Utopische Reise

Reise nach Kalino«Seit Julius Werkazy zurückdenken konnte, teilte er Probleme in zwei Kategorien ein: in solche, denen er ausweichen konnte, wie unbezahlte Rechnungen, und in solche, die er wohl nie loswerden würde, wie seinen eigenen Namen.» Bald hat der Detektiv alter Schule noch ganz andere Probleme am Hals. In der geheimnisvollen und futuristischen Stadt Kalino, in der die ewig jungen Menschen keinen Tod kennen, wurde ein Mord verübt. Der Gründer höchstpersönlich lädt Werkazy ins abgeschottete Paradies ein, um den Fall zu lösen. Aber wie sich zeigt, verbergen sich hinter den glücklich-oberfächlichen Fassaden auch dunkle Abgründe. Werkazy hält sich nichts ans Protokoll und mischt sich gleich am ersten Tag unters Volk. Wissen die Kalinianer, wie ihnen geschieht? Leben sie tatsächlich in einem Himmel auf Erden oder sind sie in einem seelenlosen Höllenlimbus gefangen?

Radek Knapp spielt geschickt mit utopischen Motiven und Elementen der Science-Fiction, erzählt aber eine altmodische Detektivgeschichte, die auf verblüffende und verstörende Weise den Irrsinn unserer Welt spiegelt.

Radek Knapp
Reise nach Kalino.
München u. Zürich: Piper, 2012.
255 Seiten

Ich lach dich tot – #2: Plié

Ich lach dich tot«Ich war nervös. Meine Lippen waren wund, weil ich auf ihnen herumkaute. Eigentlich war dies unangenehm, aber lassen konnte ich es trotzdem nicht. Ich sass im Zug, schaute aus dem Fenster und fragte mich, ob man mir meine Anspannung ansah.»

An einem milden Novemberabend wurden die Besucherinnen und Besucher der Therabierbar an der PH Zürich animiert, aus dem Stegreif eine Geschichte zu erzählen. Es folgten zwei Anlässe, an denen weitere Geschichten, Anekdoten und Gedichte gesammelt wurden. Das daraus entstandene Büchlein enthält ausgewählte heitere und makabere Beiträge, die schnell gesprochen und flott geschrieben wurden.

Bereits seit 2009 entsteht so jedes Jahr ein Büchlein. Gedruckte Exemplare aller Jahre können weiterhin zu je CHF 2.– beim Schreibzentrum erworben werden.

Reisen macht sprachlos

«Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Dies fiel mir schon ziemlich früh auf.»Cover Aichinger

Auf diese Provokation von Ilse Aichinger in den ersten Buchzeilen ist man geneigt zu kontern: Sind es nicht gerade die Begegnungen mit dem Fremden, die einem die Augen öffnen? Zugestanden: Nicht jeder Autor gewinnt dem Reisen so viel ab wie ein Christoph Ransmayr. Charles Baudelaire zum Beispiel scheiterte gründlich. Als er im 19. Jahrhundert per Schiff nach Indien wollte, um auf andere Gedanken zu kommen, hielt er es nur bis La Réunion aus. Er nahm dort das nächstbeste Schiff zurück in seine Pariser Heimat. Die ihm bekannten Wege inspirierten ihn weit mehr als alles Fremde.

Auch Isle Aichinger geht immer wieder die gleichen Wege. Konkret: jenen zwischen ihrer Wohnung in einem Wiener Hochhaus und dem Café «Demel». Dort findet sie ihre Geschichte(n). Die Aufzeichnungen beginnen am 11. September 2001 mit dem Attentat auf New York und enden mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Elfriede Jelinek. Man darf gespannt sein, wie weit Aichinger mit ihren Reiseutensilien – Papier und Bleistift – kommt.

