Vom Emergency Remote Teaching zur Hochschulbildung für die Zukunft: Wirkungen der Pandemie auf die Digitalisierung von Studium und Lehre

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Beitrag von Barbara Getto

Die Rolle digitaler Medien hat im Kontext von Studium und Lehre an Hochschulen in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Gleichwohl konnte bislang nicht von einer flächendeckenden Durchdringung digitaler Medien in der Hochschullehre gesprochen werden. Im Frühjahr des Jahres 2020 katapultierte uns die Covid-19-Pandemie in eine bislang unbekannte Situation, die uns seitdem in nahezu allen gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Bereichen vor enorme Herausforderungen stellt.

An den Hochschulen musste die Lehre aufgrund von Kontaktbeschränkungen schlagartig auf Fernlehre umgestellt werden. Bringen die pandemischen Bedingungen nun also auch die Digitalisierung voran? Brauchen Hochschulen künftig keine Strategien für die Digitalisierung mehr, weil jetzt ohnehin alles auf Online Lehre umgestellt ist? Oder sind die Zeiten für Veränderungsprozesse wohlmöglich gar nicht so vorteilhaft? Um hier zu einer Einschätzung zu gelangen, lohnt sich ein Blick zurück auf die Erfahrungen mit der Förderung des E-Learning an Hochschulen:

Von E-Learning-Projekten zur Digitalisierung von Studium und Lehre 

Über viele Jahre wurde die Entwicklung und Implementierung digitaler Lehre an Hochschulen über einzelne Projektmassnahmen vorangetrieben. E-Learning wurde hauptsächlich von einzelnen engagierten Lehrenden vorangetrieben, die Potenziale digitaler Medien experimentell in ihren Lehrveranstaltungen einsetzten. Diese bottom-up-Ansätze wurden in der weiteren Entwicklung als Ausgangspunkt für die Dissemination digitaler Lehrangebote an Hochschulen gesehen. Man hoffte, dass diese Projekte eine gewisse Strahlkraft entwickeln würden, die zu einer weiteren Verbreitung führen würde. Eine breite Entfaltung blieb jedoch häufig aus. Allerdings haben die verschiedenen Programme zur Förderung von E-Learning an Hochschulen sichtbar gemacht, wie digitale Lehre sinnvoll aussehen kann. Sie haben aber eben auch aufgezeigt, dass sich diese Konzepte und Initiativen keineswegs von selbst in einer Organisation verankern.

Der Fokus richtete sich daher immer mehr auf die organisationalen Elemente einer Verstetigung und Verbreiterung digitaler Lehre. Zunehmend setzte sich die Erkenntnis durch, dass Projekte als Einzelmassnahmen nicht hinreichend zur Hochschulentwicklung beitragen, wenn sie nicht in eine übergreifende Strategie eingebunden sind, die fest verankert ist, mit den Zielen der Einrichtung. Seit einigen Jahren wird Hochschulen daher empfohlen, die Digitalisierung im Kontext von Studium und Lehre strategisch zu betreiben.

Bildquelle: PHZH

Die Rolle von Strategien der Digitalisierung von Studium und Lehre

Um Lehre im digitalen Zeitalter nachhaltig zu entwickeln, soll bei der Entwicklung von Strategien der Digitalisierung nicht die Digitalisierung als Selbstzweck im Vordergrund stehen. Vielmehr wird Hochschulen angeraten ihre strategische Zielsetzung im Kontext der Digitalisierung entlang der Hochschulentwicklung zu betreiben und damit ihr Profil zu schärfen (Getto & Kerres, 2017).

Um erfolgreich zu sein, müssen für die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie Massnahmen entwickelt werden, die die Teilhabe und Mitwirkung entscheidender Schlüsselpersonen und Akteursgruppen fördern. Wenn allein die Leitungsebene ein Konzept entwickelt, besteht die Gefahr, dass die Akzeptanz bei wesentlichen Stakeholdern (z.B. Hochschullehrenden) nicht gegeben ist. Bottom-up lässt sich aber, aufgrund der Divergenz von Interessen und Prioritäten der Akteure, schlecht eine gemeinsame strategische Ausrichtung definieren. Mit der Strategie formuliert die Hochschule also Ziele sowie entsprechende Leitlinien und Handlungsroutinen für das Erreichen der Ziele und definiert Kriterien für das Bewältigen von Entscheidungssituationen.

Brauchen wir noch Digitalisierungsstrategien in Zeiten der Pandemie?

Zu beobachten war, dass im April 2020 schlagartig ortsunabhängiges Lehren und Lernen mit digitaler Technik gefordert – und weitgehend umgesetzt wurde. Aufgrund der Dringlichkeit der äusseren Umstände, gab es kaum Zeit für strategisch-konzeptionelle Überlegungen. Schon in der ersten Woche des „Lockdowns“ vermeldeten Hochschulen, dass sie ihren Betrieb vollständig auf digitale Lehre umstellen und die Lehre an ihrer Hochschule gesichert sei. Für Insider kam dieser Schritt überraschend. Worauf E-Learning Spezialist:innen in jahrelangen Bemühungen mehr oder weniger erfolgreich hingearbeitet haben, war nun plötzlich möglich. Viele Dozierende haben sich mit Engagement in neue Tools eingearbeitet und ihre Hochschullehre den neuen Umständen angepasst. Infrastrukturen wurden weiter ausgebaut (Getto & Zellweger 2021).

