{"id":6447,"date":"2026-03-31T06:00:00","date_gmt":"2026-03-31T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/?p=6447"},"modified":"2026-03-26T13:45:14","modified_gmt":"2026-03-26T12:45:14","slug":"zehn-wochen-die-verandern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/zehn-wochen-die-verandern\/","title":{"rendered":"Zehn Wochen, die ver\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"\n<p>Text von <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/ueber-die-phzh\/organisation\/personen\/mitarbeitendenportraet\/?username=rene.schneebeli\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ren\u00e9 Schneebeli<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Basierend auf aktuellen Studienergebnissen werfen wir einen Blick auf die transformative Kraft der Intensivweiterbildung der Sekundarstufe II. So viel vorneweg: Die IWB wirkt tiefer als man denkt und anders als man erwartet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Keine gew\u00f6hnliche Weiterbildung<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Intensivweiterbildung (IWB) ist ein Sonderfall im Z\u00fcrcher Bildungswesen. Nach zw\u00f6lf unbefristeten Dienstjahren erhalten Lehrpersonen an Berufsfachschulen das Recht auf eine zehnw\u00f6chige Freistellung vom Unterricht; bezahlt, mit Stellvertretung und auf Wunsch begleitet durch die PH Z\u00fcrich. Was sie in dieser Zeit tun, bestimmen sie weitgehend selbst. Das klingt nach Sabbatical. Ist es aber nicht: Die gesetzliche Regelung verlangt ein Projekt, eine Standortbestimmung und ein Ziel, das auch der Schule dient. Genau diese Mischung aus Freiheit und Verbindlichkeit, so zeigt eine aktuelle Forschungsarbeit des Autors, macht den Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom Argwohn zur Erkenntnis<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Studie \u00abWas ver\u00e4ndert die Intensivweiterbildung?\u00bb wurden elf Absolvent:innen aus verschiedenen Jahrg\u00e4ngen interviewt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Manche berichten, dass sie anfangs nicht wussten, was sie mit der geschenkten Zeit anfangen sollten. Andere geben zu, dem Begleitprogramm zun\u00e4chst keinen Mehrwert zugestanden oder es f\u00fcr esoterisch gehalten zu haben. Und wieder andere sagen, dass die positiven Effekte verblassen k\u00f6nnen, wenn das schulische Umfeld den R\u00fcckkehrenden keinen Raum f\u00fcr Ver\u00e4nderung l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6448\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026.jpeg 1024w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026-300x225.jpeg 300w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026-768x576.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Begleitprogramm zur IWB: Mehrwert oder nicht?<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was sich wirklich ver\u00e4ndert<\/h2>\n\n\n\n<p>Und trotzdem \u2013 oder gerade deswegen: Die IWB wirkt. Nicht prim\u00e4r auf der Ebene neuer Unterrichtsmethoden oder fachlicher Zertifikate, obwohl das nat\u00fcrlich vorkommt. Sondern dort, wo Weiterbildung selten hinreicht: bei der Pers\u00f6nlichkeit. Gelassenheit, Geduld, Resilienz und eine gekl\u00e4rte Perspektive; das sind die Stichworte, die in den Interviews immer wieder auftauchen. Acht von elf Befragten berichten von langfristigen Gesundheitsvorteilen. Eine Lehrperson bringt es auf den Punkt: Die IWB sei \u00abletztlich auch eine Burnout-Prophylaxe\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgewertet nach dem Evaluationsmodell von Kirkpatrick auf den vier Ebenen Reaktion, Lernen, Verhalten und Resultate, zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Zufriedenheit ist durchweg hoch: Neun von elf Befragten bezeichnen die IWB als \u00abGeschenk\u00bb oder \u00abPrivileg\u00bb. Auf der Ebene des Gelernten liegt der st\u00e4rkste Effekt nicht beim Fachwissen, sondern bei der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und der Kl\u00e4rung beruflicher Perspektiven. Manche haben in der IWB ihre Sinnfrage gekl\u00e4rt und dem Beruf eine neue Bedeutung gegeben. Andere haben den Rollenwechsel von der Schulleitung zur\u00fcck ins Klassenzimmer erfolgreich bew\u00e4ltigt. Eine Lehrperson erschloss sich durch eine Weiterbildung in positiver Psychologie