«Wenn es knistert» – Resonanzraum Bildung

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Text: Petra Weiss und Esther Forrer Kasteel, Redaktionelle Begleitung: Samuel Hug

Ein Gespräch zwischen Petra Weiss und Esther Forrer Kasteel

Das gemeinsame fachliche Interesse am Thema Resonanz hat Petra Weiss und Esther Forrer Kasteel an der Pädagogischen Hochschule Zürich zusammengebracht. Beide sind fasziniert von der Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa. Die Dozentin für Hochschuldidaktik Petra Weiss hat sich im Zusammenhang mit der Webinar-Serie «Raum fürs Lernen» 2021 intensiver mit dessen Resonanzpädagogik auseinandergesetzt. Esther Forrer Kasteel, Abteilungsleiterin Eingangsstufe, beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Resonanz und hat ihre Diplomarbeit zur Ausbildung als Supervisorin und Coach dem «Führungscoaching mit Resonanz» gewidmet. Nun organisieren sie gemeinsam eine Tagung mit Hartmut Rosa, welche am 16. September 2022 im Tagungszentrum Schloss Au stattfindet.

Bild: Tamara Menzi

Petra Weiss (WPE): Die attraktive Gestaltung und Nutzung von Lern- und Arbeitsräumen beschäftigt mich schon seit langem, insbesondere die Frage «Was ist Präsenz?». Auch in unseren hochschuldidaktischen Weiterbildungen kommt immer wieder die Frage auf, wie Lehrende und Studierende, aber auch Studierende untereinander gut miteinander in Kontakt kommen können. Diese Fragen stellen sich an Hochschulen in jüngster Zeit auch unabhängig von Corona immer häufiger, nicht zuletzt z.B. beim Thema Anwesenheitspflicht. In diesem Zusammenhang bin ich durch meinen Partner auf den Resonanzansatz von Hartmut Rosa gestossen – für mich eine bereichernde Erfahrung. Esther, wie hat dich das Thema erreicht?

Esther Forrer Kastell (EFO): Auf Resonanz aufmerksam gemacht haben mich ehemalige Mitarbeiterinnen. Den Zugang zu und das Verständnis von Resonanz habe ich mittels Lektüre verschiedener Publikationen von Rosa gewonnen, insbesondere die drei Publikationen «Resonanz» und «Unverfügbarkeit» nach Rosa (2019a, 2019b) sowie die Resonanzpädagogik von Rosa & Endres (2016). Rosas Ausführungen haben mich direkt in ihren Bann gezogen bzw. «berührt», und zwar fachlich wie persönlich. Sehr überzeugend an Resonanz ist für mich, dass Rosa die Beziehung nicht nur auf die Begegnung zwischen Menschen beschränkt. Beziehung geschieht bei ihm auch zwischen Menschen und Inhalten bzw. Gegenständen sowie zwischen Menschen und der Welt insgesamt. Auch die ganzheitliche Ausrichtung des Konzeptes, die nebst der kognitiven auch die sinnhafte, emotionale und gar die körperliche Ebene einbezieht, spricht mich sehr an. Gerade in Zeiten der vermehrten Beschleunigung, Komplexität und Entfremdung trifft Resonanz indes den Zeitgeist.

WPE: Im Grunde genommen ist das Resonanz-Konzept eine fundamentale Gesellschaftskritik in Bezug auf eine Wachstums-, Beschleunigungs- und Steigerungslogik kombiniert mit Entfremdung und Verfügbarkeit. Rosa fordert auch einen kulturellen Paradigmenwechsel, indem durch resonante Weltbeziehungen letztlich ein gelingendes und sinnstiftendes Leben ermöglicht werden soll. In dem Sinne ist Resonanz auch als Lebensgrundhaltung zu verstehen. Du hast vorhin neben dem theoretischen Bezug zum Konzept auch von eigenen Erfahrungen gesprochen. Kannst du ein Beispiel für eine solche Resonanzerfahrung nennen?

Bild: Tamara Menzi

EFO: Bei Resonanzerfahrungen fühle ich mich von einem Gegenüber in den Bann gezogen. Andere beschreiben diese Erfahrung auch mit «sich in einem Flow befinden». So war ich vor 1.5 Jahren an der Ausstellung Silent Vision im Beyeler Museum. Da hat mich das Kunstwerk «Naissance d’une galaxie» von Max Ernst wie ein Magnet angezogen. Dieses Moment hat mich nachhaltig berührt. Heute schmückt ein Kunstdruck vom genannten Werk mein Büro und erinnert mich an Resonanz, sollte mir diese im Strudel des Führungsalltages abhandenkommen. Wie ist es bei dir, Petra?

