{"id":4328,"date":"2020-03-03T08:00:00","date_gmt":"2020-03-03T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/?p=4328"},"modified":"2020-02-27T16:18:39","modified_gmt":"2020-02-27T15:18:39","slug":"decoding","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/decoding\/","title":{"rendered":"Von Lernherausforderungen zu Lerngelegenheiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Beitrag von <a aria-label=\"Petra Weiss (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/petra.weiss\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Petra Weiss<\/a> <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Ende-1024x768.jpg\" alt=\"Decoding the Disciplines\" class=\"wp-image-4401\" width=\"660\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Ende-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Ende-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Ende-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Ende-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Ende-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><figcaption>Das eigene Fach muss von Lehrenden f\u00fcr Lernende entschl\u00fcsselt werden.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00abMeine Studierenden k\u00f6nnen keine Texte lesen.\u00bb \u2013 \u00abDie Studierenden haben ja \u00fcberhaupt keine Mathe-Kenntnisse.\u00bb Solche und \u00e4hnliche Aussagen \u00e4ussern Lehrende immer wieder, z.B. im Rahmen hochschuldidaktischer Fortbildungen. Was steckt dahinter? Woran machen Lehrende ihre Einsch\u00e4tzungen fest? Und wie gehen sie weiter damit um? Nehmen sie ihre Eindr\u00fccke resigniert zur Kenntnis und fahren ratlos und eher unlustig mit \u00abihrem Stoff\u00bb fort, in der Hoffnung, dass sich das schon irgendwie geben wird? Oder aber: K\u00f6nnen sie genau diese Knackpunkte in Lehrveranstaltungen f\u00fcr das Lernen \u00abfruchtbar\u00bb machen und dazu nutzen, echte Lerngelegenheiten zu schaffen?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Denk- und Arbeitsweisen vermitteln <\/h2>\n\n\n\n<p>Mit dieser Grundidee arbeitet der <a href=\"http:\/\/decodingthedisciplines.org\/bibliography\/\">Decoding-the-Disciplines-Ansatz<\/a>, den David Pace und seine Kollegin Joan Middendorf bereits 2004 an der Indiana University entwickelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Implizites explizit machen! Der Decoding-Ansatz basiert auf dieser fast schon trivialen Forderung. Doch gerade in der Hochschullehre kommt es nicht selten vor, dass Lehrende Inhalte oder Vorgehensweisen, die f\u00fcr sie vollkommen selbstverst\u00e4ndlich geworden sind, nicht (mehr) zum Gegenstand der Lehre machen. Aber genau solche automatisierten und selbstverst\u00e4ndlichen fachlichen Denk- und Arbeitsweisen sollen \u00abbewusst\u00bb vermittelt werden. (Mehr dazu erfahren Sie im Workshop <a aria-label=\"\u00abDenken im Fach vermitteln \u2013 Lernhindernisse \u00fcberwinden\u00bb (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/de\/Weiterbildung\/Anlasssuche\/Anlassdetail\/Denken-im-Fach-vermitteln--Lernhindernisse-ueberwinden-n144408112.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00abDenken im Fach vermitteln \u2013 Lernhindernisse \u00fcberwinden\u00bb<\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"> Decoding the Disciplines in sieben Schritten  <\/h2>\n\n\n\n<p>Wie finden Lehrende nun aber heraus, was sie tats\u00e4chlich tun, wenn sie (wissenschaftlich) arbeiten? Hier kommt die Reflexion ins Spiel. Durch das Nachdenken \u00fcber eigene Erfahrungen, \u00fcber das eigene wissenschaftliche Denken und Handeln k\u00f6nnen sie identifizieren, was sie genau tun, welche Denk- und Arbeitsschritte sie verfolgen, um fachliche Fragestellungen zu bearbeiten. Im Folgenden wird anhand von sieben Schritten erkl\u00e4rt, wie der Decoding-Ansatz konkret funktioniert: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-7-Schritte.png\" alt=\"Decoding the Disciplines\" class=\"wp-image-4364\" width=\"660\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-7-Schritte.png 908w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-7-Schritte-300x208.png 300w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-7-Schritte-768x532.