neue Strategien, um mit der anhaltenden Belastung durch Schulreformen umzugehen. Wieder andere haben aus ihrer verbleibenden Berufszeit statt einer vermeintlichen Durchhalte\u00fcbung eine lustvolle Gestaltungsaufgabe gemacht. Wie kreativ die Projekte sein k\u00f6nnen, zeigt das Beispiel zweier Berufskundelehrer f\u00fcr K\u00f6ch:innen: Sie besuchten einen Molkereikurs und halfen danach sechs Wochen lang auf einer Kuhalp bei der Milchverarbeitung mit. Auf der anschliessenden Biketour reflektierten sie, was sie erlebt hatten. Erfahren Sie mehr dar\u00fcber im folgenden Film zur IWB:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"IWB 19 Film\" width=\"660\" height=\"371\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Yfjifugk-9A?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><figcaption class=\"wp-element-caption\">Film zur IWB<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Besonders aufschlussreich ist der Befund zur Selbstbestimmung: Die Teilnehmenden sch\u00e4tzen die Freiheit, ihr Projekt selbst zu definieren \u2013 aber fast ebenso sehr die Abwesenheit von Fremdbestimmung. Es ist nicht nur das Tun-D\u00fcrfen, das befreit, sondern auch das Nicht-M\u00fcssen. Dabei passiert etwas Paradoxes: Gerade jene, die anfangs mit der Autonomie haderten, entwickelten sp\u00e4ter die h\u00f6chste Zielbindung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das unsichtbare Wirken<\/h2>\n\n\n\n<p>Auf der Verhaltensebene zeigen sich kurzfristig neue Methoden im Unterricht und mehr Geduld im Umgang mit Lernenden. Langfristig sind die Ver\u00e4nderungen subtiler: eine gesteigerte Selbstreflexion, mehr innere Ruhe, ein ver\u00e4ndertes Selbstverst\u00e4ndnis. Und genau hier liegt das Paradox der IWB: Ihre wertvollsten Wirkungen sind die am schwersten sichtbaren. Eine Lehrperson beschreibt es sinngem\u00e4ss so: Die IWB mache mit einem ganz viel, aber das meiste davon werde nirgends sichtbar. Sie sei vielleicht die teuerste Ausbildung, bringe enorm viel, sei aber sehr schwer zu begr\u00fcnden. Gerade weil die Ver\u00e4nderungen tief in der Pers\u00f6nlichkeit ansetzen, entziehen sie sich klassischen Kennzahlen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nicht Sabbatical, sondern Entwicklungsimpuls<\/h2>\n\n\n\n<p>Bereits 2015 hatte der Autor untersucht, warum Anspruchsberechtigte die IWB <em>nicht<\/em> in Anspruch nehmen. Die Antwort damals: weil der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen scheint, wegen famili\u00e4rer Verpflichtungen oder schlicht, weil ein Drittel der Berechtigten gar nicht weiss, dass es die IWB gibt. Die neue Studie liefert nun die Antwort: Was bringt die IWB denen, die sich darauf einlassen? Offenbar eine ganze Menge, aber oft anders, als man vorher plant.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die IWB von einem reinen Sabbatical unterscheidet, ist das Begleitprogramm der PH Z\u00fcrich. Es erstreckt sich \u00fcber achtzehn Monate von der Standortbestimmung \u00fcber die Projekttage bis zu den Transfertagen nach der R\u00fcckkehr. Es gibt der Erfahrung einen reflexiven Rahmen. Die Forschung zeigt, dass eine blosse Freistellung kaum nachhaltig wirkt: Erholungseffekte verpuffen, weil sich weder das Bew\u00e4ltigungsverhalten noch die Arbeitsumst\u00e4nde ver\u00e4ndern. Erst die systematische Reflexion macht aus einer Auszeit einen Entwicklungsimpuls. Die Studie best\u00e4tigt das: Teilnehmende, die sich auf die biografische Arbeit einliessen, berichteten von den tiefgreifendsten Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Befund verdient Beachtung: Die IWB f\u00e4llt oft in eine vulnerable Phase der Berufsbiografie. Nach einem Jahrzehnt im Schuldienst, das nicht selten mit Erm\u00fcdungserscheinungen einhergeht und in die entwicklungspsychologisch sensible Lebensmitte f\u00e4llt, stellen sich Sinnfragen. Die Erkenntnis, dass mehr Berufsjahre hinter einem liegen als vor einem, ver\u00e4ndert die Perspektive. Eine Lehrperson sprach vom \u00abAufbruch zum Ende\u00bb. Die IWB bietet in dieser \u00dcbergangsphase einen gesch\u00fctzten Raum, um Bilanz zu ziehen und neue Ziele zu formulieren &#8211; ein Zeitfenster, das viele als entscheidend f\u00fcr ihren weiteren Berufsweg beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"769\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026_2.