«Eine tolle Idee – das werden wir zuhause auch mal machen»

Kinder werden heute mit Smartphone, Tablet und Computer gross. Deren Bedienung ist oft kinderleicht, doch der Umgang mit den neuen Technologien und digitalen Medien weckt gewisse Unsicherheiten. Deshalb hat die Primarschule Untersiggenthal das Thema in einem von der PH Zürich organisierten Familien-Medienbildungsmorgen für Eltern und Kinder aufgegriffen.

Wie sieht eigentlich das Herz eines Computers aus? Und wo sitzt sein Gehirn? «Das werden wir jetzt gleich herausfinden», sagt Thomas Staub und teilt einen Stapel ausgedienter Laptops aus. Im Workshop «Blick in den Computer» bringt der Dozent für Medienbildung an der PH Zürich den Eltern und Kindern das Innenleben und die Funktionsweise dieses alltäglichen und doch so abstrakten Gegenstands näher. Mit Miniatur-Schraubenziehern machen sich die Mütter, Väter, Söhne und Töchter ans Werk. «Zuhause bitte nicht nachmachen», ermahnt Fachmann Staub die Kinder, die es kaum erwarten können, die Computer in ihre Einzelteile zu zerlegen.
Der Akku ist schnell ausgebaut. Die Schale lässt sich auch noch leicht entfernen. Dann aber geht es ans Eingemachte, und daran kann man sich schon mal die Zähne ausbeissen. «Wenn es so schwierig ist, einen Computer auseinanderzunehmen, wie schwierig ist es dann erst, ihn zusammenzubauen?», meint Susan Greulich lachend, während ihr Sohn Tobija mit seinem Freund Samuel etwas ratlos die vielen Bausteine betrachtet, die sie soeben freigelegt haben. Wie weiter? Wenn selbst der kleinste Schraubenzieher zu gross ist, muss man sich etwas einfallen lassen. «Hier, probier es mal damit», sagt Greulich zu ihrem Sohn und reicht ihm eine Büroklammer. Eine gute Idee. Eifrig werkelt der Sechsjährige weiter. «Von den vier Workshops, die zur Auswahl standen, wollte Tobija unbedingt diesen hier besuchen. Er interessiert sich sehr für Computer», weiss seine Mutter. Susan Greulich findet den Medienbildungsmorgen eine gute Idee und schätzt das Angebot. «Der richtige Umgang mit Medien ist ein wichtiges Thema im Familienalltag. Wie viel braucht es? Was ist zu viel? Und wie kann man die Kinder sinnvoll an die Medien und neuen Technologien heranführen? Solche Fragen beschäftigen uns Eltern natürlich.»

Vielfältige Anwendungen entdecken
Genau diese Fragen sollen mit dem Familien-Medienbildungsmorgen aufgegriffen werden. Bereits zum zweiten Mal führt die Primarschule Untersiggenthal in Zusammenarbeit mit der PH Zürich diesen Anlass für Kinder der 2. Kindergartenstufe und ihre Eltern durch. «Wir setzen uns als Schulteam schon seit längerem intensiv mit Medienbildung auseinander», sagt Schulleiterin Silvia Mallien.
Das Thema wird nicht nur im normalen Unterricht vermehrt aufgegriffen, alle zwei Jahre findet zudem stufenübergreifend ein Medienmonat statt. «Dabei haben wir bei den Mittelstufenklassen festgestellt, dass viele Kinder gar nicht recht wissen, wozu sie die verschiedenen Medien und Geräte nutzen können. Dass man etwa mit dem Tablet viel mehr machen kann, als nur Videos auf  Youtube anzuschauen», erzählt die Schulleiterin. Deshalb hat die Schule beschlossen, bereits die Kindergartenkinder im Rahmen des Medienbildungsmorgens mit den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Medien vertraut zu machen. «Es ist wichtig, möglichst früh mit der Medienbildung zu beginnen», sagt Silvia Mallien, «denn die Kinder sind heutzutage von klein an stark mit Medien und digitalen Geräten konfrontiert.» Ein Umstand, der die Väter und Mütter vor einige Herausforderungen stellt und nicht selten verunsichert. Hier soll der Medienbildungsmorgen Abhilfe schaffen, differenziert informieren und orientieren. Und auch relativieren. «Es ist ein Mythos, zu glauben, dass ein Kind automatisch klüger wird, wenn es sich mit dem Computer oder Smartphone beschäftigt», sagt Mallien. Verbieten solle man den Kindern solche Medien aber auch nicht. «Vielmehr geht es darum, sie an diese Technologien heranzuführen, indem man ihnen eine altersgerechte Nutzung anbietet.»
Wie das geht, zeigt das Medienbildungs-Team der PH Zürich an diesem Morgen in vier verschiedenen Workshops, die in Absprache mit der Schule entwickelt wurden. Je nachdem für welches Angebot sich die einzelnen Familien entschieden haben, werfen sie einen Blick in den Computer, erzeugen eigene Soundeffekte, machen magische Fotos oder produzieren selber einen Trickfilm.

