«Fremdsprachen können die Differenz ausmachen»

Romain Hofer kennt als Leiter «Marketing und Kommunikation» des Personalvermittlungsunternehmens «Manpower Schweiz» die Sprachanforderungen der Arbeitgebenden wie auch die Fremdsprachenkompetenzen der Arbeitnehmenden. Er beobachtet, dass zunehmend auch ein Wissen um die Kultur hinter einer Sprache gefordert wird.

Romain Hofer, Leiter «Marketing und Kommunikation» des Personalvermittlungsunternehmens «Manpower Schweiz». Foto: Nelly Rodriguez

Romain Hofer, Leiter «Marketing und Kommunikation» des Personalvermittlungsunternehmens «Manpower Schweiz». Foto: Nelly Rodriguez

Akzente: Welche Bedeutung haben Fremdsprachen heute in den Unternehmen?
Hofer: Fremdsprachen haben in der Schweiz nach wie vor eine sehr grosse Bedeutung. Bei zwei sehr guten Bewerbungsdossiers gewinnt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Person, die mehr Sprachen kann. Denn Sprachkenntnisse zeigen auch, dass eine Person Neuem gegenüber offen ist. Fremdsprachen haben auch einen Einfluss auf den Monatslohn: Für die Westschweiz schätzt man, dass Deutschkenntnisse durchschnittlich 300 Franken mehr Monatslohn bringen, bei Englisch spricht man von 150 Franken. Das ist ziemlich einfach zu erklären, denn es gibt weniger Leute, die gut Deutsch sprechen als solche, die Englisch beherrschen.

Wie hat sich die Bedeutung von Fremdsprachen in der Schweiz verändert?
Für Englisch gilt: Während früher das «First Certificate» als Minimum verlangt wurde, bewegen sich die Erwartungen heute für viele Berufe in Richtung C-Niveau und somit auf die dritte und höchste Stufe des internationalen Referenzrahmens. In internationalen Firmen, die in der Schweiz ihren Hauptsitz haben, beobachten wir zudem eine interessante Tendenz: Mehrsprachigkeit ist heute eine zentrale Erwartung, womit nicht nur die Sprache gemeint ist. Mitarbeitende müssen neben den Sprachkenntnissen zunehmend auch ein kulturelles Wissen mitbringen. Wo kulturelle Aspekte stark gewichtet werden, kann neben Englisch und der Landessprache auch eine exotische Muttersprache wie Vietnamesisch von Vorteil sein, selbst wenn diese im Beruf nicht gebraucht wird. Man vermutet, dass sich solche Personen gut in einem multikulturellen Umfeld bewegen können. In den letzten Jahren ist bei unseren Kunden in der Westschweiz zudem die Nachfrage nach Deutsch gestiegen, in Zürich erhält Französisch eine immer grössere Bedeutung.

Welches sind heute die wichtigsten Fremdsprachen?
Nach wie vor sind dies primär Deutsch, Französisch und Englisch. Im Bau- und Produktionssektor sind natürlich Sprachen wie Portugiesisch, Spanisch oder slawische Sprachen wichtig. Von Teamleitern werden in diesem Sektor in den letzten Jahren primär Kompetenzen in einer Landessprache verlangt und nicht mehr wie früher in den Muttersprachen der Mitarbeitenden. Tendenziell gilt: Je höher die Hierarchiestufe, desto mehr Sprachen sollte man sprechen und verstehen.

Sind grundsätzlich mündliche oder schriftliche Kompetenzen wichtiger?
Das ist stark vom Sektor, Kompetenzniveau und den Kommunikationskanälen abhängig. Für die Korrespondenz auf elektronischem Weg stehen uns heute neben den Korrekturprogrammen immer mehr Vorlagen zur Verfügung. Durch diese Vereinfachung werden die schriftlichen Anforderungen zum Teil reduziert. Andererseits verlangen Firmen heute eine fehlerfreie Kommunikation als Teil des Images, und durch Social Media werden Fehler heute viel schneller und breiter bekannt. Deshalb ist in manchen Bereichen mehr schriftliche Perfektion verlangt als früher.

In Stellenausschreibungen werden hinsichtlich Sprachkenntnisse zum Teil scheinbar überrissene Anforderungen gestellt. Fordern Arbeitgebende Sprachkenntnisse, die im Job gar nicht angewandt werden?
Wenn man eine Mitarbeiterin sucht mit fünf Sprachen auf C-Niveau, obwohl sie diese für die ausgeschriebene Stelle nicht benötigt, wird das durch den Markt automatisch reguliert. Solche Leute sind auf einem Markt mit einer gewissen Talentknappheit schwierig zu finden und haben daher einen hohen Preis. Wenn ein Unternehmen in Fremdsprachenkenntnisse investiert und einen höheren Lohn bezahlt, dann will es auch einen Return on Investment, das heisst, der Gebrauch ist quasi ein Must. Natürlich können die Anforderungen zwischen Stellenausschreibung, Dossiertriage, Gespräch und dem tatsächlichen Arbeitsvertrag abnehmen. Generell wird in der Jobbeschreibung aber nicht doppelt so viel verlangt, wie im Beruf nötig ist. Die Ausschreibungen sind in letzter Zeit trans­parenter geworden, auch dank der Standardisierung durch den Europäischen Referenzrahmen.