Ilse Aichinger
Unglaubwürdige Reisen
Frankfurt am Main: Fischer, 2005. 187 Seiten

Von Menschen und Schwänen

Foto: © Hans-Peter Klauser / Fotostiftung Schweiz
Foto: © Hans-Peter Klauser / Fotostiftung Schweiz

Fotos erzählen Geschichten, im vorliegenden Fall zum Beispiel diese: Ein grosser weisser Schwan ging mit seinen grauen Schwanenkindern an Land, um Menschen anzusehen. Da trafen sie auf einen grossen schwarzen Mann mit vielen kleinen Menschlein. «Da schaut her», sagte der Schwan, «das sind Männedorfer. Sie leben in Häusern. Im Sommer kommen sie auf den See. Die Menschenkinder machen viel Lärm und spritzen wild um sich. Menschen schwimmen nicht so ruhig wie wir Schwäne.»
Der Lehrer seinerseits dürfte seinen Schülerinnen und Schülern auf dem naturkundlichen Streifzug zum Seeufer analoge Informationen über die Schwäne mit auf den Weg gegeben haben. Er überragt die Kinderschar, und seine Körperhaltung steht im Kontrast zur Ehrfurcht, der Neugierde und der Belustigung, die seine Schülerinnen und Schüler ausstrahlen. Er doziert und ist im Element.
Das Bild hat der Fotograf Hans-Peter Klauser 1936 in Männedorf aus der Schwanenperspektive aufgenommen. Es überrascht durch die Gegenüberstellung von Schwan und Lehrer, die sich auf Augenhöhe zu begegnen scheinen. Die Kinder und die jungen Schwäne mustern einander und bilden zwei konzentrische Halbkreise. Der Junge mit dem Fahrrad ist wie der Fotograf ein Aussenstehender. Er scheint vom Landgang der Schwäne fasziniert zu sein. Der Fotograf erkennt den Charme der Szene, bannt sie auf Film und erzählt uns so seine eigene kleine Geschichte.

(Fotografisches Fundstück von Thomas Hermann aus der Zeitschrift «Akzente» 3 (2014): S. 38.)

Tutorinnen und Tutoren schreiben für «Akzente»: Die Studi-Kolumne 3/2014

Akzente 3/2014: «Elternarbeit»Seit 2009 schreiben die Tutorinnen und Tutoren des Schreibzentrums für das Magazin der PH Zürich (neu: «Akzente»). In Heft 3/2014 zum Thema «Elternarbeit» denkt Carmen Luzi auf Seite‎ 25 über gute Vorsätze nach.

Ausstudiert – die Studierenden-Kolumne:
Carmen Luzi: «Und nächstes Mal … wird alles anders!»

Ich lach dich tot – #1: Ein ganz normaler Tag in Simbabwe

Ich lach dich tot«Mein Chef stellte früh morgens fest, dass heute der letzte Tag war, um unsere Auto-Vignetten zu erneuern. Ja, das gehört zu meinen Augaben. «Ich gebe dir die nötigen Unterlagen mit und du gehst zur Post. Dort wirst du alles finden!» rief er aus seinem Auto. «Ja, aber…?» Zu spät. Bis ich meine Frage ausgesprochen hatte, war er schon weg. Ich schaute verwirrt die Papiere an und dachte: «Naja, es wird ja wohl nicht so schwierig sein, diese Vignette zu bekommen.»»

An einem milden Novemberabend wurden die Besucherinnen und Besucher der Therabierbar an der PH Zürich animiert, aus dem Stegreif eine Geschichte zu erzählen. Es folgten zwei Anlässe, an denen weitere Geschichten, Anekdoten und Gedichte gesammelt wurden. Das daraus entstandene Büchlein enthält ausgewählte heitere und makabere Beiträge, die schnell gesprochen und flott geschrieben wurden.

Bereits seit 2009 entsteht so jedes Jahr ein Büchlein. Gedruckte Exemplare aller Jahre können weiterhin zu je CHF 2.– beim Schreibzentrum erworben werden.

Liebe und Verbrechen in Zeiten der Prohibition

Lehane: In der NachtDie Geschichte setzt mit einem kinoreifen Cliffhanger ein. Joe Coughlin sitzt gefesselt auf einem Schlepper im Golf von Mexiko. Seine Füsse stecken in einem Block Zement und ein Dutzend schwer bewaffneter Mobster warten darauf, ihn über Bord zu kippen. – Die aus Mafiafilmen bekannte Szene ist so einfach wie effektvoll, und sie wirft zwei dramaturgische Fragen auf, die auf den folgenden 500 Seiten beantwortet werden: Wie ist Joe in diese missliche Lage geraten, und wird die Sache für ihn glimpflich ausgehen? Lehane blendet sieben Jahre zurück und lässt den kriminellen Handlanger Joe in Boston erst einmal jener Frau über den Weg laufen, die alles ins Rollen gebracht hat.

