Komplex + unsicher = Bauch – oder wie man die richtige Entscheidung trifft

Beitrag von Yves Furer

Was haben Fussballspielen und Dozieren gemeinsam? Beides ist Handeln in komplexen Situationen. Das heisst, es geht oft darum, in kürzester Zeit die richtige Entscheidung zu treffen. Wie gelingt das ohne physikalische Formeln und pädagogisch-psychologische Modelle? Antworten gibt’s in den folgenden Ausführungen.

Da sein, wo der Ball ist

Damit Fussballspieler erfolgreich sind, müssen sie u.a. da stehen bzw. hinlaufen, wo der Ball ist. Möchte ein Fussballer systematisch bestimmen, wohin der Ball kommt, müsste er dafür (bei längeren, hohen Pässen) physikalische Faktoren wie Gravitation, Geschwindigkeit, Luftwiderstand und Rotation des Balles, die eigene Geschwindigkeit usw. beachten. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Fussballer nicht weiss bzw. messen kann, wie schnell der Ball ist, der auf ihn zufliegt. Er kann all diese Faktoren im besten Fall abschätzen. Trotzdem muss er schnell entscheiden, wohin er wie schnell läuft, um den Ball zu erreichen.

Dozierende wiederum stehen beispielsweise vor der Aufgabe, während des Unterrichts zu merken, ob und welche Studierenden verstanden haben, was sie ihnen vermittelt haben. Auch in dieser Situation ist eine Vielzahl von Faktoren beteiligt, die miteinander interagierenden: Komplexität des Themas, Vorwissen und Interesse der Studierenden, gewählte Instruktionsmethode, Tageszeit usw. Genauso wie den Fussballern stehen den Dozierenden keine Messwerte zur Verfügung, sondern sie können bestenfalls abschätzen, was ihre Studierenden z. B. schon an Vorwissen mitbringen. Trotzdem müssen auch sie schnell eine Entscheidung treffen, wie sie ihren Unterricht weiter gestalten: ein Thema nochmals erklären, zum nächsten Thema gehen etc.

Für Formeln und Modelle bleibt keine Zeit

Beide Probleme lassen sich auf eine komplexe und abstrakte Weise darstellen: physikalische Formeln im Fussball oder pädagogisch-psychologische Modelle im Unterricht. Es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern diese Formeln bzw. Modelle den Fussballern oder Dozierenden in den beschriebenen Situationen helfen, die richtige Entscheidung zu treffen. So darf zumindest vermutet werden, dass Fussballer kaum in der Lage sind, während eines Spiels Gleichungen zu lösen, um im richtigen Moment an den Ball zukommen. Trotzdem zeigen sie Wochenende für Wochenende, dass sie es können:

Fussballer treffen häufig die richtige Entscheidung
Fussballer treffen oft in kürzester Zeit die richtige Entscheidung («Who Ate all the Pies?» 2013).

Welche Rolle spielt Intuition bei der richtigen Entscheidung?

Handelt es sich nun bei dieser Fähigkeit um reine, blinde Intuition oder Talent (siehe Blogbeitrag «Übung macht den Meister – oder doch nicht?» von Daniel Ammann)? Weder noch. Zumindest behauptet das Gerd Gigerenzer (2017), der ehemalige Direktor des Max-Plank-Instituts für Bildungsforschung. Er geht davon aus, dass Fussballer in solchen Situationen (wenn auch unbewusst) eine einfache Faustregel anwenden. Diese erlaubt es ihnen, mittels eines robusten Kriteriums die richtige Entscheidung zu treffen. Diese Faustregel könnte für das Fussball-Beispiel wie folgt lauten: Laufe so schnell, dass dein Blickwinkel zum Ball immer derselbe bleibt. Die folgende Abbildung illustriert das Konzept dieser sogenannten «Blick-Heuristik» (wobei hier der Ball gefangen und nicht mit dem Fuss getreten wird).

Das Konzept der «Blick-Heuristik» (Gigerenzer und Gaissmaier 2006) hilft z. B. im Ballsport, die richtige Entscheidung zu treffen.
Das Konzept der «Blick-Heuristik» (Gigerenzer und Gaissmaier 2006) hilft z. B. im Ballsport, die richtige Entscheidung zu treffen.

Mentale Abkürzungen helfen bei der Entscheidung

Solche Faustregeln, Heuristiken, sind mentale Abkürzungen: Anstatt zu versuchen, alle Faktoren eines Vorganges zu erfassen, beschränkt man sich auf wenige, relevante Informationen. Gemäss Gigerenzer (2017) ist es eine Fiktion, dass eine Person in der Lage ist, alle für eine Entscheidung relevanten Informationen zu finden. Und selbst wenn eine Person alle Informationen zur Verfügung hätte, bräuchte sie alle Zeit der Welt, um alle Informationen gegeneinander abzuwägen und dann daraus Schlüsse zu ziehen. Diese wiederum könnten die Grundlage für eine Entscheidung sein. Entscheidungen beim Fussball oder Unterrichten so zu fällen, führt nicht zum Ziel und bringt schon gar keine Tore: Der Ball wäre schon lange weg, die Studierenden nach Hause gegangen.

Heuristiken in der Lehre?

Als Alternative schlägt Gigerenzer (2017) deshalb vor, bestimmte Hinweise (cues) als Entscheidungsgrundlage zu nutzen und andere zu ignorieren. Es wird also bewusst auf Informationen verzichtet, die eigentlich verfügbar wären, die aber den Entscheidungsprozess verkomplizieren. Doch ist ein solches Vorgehen nicht gefährlich, da «blinde Flecken» nicht nur in Kauf, sondern aktiv produziert werden?

Empirisch zeigt sich, dass in vielen Fällen Heuristiken komplexen Entscheidungsprozessen überlegen sind. Beispielsweise überleben dank Heuristiken mehr Herznotfall-Patienten (Marewski & Gigerenzer 2012), es wird mehr Geld am Aktienmarkt erwirtschaftet (DeMiguel et al. 2006) oder ein beschädigtes Flugzeug (Gigerenzer 2017) sicher gelandet.

Ob auch Dozierende von Entscheidungen profitieren, die sie mittels Heuristiken getroffen haben, ist eine noch ungeklärte Frage. Wahrscheinlich nutzen viele Dozierende unbewusst Heuristiken, um Entscheidungen im Zusammenhang mit ihrer Lehre zu treffen. Wenn sie beispielsweise Abschlussarbeiten mit Hilfe eines Rasters beurteilen, dürfte bei einigen Dozierenden die Note bereits feststehen, wenn sie beginnen, Kreuze und Punkte im Raster zu verteilen. Wie solche heuristischen Entscheidungen zustande kommen, diskutiert man allerdings kaum, da sie selten bewusst wahrgenommen werden. Schenkt man ihnen dennoch Aufmerksamkeit, besteht die Gefahr, dass ihr Potential übersehen wird, da es sich um vermeintlich unprofessionelle «Bauchentscheidungen» handelt.

Fazit

Selbstverständlich bringen Heuristiken eine Reihe von Problemen mit sich. Beispielsweise ist es entscheidend, die richtigen Hinweise als Grundlage für eine Entscheidung auszuwählen. Nur weil ein Student in der ersten Reihe gähnt, ist das zwar ein salienter (auffälliger) Hinweis, aber nicht unbedingt eine gute Basis für die Bewertung des eigenen Unterrichts. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist es lohnenswert, sich die Grundlagen, auf denen man Entscheidungen trifft, bewusst zu machen und sie gegebenenfalls zu hinterfragen.

INFOBOX
Yves Furer arbeitet im Schreibzentrum der PH Zürich. Neben Schreibberatungen und Workshops für Studierende und Mitarbeitende der PH Zürich bietet das Schreibzentrum
- externe Weiterbildungen, - Textcoachings, - professionelle Begleitung von Schreib- und Publikationsprojekten.

Kontakt: schreibberatung@phzh.ch

Das Schreibzentrum der PH Zürich begleitet Studierende und Dozierende beim Planen, Verfassen und Überarbeiten von Texten.
Neben Lehrgängen in der Aus- und Weiterbildung bietet das Schreibzentrum Workshops, individuelle Coachings sowie massgeschneiderte Kurse für Gruppen an.

Angebote für Studierende im Studiweb

Workshops und Impulse des Lernforums (Digital Learning, Schreibzentrum, Bibliothek)

Während des Semesters bietet das Schreibzentrum offene Sprechstunden im LAA-F014 an: Montag bis Freitag, jeweils von 12.15 bis 13.45 Uhr.