Digitales Daumenkino
«Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach ist, selber einen Trickfilm zu machen», meint Issa Emad erstaunt. Das Tablet auf dem Tisch eingespannt, macht eine ihrer Töchter Fotos, während die andere die zuvor ausgemalten und ausgeschnittenen Papierfiguren zentimeterweise über den Boden bewegt. Die Geschichte haben sich die beiden Mädchen zu Beginn selber ausgedacht. Und sie geht so: Zunächst steht der kleine Elefant alleine auf der Wiese. Dann nähert sich die Maus Schritt für Schritt, springt in hohem Bogen auf den Elefanten und reitet mit ihm durch die Landschaft. In viele Kleinstbewegungen eingeteilt, ergibt sich daraus eine Bilderreihe. Diese wird mit Hilfe einer App zusammengefügt und verwandelt sich, hintereinander abgespielt, in einen Film. Ein digitales Daumenkino sozusagen. «Es ist interessant zu sehen, was man mit dem Tablet alles machen kann», sagt Issa Emad. «Sonst schauen meine Töchter  darauf immer nur Videos. Aber mit dieser App können sie selber etwas gestalten. Eine tolle Idee, das werden wir zuhause auch mal machen.»

Produzieren statt nur konsumieren
Ziel des Medienbildungsmorgens ist aber nicht nur, Interesse an der Technologie zu wecken und Ideen für den kreativen Einsatz von Tablets oder Smartphones aufzuzeigen, sondern die Eltern auch für die Wirkung der Medien auf die Kinder und mögliche Gefahren zu sensibilisieren und Ideen für den familiären Alltag mit Medien mitzugeben. Zu diesem Zweck hält Friederike Tilemann, Dozentin für Medienbildung an der PH Zürich, zwischen den Workshops ein Referat. «Medienbildung findet nicht nur mit elektronischen Geräten statt», sagt sie den Eltern. «Es geht auch darum, sich mit dem Kind über Medieninhalte zu unterhalten, zum Beispiel über die Szenen, die es im Fernsehen gesehen hat.» Denn Kinder nehmen das Gesehene anders wahr. «Es fällt ihnen beispielsweise schwer zu unterscheiden, ob etwas gespielt oder echt ist.» Während uns Erwachsenen klar ist, dass eine Person im Film nicht wirklich stirbt, können Kinder diese Abstraktion in der Regel noch nicht machen. Zudem hänge ihre Wahrnehmung stark von ihrer eigenen Lebenswelt ab, weiss Tilemann und fordert die Eltern auf: «Lassen Sie sich von Ihrem Kind einmal einen Film erzählen. Das ist sehr interessant. Sie erfahren dann nämlich häufig auch, welche Themen das Kind in seinem Leben gerade beschäftigen.»
In ihrem Vortrag zeigt die Dozentin auf, dass Medienkompetenz weit mehr ist als die korrekte Handhabung eines Geräts. «Es ist viel schwieriger, einen Apfel zu schälen, als ein Tablet zu bedienen. Dass Kinder die richtigen Gesten auf dem Touchscreen ausführen, bedeutet noch lange nicht, dass sie Medien durchschauen.» Kompetent ist, wer sich kritisch mit Medien auseinandersetzt, sie gezielt anwendet und als Werkzeug zu nutzen weiss. «Versuchen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, selber etwas mit Medien zu gestalten, zum Beispiel ein Fotoalbum oder eine Fotogeschichte», ermutigt Tilemann die Eltern. «Man muss kein Computerfreak sein, um sein Kind in Sachen Medien gut begleiten zu können.»

Bis auf die Tasten seziert
Kleine Computerfreaks scheinen Tobija und Samuel bereits jetzt zu sein, so hartnäckig wie die beiden Buben den Laptop Stück für Stück zerlegt haben. «Schaut alle mal schnell her, ich will euch bei dieser Gruppe hier etwas zeigen», sagt Workshop-Leiter Thomas Staub und beugt sich über Tobijas und Samuels Laptop. «Wenn ihr hier mit den Fingernägeln draufdrückt, könnt ihr den Arbeitsspeicher herausnehmen. Das ist sozusagen das Kurzzeitgedächtnis des Computers.» Damit geben sich die beiden Buben noch lange nicht zufrieden. Sie sezieren weiter, bis der Laptop bis auf die letzte Taste in seine Einzelteile zerlegt ist. Thomas Staub schmunzelt und macht sich daran, das Gerät behelfsmässig wieder zusammenzusetzen. Damit auch die nächste Gruppe noch die Chance hat, den Computer auf Herz und Nieren zu prüfen.

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Weitere Informationen zum Angebot «Familien-Medienbildung» der PH Zürich: tiny.phzh.ch/familientag

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