Asoziale Netzwerke?

Disconnect_012-1_webZwei Jugendliche geben sich im Chat als freizügiges Girl aus und setzen damit leichtfertig das Leben eines Mitschülers aufs Spiel. Ein Ehepaar spricht seit dem Tod seines Babys kaum noch miteinander. Sie sucht in einem Selbsthilfeforum Trost, er lenkt sich online mit Pokerspielen ab. Eine engagierte TV-Reporterin möchte einem Cam-Boy helfen, scheint ihn aber ebenso für ihre Zwecke zu missbrauchen wie der Betreiber der Porno-Website. In seinem Spielfilm Disconnect verwebt Regisseur Henry-Alex Rubin persönliche Schicksale und Parallelgeschichten zu einem Sittenbild der digitalisierten Gesellschaft – und er zeigt, dass «Soziale Medien» unser Zusammenleben nicht einfacher machen.
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Glaube, Liebe und Gesetz

McEwan KindeswohlKindeswohl ist ein Gerichtsdrama in Romanform: In fünf Kapiteln entfaltet sich die Handlung nachgerade lehrbuchmässig entlang der «Technik des Dramas». In der Exposition lernen wir die Heldin Fiona Maye und ihren Gatten Jack an einem Sonntagabend zu Hause kennen. Ein ehelicher Eklat macht den Auftakt, daneben erfahren wir viel über Fionas Alltag als Richterin am High Court, wo sie täglich diffizile Entscheidungen in Familienrechtsfragen fällt. Ein Anruf ihres Sekretärs kündigt den Fall an, um den es im Buch vor allem gehen wird: Ein Spital verlangt ein Eilverfahren und einen richterlichen Entscheid, damit ein 17-jähriger Leukämiepatient mittels Bluttransfusion behandelt werden darf. Die Eltern sowie der Jugendliche sind Zeugen Jehovas und lehnen die Behandlung aus religiöser Überzeugung ab.

Ausführliche Besprechung von Thomas Hermann in der NZZ vom 13. Jan. 2015, S. 41.

Ian McEwan
Kindeswohl
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Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Zürich: Diogenes, 2015. 224 Seiten.

Diogenes-Hörbuch, 5 CDs, 6 Std. 17 Min. Gelesen von Eva Mattes.
Hörprobe:

 

Reflexion im Portfolio

bräuer_Portfolio als Reflexionsmedium_coverDie Begriffe ‹Reflexion› und ‹Portfolio› lösen nicht nur positive Reaktion aus – sowohl bei Studierenden als auch bei Dozierenden. Indem angehende Lehrpersonen Praxis und Theorie verknüpfen, sollen sie zu lebenslangem Lernen angeregt werden. Auch Schreibpädagoge Gerd Bräuer geht von dieser Idealvorstellung aus und skizziert in seinem Vademecum schreibdidaktische Szenarien zu einer reflexiven Praxis. Er differenziert hierarchische Ebenen der Reflexion, welche die Studierenden auf ihrem Weg durchlaufen. In der wiederkehrenden Rubrik «Ideen für Ihre Lehre» gibt Bräuer praxiserprobte Vorschläge, wie Reflexionen in Lehrveranstaltungen eingesetzt und weiterentwickelt werden. Grossen Wert legt der Autor darauf, E-Portfolios anzupreisen. Diese schaffen seiner Meinung nach einen Mehrwert, indem sie unterschiedliche Dokumenttypen vereinen und neue Zusammenhänge erschliessen lassen. – Kurzrezension von Yves Furer aus den Medientipps der Zeitschrift «Akzente» 4 (2014): S. 35.

Gerd Bräuer
Das Portfolio als Reflexionsmedium für Lehrende und Studierende.
Opladen: Verlag Barbara Budrich, 2014. 128 Seiten.

Hörspiel-Tipp: Biss ins Gewissen

In meinem Hals steckt eine Weltkugel (CD-Cover)In Gerhard Meisters Hörspiel ist die Welt ein Ekel. Auf der einen Hälfte ersticken fette Zyniker im Überfluss, auf der andern setzen Notleidende ihre Arbeit «in einer Kruste von Erbrochenem» fort. Im Stück besprechen vier Stimmen, wie man sich in dieser Welt verhalten soll: «Soll ich auf mein Handy verzichten, weil ich weiss, unter welchen Bedingungen in Afrika Koltan abgebaut wird?» An Themen wie Organhandel oder Wohlstandsstress werden moralische Dilemmata beurteilt und zwingen einen zu einer Haltung irgendwo zwischen Gleichgültigkeit, Mitgefühl und Aktion. Das ist ein starkes Stück. Die Zuspitzungen führen aber auch zu Pauschalisierungen: Hier reich und narzisstisch, dort arm und bedürftig. Kurzatmig getaktete Redebeiträge verstärken die bedrohliche Stimmung, die mit dunklen Bässen und Hintergrundtönen erzeugt wird. Tipp: Zum Hörspiel gibt es bei «Éducation 21» ein Begleitdossier für den Unterricht.