Zum Autor

Yves Furer ist Dozent für Deutschdidaktik und Mitarbeiter des  Schreibzentrums der PH Zürich. Er berät Studierende und Mitarbeitende im Bereich Literalität und leitet Weiterbildungen und Projekte zum Thema Literalität in der Volksschule. Ausserdem ist er QUIMS-Experte im Schwerpunkt «Beurteilen und Fördern, mit Fokus auf Sprache». Aktuell arbeitet er an einer Promotion zum Thema «Kognitive Prozesse bei der Textbeurteilung». 

Redaktion: Martina Meienberg

Übung macht den Meister – oder doch nicht?

Beitrag von Daniel Ammann

Wenn wir uns auf einen Operationstisch legen oder in ein Flugzeug steigen, vertrauen wir uns lieber einer Chirurgin oder einem Piloten mit viel Erfahrung an. Übung macht den Meister und die Meisterin. Darauf verlassen wir uns. Schliesslich haben wir den Film Sully (Clint Eastwood 2016) gesehen und wissen aus den Spitalserien, dass Anfängerinnen und Anfänger Fehler machen.

Nach einer Kollision mit Wildgänsen landet der erfahrene Pilot Chesley Sullenberger auf dem Hudson River und rettet Crew und Passagieren das Leben.

Wie die Expertiseforschung allerdings zeigt, lässt sich Meisterschaft nicht einfach in Übungsstunden und Berufsjahren messen. Um sich kontinuierlich zu steigern und effizient dazuzulernen, muss man auch über das richtige Üben Bescheid wissen. Wer nur Routinen abspult und gar nicht bei der Sache ist, macht ab einer gewissen Kompetenzstufe keine Fortschritte mehr – oder büsst sogar Fertigkeiten ein. So haben Leistungstests gezeigt, dass «Ärzte, die seit 20 oder 30 Jahren praktizieren, schlechter abschneiden als jene, die erst vor zwei oder drei Jahren ihre Ausbildung beendet haben» (Ericsson u. Pool 2016, 48).

Talent wird überbewertet

Universalgenie Benjamin Franklin hat es im Schachspiel zwar auf ein beachtliches Niveau gebracht und gegen die Besten seiner Zeit gespielt. Aber trotz fleissigem Üben wurde er irgendwann nicht mehr besser. In Top: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen erklären Psychologe K. Anders Ericsson und Wissenschaftsredaktor Robert Pool, warum das so ist. Sie ziehen Bilanz und räumen dabei mit ein paar hartnäckigen Mythen auf.

Expertise
Die Leistungen von Ausnahmetalenten gründen nicht allein auf Begabung.

Unter Beschuss gerät vor allem die Vorstellung, herausragende Leistungen seien auf ein angeborenes Talent zurückzuführen. Ericsson hat zahlreiche Ausnahmetalente unter die Lupe genommen und festgestellt, dass deren Höchstleistungen nicht auf Begabung gründeten, sondern die Folge von unnachgiebigem und jahrelangem Training waren. Selbst Mozart wurde die Gabe nicht einfach in die Wiege gelegt. Als der Wunderknabe sein Publikum in verzücktes Erstaunen versetzte, hatte er bei seinem Vater bereits eine lange und disziplinierte Schulung absolviert.

Aber nicht nur Talent und Inspiration, auch Wissen, Berufserfahrung und Übung werden mitunter überschätzt. Entscheidend sei, so Ericsson und Pool, «was zu tun man in der Lage ist, nicht, was man weiss – auch wenn man bestimmte Dinge wissen muss, um seine Aufgabe zu erfüllen.» Obgleich Wissen in vielen traditionellen Ausbildungsgängen grossgeschrieben wird, ist es nicht mit Fähigkeit gleichzusetzen. Laut den Autoren liegt darin «einer der wesentlichen Unterschiede zwischen traditionellen Wegen zur Expertise und der Methode des bewussten Lernens» (Ericsson u. Pool 2016, 188).

Mit 10’000 Übungsstunden zur Expertise?

K. Anders Ericsson, Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer haben bereits 1993 in einem Artikel in der Psychological Review Forschungsergebnisse zur Rolle des bewussten Lernens vorgelegt. In Anlehnung daran macht 15 Jahre später Malcolm Gladwell in seinem Buch Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht die sogenannte «10 000-Stunden-Regel» populär. Zur gleichen Zeit doppelt Geoff Colvin mit seinem provokativen Titel nach: Talent wird überschätzt: Welche Erfolgsfaktoren wirklich zählen.

Auf den ersten Blick fühlen sich die verbissenen Kämpfer durch die angebliche Erfolgsregel bestätigt. Man muss lediglich 10’000 Stunden üben, um es an die Leistungsspitze zu schaffen. Das mutet wie ein Gesetz an, vor dem alle gleich sind. So schön diese Faustregel mit dem einfachen Wirkungszusammenhang klingt, so einseitig stellt sie die Tatsachen dar. Reines Üben reicht zur Erlangung von Expertise nämlich keineswegs aus. Entscheidend sind die Begleitumstände. Dazu gehören professionelle Anleitung und Feedback ebenso wie Achtsamkeit, Motivation und Durchhaltewillen.

Auf das Lehrgerüst kommt es an

Intensives und regelmässiges Training legt den Grundstein für künftige Könnerschaft. Wie Meisterklassen in der Musik oder Sportausbildungen zeigen, kommt es im Wesentlichen auf die Übungsmethode und das passende Lehrgerüst (siehe Kasten) an. Ähnlich wie bei der von Wood, Bruner und Ross (1976) vorgestellten Methode des Scaffolding wird das Lernziel in eine Abfolge von Teilaufgaben zerlegt und der gesamte Prozess kontrolliert. Der entscheidende Unterschied beim bewussten Lernen besteht jedoch «in der besonderen Bedeutung, die bei jedem der Schritte der notwendigen mentalen Repräsentationen beigemessen wird, und der Sorgfalt, mit der darauf geachtet wird, dass der Schüler oder Student die entsprechenden Repräsentationen entwickelt hat, ehe er den nächsten Schritt in Angriff nimmt» (Ericsson u. Pool 2016, 341).

Im deutschen Diskurs dominiert der englische Ausdruck «Scaffolding». Die Metapher aus der antiken Baukunst wird meist etwas unscharf mit «Baugerüst» übersetzt. Der deutsche Fachbegriff lautet allerdings «Lehrgerüst» und bezeichnet in der Baukunst ein Bogengerüst. Laut Pierer's Universal-Lexikon von 1860 handelt es sich hierbei um «die hölzerne Unterstützung, welche als Lehre (hier gleichbedeutend mit Form) für die auszuführende Wölbung dient und auf ihrem, der Leibung eines Bogens oder Gewölbes entsprechend geformten Rücken, die Rippen, Kappen u. Wangen desselben während deren Ausführung sicher trägt, bis der Schlussstein durch gleichgewichtige gegenseitige Spannung die Unterstützung überflüssig macht». 

Auf ihrem Weg nach oben brauchen die Lernenden kompetente Begleiterinnen und Begleiter, die ihnen mit zielführendem Feedback wichtige Impulse zur Verbesserung geben. Wer keinen Coach und keine Mentorin an der Seite hat, kann sich an Benjamin Franklin oder Jack London ein Beispiel nehmen. Anhand von Vorbildern haben sich die beiden Autodidakten die Schriftstellerei durch die Analyse von Texten, ein Aufbauprogramm und konsequentes Üben quasi im Alleingang beigebracht.

Fazit

Worauf es beim gezielten Üben und beim bewussten Lernen ankommt, lässt sich an folgenden sieben K-Stichworten festmachen.

Kompetenzorientierung. Expertise beschränkt sich nicht auf Wissen. Bei der Methode des bewussten Lernens liegt der Fokus auf der tatsächlichen Leistung, auf dem Können, auch wenn man dazu ein bestimmtes Wissen benötigt. 

Komplexität reduzieren. Das zu Erlernende bzw. der Weg zum angestrebten Ziel wird in eine Reihe klar definierter Teilschritte zerlegt.

Komfortzone verlassen. Gezieltes Üben unterscheidet sich von planlosem Wiederholen. Es geht darum, sich neue Fähigkeiten anzueignen und steten Druck auf den Fortschritt auszuüben.

Konzentration. Fokussiertes Training stellt den nächsten Lernschritt in den Mittelpunkt. Dazu gehört auch, dass man beim Üben auf die Inhalte und Abläufe konzentriert bleibt.

Kontrolle. Ergebnisse und Fortschritte werden laufend überprüft und analysiert. Gezieltes Feedback hilft den Lernenden, in die «Zone der nächsten Entwicklung» (Wygotski) vorzurücken.

