{"id":1791,"date":"2018-10-02T08:00:35","date_gmt":"2018-10-02T06:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/?p=1791"},"modified":"2022-05-24T10:08:43","modified_gmt":"2022-05-24T08:08:43","slug":"praxis-theorien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/praxis-theorien\/","title":{"rendered":"Die Praxis wartet nicht auf Theorien"},"content":{"rendered":"<p>Beitrag von&nbsp;<a href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/geri.thomann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geri Thomann<\/a><\/p>\n<p><em>Theorien<\/em>, <em>Forschung<\/em> oder <em>Wissenschaft<\/em> sind keine gesch\u00fctzten Begriffe. Man kann vieles so nennen,&nbsp;das sich damit legitimieren oder sogar aufwerten l\u00e4sst.&nbsp;Inwiefern sind&nbsp;diese Begriffe bzw. Konzepte davon&nbsp;f\u00fcr die Praxis&nbsp;n\u00fctzlich? Geri Thomann ist der Frage nachgegangen.<\/p>\n<h2>Theorien sind Brillen f\u00fcr die Praxis<\/h2>\n<p>Theorien zeichnen sich durch Abstraktion, Generalisierung und Konsistenz in ihrer Logik aus. Sie schaffen ein verstehendes und erkl\u00e4rendes Bild einer Teil-Realit\u00e4t. Keine Theorie entspricht jeder Praxis, weil Praxis in sich sehr unterschiedlich ist. Auch Theorien sind sehr unterschiedlich und vielf\u00e4ltig. Sie bieten gewissermassen verschiedene Brillen, mit denen die Praxis betrachtet werden kann.&nbsp;Theorien&nbsp;machen jedoch nie den individuellen Fall sichtbar. Mit Theorien und theoretischen Modellen l\u00e4sst sich Praxis also nur teilweise&nbsp;erkl\u00e4ren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1832\" aria-describedby=\"caption-attachment-1832\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1832 size-large\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2018\/10\/Brille-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2018\/10\/Brille-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2018\/10\/Brille-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2018\/10\/Brille-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2018\/10\/Brille.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1832\" class=\"wp-caption-text\">Theorien sind Brillen, die helfen, die Praxis sichtbar zu machen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Theorien sind Bestandteil von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wissenschaft\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wissenschaft<\/a>. Wissenschaft oder Wissenschaftlichkeit wird h\u00e4ufig von <em>Handwerk<\/em> unterschieden und zeichnet sich durch Praxisferne aus. Wenn <em>praktisch<\/em> mit <em>n\u00fctzlich<\/em> gleichgesetzt wird, ist Wissenschaft unmittelbar unn\u00fctz.<\/p>\n<h2><strong>Keine Theorie kann auf Praxis verzichten <\/strong><\/h2>\n<p>Wissenschaft bzw. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wissenschaftliche_Arbeit\">wissenschaftliche Arbeiten<\/a>&nbsp;dokumentieren Forschungsresultate systematisch. Forschung ist die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Methodik\">methodische<\/a> Suche nach neuen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erkenntnis\">Erkenntnissen<\/a>. Forschungsvorhaben leiten sich nicht selten aus der Not der Praxis ab. Forschung kann nie zu einem Ende kommen. Kein Ergebnis ist vor der n\u00e4chsten Frage sicher. In dieser Unsicherheit liegt der Reiz der Forschung. Die Praxis kann diesen nur bedingt teilen, da sie im Alltag immer auch Sicherheiten produzieren oder Unsicherheiten absorbieren muss.<\/p>\n<p>Theorien werden durch Erfahrung ausgewertet und konkretisiert. Es gibt keine Theorie, die auf Erfahrung verzichten kann, Weiterbildungsangebote werden dabei h\u00e4ufig als Br\u00fccke zwischen Wissenschaft und Praxis bezeichnet. Was Praxis ist, wissen die Praktiker je einzeln konkret, wissen die Weiterbildungsanbieter punktuell oder generalisiert. Viele Praktiker haben einen Bezug zu Wissenschaft oder ein Interesse an Forschung. Weiterbildnerinnen und Weiterbildner&nbsp;hingegen sind angehalten, ihre Inhalte kontinuierlich wissenschaftsgest\u00fctzt zu aktualisieren.<\/p>\n<p>Der so genannte Praxisbezug in Weiterbildungen ist nie generalisierbar \u2013 die meisten Weiterbildungserkenntnisse m\u00fcssen der individuellen Alltagssituation angepasst werden. Bei diesem Transfer ist immer mit Verlusten zu rechnen.&nbsp;Die Ausnahme ist, wenn die Teilnehmenden innerhalb der Weiterbildung an Problemstellungen aus ihrer eigenen Praxis arbeiten.<\/p>\n<h2>Br\u00fccken zwischen Weiterbildung und Wissenschaft<\/h2>\n<p>Eine Br\u00fccke zwischen Weiterbildung und Wissenschaft ist nicht \u00fcberall erforderlich. Oft gen\u00fcgt ein einfacher Transfer von weiterem oder anderem Praxiswissen, beispielsweise durch eine Anregung von Peers in einer Weiterbildung. Der Weiterbildung k\u00e4me hier eher eine moderierende Rolle zu. Oder die Weiterbildung geschieht sozusagen direkt in der Praxis \u00abon the job\u00bb. So w\u00e4re der Br\u00fcckenweg minim, die Spannung zwischen den Polen Wissenschaft und Praxis vor Ort produktiv nutzbar.