Übung macht den Meister – oder doch nicht?

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Beitrag von Daniel Ammann

Wenn wir uns auf einen Operationstisch legen oder in ein Flugzeug steigen, vertrauen wir uns lieber einer Chirurgin oder einem Piloten mit viel Erfahrung an. Übung macht den Meister und die Meisterin. Darauf verlassen wir uns. Schliesslich haben wir den Film Sully (Clint Eastwood 2016) gesehen und wissen aus den Spitalserien, dass Anfängerinnen und Anfänger Fehler machen.

Nach einer Kollision mit Wildgänsen landet der erfahrene Pilot Chesley Sullenberger auf dem Hudson River und rettet Crew und Passagieren das Leben.

Wie die Expertiseforschung allerdings zeigt, lässt sich Meisterschaft nicht einfach in Übungsstunden und Berufsjahren messen. Um sich kontinuierlich zu steigern und effizient dazuzulernen, muss man auch über das richtige Üben Bescheid wissen. Wer nur Routinen abspult und gar nicht bei der Sache ist, macht ab einer gewissen Kompetenzstufe keine Fortschritte mehr – oder büsst sogar Fertigkeiten ein. So haben Leistungstests gezeigt, dass «Ärzte, die seit 20 oder 30 Jahren praktizieren, schlechter abschneiden als jene, die erst vor zwei oder drei Jahren ihre Ausbildung beendet haben» (Ericsson u. Pool 2016, 48).

Talent wird überbewertet

Universalgenie Benjamin Franklin hat es im Schachspiel zwar auf ein beachtliches Niveau gebracht und gegen die Besten seiner Zeit gespielt. Aber trotz fleissigem Üben wurde er irgendwann nicht mehr besser. In Top: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen erklären Psychologe K. Anders Ericsson und Wissenschaftsredaktor Robert Pool, warum das so ist. Sie ziehen Bilanz und räumen dabei mit ein paar hartnäckigen Mythen auf.

Expertise
Die Leistungen von Ausnahmetalenten gründen nicht allein auf Begabung.

Unter Beschuss gerät vor allem die Vorstellung, herausragende Leistungen seien auf ein angeborenes Talent zurückzuführen. Ericsson hat zahlreiche Ausnahmetalente unter die Lupe genommen und festgestellt, dass deren Höchstleistungen nicht auf Begabung gründeten, sondern die Folge von unnachgiebigem und jahrelangem Training waren. Selbst Mozart wurde die Gabe nicht einfach in die Wiege gelegt. Als der Wunderknabe sein Publikum in verzücktes Erstaunen versetzte, hatte er bei seinem Vater bereits eine lange und disziplinierte Schulung absolviert.

Aber nicht nur Talent und Inspiration, auch Wissen, Berufserfahrung und Übung werden mitunter überschätzt. Entscheidend sei, so Ericsson und Pool, «was zu tun man in der Lage ist, nicht, was man weiss – auch wenn man bestimmte Dinge wissen muss, um seine Aufgabe zu erfüllen.» Obgleich Wissen in vielen traditionellen Ausbildungsgängen grossgeschrieben wird, ist es nicht mit Fähigkeit gleichzusetzen. Laut den Autoren liegt darin «einer der wesentlichen Unterschiede zwischen traditionellen Wegen zur Expertise und der Methode des bewussten Lernens» (Ericsson u. Pool 2016, 188).

Mit 10’000 Übungsstunden zur Expertise?

K. Anders Ericsson, Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer haben bereits 1993 in einem Artikel in der Psychological Review Forschungsergebnisse zur Rolle des bewussten Lernens vorgelegt. In Anlehnung daran macht 15 Jahre später Malcolm Gladwell in seinem Buch Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht die sogenannte «10 000-Stunden-Regel» populär. Zur gleichen Zeit doppelt Geoff Colvin mit seinem provokativen Titel nach: Talent wird überschätzt: Welche Erfolgsfaktoren wirklich zählen.

Auf den ersten Blick fühlen sich die verbissenen Kämpfer durch die angebliche Erfolgsregel bestätigt. Man muss lediglich 10’000 Stunden üben, um es an die Leistungsspitze zu schaffen. Das mutet wie ein Gesetz an, vor dem alle gleich sind. So schön diese Faustregel mit dem einfachen Wirkungszusammenhang klingt, so einseitig stellt sie die Tatsachen dar. Reines Üben reicht zur Erlangung von Expertise nämlich keineswegs aus. Entscheidend sind die Begleitumstände. Dazu gehören professionelle Anleitung und Feedback ebenso wie Achtsamkeit, Motivation und Durchhaltewillen.