Wie schätzen Sie die Sprachkompetenzen der Arbeitnehmenden ein?
Die Sprachkompetenzen haben sich verschoben. Die Schere zwischen Personen, die gute, und solchen, die weniger gute Fremdsprachenkenntnisse haben, öffnet sich nach unseren Beobachtungen immer weiter. Bei Personen, die Fremdsprachen als wichtig einschätzen – oftmals Hochschulabgänger – haben sich die Kenntnisse deutlich verbessert. Auf der anderen Seite gibt es heute Leute, die wenig Wert auf Fremdsprachen legen. Das ist gefährlich, weil Sprachkenntnisse bei einer Bewerbung die Differenz ausmachen können.

Und wie schätzen die Arbeitnehmenden ihre Sprachkenntnisse ein?  
Das ist stark von der Kultur abhängig. In der Schweiz schätzen sich unsere Kandidatinnen und Kandidaten immer noch zu tief ein. Wenn ein Schweizer sich bewirbt, hat er fast mit Sicherheit bessere Fremdsprachenkenntnisse, als er dies in seinem Lebenslauf angibt. Bei Deutschen und Franzosen ist es tendenziell umgekehrt. Jugendliche überschätzen sich eher. Das ist eine neue Entwicklung und hat auch mit der Art, wie man heute Sprachen lernt, zu tun. Gerade im Englischen haben die Jugendlichen schnell das Gefühl, die Sprache ganz gut zu beherrschen, wenn sie Songtexte kennen oder eine Zeit im Ausland verbracht haben. Zwischen Alltagssprache unter Kolleginnen und Kollegen und der Sprache im Beruf besteht aber ein grosser Unterschied. Dies ist jedoch nicht unbedingt nur negativ. Eine Sprache zu leben, bedingt auch eine gewisse Selbstsicherheit und Lockerheit.

Wie fördern die Betriebe die Sprachkompetenzen ihrer Mitarbeitenden?
Da gibt es auf jeden Fall Nachholbedarf. Je grösser eine Firma ist, desto mehr kann sie in die Mitarbeitenden investieren, doch Weiterbildung ist nicht immer nur eine Kostenfrage, sondern oft eine Frage der Firmenkultur. Heute bestehen immer mehr Möglichkeiten, Sprachen sehr kostengünstig zu lernen, etwa über Online-Kurse. Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden besser über solche Kanäle informieren oder diese zur Verfügung stellen.

Wo und bei wem sehen Sie Handlungsbedarf?
Ich denke, dass Sprachen weniger trocken vermittelt werden sollten. Denn Sprachen lernt nur, wer Spass daran hat. Mit der Sprache sollte man immer auch die Kultur dahinter vermitteln. Meine Tochter hat beispielsweise eine sehr engagierte Deutschlehrerin, die unter anderem einen Austausch mit einer Innerschweizer Klasse gemacht hat. Das ist ein toller Weg, um kulturelle Unterschiede kennenzulernen und sich über diese hinweg auszutauschen. Doch solche Projekte erfordern viel Zeit, Energie und persönliche Motivation.

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Über Romain Hofer

Romain Hofer war schon als Kind mit verschiedenen Sprachen konfrontiert. In Lausanne geboren, verbrachte er die ersten Lebensjahre in Zürich, ohne von seinen Westschweizer Eltern Deutsch zu lernen. Den Vater zu verstehen, wenn dieser mit Deutschschweizer Kollegen sprach, wurde zu einem wichtigen Ziel, auch nach der Rückkehr in die Westschweiz.

Nach dem Studium der Betriebswissenschaften an der Universität Lausanne nahm Hofer bewusst eine Stelle bei der UBS in Zürich an. In den folgenden Positionen im Marketing bei Schweizer Unternehmen und Institutionen waren seine Deutschkenntnisse stets von grosser Bedeutung, auch in seiner heutigen Position.

Der 44-Jährige wohnt mit seiner Frau und der 11-jährigen Tochter in Prilly bei Lausanne, arbeitet gerne im Garten und sammelt Vintage-Werbungen. Sport in der Natur bezeichnet er als wichtigen Ausgleich zur Arbeit. Am Tag des Interviews war er schon um 6.30 Uhr mit dem Ruderboot auf dem Lac Léman. Privat spricht Hofer immer noch lieber Französisch als Deutsch.

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