WPE: Ich spiele klassische Gitarre und erlebe Resonanz persönlich vor allem beim gemeinsamen Musizieren im Ensemble. Da erfahre ich immer wieder das von dir erwähnte Flow-Erlebnis. Es ist für mich wie ein «in die Gruppe Hineinfallen lassen», ein gemeinsames Hineinhören in die musikalische Sphäre. Dieses Resonanzerleben kann sich auch einstellen, wenn ich allein spiele, als Berührtwerden von der Musik, aber auch als haptische Beziehung zum Instrument.
Nun haben wir von verschiedenen Resonanzerfahrungen berichtet. Wie würdest du denn nun Resonanz in aller Kürze charakterisieren?

EFO: «Berührt werden», «sich mit eigener Stimme einbringen» und «es knistern hören» fassen meiner Meinung nach das Phänomen der Resonanz sehr treffend. Resonanz ist grundsätzlich ein Beziehungsmodus und nicht ein Gefühlszustand. Rosa spricht im Zusammenhang mit Resonanz von drei Dimensionen von Welt- und Resonanzbeziehungen. Diese sind in folgender Abbildung im sog. Resonanzdreieck mit Organisations- und Weltbezug visualisiert. Absolute Basis stellt die horizontale Dimension dar. Sie bezieht ich auf soziale Beziehungen bzw. auf Begegnungen zwischen Menschen. Die diagonale Dimension baut auf dieser auf. Sie bezieht sich auf Beziehungen zur Dingwelt wie etwa Literatur oder Musik. Die vertikale Dimension schliesslich basiert auf der Beziehung zur Welt insgesamt bzw. der Organisation «Schule» bzw. «Hochschule».

Abbildung: Resonanzdreieck mit Organisations- und Weltbezug nach Forrer Kasteel (2022), basierend auf dem Resonanzdreieck nach Rosa & Endres (2016)

Im Resonanzdreieck, das durch die drei Pole Dozierende/Lehrperson, Studierende/Schüler:in und Zielinhalt/Aufgabe gebildet ist, kann sich ein Resonanzraum eröffnen. Lernen bzw. Anverwandeln setzen resonante Begegnungen voraus. Das Resonanzdreieck sowie die Resonanzmerkmale charakterisieren auch die Umsetzung von Resonanz im Unterrichtsbereich, die sog. Resonanzpädagogik nach Rosa & Endres (2016). Mit Resonanzmerkmalen sind Momente der Berührung, der Selbstwirksamkeit, der Anverwandlung und der Unverfügbarkeit gemeint. Resonanz berührt, ermöglicht selbstwirksame Erfahrungen und lässt die Studierenden/Schüler:innen nicht nur lernen, sondern sich einen Gegenstand anverwandeln. Letztlich bleibt Resonanz unverfügbar, da sie sich ergeben kann, aber nie erzwingen lässt.
Wie sich in der Abbildung schön abzeichnet, beschränkt sich Resonanz nicht nur auf die Ebene der Lehre und des Unterrichts, sondern ist allumfassender, indem sich dieses auch auf die Organisationsebene bezieht. Wie erlebst du das, Petra?

WPE: Wir haben uns im Team Hochschuldidaktik ausgelöst durch die Notwendigkeit zur Online-Lehre mit dem Thema Lernräume beschäftigt. In der Resonanzpädagogik nach Rosa & Endres (2016) können Lernräume den Lernenden Weltbeziehungen auf vertikalen Resonanzachsen ermöglichen. Lernorte wie Schule und Hochschule können den Lernenden als Resonanzräume die Möglichkeit eröffnen, sich als selbstwirksam zu erleben und die Welt in wechselseitiger Anverwandlung neu wahrzunehmen. Dabei geht es mir darum, Lern- und Arbeitsräume so zu öffnen, dass sowohl vor Ort als auch online gute Beziehungen zwischen den Teilnehmenden und uns Dozierenden, aber auch unter den Teilnehmenden und zu den Inhalten geknüpft werden können. Darüber hinaus ist es uns ein grosses Anliegen, die Kurse so zu gestalten, dass nicht nur Inhalte vermittelt werden, sondern auch eine Metaebene des Lernens entsteht, quasi «ein Lernen zu lernen». Damit legen wir unseren Weiterbildungsteilnehmenden letztlich auch ein Stück Selbstverantwortung nahe. Diese ist zentral für einen selbstwirksamen Lernprozess. Im Sinne des didaktischen Doppeldeckers ist es ein wichtiges Anliegen, dass unsere Teilnehmenden diese Konzepte und Ideen auch in ihre eigene Lehre einbringen.

Bild: Tamara Menzi

EFO: Das sehe ich auch so. Selbstwirksamkeit kann nur dann erfahren werden, wenn die Studierenden für ihr Lernen bzw. Studieren Verantwortung übernehmen. Sie entwickeln damit auch ein Interesse und die Kompetenz, eigene Fragen zu haben und zu stellen und diesen auf den Grund zu gehen. Im Unterschied zu einer Einwegkommunikation kann durch die Eigenaktivität und das Erkennen des eigenen Interesses Herzblut und Feuer für ein Gegenüber und ebenso für einen Inhalt bzw. Gegenstand entstehen. Eigentlich eine optimale Ausgangslage für Lernen und Studieren. In einer Lehre oder einem Unterricht, in dem es knistert, bringen sich die Studierenden – wie Rosa so schön formuliert – mit eigener Stimme ein. Dadurch werden Diskurse und Kontroversen möglich.