Auf das Lehrgerüst kommt es an

Intensives und regelmässiges Training legt den Grundstein für künftige Könnerschaft. Wie Meisterklassen in der Musik oder Sportausbildungen zeigen, kommt es im Wesentlichen auf die Übungsmethode und das passende Lehrgerüst (siehe Kasten) an. Ähnlich wie bei der von Wood, Bruner und Ross (1976) vorgestellten Methode des Scaffolding wird das Lernziel in eine Abfolge von Teilaufgaben zerlegt und der gesamte Prozess kontrolliert. Der entscheidende Unterschied beim bewussten Lernen besteht jedoch «in der besonderen Bedeutung, die bei jedem der Schritte der notwendigen mentalen Repräsentationen beigemessen wird, und der Sorgfalt, mit der darauf geachtet wird, dass der Schüler oder Student die entsprechenden Repräsentationen entwickelt hat, ehe er den nächsten Schritt in Angriff nimmt» (Ericsson u. Pool 2016, 341).

Im deutschen Diskurs dominiert der englische Ausdruck «Scaffolding». Die Metapher aus der antiken Baukunst wird meist etwas unscharf mit «Baugerüst» übersetzt. Der deutsche Fachbegriff lautet allerdings «Lehrgerüst» und bezeichnet in der Baukunst ein Bogengerüst. Laut Pierer's Universal-Lexikon von 1860 handelt es sich hierbei um «die hölzerne Unterstützung, welche als Lehre (hier gleichbedeutend mit Form) für die auszuführende Wölbung dient und auf ihrem, der Leibung eines Bogens oder Gewölbes entsprechend geformten Rücken, die Rippen, Kappen u. Wangen desselben während deren Ausführung sicher trägt, bis der Schlussstein durch gleichgewichtige gegenseitige Spannung die Unterstützung überflüssig macht». 

Auf ihrem Weg nach oben brauchen die Lernenden kompetente Begleiterinnen und Begleiter, die ihnen mit zielführendem Feedback wichtige Impulse zur Verbesserung geben. Wer keinen Coach und keine Mentorin an der Seite hat, kann sich an Benjamin Franklin oder Jack London ein Beispiel nehmen. Anhand von Vorbildern haben sich die beiden Autodidakten die Schriftstellerei durch die Analyse von Texten, ein Aufbauprogramm und konsequentes Üben quasi im Alleingang beigebracht.

Fazit

Worauf es beim gezielten Üben und beim bewussten Lernen ankommt, lässt sich an folgenden sieben K-Stichworten festmachen.

Kompetenzorientierung. Expertise beschränkt sich nicht auf Wissen. Bei der Methode des bewussten Lernens liegt der Fokus auf der tatsächlichen Leistung, auf dem Können, auch wenn man dazu ein bestimmtes Wissen benötigt. 

Komplexität reduzieren. Das zu Erlernende bzw. der Weg zum angestrebten Ziel wird in eine Reihe klar definierter Teilschritte zerlegt.

Komfortzone verlassen. Gezieltes Üben unterscheidet sich von planlosem Wiederholen. Es geht darum, sich neue Fähigkeiten anzueignen und steten Druck auf den Fortschritt auszuüben.

Konzentration. Fokussiertes Training stellt den nächsten Lernschritt in den Mittelpunkt. Dazu gehört auch, dass man beim Üben auf die Inhalte und Abläufe konzentriert bleibt.

Kontrolle. Ergebnisse und Fortschritte werden laufend überprüft und analysiert. Gezieltes Feedback hilft den Lernenden, in die «Zone der nächsten Entwicklung» (Wygotski) vorzurücken.

Korrektur. Hat man erst einmal erkannt, wo etwas noch nicht funktioniert oder was den Fortschritt blockiert, werden Vorgaben und Abläufe angepasst.

Konsequenz. Dranbleiben, denn intensives und regelmässiges Üben bildet die Voraussetzung für Erfolg und Expertise.

Schreiben ist ebenfalls ein Gebiet, bei dem gezieltes Üben und bewusstes Lernen eine wesentliche Rolle spielen. Am Schreibzentrum der PH Zürich können sowohl Dozierende als auch Studierende zu verschiedenen Aspekten des Schreibens Beratung erhalten.

Für Hochschuldozierende bietet das ZHE Zentrum für Hochschuldidaktik und Entwicklung zudem den Kurs Arbeiten von Studierenden begleiten und beurteilen an.

Zum Autor

Daniel Ammann ist Dozent für Medienbildung, Mitarbeiter des Schreibzentrums der PH Zürich, Redaktor («Akzente», «Zeitschrift Schreiben») und Betreuer von Masterarbeiten Sek I. 

3 Gedanken zu „Übung macht den Meister – oder doch nicht?“

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