<\/p>\n<p>Eine&nbsp;tragende Br\u00fccke zwischen Weiterbildung und Wissenschaft kann entstehen, wenn Teilnehmende gemeinsam Praxisph\u00e4nomene mit Hilfe von theoretisch und empirisch fundierten Instrumenten analysieren. Dabei wird die Distanz zur eigenen Praxisumgebung und der Austausch mit interessierten Peers aus anderen Praxisumgebungen genutzt. Die Teilnehmenden kommen dadurch ihren Praxismustern auf die Spur und sind in der Lage, Routinen zu legitimieren. F\u00fcr Problemsituationen in der Praxis \u00fcberpr\u00fcfen sie wissenschaftlich gest\u00fctzte L\u00f6sungsstrategien und versuchen diese anzuwenden. Das Erkennen, Definieren und L\u00f6sen von Problemen repr\u00e4sentiert ein methodisch-didaktisches Verfahren und gleichzeitig einen Forschungsprozess.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1835\" aria-describedby=\"caption-attachment-1835\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1835 size-large\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2022\/05\/Bruecke-frei.jpg\" alt=\"Theorien m\u00fcssen in der Praxis bestehen k\u00f6nnen\" width=\"660\" height=\"440\"><figcaption id=\"caption-attachment-1835\" class=\"wp-caption-text\">Theoretische Modelle m\u00fcssen in der Praxis bestehen k\u00f6nnen &#8211; nur so gelingt der Br\u00fcckenschlag.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Angebot in der Weiterbildung ist dann wissenschaftsgest\u00fctzt, wenn es auf Forschungsergebnissen basiert und diese vermitteln m\u00f6chte. Eine Theoriebasierung ist wesentlich weiter gefasst als eine Forschungsbasierung. Ich gehe davon aus, dass alle Weiterbildungsangebote mindestens teilweise theoriebasiert sind. Auch hier soll der prim\u00e4re Gewinn in der Verbesserung des Arbeitswissens in der Praxis liegen.<\/p>\n<p>Die Praxis wartet nicht auf die Forschung. Forschungsresultate m\u00fcssen so aufbereitet sein, dass sie f\u00fcr Praktiker verstehbar sind; theoretische Modelle m\u00fcssen den Praxistest bestehen, wof\u00fcr nicht zuletzt die Praktiker verantwortlich sind. Die Resultate&nbsp;von Praxistests&nbsp;sollten wieder an die Anbieter von Weiterbildungen zur\u00fcckgespiesen werden, damit sie bei ihren Angeboten inhaltliche oder methodische Modifikationen vornehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Ingenieure sind bessere Br\u00fcckenbauer als Designer<\/h2>\n<p>Als wichtigstes Ziel von Weiterbildung wird immer wieder der Anspruch eines gelingenden Theorie-Praxis-Transfers betont. Eine solche Bewegung ist nie einseitig, der&nbsp;Anspruch kann aber trotzdem nur in der Praxis eingel\u00f6st werden \u2013 und dieser Anspruch bzw. das Gelingen dieses Anspruchs ist meines Wissens schlecht untersucht. Das Transferproblem bleibt, auch wenn eine Weiterbildung sich wissenschaftlich legitimieren kann. Wenn Verwendungswissen und Transfer intendiert sind, d\u00fcrften&nbsp;am Ende der Weiterbildung nicht nur &nbsp;Zufriedenheitsevaluationen gemacht werden, sondern Transferevaluationen oder so genannte <a href=\"https:\/\/www.eqavet.eu\/eu-quality-assurance\/glossary\/tracer-study\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">tracer\u2019s studies<\/a>, welche die l\u00e4ngerfristige Wirksamkeit von Weiterbildungsmassnahmen unter divergierenden Bedingungen der Praxis untersuchen.<\/p>\n<p>Bestimmt gibt es da noch mehr Br\u00fccken, kleine und grosse, stabile und schwankende. Br\u00fccken halten \u00fcbrigens nach einschl\u00e4gigen Aussagen eher, wenn sie federf\u00fchrend durch Ingenieure und weniger durch Designer geplant werden.<\/p>\n<h2 id=\"AUT\">Zum Autor<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-132\" src=\"https:\/\/blog.phzh.ch\/zhe\/files\/2016\/10\/geri-thomann-sw-klein.jpg\" alt=\"Portr\u00e4t Geri Thomann\" width=\"104\" height=\"104\"><a href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/geri.thomann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Geri Thomann<\/a> ist Leiter&nbsp;der&nbsp;<a href=\"https:\/\/phzh.ch\/de\/ueber-uns\/Organisation\/Prorektorat-Weiterbildung-und-Dienstleistungen\/abteilung-hochschuldidaktik-und-erwachsenenbildung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung&nbsp;der PH Z\u00fcrich<\/a>. Als Inhaber einer ZFH-Professur forscht und publiziert er regelm\u00e4ssig \u00fcber Aspekte der Hochschulentwicklung und F\u00fchrungsfragen.<\/p>\n<p>Am ZHE bietet Geri Thomann den Kurs <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/de\/Weiterbildung\/Hochschuldidaktik-und-Erwachsenenbildung\/anlassdetail-hochschuldidaktik-und-erwachsenenbildung\/Grundlagen-der-Beratung-n144229426.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00abGrundlagen der Beratung\u00bb<\/a> an. Dieser richtet sich prim\u00e4r an Lehrende an Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung, ist aber auch f\u00fcr Lehrpersonen der Sekundarstufe II interessant.<\/p>\n<p>Redaktion: Martina Meienberg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag von&nbsp;Geri Thomann Theorien, Forschung oder Wissenschaft sind keine gesch\u00fctzten Begriffe. Man kann vieles so nennen,&nbsp;das sich damit legitimieren oder sogar aufwerten l\u00e4sst.&nbsp;Inwiefern sind&nbsp;diese Begriffe bzw. 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