Qasim A. Khan

Ich sehe sie als eine, die lernt. Nicht nur aus Büchern, sondern aus Gesten, aus Sprache, aus Zurückhaltung. In ihr verbinden sich Bildung und Anstand so selbstverständlich, dass nichts vorgeführt wirkt. Sie geht ihren Weg still, beinahe wie jemand, der sich einer inneren Ordnung verpflichtet weiss.
Mich beeindruckt, wie sorgfältig sie wirkt und zugleich wie schlicht. Wie ernst sie ist, ohne streng zu sein. Wie ruhig, ohne fern zu wirken. Würde scheint bei ihr kein Ziel zu sein, sondern ein Zustand. Schweigen ist für sie kein Rückzug, sondern Ausdruck.
Nichts an ihr wirkt zufällig, nichts absichtlich. Als hätte selbst das Unruhige bei ihr gelernt, Mass zu halten.
In ihrem Gesicht finde ich weder grelle Freude noch erschöpfte Schwermut. Keine Überladung der Gefühle, keine Müdigkeit des Empfindens. Alles ist klar, gesammelt, frei von innerem Lärm. Sie trägt ihre Stimmungen, statt sie zu zeigen.
Sobald ich da bin, verändert sich ihr Schweigen. Es wird feiner, genauer, gedankenvoller, überlegter. Nicht abweisend, nicht offen, sondern suchend. Als würde etwas in ihr plötzlich denken; als würde aus einer entrückten Gestalt für einen Augenblick eine Fragende werden.
Doch sie öffnet sich nicht – nicht mir. Vielleicht nicht einmal sich selbst. Ich stosse an eine Grenze, die nicht hart ist, sondern still. Eine solche Rätselhaftigkeit habe ich selten gesehen. Je näher man ihr kommt, desto mehr bleibt sie bei sich.
Wenn sich alle versammeln, wenn Namen genannt und Wege angeboten werden, tritt sie nicht vor. Sie sucht keine Vorstellung, keine Bühne. Sie bleibt zurück, unbewegt, als wüsste sie, dass Nähe nicht gemacht wird, sondern entsteht.
Und ich bleibe der, der schaut – nicht der, der nimmt.
Qasim A. Khan ist Tutor am Schreibzentrum der PH Zürich.