Korrektur. Hat man erst einmal erkannt, wo etwas noch nicht funktioniert oder was den Fortschritt blockiert, werden Vorgaben und Abläufe angepasst.

Konsequenz. Dranbleiben, denn intensives und regelmässiges Üben bildet die Voraussetzung für Erfolg und Expertise.

Schreiben ist ebenfalls ein Gebiet, bei dem gezieltes Üben und bewusstes Lernen eine wesentliche Rolle spielen. Am Schreibzentrum der PH Zürich können sowohl Dozierende als auch Studierende zu verschiedenen Aspekten des Schreibens Beratung erhalten.

Für Hochschuldozierende bietet das ZHE Zentrum für Hochschuldidaktik und Entwicklung zudem den Kurs Arbeiten von Studierenden begleiten und beurteilen an.

Zum Autor

Daniel Ammann ist Dozent für Medienbildung, Mitarbeiter des Schreibzentrums der PH Zürich, Redaktor («Akzente», «Zeitschrift Schreiben») und Betreuer von Masterarbeiten Sek I. 

21st Century Skills – Kompetenzen für die Berufswelt von morgen

Beitrag von Alex Rickert

21st Century Skills – zu Beginn des neuen Jahrtausends kontrovers diskutiert und in aller Munde. Knapp 20 Jahre später zeichnet sich ab, dass 21st Century Skills nötiger sind denn je. Zumindest, was das Lesen und Schreiben betrifft.

Für die Berufswelt von morgen braucht es globale Kompetenzen.

Die grossen Initiativen der OECD, einzelner Staaten und Grosskonzerne zur Förderung der Skills für das 21. Jahrhundert haben gewirkt. Viele dieser Grundsätze sind heute in Lehrplänen und Curricula verankert. Inzwischen prüfen die PISA-Tests nebst den drei Hauptbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auch typische 21st Century Skills wie «kollaboratives Problemlösen» (PISA 2015) oder «globale Kompetenz» (PISA 2018).

Probleme lösen, Wissen organisieren

Zwei Gründe werden oft ins Feld geführt, um die Dringlichkeit solcher Kompetenzen – 21st Century Skills – zu untermauern. Erstens der Wegfall von physischen und kognitiven (z. B. kaufmännischen) Routinearbeiten auf dem Arbeitsmarkt aufgrund der Digitalisierung. Die verbleibende Arbeit erfordert die Fähigkeiten, Probleme zu lösen, Wissen zu organisieren und zu kooperieren. Der zweite Grund betrifft die enorme Menge an allzeit verfügbarer Informationen, Fakten und Meinungen. Laut der OECD sollen Schülerinnen und Schüler wie auch Studierende lernen, damit umzugehen. Sie sollen relevante und vertrauenswürdige Quellen erkennen, (multimediale) Informationen verstehen, das Gelesene für eigene Zwecke verarbeiten und die so gewonnenen Erkenntnisse in sozial vernetzten Umgebungen teilen können.

Im Kern der 21st Century Skills stehen die sogenannten 4 C’s oder zu Deutsch 4 Ks, die auf die US-amerikanische Initiative P21 zurückgehen. Die 4 Ks stehen für kritisches Denken und Problemlösen, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität. Diese sollen gemäss der OECD junge Leute dazu befähigen, den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt mitzugestalten und davon zu profitieren.

Kritisiert wird unter anderem, dass durch die Fokussierung auf 21st Century Skills lediglich wirtschaftlich kompatible Arbeitskräfte produziert würden. Bildung habe jedoch die Aufgabe, unterschiedliche menschliche Fähigkeiten gleichermassen zu fördern. Aspekte wie Ethik, Bürgersinn, Empathie und Neugier seien zu wenig berücksichtigt. – Zumindest in neueren Modellen und Auflistungen von 21st Century Skills sind solche Gesichtspunkte jedoch häufig enthalten.

Drei Postulate für die Volks- und Hochschule

Trotz berechtigter Kritik sind 21st Century Skills fürs Lernen und Arbeiten so zentral wie nie. Die folgenden drei Postulate verdeutlichen, warum essentielle literale Kompetenzen des 21. Jahrhunderts – Recherchieren, Quellen beurteilen, Lesen, Schreiben, Veröffentlichen – auf Hochschul- und auf Volksschulstufe nicht nur gefordert, sondern auch gefördert werden sollen.

1. Die Informationsflut ist real

Durch das Internet und die sozialen Medien verfügbaren Informationen und Textformen mit teilweise widersprüchlichen und falschen Aussagen überfordern das menschliche Aufnahme- und Filtersystem. Strategien zur Kanalisierung der Informationsströme sind nötig. Nicht nur für das Studium und für den Beruf, sondern auch für das Leben als Mensch in einer modernen Gesellschaft.  

2. Nicht müde werden in der Arbeitswelt

Zwar sind auch in einem hochtechnologisierten Land wie der Schweiz weiterhin Jobs gefragt, bei denen oben genannte Fähigkeiten nur am Rande zählen. Trotzdem: Der technologische Fortschritt verändert den Arbeitsmarkt. Gewisse Berufe verschwinden und andere entstehen. Die Arbeitnehmenden tun gut daran, fit zu sein für solche Veränderungen. Nicht nur, weil sie das müssen, sondern auch, weil viele das wollen. Sozialer Aufstieg geht meist einher mit Weiterbildungen, Berufswechseln oder Beförderungen. Wer also in seinem Leben zwei- bis dreimal den Beruf wechseln muss oder möchte, ist gut beraten, Kompetenzen mitzubringen, die solche Veränderungen unter dem Aspekt des Life Long Learnings ermöglichen. Und das sind nicht zuletzt 21st Century Skills.

3. Eine neue literale Perspektive öffnet Türen zu (fast) allen Wissensdomänen

21st Century Skills
Beim Lesen und Schreiben sind neue Blickwinkel und Strategien gefragt.

Auf allen Bildungsstufen ist eine Didaktik gefragt, die Sprach-, Medien- und Informatikdidaktik kombiniert. Es braucht eine neue Perspektive auf das Lesen und Schreiben an der Hochschule und in der Schule. Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter müssen als eng miteinander verknüpfte Aktivitäten verstanden werden. So beinhaltet Lesen unter dieser Prämisse auch das Prüfen von Informationen und ist multimedial zu denken. Lesen, Verstehen und Verarbeiten von vielen und teilweise widersprüchlichen Informationen, die womöglich noch verlinkt sind, erfordert ganz andere Strategien und Vorgehensweisen als das Lesen eines gut strukturierten Einzeltextes. Das Schreiben eines Textes oder eines Referats auf der Basis mehrerer Quellen macht Strategien nötig, bei denen Informationen ausgewählt, neu organisiert und transformiert werden müssen. Das ist kognitiv höchst anspruchsvoll und braucht Übung. Wenn junge Menschen über solche Kompetenzen verfügen, ist viel gewonnen. Wenn sie in der Lage sind, selbstständig relevante und vertrauenswürdige Informationen zu einem spezifischen Thema zu finden, diese zu verstehen und so Wissen aufzubauen und zu kombinieren, stehen ihnen die Tore zu (fast) allen Wissensbereichen offen.

INFOBOX

Vertiefungsarbeit intensiv, am Stück, über Mittag – ein Kursangebot des Schreibzentrums

Worum geht es? Wir unterstützen Sie dabei, einen besseren Theorieteil Ihrer Vertiefungsarbeit zu verfassen. Besuchen Sie unseren kostenlosen Intensivkurs zu Semesterbeginn. In wenigen Wochen führen Sie Tutorinnen und Tutoren in Kleingruppen durch zentrale Stationen des Schreibens eines Theorieteils, sodass Sie am Ende des Kurses mit voller Kraft ins Verfassen Ihrer Vertiefungsarbeit starten. Wir nehmen uns Zeit für Ihre individuellen Anliegen: In Kleingruppen können Sie Ihre Fragen stellen und erhalten nach dem Kurs ein für Sie kostenloses Feedback im Rahmen eines 30-minütigen Gesprächs. 

Was sind die Teilnahmebedingungen? Um erfolgreich teilnehmen zu können, gibt es neben einer regelmässigen Teilnahme an den Veranstaltungen zwei Voraussetzungen: 1) Sie haben bereits ein Thema für Ihre Vertiefungsarbeit und haben mit der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema begonnen. Das heisst: Sie haben erste Texte gelesen und eine ungefähre Vorstellung Ihrer Fragestellung. 2) Sie sind bereit, an kurzen schriftlichen Befragungen teilzunehmen, die wir für die Kursentwicklung durchführen.