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><figcaption>Decoding: sieben Schritte zur Identifikation disziplin\u00e4rer Denk- und Arbeitsweisen (Abbildung nach: <a aria-label=\"Kaduk und Lahm 2018, 84 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/irp-cdn.multiscreensite.com\/51429798\/files\/uploaded\/Forschendes%20Lernen%20Ein%20Praxisbuch_LehmannMieg_2018.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kaduk und Lahm 2018, 84<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Schritt 1:<\/strong> Lehrende identifizieren (disziplin\u00e4re) Lern- oder Erkenntnishindernisse von Studierenden, z.B: Studierende k\u00f6nnen keine Texte interpretieren. Sie bilden zu wenige Hypothesen und kommen zu schnell zu Schlussfolgerungen oder wissen nicht, wie sie wissenschaftliche Literatur lesen (sollen).  <\/li><li><strong>Schritt 2:<\/strong> Das Problem wird genauer gefasst. Lehrende springen also nicht direkt zur L\u00f6sungssuche, sondern reflektieren zun\u00e4chst, wie sie selbst als Fachexpert\/innen vorgehen, wenn sie das tun, woran ihre Studierenden scheitern: Was macht eine Literaturwissenschaftlerin, wenn sie einen Text interpretiert? Wie kommt ein Biologe zu Thesen? <\/li><li><strong>Schritt 3:<\/strong> Lehrende \u00fcberlegen, wie das eigene Vorgehen f\u00fcr Lernende modelliert, d.h. nachvollziehbar und anschaulich gemacht werden kann. Wie liest z.B. eine Historikerin einen Text? <\/li><li><strong>Schritt 4:<\/strong> Lehrende entwickeln Ideen f\u00fcr Aufgabenstellungen, mit denen sie Lernende fachliche Vorgehensweisen \u00fcben lassen k\u00f6nnen.<\/li><li><strong>Schritt 5:<\/strong> Hier werden motivationale und affektive Aspekte in den Blick genommen, z.B: Wie bringen Lehrende Studierende dazu, wissenschaftliche Texte anders zu lesen als Romane? <\/li><li><strong>Schritt 6:<\/strong> Lehrende \u00fcberlegen, wie sie R\u00fcckmeldung einholen und das Gelernte pr\u00fcfen k\u00f6nnen. <\/li><li><strong>Schritt 7:<\/strong> Ein wichtiger Aspekt des Modells ist schliesslich die Frage, wie die eigenen \u00dcberlegungen und L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten mit anderen Lehrenden geteilt werden k\u00f6nnen. <\/li><\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was sind Bottlenecks? <\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Bottlenecks-768x1024.jpg\" alt=\"Decoding the Disciplines Bottlenecks\" class=\"wp-image-4380\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Bottlenecks-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Bottlenecks-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Bottlenecks-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Bottlenecks-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Grafik-Bottlenecks-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Der Decoding-Prozess startet mit der Identifikation von Bottlenecks. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt des Decoding-Ansatzes sind Lernhindernisse oder Lernengp\u00e4sse, sogenannte Bottlenecks. Bottlenecks k\u00f6nnen essenzielle Konzepte oder zentrale F\u00e4higkeiten eines Fachs sein, die den Studierenden beim Verstehen und Erlernen Schwierigkeiten bereiten oder sie gar scheitern lassen. Die Studierenden kommen im jeweiligen Fach jedoch nur weiter, wenn sie diese grundlegenden Konzepte erworben oder verstanden haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Identifikation und exakte Analyse der Lernhindernisse legt der Decoding-Ansatz mit den Schritten 1-3 also besonders grossen Wert, w\u00e4hrend es sich bei den Schritten 4-6 letztlich um die \u00fcblichen didaktischen Schritte bei der Planung einer Lehrveranstaltung handelt. Schritt 7 geht \u00fcber die \u00fcbliche Konzeption einer Lehrveranstaltung hinaus: W\u00e4hrend der Austausch \u00fcber Forschung selbstverst\u00e4ndlich ist, ist dies beim Thema Lehre nicht unbedingt der Fall. Der Decoding-Ansatz enth\u00e4lt diesen Aspekt als inh\u00e4renten Bestandteil, sei es informell im Kolleg\/innenkreis bis hin zur Idee des Beforschens der eigenen Lehre und einer Publikation der Ergebnisse (vgl. Scholarship of Teaching and Learning SoTL). <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie erkennt man Bottlenecks? <\/h2>\n\n\n\n<p>Und wie geht man Bottlenecks auf den Grund? Die klassische Methode sind die sogenannten Decoding-Interviews: Entweder stellen sich Kolleg\/innen (z.B. in Workshops) gegenseitig Fragen, um Lernhindernisse zu identifizieren oder (geschulte) Hochschuldidaktiker\/innen