arbeiten einfach lieber an Dingen, die nicht zuoberst auf der Prioritätenliste stehen – zumindest so lange, bis etwas Unwichtigeres dazwischenkommt oder der Abgabedruck einer anstehenden Arbeit unerträglich wird. Das hat auch Vorteile, denn was wir liegen lassen, erledigt sich zuweilen von selbst.

Kurzrezension aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 2 (2015): S. 38.

Einfach liegen lassen von John Perry
John Perry
Einfach liegen lassen: Das Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun.
München: Goldmann, 2015. 125 Seiten.

 

arte-Beitrag über John Perry und «The Art of Procrastination» unter tracks.arte.tv/de/art-procrastination

Trittsteine zum effizienten Schreiben

mayer_300_Tipps_coverAlle paar Wochen – so fühlt es sich an – erscheint ein neuer Ratgeber zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium. Die durchwegs gut gemeinten Handreichungen beschäftigen sich mit der Vorbereitung und Strukturierung schriftlicher Arbeiten, der Literaturrecherche, dem Ausformulieren des Textes und der gewissenhaften Überarbeitung und Schlussredaktion. Angereichert wird das Ganze mit allerlei Tipps zur Zeitplanung, für die Layout-Gestaltung, das Zitieren oder den kreativen Umgang mit Schreibblockaden. Weil beim Verfassen einer grösseren Arbeit einiges an Anforderungen und Ansprüchen zusammenkommt, fühlen sich nicht alle Studierende dem wissenschaftlichen Schreiben gewachsen. Da tut Hilfe not.
Philipp Mayer fügt den zahlreichen Leitfäden und Handreichungen kein weiteres Manual hinzu. Vielmehr fasst er das Wichtigste noch einmal zusammen und reiht seine 300 Tipps wie Kalendersprüche auf. Die kurzweiligen Merkpunkte und Gebote bringen vieles auf den Punkt, was es für Novizen wie Schreiberfahrene zu beherzigen und immer wieder zu üben gilt. Jedes der elf Kapitel schliesst zudem mit Lektüre-Empfehlungen zur weiteren Vertiefung.
Die Anregungen sind zwar thematisch gruppiert, aber ein Schlagwortregister wäre für den schnellen Zugriff dennoch von Nutzen. Ausserdem handelt es sich bei manch einem Tipp um eine Plattitüde, die im Schreiballtag nicht ohne Weiteres umzusetzen ist. «Lassen Sie Ihre Texte wachsen so wie Perlen wachsen», heisst es da fast poetisch. «Ergänzen Sie bei jeder Sitzung eine weitere Schicht.» – Schön und gut, aber wie das funktioniert, lässt sich nur durch kontinuierliche Praxis und Geduld entdecken.

Philipp Mayer
300 Tipps fürs wissenschaftliche Schreiben.
UTB 4311. Paderborn: Schöningh, 2015. 138 Seiten.

Embedded Fiction

Phil Klay: Wir erschossen auch HundeWenn ein Autor seinen ersten Geschichtenband mit einem Dank an die lieben Tanten «Aunt Mimi, Aunt Pixi» und an die von der Familie «schwer vermisste Aunt Boo» beschliesst und dazu noch der Schreibwerkstatt für Kriegsveteranen seine Reverenz erweist, erwartet man vom betreffenden Opus eher Verarbeitungsprosa der simpleren Art, womöglich im Selbstverlag erschienen. Genau das trifft auf Phil Klays Erzählungen über den Irak-Krieg nicht zu.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 28. März 2015, S. 64.

Phil Klay
Wir erschossen auch Hunde.
Aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer.
Berlin: Suhrkamp-Verlag,  2014. 301 Seiten.

«Der Wilde Hossten»

Buchcover

Endlich ist der neue Jamic da! Jamic, der im bürgerlichen Leben Johannes Stauffer heisst, sich selber aber James Stoicovic nennt und damit auf seine angeblich bosnischen Wurzeln anspielt, nimmt uns mit auf den Balkan, den «Wilden Hossten».

Damit wären wir auch gleich beim typischen Jamic-Stil, der Verschmelzung und Verballhornung: sei es terminologisch wie im Falle von Bonanzas Hoss und Osten, eben zu Hossten, oder inhaltlich, wenn er in Kusturica-Manier eine Gipsy-Brass-Band auf Winnetou und Old Shatterhand treffen lässt.

In seinen früheren Werken hat er zum Beispiel E. T. auf der Titanic auftreten lassen: E. T. funkt nach Hause, was auf dem Schiff für eine bizarre Hoffnungseuphorie sorgt. Oder er lässt den 1. Weltkrieg durch eine Pestwelle zu Ende bringen. In einem seiner raren Interviews verrät er uns den Grund seines Verschmelzungs-Faibles. Als Kind sei er vom Film-Monster King Kong versus Godzilla so fasziniert war, dass er ihn mindestens 1000 Mal gesehen habe, 250 davon rückwärts und bis heute künstlerisch nicht davon losgekommen.