Aus Perspektive der Organisationsentwicklung sind die Zeiten des Lockdowns allerdings denkbar ungeeignet für komplexe Veränderungsprozesse und die Gestaltung des organisationalen Wandels. Denn dieser benötigt eine Kommunikation der Akteure, die durch Vertrauen und Zuversicht gekennzeichnet sein sollte. In Zeiten der häuslichen Isolation und Abgeschiedenheit, mit der Videokonferenz als dünnem Faden, der Kommunikation herstellen kann, ist aber gerade die Vertrauensbildung zwischen den Beteiligten eher erschwert (Kerres, 2020). In dieser besonderen Situation steht eher im Fokus, die wichtigsten Abläufe und Angebote „am Laufen zu halten“. Organisationsentwicklung in Hochschulen hingegen ist nur bedingt gut gestaltbar.

Während der Pandemie waren Lehrende zunächst einmal auf sich selbst gestellt. Zumeist fehlte die Chance, ein überlegtes mediendidaktisches Konzept zu entwickeln, dies mit Kolleg:innen in einem angemessenen Rahmen zu besprechen und mit deren Initiativen abzugleichen und sich ggfs. externe Beratung in der Planung und Entwicklung einzuholen. Nüchtern gesagt, während der Distanz-Semester wurden Akteur:innen durch externe Gegebenheiten zu einem bestimmten Verhalten „gezwungen“, es gab wenig Alternativen, als auf den Modus digitalen „Emergency Remote Teaching“ auszuweichen. 

Ebenso hatten die Hochschulen kaum eine Chance, Richtungen zu definieren, und in eine kollegial abgestimmten Digitalstrategie zu giessen, die mit abgestimmten Massnahmen einhergehen. Dies spricht eher weniger dafür, dass die Corona-Erfahrung von sich aus eine grundlegende Veränderung der individuellen Einstellungen mit sich bringt. Sehr wohl aber kann vermutet werden, dass mehr Akteur:innen im System Hochschule deutlich geworden ist, dass an der Digitalisierung wesentlich engagierter gearbeitet werden sollte, nicht nur für Zeiten der Pandemie, sondern als ein Charakteristikum der weiteren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung für die Hochschulbildung in einer Kultur der Digitalität.

INFOBOX

Am 25. Nov. 2021 findet ein Anlass statt, zum Thema "Digitale Hochschule Post-Corona – Was ist zu tun?" mit Daniel Baumann und Renato Soldenhoff. Im Zentrum des Anlass steht die Frage welche Schritte erforderlich sind, um die Erfahrungen, Erkenntnisse und neuen Kompetenzen aus den vergangenen Monaten zu nutzen und die Digitalisierung von Studium und Lehre weiter zu entwickeln.

Zur Autorin

Barbara Getto ist Professorin für Medienbildung in der Abteilung Hochschulentwicklung und Erwachsenenbildung und Mitglied im Zentrum Bildung und Digitaler Wandel. Weitere Informationen finden Sie hier

2 Gedanken zu „Vom Emergency Remote Teaching zur Hochschulbildung für die Zukunft: Wirkungen der Pandemie auf die Digitalisierung von Studium und Lehre“

  1. Liebe Frau Getto
    Vielleicht sollte uns der April 2020 eine Lehre sein, was möglich ist, wenn man uns Dozierenden das Feld überlässt., statt unsere Tätigkeit mit einem riesigen administrativen und didaktisch-theoretischen Überbau zu belasten.
    Ich fürchte, vom Schwung wird wenig übrigbleiben.
    Herzliche Grüsse,
    Patrik Eschle, Physik Dozent an der ZHAW SoE

  2. Lieber Herr Eschle,
    vielen Dank für Ihre Rückmeldung und Einschätzung. Ja, es war (und ist!) wirklich beeindruckend, was viele Kolleginnen und Kollegen in den „Pandemiesemestern“ geleistet haben. In einer Krisensituation wurden ad hoc Lehrveranstaltungen umgestellt, Konzepte umgeschmissen, neu überlegt, etc. An den Hochschulen wurden unter Zeitdruck Rahmenbedingungen geschaffen, die mehr Spielraum und technische Möglichkeiten für die Umsetzung synchroner und asynchroner Szenarien mit digitalem Medien geschaffen. (z.B. durch die Beschaffung entsprechender Software).

    Ich wäre froh, wenn wir diesen „Schwung“ dazu nutzen weiterzudenken. Vielleicht kann ich Ihre Befürchtung verstehen, dass durch zu viel Regulierung der Schwung (die Motivation?) verloren gehen könnte. Jetzt, wo die pandemische Situation wieder mehr Spielraum lässt, möchte ich aber auch darüber sprechen, wie wir die Erfahrungen aus den letzten Semestern nutzen können, um die Hochschulbildung weiterzuentwickeln. Und da braucht es aus meiner Sicht schon ein gewisses Maß an Abstimmung.

    Zu der Frage, was jetzt ein gutes Vorgehen ist und wie die Erfahrungen an den Hochschulen sind, haben wir ja auch den Abendanlass (s.o.) organisiert. Vielleicht haben Sie (oder andere die mitlesen) Lust dort ins Gespräch zu kommen.

    Beste Grüsse
    Barbara Getto

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