Hörprobe:

Gerhard Meister. In meinem Hals steckt eine Weltkugel. Ein Hörspiel.
Mit Peter Brombacher, Katja Reinke, Sebastian Rudolph, Bettina Stucky. Musik: Martin Schütz. Regie: Erik Altorfer. Technik: Mirjam Emmenegger. Dramaturgie, Redaktion: Fritz Zaugg. Illustration, Layout: Luca Schenardi. Produktion Hörspiel: SRF 2012.
Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2013. Audio-CD, 52 Min.

Das Hörspiel wurde nominiert für den Prix Europa 2013 und den Grand Prix Nova 2014. Die Gestaltung des CD-Covers von Luca Schenardi wurde nominiert für Die Besten 2014 (Hochparterre) Kategorie Design.

(Medientipp von Alex Rickert aus der Zeitschrift Akzente 4 (2014): S. 34.

Doctorows Piratenkino

Pirate CinemaAutor, Blogger und Internetaktivist Cory Doctorow ist ein begnadeter Erzähler, der seine Anliegen auch in packenden Jugendromanen zum Thema macht. In seinem jüngsten Werk geht es um Filmkunst, Kreativität und Copyright im digitalen Zeitalter.
Der 16-jährige Ich-Erzähler Trent McCauley ist so etwas wie ein cineastischer DJ. Sämtliche Streifen seines Filmidols lädt er aus dem Netz herunter und montiert die Clips liebevoll zu neuen Abenteuern. Die Mashups finden eine schnell wachsende Fangemeinde, aber den mächtigen Filmstudios und ihren politischen Vasallen sind solche Machwerke ein Dorn im Auge. Selbst Teenager wandern hinter Gitter, wenn sich auf ihren Festplatten Songs und Filme finden, für die sie nicht bezahlt haben.
Der junge Remix-Künstler Trent sagt den Grosskonzernen auf kreative Weise den Kampf an und demonstriert der Welt, dass man auch ohne Kamera gute Filme produzieren kann.

Cory Doctorow
Pirate Cinema.
Aus dem Amerikanischen von Oliver Plaschka.
München: Wilhelm Heyne, 2014. 510 Seiten. Ab 14 Jahren.

Die ganze Rezension finden Sie in «Bücher am Sonntag» vom 7.12.2014, S. 14.

Utopische Reise

Reise nach Kalino«Seit Julius Werkazy zurückdenken konnte, teilte er Probleme in zwei Kategorien ein: in solche, denen er ausweichen konnte, wie unbezahlte Rechnungen, und in solche, die er wohl nie loswerden würde, wie seinen eigenen Namen.» Bald hat der Detektiv alter Schule noch ganz andere Probleme am Hals. In der geheimnisvollen und futuristischen Stadt Kalino, in der die ewig jungen Menschen keinen Tod kennen, wurde ein Mord verübt. Der Gründer höchstpersönlich lädt Werkazy ins abgeschottete Paradies ein, um den Fall zu lösen. Aber wie sich zeigt, verbergen sich hinter den glücklich-oberfächlichen Fassaden auch dunkle Abgründe. Werkazy hält sich nichts ans Protokoll und mischt sich gleich am ersten Tag unters Volk. Wissen die Kalinianer, wie ihnen geschieht? Leben sie tatsächlich in einem Himmel auf Erden oder sind sie in einem seelenlosen Höllenlimbus gefangen?

Radek Knapp spielt geschickt mit utopischen Motiven und Elementen der Science-Fiction, erzählt aber eine altmodische Detektivgeschichte, die auf verblüffende und verstörende Weise den Irrsinn unserer Welt spiegelt.

Radek Knapp
Reise nach Kalino.
München u. Zürich: Piper, 2012.
255 Seiten

Reisen macht sprachlos

«Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Dies fiel mir schon ziemlich früh auf.»Cover Aichinger

Auf diese Provokation von Ilse Aichinger in den ersten Buchzeilen ist man geneigt zu kontern: Sind es nicht gerade die Begegnungen mit dem Fremden, die einem die Augen öffnen? Zugestanden: Nicht jeder Autor gewinnt dem Reisen so viel ab wie ein Christoph Ransmayr. Charles Baudelaire zum Beispiel scheiterte gründlich. Als er im 19. Jahrhundert per Schiff nach Indien wollte, um auf andere Gedanken zu kommen, hielt er es nur bis La Réunion aus. Er nahm dort das nächstbeste Schiff zurück in seine Pariser Heimat. Die ihm bekannten Wege inspirierten ihn weit mehr als alles Fremde.