WPE: Das geht dann schon in Richtung eines Ko-Kreation-Prozesses, bei dem Lehrveranstaltungen oder Module bis hin zu Curricula und Studiengängen von den Dozierenden und Studierenden gemeinsam (weiter-)entwickelt werden. Das ist sicherlich ein anspruchsvolles Unternehmen, könnte aber gerade an der PH Zürich in Zukunft ein spannender Ansatz sein.

EFO: Dieser Prozess beginnt meiner Meinung nach schon in der Ausbildung. Wir bewegen uns immer mehr in Richtung Ko-Konstruktion hinein. Daraus kann der Life-Learning-Circle erwachsen, in dem der Dialog auch nach der Ausbildung zwischen Dozierenden und Absolvent:innen der PH Zürich weitergeführt wird, sei es im Rahmen von vielfältigen Kooperationen und Vernetzungen zwischen Hochschule und Praxis, sei es im Rahmen von gemeinsamen Vorhaben, von Tagungen oder Weiterbildungen. Es liegt in unseren Händen, die Begegnungen zwischen Partnerinnen und Partnern aus der Berufspraxis und der Hochschule in einem Resonanzraum zu gestalten und zu pflegen. Im gemeinsamen Dialog können wir für die Bildung von morgen enorm viel erreichen. Welche Vision von Resonanz bezogen auf die Partnerschaft zwischen Hochschule und Praxis schwebt dir vor, Petra?

Bild: Tamara Menzi

WPE: Ich kann mich deinen Ausführungen nur anschliessen. Für die hochschuldidaktische Weiterbildung streben auch wir ein partnerschaftliches Verhältnis mit den Teilnehmenden an, indem wir z.B. Absolvent:innen als Dozierende oder Multiplikator:innen gewinnen. Darüber hinaus ist für mich immer wieder der Blick auf das Resonanzdreieck von grosser Bedeutung. In jeglicher Form von Unterricht oder Lehre geht es darum, das Dreieck im Gleichgewicht zu halten, also nicht nur die Beziehung der Lernenden zum Stoff zu stärken, sondern auch die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden sowie der Lernenden untereinander.

INFORMATIONEN

Tagung mit Hartmut Rosa – Resonanz in der Hochschullehre
16. September 2022, 13.30–19 Uhr, Tagungszentrum Schloss Au

An der Tagung gehen wir gemeinsam mit dem Soziologen Hartmut Rosa dem Verständnis von Resonanz auf den Grund. Es besteht Gelegenheit zu konkreten Resonanzerkundungen. In Kurzworkshops setzen sich die Teilnehmenden mit den Zusammenhängen von Resonanz und Bildung auseinander. An dem Anlass kann auch online teilgenommen werden. Details und Anmeldung

Resonanzraum Bildung – ein neuer Podcast der PH Zürich

In der Podcastreihe Resonanzraum Bildung kommt die PH Zürich mit Expertinnen und Experten aus dem Bildungs- und Schulumfeld ins Gespräch. Es werden Themen zu aktuellen Herausforderungen und Erfahrungen im Schul- und Bildungsalltag behandelt.
Moderation: Wiltrud Weidinger
Offsprecher: Oliver Müller
zum Podcast

Resonanz – Lern- und Beziehungsräume schaffen 
PH Zürich bietet unterschiedliche Angebote und Möglichkeiten, die Lern- und Beziehungsräume im Praxisumfeld neu zu gestalten. Aktuelle Themen und Beiträge rund um den Resonanzraum Bildung: phzh.ch/resonanz

Zu den Autorinnen

Bild: Tamara Menzi

Prof. Dr. Esther Forrer Kasteel (links im Bild) ist Abteilungsleiterin Eingangsstufe an der PH Zürich.
Dr. Petra Weiss (rechts im Bild) ist Dozentin für Hochschuldidaktik im ZHE Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung an der PH Zürich.

2 Gedanken zu „«Wenn es knistert» – Resonanzraum Bildung“

    1. Liebe Bettina,
      danke für Deine “Resonanz”…

      Die Visualisierung in der vorliegenden Form stammt von Esther in Orientierung an Hartmut Rosa – wie Du sagst, letztendlich ist es das didaktische Dreieck bzw. auch das Dreieck aus der themenzentrierten Interaktion – mit Raum gefüllt. Ich habe damit auch schon öfter in Workshops gearbeitet (auch ohne expliziten Bezug zum Resonanzansatz, aber das hilft dann vielleicht).

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