Die ganze Rezension auf literaturkritik.de

Dennis Lehane
In der Zeit.
Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff.
Zürich: Diogenes, 2013.
592 Seiten.

Write my Fire – #16: I BI

Write My Fire!«I

BI

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CH

SG

MA

CH

T…

nie ändend

wärmi spändend

beschönend

betörend»

(Geschrieben zu: Johnny Cash – «Ring of Fire»)

Unter dem Motto «Write my Fire!» und inspiriert von den feurigsten Songs der letzten 50 Jahre schrieben Studierende und Mitarbeitende der PH Zürich gemeinsam Geschichten, Minidramen, Chats, Dialoge und vieles mehr. Dies anlässlich unseres Schreibevents zur Schweizer Erzählnacht 2012.

Bereits seit 2009 entsteht so jedes Jahr ein Büchlein. Die Vernissage des aktuellen Werks «Write My Fire!» begeisterte mit Lesungen und Live-Musik der Lokalband «November’s Fall» und fand am 10. April 2013 anlässlich unseres Jubiläumsfests in der PH Zürich statt. Gedruckte Exemplare aller Jahre können weiterhin zu je CHF 2.– beim Schreibzentrum erworben werden.

«Begib dich zum Zentrum der Gravitationskraft und finden deinen Planeten du wirst.»

Der Sog der Schwerkraft von Gae PolisnerMit fiebrigen Halluzinationen und einem gebrochenen Bein fängt es an. Für den 15-Jährigen Nick hat die Wirklichkeit aber noch ganz andere Abenteuer auf Lager. Zuerst verlässt sein übergewichtiger Vater die Familie, um 300 Kilometer nach New York zu wandern. Als dann Nicks bester Freund Scoot an jener seltenen Krankheit stirbt, die ihn mit fünfzehn greis wie Yoda aussehen lässt, verliert Nick beinah den Boden unter den Füssen. Da überredet ihn die smarte Jaycee zu einer heimlichen Reise. Die beiden Jugendlichen büxen aus, um Scoots letzten Wunsch zu erfüllen und dessen Vater eine Erstausgabe von John Steinbecks «Von Mäusen und Menschen» zurückzugeben. Doch wie in Steinbecks Geschichte kommt alles anders als geplant, und fast will es scheinen, als hätte der weise Scoot es so gewollt.

Gae Polisner
Der Sog der Schwerkraft.
München: cbj, 2014. 250 Seiten.

Kurzrezension von Daniel Ammann aus «Bücher am Sonntag», 29.6.2014, S. 12.

Das Gegenteil eines Krimis

das-groessere-wunder_hoch«Das Gestern stand klar vor ihm, das Soeben schwand, zerfloss, ungreifbar und verbraucht. An seinem Zelt wurde der erste Leichnam vorbeigetragen, notdürftig bedeckt mit einer im Wind flatternden Plane.»

So viel vorweg: Diese Leiche wird nicht der einzige Tote bleiben, dem wir in diesem Buch begegnen. Dabei ist das Buch quasi das Gegenteil eines Krimis. Die Hauptfigur, Jonas, begleiten wir als Leser einmal auf der Achterbahnt seiner Jugend und einmal auf einen Trip auf den Mount Everest.

Ein Schicksalsschlag im Jugendalter treibt Jonas in eine endlose Suche nach dem Extremen. Mit allem, was er hat, sträubt er sich gegen das Erwachsenwerden. Er reist um die Welt, lebt mal als Einsiedler mitten in Rom, mal als Rucksacktourist in Elendsvierteln und begegnet schliesslich Marie, seiner grossen Liebe. Der Roman ist ein rauschender Roadtrip und ein Fest des Hedonismus. Stellenweise übertritt er jedoch die Grenze zum Kitsch. Das Buch entwickelt aber eine derartige Sogwirkung, dass man es, einmal angefangen, nicht mehr aus den Händen gibt. Es ist lange her, seit ich einen Roman so schnell verschlungen haben wie diesen – ein grösseres Wunder.

Thomas Glavinic
Das grössere Wunder.
München: Hanser Verlag, 2013. 528 Seiten.