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6449\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026_2.jpeg 1024w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026_2-300x225.jpeg 300w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2026\/03\/bild_blogbeitrag_rene_maerz_2026_2-768x577.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die IWB gibt Raum, um Bilanz zu ziehen und neue Ziele zu formulieren.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr als ein individuelles Privileg<\/h2>\n\n\n\n<p>Diese Vielschichtigkeit positioniert die IWB als wirksames Instrument an der Schnittstelle dreier Handlungsfelder: Sie f\u00f6rdert die Professionsentwicklung, indem die Teilnehmenden ihre berufliche Identit\u00e4t reflektieren und ihr Selbstverst\u00e4ndnis als Lehrperson kl\u00e4ren. Sie wirkt als Gesundheitspr\u00e4vention, indem sie Burnout vorbeugt und Resilienz f\u00f6rdert &#8211; und sie ist ein Instrument der Personalentwicklung: Dankbarkeit und Verbundenheit mit dem Arbeitgeber nehmen deutlich zu, R\u00fcckkehrende berichten, sich st\u00e4rker eingebunden zu f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings entfaltet die IWB ihre volle Wirkung erst, wenn die R\u00fcckkehr bewusst gestaltet wird. Wo Schulleitungen und Kollegien den R\u00fcckkehrenden Raum geben, multipliziert sich der Nutzen: Neue Impulse fliessen ins Team, frische Methoden werden erprobt, und die Reflexionskultur erh\u00e4lt Impulse. Wer die IWB nur als individuelles Privileg betrachtet, greift zu kurz. Sie ist eine notwendige Investition in die Zukunftsf\u00e4higkeit p\u00e4dagogischer Professionalit\u00e4t. Die Schulen w\u00e4ren gut beraten, sie aktiver und systematischer f\u00fcr ihre Personalentwicklung einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die IWB ist keine gew\u00f6hnliche Weiterbildung und gerade deshalb wirksam. Sie entfaltet ihre Kraft wegen der Freiheit, die sie gew\u00e4hrt. Und sie ist dann am nachhaltigsten, wenn Teilnehmende den Mut aufbringen, sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Ausgang sie noch nicht kennen. Wie w\u00fcrden Sie Ihre zehn Wochen nutzen?<\/p>\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">INFOBOX<strong><br \/><\/strong><br \/>Die Intensivweiterbildung richtet sich an Lehrpersonen der Z\u00fcrcher Berufsfachschulen mit mindestens zw\u00f6lf Dienstjahren. Informationen zum Angebot und zum Begleitprogramm der PH Z\u00fcrich finden sich auf <a href=\"http:\/\/www.phzh.ch\/iwb\">phzh.ch\/iwb<\/a>.<br \/><br \/><\/pre>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zum Autor<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:20% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"641\" height=\"852\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2023\/11\/Foto_Rene_neu_Portrait.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6012 size-full\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2023\/11\/Foto_Rene_neu_Portrait.png 641w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2023\/11\/Foto_Rene_neu_Portrait-226x300.png 226w\" sizes=\"auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><a href=\"https:\/\/phzh.ch\/ueber-die-phzh\/organisation\/personen\/mitarbeitendenportraet\/?username=rene.schneebeli\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Ren\u00e9 Schneebeli<\/a> ist Dozent im <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/ueber-die-phzh\/organisation\/prorektorat-weiterbildung-und-dienstleistungen\/abteilung-hochschuldidaktik-und-erwachsenenbildung\/zentrum-berufs-und-erwachsenenbildung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zentrum Berufs- und Erwachsenenbildung<\/a> der <a href=\"http:\/\/www.phzh.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">PH Z\u00fcrich<\/a> und Verantwortlicher f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/iwb\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">IWB Sek II<\/a>.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text von Ren\u00e9 Schneebeli Basierend auf aktuellen Studienergebnissen werfen wir einen Blick auf die transformative Kraft der Intensivweiterbildung der Sekundarstufe II. 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