Der Sauerteig, der es nicht eilig hatte
Julia Schmitter
In einer kleinen Bäckerei, ganz hinten auf der Arbeitsplatte, wohnte ein Sauerteig.
Er war weder besonders hübsch noch besonders aufregend. Den ganzen Tag tat er scheinbar nur zwei Dinge: blubbern und warten.
Die anderen Zutaten konnten das nicht verstehen.
„Schon wieder am Herumsitzen?“, rief das Backpulver. „Ich werde in Sekunden zum Helden, wenn ein Kuchen in den Ofen kommt!“
„Und ich“, sagte die Hefe stolz, „lasse einen Teig in einer Stunde doppelt so gross werden. Effizienz, mein Freund! Darauf kommt es an.“
Der Sauerteig blubberte leise.
„Mag sein.“
„Mag sein?“, lachte die Hefe. „Hast du keine Ziele? Keine Deadlines? Keine Produktivität?“
„Doch“, antwortete der Sauerteig. „Ein gutes Brot.“
Die Hefe schüttelte den Kopf.
„Du könntest viel erfolgreicher sein. Stell dir vor: weniger warten, mehr liefern. Vielleicht mehrere Brote gleichzeitig. Mit etwas Marketing könntest du sogar Sauerteig-Coach werden.“
Der Sauerteig sagte nichts.
Er blubberte einfach weiter.
Am nächsten Morgen kamen beide Teige in den Ofen.
Das Hefebrot war als Erstes fertig. Es sah wunderbar aus. Luftig, weich und beeindruckend hoch.
„Siehst du?“, flüsterte die Hefe stolz. „Schnelligkeit gewinnt.“
Kurz darauf kam auch das Sauerteigbrot aus dem Ofen.
Es war etwas dunkler. Die Kruste knackte leise. Der Duft erfüllte die ganze Bäckerei.
Die Kundschaft kam herein.
„Ein Sauerteigbrot, bitte…“
„Für mich auch…“
„Haben Sie noch eins…?“

© Qasim Khan
Das Hefebrot blieb natürlich nicht liegen. Es fand ebenfalls seine Käufer.
Doch schon am nächsten Tag war es trocken.
Das Sauerteigbrot hingegen schmeckte immer noch hervorragend. Manche behaupteten sogar, es sei jetzt noch besser.
Am Abend sass die Hefe etwas nachdenklich neben dem leeren Gärkorb.
„Weisst du“, sagte sie, „ich habe immer geglaubt, dass schneller automatisch besser bedeutet.“
Der Sauerteig lächelte.
„Manches wächst durch Geschwindigkeit.“ Er machte eine kleine Pause. „Und manches wächst nur durch Zeit.“
Dann blubberte er zufrieden weiter – ganz ohne Eile.
Julia Schmitter ist Studentin der PH Zürich.