Mit Der Wilde Hossten gelingt ihm wieder eine Genre-Verschmelzung. Dabei steht dem Buch das surrealistische Moment gut an. Zum Beispiel, wenn Winnetou mit seinem zur Querflöte umgeschnitzten Tomahawk gegen die Brass-Wand von Brogevic andudelt und das Ganze schliesslich in einem infernalen Gegurke endet. Dem Dada setzt dann Sam Hawkens die Krone auf, wenn er mit den Apachen zusammen aus seiner Perücke einen Putzlappen für die Tuba flechtet.

Ein weiteres typisches Jamic-Stilmittel, die Behauptung, mit denen er frühere Geschichten ordentlich gesalzen hat, ist in diesem Buch doch eher zu viel des Guten. So hätte er eigentlich einfach sagen können, Winnetou und Konsorten seien aus einem Karl-May-Film in Kroatien entronnen. Punkt. Stattdessen lässt er Brogevic behaupten, die Indianer stammten ursprünglich aus Kroatien und seien von den Wikingern nach Amerika verschleppt worden, ausser eben Winnetou und seine Apachen. Das überzeugt wenig, und originell ist es auch nicht.

Dazu kommen Jamics hanebüchene historischen Verdrehungen und plumpen Bezüge, mit denen er das Balkangulasch endgültig versalzt: «Brogevic»  ist natürlich eine Anspielung auf Goran Bregovic, damit es auch der Hinterste und Letzte versteht. Muss das sein?! Oder maue Wortkapriolen, wenn er Brogevic immer wieder zu Winnetou sagen lässt: «Winne, tu’ dies, Winne, tu’ das.» Macht nicht wirklich Freude!

Gegen Ende ist dann alles historisch verschwirbelt und die Geschichte derart verstrickt – Old Shatterhand ist nun auf einmal kein Mensch mehr, sondern ein Mechanoid aus Hoxas Albanien, der von den Jelzin persönlich gesteuert wird – dass es nicht mehr zum Dabeisein ist.

Was anfänglich ein heiteres Balkan-Beaten und wildes Hossten war, wird jetzt zum Balkenbiegen in dicker Sosse. Jamic wäre gute beraten gewesen, hätte er nach der Hälfte Schluss gemacht. Die Figuren entgleiten ihm und alles mündet in einer grotesken, wüsten und letztlich auch unmotivierten Publikums- und Autorenbeschimpfung.

Trotzdem, ein Lesegenuss ist der neue Jamic allenthalben, sofern sich die Leser*innen an den guten alten Diätgrundsatz halten: FdH (Friss die Hälfte).

Jamic
Der Wilde Hossten.
Krönlitz: Mandalassie-Verlag, 2015.
1543 Seiten.

ArtOrt Hörspiel / Das weisse Lauschen

Sendungshinweis: Mittwoch, 25.3.2015, 20.00 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle
von Gerhard Meister

Wo steckt die Seele? Wo hockt das Ich? Zwischen den Ohren! Das findet der Autor Gerhard Meister. Und lädt nun ein: Setzen Sie die Kopfhörer auf, und erleben Sie ein lustvolles Experiment. Denn: Was Hirnforschung kann, kann das Hörspiel schon lang.

1 Milliarde Euro investiert ein EU-Förderprogramm in das «Human Brain Project»: Damit soll an der ETH Lausanne das menschliche Hirn nachgebaut werden — digital und voll funktions-fähig. Zehn Jahre lang wird geforscht. Der Hörspielautor Gerhard Meister hingegen braucht keine Stunde, um das Ich im Hirn zu suchen. Ein akustisches Experiment, das Fragen stellt, den Hirnlappen kitzelt und unterhält.

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle ist Gerhard Meisters drittes Hörspiel, das er im Auftrag von Radio SRF geschrieben hat. Hatte er im Hörspiel Naturkunde für Altweltaffen mit der Evolutionstheorie Darwins auseinandergesetzt, so sind es jetzt die Gehirnforschung und die Frage nach dem Bewusstsein, die zum Thema werden. Wie produziert das Gehirn Bewusstsein und wozu? Ist Bewusstsein etwas, das nur in Gehirnen entsteht oder tritt es vielleicht auch anderswo auf? Sagt uns die Beschäftigung mit dem Gehirn etwas darüber, wer wir sind? Und warum haben die alten Ägypter beim Mumifizieren ausgerechnet das Gehirn als einziges Organ einfach weggeworfen? In diesem Hörspiel versucht das Gehirn sich selber auf die Spur zu kommen und begibt sich damit auf einen Trip, auf dem sich die Wirklichkeit Stück für Stück immer weiter auflöst.

Im bewohnten Gebiet der Schädelhöhle.
Regie: Erik Altorfer. Musik: Martin Schütz. Technik: Franz Baumann. Regieassistenz: Myriam Zdini. Produktion: SRF 2015. Dauer: 54 Min.‘
Mit Mareike Hein (Die narzisstisch Gekränkte), Sebastian Rudolph (Der Neuromane), Stefan Kurt, Anne Ratte-Polle, Katja Reinke, Siggi Schwientek und Jirka Zett als Radiostimmen.