Wann findet der Kurs statt und wie umfangreich ist er? Der Kurs findet in mehrfacher Ausführung jeweils von 12.15 bis 13.45 Uhr statt. Es sind insgesamt sechs Sitzungen in den ersten drei Wochen des Herbstsemesters. Das bedeutet: Es gibt zwei Sitzungen pro Woche. Die genauen Termine für die Sitzungen stehen noch nicht fest. 

Wie kann ich teilnehmen? Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann melden Sie sich bitte bis zum 23. August 2019 per E-Mail an schreibzentrum@phzh.ch, um in unsere Mailingliste aufgenommen zu werden. Falls es mehr interessierte Studierende als Plätze (jeweils 5 Personen pro Kurs) gibt, entscheidet das Los über die Teilnahme. Wir kontaktieren Sie am 30. August per Mail, wenn Sie einen Platz im Kurs haben. Anschliessend bleibt Ihnen eine Woche, um sich verbindlich für den Kurs anzumelden. 

Zum Autor

Alex Rickert leitet das Schreibzentrum der PH Zürich. Er ist Dozent für Deutschdidaktik, leitet Weiterbildungen und Workshops zu wissenschaftlichem Schreiben und Lese- und Schreibförderung und ist QUIMS-Experte im «Schreiben auf allen Schulstufen».

Redaktion: Martina Meienberg

«Bei Masterarbeiten lassen wir uns nicht reinreden!»

Beitrag von Monique Honegger und Kai Felkendorff

Können beim Begleiten von Masterarbeiten Probleme durch Vorgaben behoben werden? Was ist von solchen Versuchen zu halten? Kontradiktorisch werden Positionen von Dozierenden und Expert*innen sowie Positionen von Schreibdidaktik- sowie Hochschuldidaktik-Expert*innen gezeigt. Dabei stehen folgende Fragen im Fokus:

  • Was und wie viel können und sollen wir uns als Expert*innen, als Dozierende sagen lassen, wenn wir Studierende beim Verfassen von Masterarbeiten begleiten?
  • Wie erreichen Hochschuldidaktiker*innen und Schreibdidaktik-Expert*innen begleitende Dozierende, um das Begleiten von Masterarbeiten zu optimieren?
Betreuung von Masterarbeiten
Die Betreuung von Masterarbeiten stellt Dozierende vor verschiedene Herausforderungen.

Leitfäden und Vorgaben helfen beim Begleiten von Masterarbeiten bedingt

Nicht nur Dozierende, die zum ersten Mal Abschlussarbeiten oder Masterarbeiten begleiten, fühlen sich oft alleine gelassen und gefordert. Obschon zahlreiche Leitfäden und Tipps für Studierende dazu existieren, wie Masterarbeiten verfasst werden sollen, findet sich wenig greifbare Literatur mit Tipps für Dozierende. (Ein beliebter Titel ist Buff-Keller u. Jörissen 2015.)

Im Gegensatz zu Prüfungsreglementen wirken Leitfäden an Hochschulen nicht auf der Reglementsebene. Sie skizzieren Prozess und Produkt, sind weitgehend als Hilfestellungen gemeint. Im Studienalltag hingegen erleben Studierende und Dozierende diese immer wieder als Reglementierungen und handhaben sie entsprechend. In Beratungen von Dozierenden zeigt sich uns Schreibdidaktiker*innen, dass Dozierende diese Leitfäden für Bachelorarbeiten oder einen anderen Leistungsnachweis optimieren möchten. Die Leitfäden sollen zum einen kürzer und straffer werden, zum anderen die Begleitung und Beurteilung optimieren.

Die klassischen Knackpunkte von Leitfäden sind oftmals folgende:

  • Leitfäden vermischen vorschreibende Angaben mit solchen, die als unverbindliche Tipps gemeint sind.
  • Es finden sich mitunter aus Sicht der wissenschaftlichen Schreibforschung veraltete Auffassungen über Schreib- und Denk-Prozesse.
  • Und speziell im Hinblick auf unterschiedliche Disziplinen: „Zuerst planen Sie den Aufbau Ihrer Arbeit, dann formulieren Sie Kapitel für Kapitel durch.“ D.h. der lineare Schreibprozess wird häufig als normaler und anzustrebender Weg dargestellt. Ebenso beinhalten Leitfäden mancherorts die Zitiervorgaben der entsprechenden Institution – dies in umfangreicher Form. Diese Gewichtung riskiert, Denk- oder Schreibprozess-Probleme, sogenannte komplexe hermeneutische Verfahren und Prozesse oftmals an der Zitieroberfläche/Textoberfläche zu inszenieren.

Gegen schreibdidaktischen Imperialismus

Aus Sicht vieler Begleitpersonen von Masterarbeiten riskieren Leitfäden nicht nur, de facto legalistisch zu wirken, obschon sie empfehlend gemeint sein sollen. Nein, es ist viel schlimmer: Manche Leitfäden eignen sich aus dieser Perspektive dazu, das fachlich-forschende Arbeitsbündnis zwischen Studierenden und Dozierenden empfindlich zu stören, durch schreibdidaktischen Imperialismus. Die Begleitung von Masterarbeiten ist aus Sicht dieser Kolleg*innen eben nicht primär und schon gar nicht ausschliesslich als Begleitung eines Schreibprozesses beschreib- und optimierbar, sondern zunächst, und vor allem, als Begleitung eines Forschungsprozesses, der auch schriftlich dokumentiert wird. Aus der ebenso richtigen wie banalen Annahme, dass das Schreiben irgendwie überall drin steckt, macht ein schreibdidaktischer Imperialismus, so die Kritik, aus allem ein Schreibbegleitungsproblem. Dessen Lösung wird dann folgerichtig in einer Klärung des schreibdidaktischen Selbstverständnisses der Dozierenden verortet: dem Abschliessen von Schreibfortschrittsprojektverträgen und dergleichen mehr.
Von einem leitfadenkritischen Standpunkt aus scheint ferner die Annahme etwas naiv, dass durch Kontraktualisierung und kleinschrittige Standardisierung Herausforderungen wie das Anwalt-Richter-Dilemma – Betreuende sind zugleich auch Beurteilende von Masterarbeiten – irgendwie in den Griff zu bekommen seien.

Leitfäden sollen die Betreuung nicht überreglementieren.

Widersprüche fördern Fortschritt und ermuntern zum Weiterdenken

Leitfäden mit reglementarischen Vorgaben sind nicht das Gleiche wie Leitfäden, die den Prozess der Arbeit und des Begleitens darstellen und hierzu Empfehlungen abgeben. Generell empfiehlt es sich, folgende nicht zu beantwortende, aber zu reflektierende Spannungsfelder im Auge zu haben.Unterschiedliche Ansprüche und Rollenverständnisse bei Masterarbeiten: Newcomer als Dozierende etwa haben andere Anliegen als arrivierte Dozierende mit grossem Forschungs- oder Dienstleistungsauftrag und entsprechendem Erfahrungsschatz.

  1. Leitfäden haben Grenzen: Leitfäden oder Sammlungen von Tipps zu Betreuungsprozessen bilden eine vermeintliche Linearität im Forschungs-/Denk- und Schreibprozess ab, darum funktionieren sie nur begrenzt.
  2. Experten-Novizen-Beziehung vs. andere: Was machen Hochschuldidaktik, organisationale Steuerungsstellen sowie Schreibdidaktik mit dem fürs hochschulische Lernen zentralen Moment des Experten-Novizen-Verhältnisses? Wie gehen sie mit dem Spannungsfeld Begleiten-Beraten-Beurteilen und dem etablierten Experten-Novizen-Verhältnis um? Wie grenzen sich Hochschuldidaktik und Schreibdidaktik deutlich ab von Forschungsprojektmanagement oder –expertise? Wo gibt es Synergien, die zu nutzen sind?
  3. Dozierende sind nicht Dozierende: Braucht es eine Typologie von Dozierenden (Forscher*innen und Praktiker*innen/Vielschreibende-Wenigschreibende/…/…) an Hochschulen, um gezielt epistemologisches Wissen der Dozierenden zu Schreib-Denk-Lernprozessen bei Masterarbeiten zu optimieren?
  4. Hochschuldidaktik und Schreiben-Schlüsselkompetenz-Studium-Fraktion wirken mitunter imperialistisch: Um der Hochschuldidaktik und der Schreibdidaktik eine latente Übergriffswirkung zu ersparen, muss das Spannungsfeld zwischen imperialistischer Wirkung, nötiger Hilfestellung und Anregung zu reflektierendem, hochschuldidaktischem Diskurs im Auge behalten werden.

