Als ich heute Morgen das Schulhaus betrat, da verstand ich zum ersten Mal …

Selina Flury

… dass ich nicht mehr eine von ihnen war. Sie standen vor dem Eingang in ihrer Traube, wie immer, die Köpfe über ein Handy gebeugt, und eine lachte zu laut. Ich kenne dieses Lachen. Ich kenne es von innen. Und trotzdem ging ich an ihnen vorbei, mit meinem Kaffee und meinem Schlüsselbund, und sie machten mir Platz, ganz selbstverständlich, so wie man eben einer Lehrerin Platz macht. Aus den Augen aus dem Sinn. Oder eben auch nicht.

Wo hört die Kindheit auf? © Selina Flury

Den ganzen Morgen liessen mich diese Köpfe nicht los. Ich weiss noch genau, wie es sich anfühlt, da unten zu stehen – das ständige Schielen, ob man dazugehört, das Gewicht eines falschen Wortes, die Überzeugung, dass dieser eine Nachmittag über alles entscheidet. Ich kenne jeden ihrer Gedanken, könnte sie mitsprechen wie einen alten Liedtext. Und gleichzeitig bin ich meilenweit weg. Wann genau bin ich auf die andere Seite gewechselt, und wie konnte ich das nicht bemerken?

Aber ist das denn schlimm? Eigentlich ist es ja schön, dass man sich erinnert, ohne noch mittendrin zu stecken. Ich muss nicht mehr zu laut lachen. Ich weiss jetzt, dass der eine Nachmittag eben nicht über alles entscheidet – und genau deshalb kann ich für diese Teenagerinnen ein wenig von dem Boden sein, der mir damals gefehlt hat. Man verliert die Jugend nicht, man rückt nur einen Schritt zur Seite, gerade so weit, dass die Hand frei wird, um sie jemandem hinzuhalten. Jemandem, der genauso auf der Suche ist, wie ich es damals war.

Selina Flury ist Tutorin am Schreibzentrum der PH Zürich.

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