Lehrer Bichsel

Foto: Pia Zanetti.
Foto: Pia Zanetti.

Ein   halbes   Jahrhundert ist   vergangen, seit Pia Zanetti den jungen Lehrer und Schriftsteller Peter Bichsel für die Zeitschrift Woche fotografiert hat. Die Fotografin erinnert sich gut an die Stimmung im Klassenzimmer. Entspannt, kreativ und humorvoll sei es zu- und hergegangen. Im Deutschunterricht wurden schräge, aber syntaktisch korrekte Sätze konstruiert. «Der Lehrer erklärt dem Schüler ungeduldig die Rechnungen» – dieser Satz, der an der Tafel zu lesen ist, sei im Unterricht mehrfach um- und ausgebaut worden. Mit seinen 1964 erschienenen Geschichten Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen ist Bichsel bekannt geworden. Für seine Schülerinnen und Schüler blieb er der Herr Lehrer, aber sie waren stolz darauf, dass er in der Zeitung kam. Ein Mädchen habe während der Stunde einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche gezogen und gesagt: «Herr Lehrer, ich häng Sie übers Bett.» Was für ein schöner Satz! Pia Zanetti wird ihn nie vergessen. Er diente denn auch als Titel für den Beitrag über Bichsel in der Nr. 50 der Woche von 1965. Auf unserem Foto, das nicht in der Illustrierten abgedruckt wurde, ist Bichsel sitzend aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler zu sehen. Wirkt er nicht etwas entrückt? Gibt es nicht eine unsichtbare Linie zwischen ihm und der Klas- se? Sehen wir im stillen und starken Foto des beliebten Jung- lehrers nicht den einsamen Melancholiker und Schriftsteller Peter Bichsel?

(Fotografisches Fundstück von Thomas Hermann aus der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 38.)

Kultur der Peinlichkeit

Greiner: SchamverlustGreiner klagt in seiner Darstellung unserer Gefühlskultur nicht über Werteverlust. Er beschreibt einen Wandel. Zwar titelt Greiner mit dem Begriff «Schamverlust», doch er antwortet im Untertitel sogleich auf die Verlustvermutung oder die Zerfallsklage: Wandel steht im Fokus. Scham, ein erst in den letzten Jahren in der Psychologie differenzierter Affekt, unterliegt einem Wandel. Der Autor konkretisiert seine, wie er sie selber nennt, «vorläufigen Bestimmungen» mit Rückgriff auf Philosophen und illustriert an Literatur: Hebbel, Kierkegaard, Sartre, Goffmann, Dostojewski, Thomas Mann, Elias, Sennett, Bourdieu, Hans Peter Duerr. Die zentrale These: An die Stelle der alten Schuldkultur und der noch älteren Schamkultur sei eine Kultur der Peinlichkeit getreten. Angst vor Peinlichkeit bewege Menschen etwa dazu, Kleidertrends mittragen oder Schön­heits­idealen um jeden inneren und äusseren Preis entsprechen zu wollen.

Kurzrezension von Monique Honegger aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 1 (2015): S. 35. – Das PDF gibt es hier.

Ulrich Greiner
Schamverlust: Vom Wandel der Gefühlskultur.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2014. 349 Seiten.

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 1/2015

Akzente 1/2015Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich. In Heft 1/2015 von «Akzente» zum Thema «Übergänge» berichtet Amanda Wong auf Seite‎ 25 von abenteuerlichen Ausflügen ins Brocki-Land.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Amanda Wong: «Von Brockenhaus zu Micky Maus» (und als PDF hier).

Situation Room

Das politische bildMüsste man Barack Obamas Amtszeit auf ein einziges Foto reduzieren, hätte das Gruppenbild, das Pete Souza von der US-Führungscrew während des Schlags gegen Osama Bin Laden gemacht hat, gute Chancen zur Kür. Vier Annäherungen aus verschiedenen Disziplinen sind im vorliegenden Band vereint. Günter Haller diskutiert das Foto vor dem Hintergrund politischer Bildstrategien und stellt die Protagonisten vor. Ulrike Pilarczyk situiert das Bild methodisch stringent im Kontext des gesamten Photostreams zum Ereignis vom 1. Mai 2011 und deckt ein «unheilvolles Spiel mit scheinbarer Transparenz» auf. Aus psychologischer Sicht beschäftigt sich Aglaja Przyborski mit dem bildlichen Habitus von Macht, während Martin Schuster eher grundlegende bildliche Eigenschaften wie Mehrdeutigkeit oder kulturelle Codes durchdekliniert. – Ein tolles Buch über ein Bild, das Geschichte(n) schreibt. – Kurzrezension von Thomas Hermann aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Aglaja Przyborski und Günther Haller, Hrsg.
Das politische Bild. Situation Room: Ein Foto – vier Analysen.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 168 Seiten.