Monique HoneggerMonique Honegger ist Senior Teacher und ZFH-Professorin an der PH Zürich. Beratend, forschend, weiterbildend und bildend (Gründerin des Schreibzentrums der PH Zürich, Hochschuldidaktik, Diversity_Gender, Deutschdidaktik).

Kai Felkendorff ist Dozent für Bildung und Erziehung an der Abteilung Sekundarstufe I der PH Zürich mit den Schwerpunkten «Gesellschaft und Bildung» sowie «Inklusive Bildung» und Co-Betreuer von Masterarbeiten.

 

 

Digitalisierung in der Erwachsenenbildung – do it yourself?

Beitrag von Gabriel Flepp

Die Digitalisierung ist in der Erwachsenenbildung angekommen. Dafür gibt es verschiedene Gründe, u. a.  steht ein Generationenwechsel der Kundschaft bevor. So haben Kundinnen und Kunden, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, entsprechende Forderungen an den Unterricht. Also stellt sich die Frage, wie sich Erwachsenenbildnerinnen und -bildner auf die Digitalisierung vorbereiten bzw. wie fit sie sich auf diesem Gebiet schon fühlen.

Nicht gut auf Digitalisierung vorbereitet – und doch kompetent?

Ein Grossteil der befragten Erwachsenenbildner fühlt sich in der eigenen Aus- und Weiterbildung nicht gut auf die Digitalisierung vorbereitet (vgl. Grafik 1). Dennoch geben 70 Prozent der Befragten an, die notwendigen Kompetenzen zu besitzen, um digitale Technologien systematisch nutzen zu können (vgl. Grafik 2). Diese ersten Anhaltspunkte gehen aus einer Befragung zur Digitalisierung hervor, die vom SVEB und der PH Zürich durchgeführt wurde.

Grafik Digitalisierung
Grafik 1: Viele Erwachsenenbildner fühlen sich nicht gut auf die Digitalisierung vorbereitet.
Grafik Digitalisierung
Grafik 2: Eine Mehrheit der Erwachsenenbildner fühlt sich kompetent genug, um digitale Technologien systematisch zu nutzen.

Diese Ergebnisse legen die Hypothese nahe, dass sich Erwachsenenbildnerinnen und -bilder ihre medienpädagogischen Kompetenzen informell aneignen. Informelles Lernen heisst Lernen, das im Alltag, am Arbeitsplatz oder in der Familie stattfindet. Es ist nicht strukturiert und führt üblicherweise nicht zu einer Zertifizierung.

Wie die Befragten tatsächlich zu ihren medienpädagogischen Kompetenzen gekommen sind, und was sie unter einem systematischen Einsatz von digitalen Technologien verstehen, lässt sich aus den quantitativen Ergebnissen nicht ableiten. Auch kann der systematische Einsatz von Lehrperson zu Lehrperson sehr variieren. Während es für die einen genügt, eine Powerpoint-Präsentation zu zeigen, beginnen andere schon, über Unterricht mit Virtual-Reality-Brillen nachzudenken.

Interviews zur Digitalisierung in der Erwachsenenbildung

Um die Aneignung medienpädagogischer Kompetenzen genauer zu betrachten, führe ich im Rahmen meiner Masterarbeit Interviews mit Inhaber/-innen des eidgenössischen Fachausweises Ausbilder/-in. Bei diesen Interviews geht es in einem ersten Schritt darum, herauszufinden, welche digitalen Technologien die befragten Erwachsenenbildnerinnen und -bildner in ihrem Arbeitsalltag anwenden und zu welchem Zweck sie dies tun. Möglich sind hier Einsatzgebiete wie Unterricht, Evaluationen, Prüfungen, selbstorganisiertes Lernen oder Beratungen.      

In einem zweiten Schritt werden die Ausbildnerinnen und Ausbildner gefragt, wie sie zu ihren medienpädagogischen Kompetenzen kommen. Diese können in der Regel formal, nicht-formal oder informell beispielsweise über Kolleginnen und Kollegen, Videos oder Bücher etc. angeeignet werden. Besonders spannend sind Antworten zur eigenen Motivation, Unterstützung und zu allfälligen Schwierigkeiten.

Schliesslich werden sie zur Bedeutung medienpädagogischer Kompetenzen in der Zukunft der Erwachsenenbildung befragt. Gegenstand dieser Fragen sind eine Selbsteischätzung bezüglich Zukunft sowie eigene Bestrebungen, sich darauf vorzubereiten.

Erste Ergebnisse aus den Interviews

Erste Ergebnisse dieser Analyse zeigen, dass es individuelle Ansichten davon gibt, welche medienpädagogischen Kompetenzen in der Erwachsenenbildung und bei der Gestaltung von mediengestütztem Unterricht überhaupt gefragt sind. So hebt eine befragte Person, bezogen auf den (digitalisierten) Unterricht, beispielsweise hervor, dass man bei der Planung von Unterricht mit digitalen Medien unbedingt die Perspektive der Lernenden, welche zum Teil auch sehr individuell sein können, einnehmen solle und sagt sinngemäss: «Wie kann ich den Unterricht optimal für das Zielpublikum gestalten? Ich denke, das ist künftig im Zusammenhang mit Digitalisierung die grosse Herausforderung.»

Bezüglich der Aneignung medienpädagogischer Kompetenzen lässt sich, auch mangels Alternativen, eine Tendenz zum informellen Lernen ausmachen. Eine befragte Person gibt an, dass sie schon immer in der digitalen Welt zu Hause gewesen sei, sich mit IT-Heftchen weiterbilde und bei neuen Dingen immer versuche, den Transfer in die Erwachsenenbildung zu machen.

Digitalisierung findet zu Hause statt
Digitalisierung selbst gemacht: Viele Erwachsenenbildner bilden sich informell weiter.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung im Unterricht zeigt sich auch immer wieder, dass der stärkste Antrieb für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht die Eigenmotivation ist. Wer dem Thema positiv gegenüber steht und motiviert ist, setzt sich auch mehr damit auseinander und setzt dementsprechend mehr Medien im Unterricht ein und umgekehrt.

Fazit

Fest steht: Digitalisierung ist aus dem Unterricht in der Erwachsenenbildung nicht mehr wegzudenken. Bisherige Untersuchungen zu diesem Thema zeigen erstens Tendenzen, wonach medienpädagogische Kompetenzen von Erwachsenenbildnerinnen und -bildnern in erster Linie informell angeeignet werden.       
Als weitere Schlussfolgerung lässt sich (mit Vorsicht) auch behaupten, dass Personen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind, verschiedene Vorstellungen davon haben, was es bedeutet, genügend kompetent zu sein, um digitale Technologien beim Unterrichten systematisch zu nutzen.

Wird die Zukunft der Erwachsenenbildung digitaler? Wenn man den Einschätzungen einer befragten Person glauben möchte, ja. So soll es in zehn Jahren möglich sein, sich mit einer Virtual-Reality-Brille virtuell in einen Kursraum zu setzen und zu lernen. Dies würde dann wiederum zur Frage führen, wie man mit dem, gerade in der Erwachsenenbildung hochgeschätzten, direkten sozialen Austausch umgeht.

INFOBOX

Aktuelle Publikation zum Thema: Digitalisierung und Lernen. Gestaltungsperspektiven für das professionelle Handeln in der Erwachsenenbildung und Weiterbildung. Herausgegeben von Erik Haberzeth (PH Zürich) und Irena Sgier (SVEB).

Die Vernissage zum Buch findet am 26. Juni 2019 an der PH Zürich statt – wir freuen uns über Anmeldungen!

Zum Autor

Gabriel Flepp DigitalisierungGabriel Flepp ist wissenschaftlicher Assistent am ZHE und verfasst derzeit seine Masterarbeit in Erziehungswissenschaft zum Thema «Aneignung medienpädagogischer Kompetenzen und medienpädagogische Professionalisierung von Erwachsenenbildnerinnen und Erwachsenenbildnern». 

Redaktion: Martina Meienberg

«Heidi» forschend betrachtet – Filmanalyse an der Hochschule

Beitrag von Peter Holzwarth

«Und in der letzten Stunde schauen wir einen Film», lautet eine gängige Ankündigung von Lehrpersonen. Filme werden den Schülerinnen und Schülern oft als Belohnung und als Spezialstunde vor den Ferien in Aussicht gestellt. Immer häufiger jedoch wird Film auch als Bildungsgegenstand ernst genommen, sowohl in ästhetischer als auch in thematischer Hinsicht. Wenn sich angehende Lehrpersonen an der Hochschule filmbezogene Kompetenzen aneignen, gelingt es ihnen vielleicht später Filmbildungsprozesse in ihrem eigenen Unterricht auf hohem Niveau zu initiieren. Dieser Blog-Beitrag gibt einen Einblick in das Buch «Filme verstehen. Anleitung zur Filmanalyse im Studium am Beispiel des Spielfilms Heidi» (2019). Im Fokus steht dabei das dritte Kapitel, die Entwicklung einer geeigneten Forschungsfrage.

