Petra Kamm
Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal vor meiner Mama geweint hatte. Die Tränen waren intimer als vieles, was ich in letzter Zeit offenbarte. Denn Tränen bedeuteten Schwäche, und das war etwas, was ich nicht zeigen wollte. Dass ich schwach war. Ich wollte stark sein.
Und dennoch standen wir beide an diesem Abend im Flur, die Arme umschlungen und verabschiedeten uns voneinander. «Ich bin nicht gut im Abschied nehmen», sagte ich mit belegter Stimme, die so leise war, dass sie beinahe brach. Unmittelbar folgten dem Satz die Tränen. Mama schlang ihre Arme fester um meinen bebenden Körper, um mich zu trösten. Sie wusste nicht, wann ihre Tochter das letzte Mal vor ihr geweint hatte.
Ich löste mich aus der Umarmung und wischte mir mit peinlichem Lachen die nassen Spuren mit dem Handrücken weg. Ein scheiternder Versuch, die Stimmung aufzuheitern. Dabei war die Trauer so stark, dass sie nicht überspielt werden konnte. Niemand sagt einem, dass das Heimweh VOR dem Weggehen am stärksten ist. Denn das würde ich bald. Weggehen. Der erneute Gedanke daran liess alle Maskierungsversuche scheitern und wieder liefen Tränen über meine geröteten Wangen.
«Du wirst ganz viel Spass haben», versprach meine Mutter mit dem Versuch, ihre Tochter zu besänftigen. Es war eine typische Floskel, die die Situation überhaupt nicht verbesserte und einfach nur zeigte, weshalb ich so selten vor meinen Eltern weinte. Diese hatten nie gelernt, mit den Gefühlen ihrer erwachsenen Tochter umzugehen. Aufgeschlagene Knie liessen sich viel einfacher heilen als ein gebrochenes Herz. Deshalb kümmerte ich mich immer selbst um meine Gefühle. Ich fand Emotionen zu stark und weinen zu tröstlich und lullte mich gerne in meiner Trauer ein. Man musste Gefühle schliesslich fühlen, damit sie weggingen. Aber ich musste sie nicht unbedingt teilen. Vor allem nicht mit meiner Mama.

(c) Petra Kamm
Petra Kamm ist Tutorin im Schreibzentrum der PH Zürich.