f\u00fchren (z.B. im Rahmen von Beratungen) ein entsprechendes <a aria-label=\"Interview (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCqCaJ-dgBDqCD8WnAZmO4Nw\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Interview<\/a>. Die Befragung kann auch schriftlich erfolgen. Besonders gut funktioniert der Ansatz im Austausch mit fachfremden Kolleg\/innen, da dann besonders viel Explizitheit gefordert ist. Auch die direkte R\u00fcckmeldung von Studierenden kann dabei helfen herauszufinden, an welchen Stellen im Lernprozess sich Bottlenecks befinden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum Decoding the Disciplines? \u2013<\/strong> <strong>Ein Fazit <\/strong> <\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Mit dem Decoding-Ansatz k\u00f6nnen Lehrende eine Sprache f\u00fcr ihr fachliches Handeln entwickeln. Dies ist eine Voraussetzung, um Lernende im jeweiligen Fach zu disziplin\u00e4rem Vorgehen anzuleiten.<\/li><li>Der Ansatz konzentriert sich auf fachliche Denk- und Arbeitsweisen, nicht prim\u00e4r auf fachliche Inhalte. Er zielt somit auf nachhaltiges Lernen und Verstehen ab.<\/li><li>Der Ansatz kann als grundlegendes Modell zur Konzeption und Planung von Lehrveranstaltungen herangezogen werden. Die konkrete Ausgestaltung von Aufgabenstellungen bzw. Feedback- und Pr\u00fcfungsformen erfolgt fachlich bzw. disziplin\u00e4r.<\/li><li>Der Ansatz kann \u00fcber Lehrveranstaltungen hinaus auch zur Entwicklung eines Curriculums herangezogen werden.<\/li><li>Nicht zuletzt kann der Ansatz auch der kritischen Selbstreflexion in der Hochschuldidaktik dienen und so vielleicht die Fachsensibilit\u00e4t f\u00f6rdern.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">INFOBOX\n\n<a aria-label=\"Petra Weiss (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/petra.weiss\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Petra Weiss<\/a> geh\u00f6rt seit Februar 2020 zum Team des <a aria-label=\"ZHE (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/de\/Weiterbildung\/Hochschuldidaktik-und-entwicklung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ZHE<\/a> und bringt eine reiche Erfahrung als Hochschuldidaktikerin mit.\nIn ihrem Workshop vom 2. April 2020 <a aria-label=\"\u00abDenken im Fach vermitteln \u2013 Lernhindernisse \u00fcberwinden\u00bb (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/de\/Weiterbildung\/Hochschuldidaktik-und-entwicklung\/anlassdetail-hochschuldidaktik-und-erwachsenenbildung\/Denken-im-Fach-vermitteln--Lernhindernisse-ueberwinden-n144408112.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00abDenken im Fach vermitteln \u2013 Lernhindernisse \u00fcberwinden\u00bb<\/a> gibt sie eine Einf\u00fchrung in den Decoding-Ansatz und regt die Teilnehmenden dazu an, \u00fcber ihr eigenes fachliches Tun nachzudenken.<\/pre>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zur Autorin <\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"156\" height=\"208\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2020\/02\/Petra-Weiss.jpg\" alt=\"Petra Weiss Blog \" class=\"wp-image-4433\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><a aria-label=\"Petra Weiss (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/petra.weiss\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Petra Weiss<\/a> ist Dozentin f\u00fcr Hochschuldidaktik am <a aria-label=\"ZHE (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/phzh.ch\/de\/Weiterbildung\/Hochschuldidaktik-und-entwicklung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ZHE<\/a> Zentrum f\u00fcr Hochschuldidaktik und -entwicklung der <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">PH Z\u00fcrich<\/a>. Sie leitet den CAS Hochschuldidaktik \u00abSommerstart\u00bb sowie weitere hochschuldidaktische Lehrg\u00e4nge und Kurse und ber\u00e4t bei der (Weiter-)entwicklung von Curricula.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag von Petra Weiss \u00abMeine Studierenden k\u00f6nnen keine Texte lesen.\u00bb \u2013 \u00abDie Studierenden haben ja \u00fcberhaupt keine Mathe-Kenntnisse.\u00bb Solche und \u00e4hnliche Aussagen \u00e4ussern Lehrende immer wieder, z.B. im Rahmen hochschuldidaktischer Fortbildungen. Was steckt dahinter? Woran machen Lehrende ihre Einsch\u00e4tzungen fest? Und wie gehen sie weiter damit um? 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