Filmanalysen fördern diverse Kompetenzen.
Filmanalysen ermöglichen ästhetische und thematische Zugänge zum Bildungsgegenstand.

Kriterien für Forschungsfragen

Für die Entwicklung einer geeigneten Forschungsfrage gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Es gibt aber Kriterien, anhand derer sich geeignete und ungeeignete Fragen voneinander unterscheiden lassen. Dies wird nun anhand von vier möglichen Fragen für eine Filmanalyse von «Heidi» (2015) illustriert:

  • Wie heisst die deutsche Stadt, in der Heidi eine Weile lebt? (Es liegt auf der Hand, dass es sich hierbei um keine geeignete Forschungsfrage handelt. Sie wird nur aus didaktischen Gründen und zur Illustration verwendet.)
  • Inwieweit unterscheidet sich die Zuschauerwirkung des Films
    «Heidi» in der Schweiz und in Deutschland?
  • Wie häufig wird das filmästhetische Element «subjektive Kamera» im Film «Heidi» zum Einsatz gebracht?
  • Welche Aneignungsstrategien im Spannungsfeld von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung werden durch Heidi im Haus Sesemann zum Ausdruck gebracht?

Diese Fragen sollten, damit sie sich für eine Filmanalyse eignen, folgende vier Kriterien erfüllen (Holzwarth u. Maurer 2019, 58):

  • Eine Frage sollte so formuliert sein, das sie anhand des Filmmaterials beantwortet werden kann (Kriterium 1).
  • Die Antwort auf die Frage darf zu Beginn noch nicht feststehen (Kriterium 2).
  • Die Beantwortung der Frage erfordert einen Theoriebezug (Kriterium 3).
  • Die Frage lässt zu, dass die Ergebnisse in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang gebracht werden können (Kriterium 4).

Nun gilt es, die Beispielfragen anhand dieser vier Kriterien zu überprüfen.

Überprüfung der Beispielfragen

Die Frage Wie heisst die deutsche Stadt, in der Heidi eine Weile lebt? kann man zwar anhand der Analyse des Filmmaterials beantworten (Kriterium 1 erfüllt), die Antwort «Frankfurt» steht aber bereits nach der ersten Visionierung des Films fest (Kriterium 2 nicht erfüllt). Es ist kein weiterer Theoriebezug nötig, um die Frage zu beantworten (Kriterium 3 nicht erfüllt). Ausserdem lässt sich das Ergebnis «Frankfurt» nicht ohne Weiteres in einen sinnvollen gesellschaftlichen Zusammenhang bringen (Kriterium 4 nicht erfüllt) (ebd. 59).

Die Fragestellung Inwieweit unterscheidet sich die Zuschauerwirkung des Films «Heidi» in der Schweiz und in Deutschland? ist gehaltvoll und erfordert einen mehrperspektivischen Theoriebezug (Filmaneignung, Medienwirkung, interkulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede). Es ist nötig, die Wirkungsaspekte zunächst theoretisch zu fassen und auf den Film herunterzubrechen (Kriterium 3 erfüllt). Die Ergebnisse lassen sich problemlos in einen weiterführenden Diskurs über interkulturelle Unterschiede etc. einbinden (Kriterium 4 erfüllt). Und das Ergebnis steht zu Beginn noch nicht fest (Kriterium 2 erfüllt). Letztlich ist es aber unmöglich, die Frage alleine durch die Analyse des Films zu beantworten (Kriterium 1 nicht erfüllt) (ebd.).

Die Frage Wie häufig wird das filmästhetische Element «subjektive Kamera» im Film «Heidi» zum Einsatz gebracht? lässt sich anhand des Films beantworten (Kriterium 1 erfüllt). Die Antwort ist erst nach erfolgter Analyse möglich (Kriterium 2 erfüllt). Dafür ist die Aufarbeitung des Konzepts «subjektive Kamera» erforderlich (Kriterium 3 erfüllt). Allerdings lässt sich das quantitative Ergebnis nicht so einfach in weiterreichende gesellschaftliche Zusammenhänge einbinden (Kriterium 4 nicht erfüllt) (ebd.).

Die Frage Welche Aneignungsstrategien im Spannungsfeld von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung werden durch Heidi im Haus Sesemann zum Ausdruck gebracht? erfordert eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Konzept «Aneignung» (dadurch sind die Kriterien 3 und 2 erfüllt). Die Analyse bezieht sich auf die Filmpassagen, in denen Heidi im Hause Sesemann verweilt (Kriterium 1 erfüllt). Auch das Kriterium 4 ist abgedeckt, da die Möglichkeiten der Aneignung im Spannungsfeld von Fremdbestimmung und Selbstbestimmung eine urmenschliche Grundfrage darstellen, die sich in zahlreichen Kontexten zeigt (Migration, Schule, Familie etc.) (ebd. 59f.).

Mit Hilfe dieser Tabelle kann die Forschungsfrage einer Filmanalyse überprüft werden.

Fazit

Die vierte Beispielfrage, die alle Kriterien einer geeigneten Forschungsfrage erfüllt, zeigt nur eine von vielen Möglichkeiten und Perspektiven, einen Spielfilm zu analysieren. Welche Frage sich letztlich tatsächlich anbietet, hängt immer vom Film, aber auch von den Interessen und der Motivation desjenigen ab, der die Analyse macht. Fest steht: Eine passende Frage zu finden, ist anspruchsvoll. Die Suche braucht einige Zeit und ist unverzichtbarer Bestandteil einer Filmanalyse (ebd. 73f.). Ist sie gefunden, kann das Analysieren und Forschen – und damit das Abenteuer – losgehen. Wie das gelingen kann, zeigt das hier vorgestellte Buch anhand eines Analysebeispiels aus einer Masterarbeit, die sich ebenfalls auf die Heidi-Verfilmung von 2015 bezieht. Das Konzept ist auf verschiedene Hochschulkontexte und -anforderungen adaptierbar (z. B. Seminararbeit, Masterarbeit).

Wer sich einmal im Leben intensiver mit einer Filmanalyse beschäftigt hat, wird fortan mit einem anderen Blick im Kino oder vor dem Bildschirm sitzen. Mehr sehen und mehr verstehen, stellt eine Bereicherung für den Filmgenuss dar – auch in der Freizeit.

Zum Autor 

Peter HolzwarthPeter Holzwarth ist Dozent für Medienpädagogik an der PH Zürich. Er leitet das Fachteam Medienpädagogik, arbeitet im Digital Learning (DLE) und in der Abteilung Internationale Bildungsentwicklung (IB). Ausserdem ist er Berater bei der Stelle für Personalfragen (SteP). 

 

Redaktion: Martina Meienberg

Der Effekt von Powerpoint ist bei Erwachsenen fast gleich null

Beitrag von Maik Philipp

Über das Lernen sind viele Behauptungen im Umlauf, auch an Hochschulen. Manche davon stimmen, andere nicht – und meistens ist die Realität komplexer. Gestaltet man Unterricht aufgrund falscher Annahmen über das Lernen, untergräbt man seine Wirkung. Deshalb nehmen wir in der Serie «Urban Legends» verbreitete, aber problematische Annahmen über Lehren und Lernen an Hochschulen unter die Lupe. Diesmal zum Thema Powerpoint. 

Nachteile von Powerpoint im Unterricht

Der Einsatz von Powerpoint und anderer Präsentationssoftware ist im Hochschulkontext üblich. Zwei Gründe sprechen dafür, wenn man Lernende befragt: Erstens halten Lernende den Einsatz für sinnvoll, wenn es darum geht, eine strukturierte Auseinandersetzung mit dem Lernstoff zu ermöglichen. Zweitens erlaube die Präsentationssoftware eine gesteigerte Aufmerksamkeit. Diesen Vorteilen stehen handfeste Nachteile gegenüber: ein hohes Tempo, mitunter ein zu hohes, zum sinnvollen Notieren von Inhalten und die Gefahr, abgelenkt statt gelenkt zu werden. Was sich als Frage daraus ergibt: Was ist der Mehrwert für das Lernen, wenn statt Powerpoint beispielsweise traditionellere Formen (Chalk and Talk) eingesetzt werden?