Auch Isle Aichinger geht immer wieder die gleichen Wege. Konkret: jenen zwischen ihrer Wohnung in einem Wiener Hochhaus und dem Café «Demel». Dort findet sie ihre Geschichte(n). Die Aufzeichnungen beginnen am 11. September 2001 mit dem Attentat auf New York und enden mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Elfriede Jelinek. Man darf gespannt sein, wie weit Aichinger mit ihren Reiseutensilien – Papier und Bleistift – kommt.

Ilse Aichinger
Unglaubwürdige Reisen
Frankfurt am Main: Fischer, 2005. 187 Seiten

Liebe und Verbrechen in Zeiten der Prohibition

Lehane: In der NachtDie Geschichte setzt mit einem kinoreifen Cliffhanger ein. Joe Coughlin sitzt gefesselt auf einem Schlepper im Golf von Mexiko. Seine Füsse stecken in einem Block Zement und ein Dutzend schwer bewaffneter Mobster warten darauf, ihn über Bord zu kippen. – Die aus Mafiafilmen bekannte Szene ist so einfach wie effektvoll, und sie wirft zwei dramaturgische Fragen auf, die auf den folgenden 500 Seiten beantwortet werden: Wie ist Joe in diese missliche Lage geraten, und wird die Sache für ihn glimpflich ausgehen? Lehane blendet sieben Jahre zurück und lässt den kriminellen Handlanger Joe in Boston erst einmal jener Frau über den Weg laufen, die alles ins Rollen gebracht hat.

Die ganze Rezension auf literaturkritik.de

Dennis Lehane
In der Zeit.
Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff.
Zürich: Diogenes, 2013.
592 Seiten.

«Begib dich zum Zentrum der Gravitationskraft und finden deinen Planeten du wirst.»

Der Sog der Schwerkraft von Gae PolisnerMit fiebrigen Halluzinationen und einem gebrochenen Bein fängt es an. Für den 15-Jährigen Nick hat die Wirklichkeit aber noch ganz andere Abenteuer auf Lager. Zuerst verlässt sein übergewichtiger Vater die Familie, um 300 Kilometer nach New York zu wandern. Als dann Nicks bester Freund Scoot an jener seltenen Krankheit stirbt, die ihn mit fünfzehn greis wie Yoda aussehen lässt, verliert Nick beinah den Boden unter den Füssen. Da überredet ihn die smarte Jaycee zu einer heimlichen Reise. Die beiden Jugendlichen büxen aus, um Scoots letzten Wunsch zu erfüllen und dessen Vater eine Erstausgabe von John Steinbecks «Von Mäusen und Menschen» zurückzugeben. Doch wie in Steinbecks Geschichte kommt alles anders als geplant, und fast will es scheinen, als hätte der weise Scoot es so gewollt.

Gae Polisner
Der Sog der Schwerkraft.
München: cbj, 2014. 250 Seiten.

Kurzrezension von Daniel Ammann aus «Bücher am Sonntag», 29.6.2014, S. 12.

Das Gegenteil eines Krimis

das-groessere-wunder_hoch«Das Gestern stand klar vor ihm, das Soeben schwand, zerfloss, ungreifbar und verbraucht. An seinem Zelt wurde der erste Leichnam vorbeigetragen, notdürftig bedeckt mit einer im Wind flatternden Plane.»

So viel vorweg: Diese Leiche wird nicht der einzige Tote bleiben, dem wir in diesem Buch begegnen. Dabei ist das Buch quasi das Gegenteil eines Krimis. Die Hauptfigur, Jonas, begleiten wir als Leser einmal auf der Achterbahnt seiner Jugend und einmal auf einen Trip auf den Mount Everest.

Ein Schicksalsschlag im Jugendalter treibt Jonas in eine endlose Suche nach dem Extremen. Mit allem, was er hat, sträubt er sich gegen das Erwachsenwerden. Er reist um die Welt, lebt mal als Einsiedler mitten in Rom, mal als Rucksacktourist in Elendsvierteln und begegnet schliesslich Marie, seiner grossen Liebe. Der Roman ist ein rauschender Roadtrip und ein Fest des Hedonismus. Stellenweise übertritt er jedoch die Grenze zum Kitsch. Das Buch entwickelt aber eine derartige Sogwirkung, dass man es, einmal angefangen, nicht mehr aus den Händen gibt. Es ist lange her, seit ich einen Roman so schnell verschlungen haben wie diesen – ein grösseres Wunder.

Thomas Glavinic
Das grössere Wunder.
München: Hanser Verlag, 2013. 528 Seiten.