Null-Ergebnisse beim Zusatznutzen

Dieser Frage hat sich jüngst eine Metaanalyse gewidmet. Darin verfolgten die Autoren die Frage, welche Effekte sich auf das Lernen nachweisen lassen. Die Effekte auf das Lernen betrafen verschiedene, primär kognitive Leistungsmasse, also nicht die oben angesprochenen Einstellungen von Personen zum Powerpoint-Einsatz. Die empirische Basis für die Auswertungen bildeten 48 Studien, veröffentlicht im Zeitraum von 1996 bis 2017. 45 Studien stammten aus dem Hochschulkontext, womit sich die Metaanalyse also mit grosser Mehrheit mit den Effekten in der Erwachsenenbildung beschäftigte.

Für das Lernen ist der Zusatznutzen von Powerpoint minimal.

Der studienübergreifende Vergleich zeigte bezogen auf die Überlegenheit von Powerpoint gegenüber traditionelleren Formaten der Wissensvermittlung: nichts. Das Hauptergebnis ist nämlich ein Null-Ergebnis. Dies zeigte sich in statistisch nicht signifikanter Effektstärke von g = 0.07. Das bedeutet: Der Zusatznutzen von Powerpoint für das kognitive Lernen war bestenfalls minimal und hart an der Grenze des Nachweisbaren.

Personen im Schulalter profitieren eher

Dieses Resultat unterschied sich jedoch in einer einzigen spezifischen Auswertung, nämlich beim Alter. Denn in der Metaanalyse wurde geprüft, ob Personen im Schulalter anders vom Powerpoint-Einsatz in ihren Lernleistungen betroffen waren als ältere Lernende. Das war tatsächlich sehr deutlich der Fall. Zwar gab es in den über 45 Studien mit Studierenden keine Effekte (g = 0.01). Doch in den restlichen drei Untersuchungen profitierten die Schülerinnen und Schüler aus dem Schulbereich anders, nämlich deutlicher (g = 1.08). Der in seinen Befunden erstaunliche Alters- bzw. Bildungsetappenvergleich relativiert sich freilich dadurch, dass die Anzahl der Studien in den beiden Vergleichsgruppen (Schule vs. Hochschule) extrem ungleich verteilt war.

Zur Vollständigkeit sei noch erwähnt, dass abgesehen vom Altersgruppenvergleich keine weiteren Moderatoranalysen Unterschiede nachweisen konnten. Es war demnach unerheblich, in welchem Fach die Studien durchgeführt wurden. Ob es sich dabei um publizierte Studien handelte, war ebenfalls nicht relevant. Auch spielte es keine Rolle, ob es experimentelle Variationen gab und mit welchen Massen die Lerneffekte erfasst worden waren. Diese Null-Ergebnisse zu Effekten von Studienmerkmalen sind deshalb wichtig, weil solche Merkmale die Ausprägung von Effekten in der Bildungsforschung zum Teil systematisch beeinflussen.

Was denn nun: Powerpoint oder Chalk and Talk? 

Was bedeutet das metaanalytische Null-Ergebnis für die Erwachsenenbildung? Impliziert es, man sollte auf Powerpoint verzichten? Vielleicht ist es wenig hilfreich, die Frage als Dichotomie, also als logischen Ausschluss zu formulieren. Denn der bisherige Einsatz von Powerpoint hat weder gross genutzt noch geschadet. Statt also ein Entweder-Oder zu postulieren, lohnt es sich zu fragen, wie Präsentationssoftware gewinnbringend eingesetzt werden kann. Eine solche Frage betrifft einerseits die Verwendung von Animationen und Bewegtbildern, andererseits die sinnvolle Verknüpfung von mündlichen Redeanteilen und fixierten Präsentationsinhalten. Auch die Frage, wie sich das Anfertigen von Notizen mit der Präsentationssoftware steigern lässt, ist anschlussfähig. Die Metaanalyse zum Effekt von Powerpoint auf Lernergebnisse zeigt also, dass es nicht per se sinnvoll ist, auf den Technologieeinsatz allein zu vertrauen.

Und auch so lassen sich die Ergebnisse insgesamt interpretieren und für den eigenen Einsatz in der Hochschuldidaktik und in der Erwachsenenbildung nutzen: als essenzielle Frage nämlich, wie Powerpoint helfen kann, das Lernen angemessen zu unterstützen. Denn wenn sich nicht allein durch die Verwendung einer Präsentationssoftware ein Mehrwert ergibt, dann eventuell, wenn Präsentationssoftware geschickt partiell verwendet wird und ein Werkzeug unter vielen ist.

Zum Autor

Maik Philipp ist Professor für Deutschdidaktik an der PH Zürich. Seine Schwerpunkte sind Lese- und Schreibförderung mit Fokus auf Evidenzbasierung. Neuere Publikationen: «Lesekompetenz bei multiplen Texten» (2018), «Lesestrategien» (2015) und «Grundlagen der effektiven Schreibdidaktik» (2018).

Redaktion: Martina Meienberg

Eine Lehrveranstaltung effizient planen – geht das?

Beitrag von Ulrike Hanke

Meine nächste Lehrveranstaltung steht an. Auf dem Seminarfahrplan steht die Feldtheorie von Kurt Lewin. Die Studierenden haben bereits einen Fall bekommen und sollten einen kurzen Text über die Feldtheorie als Vorbereitung lesen. Wie soll ich nun im Seminar vorgehen? Als Erstes Begrüssung und Wiederholung einiger Aspekte der letzten Sitzung – das ist klar. Das sind ungefähr 15 Minuten. Und dann? Ich könnte mit den Studierenden Fachbegriffe der Feldtheorie klären – mit einem Glückstopf? Oder der Strukturlegetechnik? Das braucht jedoch viel Zeit. Soll ich die Studierenden also lieber gleich in Gruppen den Fall bearbeiten lassen? Oder soll ich das Lösen des Falls demonstrieren? Oder noch eine Idee: Fallarbeit mit der Send-a-Problem-Methode, macht doch immer so viel Spass… Oh je! So viele Möglichkeiten!

Wer eine Lehrveranstaltung plant, muss sich entscheiden.

Qual der Wahl

Geht es Ihnen auch so? Können Sie sich manchmal auch nicht entscheiden, wie Sie Ihre Lehrveranstaltung gestalten wollen? Gratulation! Das bedeutet, dass Sie bereits über ein breites hochschuldidaktisches Wissen verfügen. – Nur macht es das Planen nicht unbedingt leichter: Wer, wie im obigen Beispiel, zwischen der Send-a-Problem-Methode, der Strukturlegetechnik, dem Glückstopf und Modeling entscheiden kann, hat auch die Qual der Wahl.

Was also tun? In der Regel reicht es schon, wenn wir uns als Dozierende nochmal deutlich machen, welche Kompetenzen die Studierenden in der Lehrveranstaltung erwerben bzw. welche Lernziele sie erreichen sollen. Im ersten Moment erscheint das wie zusätzlicher Arbeitsaufwand. Aber alle Dozierenden, die diese Erfahrung einmal gemacht haben, wissen, dass sich dieser Aufwand später auszahlt. Denn erst, wenn man weiss, wo man mit seiner Lehrveranstaltung hin will, kann man den Weg dorthin planen.

Lehrveranstaltung in drei Schritten planen

Beim Planen einer Lehrveranstaltung lohnt es sich deshalb, in folgenden drei Schritten vorzugehen:

Lehrveranstaltung in drei Schritten planen
Grafik: Vorgehen beim Planen einer Lehrveranstaltung
  • Der erste Schritt ist für das effiziente Planen der bedeutsamste (siehe auch Grafik). Als Leitfrage dient hier: Was sollen meine Studierenden am Ende der Sitzung tun können? Es ist die Frage nach den zu erreichenden Lernzielen. Dabei ist es zu empfehlen, möglichst klare Sätze zu formulieren, die jeweils beobachtbares Verhalten beschreiben, z. B: Die Studierenden können die Begriffe Valenz und Aufforderungscharakter erklären. Oder: Die Studierenden begründen die Lösung eines Falls mit den Erkenntnissen der Feldtheorie. Beim Formulieren von Lernzielen sind die verschiedenen Taxonomien sehr nützlich (vgl. auch Bachmann 2018a und Bachmann 2018b) oder die Kompetenzfacetten-Tabelle(Macke et al. 2016). Diese Hilfsmittel geben Hinweise darauf, in welchen Bereichen und auf welchen Ebenen Ziele angestrebt werden können. Ausserdem gehören zu allen Taxonomien und zur Kompetenzfacetten-Tabelle Listen mit Verben, die das Formulieren von Zielen erleichtern können.
  • Der zweite Schritt – Voraussetzungen klären – ist vor allem beim Planen der gesamten Veranstaltungsreihe wichtig. Hier geht es darum, sich zu vergegenwärtigen, wer die Studierenden sind (interne Voraussetzungen) und welche Rahmenbedingungen (externe Voraussetzungen) man für die Lehrveranstaltung vorfindet. Ein paar Ideen finden sich in der Grafik (Schritt 2).
  • Erst beim dritten Schritt geht es um das konkrete methodische Planen. Dies wird Ihnen jetzt deutlich leichter fallen, denn Sie wissen, wo Sie starten (Voraussetzungen) und wo Sie hin wollen (Ziel). Als Hilfestellung für die Grobstruktur des Weges finden Sie in der Grafik (Schritt 3) einen Ablauf nach dem MOMBI-Prinzip (Hanke 2018 und Hanke & Winandy 2014).

Fazit

Eigentlich ist dieses Vorgehen – zunächst den Startpunkt, dann das Ziel zu bestimmen und sich erst danach Gedanken über den Weg zu machen ­– vollkommen logisch. Aber im Lehralltag ist es nicht das intuitive Vorgehen. Die meisten Dozierenden starten eher gleich mit dem Weg. Das scheint effizienter. Das Formulieren von Lernzielen ist schliesslich, wenn man es noch nicht so oft gemacht hat, auch keine leichte Aufgabe. Dennoch ist dieses vielleicht sperrig erscheinende Vorgehen auf längere Frist gesehen deutlich effizienter. Sie werden Zeit sparen!

Im folgenden Buch finden Sie einen Leitfaden, um Lehrveranstaltungen systematisch zu planen und durchzuführen:
Macke, G., Hanke, U., Viehmann-Schweizer, P. & Raether, W. (2016): Kompetenzorientierte Hochschuldidaktik. Lehren, Vortragen, Prüfen, Beraten. 3., überarbeitete Auflage. Weinheim: Beltz. https://www.beltz.de/fachmedien/paedagogik/buecher/produkt_produktdetails/33236-kompetenzorientierte_hochschuldidaktik.html

Der folgende Online-Kurs führt Sie Schritt für Schritt durch den Prozess des effizienten Planens von Lehrveranstaltungen: https://www.udemy.com/crashkurs-lehrveranstaltungsplanung-hochschuldidaktik/?couponCode=CRSH_PHZH_0319

Zur Autorin

Ulrike HankeUlrike Hanke ist Dozentin und Beraterin für Hochschuldidaktik und als Kurs- und Modulleiterin für das ZHE tätig. Weitere Informationen zu Ulrike Hankes Tätigkeit finden Sie hier: www.hanke-teachertraining.de

 

Redaktion: Martina Meienberg

QR-Code – mehr als nur ein Link

Beitrag von Caspar Noetzli

Logo Caspar's Toolbox

 In der Serie «Caspars Toolbox» stellt Caspar Noetzli einmal jährlich eine bewährte App oder ein digitales Werkzeug vor, das sich im Unterrichtsalltag sinnvoll einsetzen lässt – diesmal den QR-Code.

Ideen für den Unterricht 

Mit QR-Codes lassen sich nicht nur Links auf Webseiten kodieren und per Smartphone aufrufen, sondern beliebige Textinhalte verschlüsseln. Daraus ergeben sich kreative, didaktische Möglichkeiten für den Unterricht und den Berufsalltag: 

      • Auf einem Poster können durch QR-Codes auf diskrete Weise weiterführende Informationen eingebettet werden. So wirken Poster optisch nicht durch zu viel Text überladen.
      • Eine Sprachlehrerin kennzeichnet alle Gegenstände im Klassenzimmer mit kleinen QR-Codes. Hinter diesen verbirgt sich die Bezeichnung des Gegenstands in der jeweiligen Fremdsprache.
      • In einer Werkstatt werden Hinweise zur Bedienung von Geräten als QR-Code-Links auf das Online-Handbuch direkt an der jeweiligen Maschine angebracht.
      • Ein Dozent stellt den Studierenden eine Liste mit Selbstkontrollfragen zu seinem Modul zur Verfügung. Die Lösung der Aufgaben verbirgt sich hinter gedruckten QR-Codes, die von den Lernenden über ihr Smartphone abgerufen werden.

    QR-Code für den Unterricht
    QR-Codes lassen sich im Unterricht vielfältig einsetzen.

Im folgenden Screencast möchte ich Ihnen ein paar Tipps zum Umgang mit QR-Codes geben. Sie erfahren, wie Sie QR-Codes abrufen und selber erstellen können und was es in Bezug auf einen sicheren Umgang zu bedenken gilt. Am Schluss des Screencasts findet sich noch ein Hinweis für PH-Mitarbeitende. 

Screencast: Praxisbeispiele Schritt für Schritt erklärt.

Wie immer freue ich mich über Kommentare, Fragen und vor allem über eigene Erfahrungsberichte. Bitte benutzen Sie dazu die Kommentarfunktion direkt unter diesem Blog-Beitrag. 

Caspar Noetzli leitet für das ZHE zusammen mit Carola Brunnbauer den Kurs E-Didaktik. Dieser richtet sich primär an Lehrende an Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung, ist aber auch für Lehrpersonen der Sekundarstufe 2 interessant.

Zum Autor

Caspar-Noetzli-sw

Caspar Noetzli ist Dozent und Berater beim Digital Learning Center der PH Zürich.

 

Redaktion: Martina Meienberg 

Improvisieren wir?

Beitrag von Geri Thomann und Monique Honegger

Dynamik im Arbeitsalltag

Improvisieren ist angesagt! Denn, was und wie wir Themen auswählen oder bearbeiten, wie Lernende oder Kolleginnen und Kollegen darauf reagieren, verändert sich stets. Sei dies im Alltag als Dozierende, Beratende oder als Führungspersonen im Umgang mit einzelnen Menschen und Gruppen, sei dies als Mitarbeitende in Bildungsorganisationen wie Hochschulen. Trotz oft aufwändiger, akribischer Planung stellen wir uns im Hier und Jetzt unentwegt auf Veränderungen und Unerwartetes, auf Überraschungen ein. Dadurch ist spontanes Handeln gefragt – interpretierend, variierend oder eben improvisierend.

Improvisiren in ungewohnten Siuationen
In Situationen, die vom Gewohnten abweichen, ist Improvisieren angesagt.

Improvisieren als Weg, Pläne umzusetzen

Zu improvisieren und mit Unerwartetem umzugehen, rückt möglicherweise vermehrt ins Zentrum des Handelns von Dozentinnen, Beratern und Führungspersonen, weil flexible Strukturen, flache Hierarchien, individuelle Entwicklungen und schnelle Entscheidungen in Organisationen – ebenso Hochschulen – eine zentrale Funktion zukommt. Indem wir improvisieren, verbinden wir Bekanntes mit Unerwartetem, bewegen uns zwischen verbindlichen Vorgaben und freier Idee. Hierdurch ergibt sich wiederum Unerwartetes und Neues, das mitunter schöpferisch oder irritierend wirkt.

Fehler und Risiken gehören dazu

Mit Widersprüchlichkeiten umzugehen, gehört zum täglichen Handeln. Planung stellt die eine Seite der Handlungsmünze dar, Realität die andere. Letztere fordert jeweils Improvisation, oder zumindest ein Umspielen des Planes, Plankorrekturen. Reibungslose Durchführung von Plänen ist eher die Ausnahme, weil jede Durchführung eines Plans neue Komplexität generiert. Diese Komplexität ist kein ungewollter Nebeneffekt einer geordneten oder zu ordnenden Welt. Sie ist vielmehr eine Form der Realität, die voraussetzt, mit dieser Improvisation umgehen zu können. Indem wir linear, «professionell» und nach Plan handeln, vermeiden wir vermeintlich Risiken und Fehler, für die wir uns nachher schämen müssten, obschon die durchkreuzten Pläne, die verlorene Fassung und Fehlleistungen eine Keimzelle für eine der aktuellen Situation besser entsprechenden Ordnung oder Lösung sein könnten.

Improvisieren in Organisationen und Institutionen

Organisationen entwickeln nicht selten Routinen, um Improvisation auszuschliessen, obwohl es gerade in vielen organisationalen Handlungen spontan reflektierendes Handeln braucht (Dell 2012, 123f.). Etablierte Routinen stärken zwar Organisationen in der Annahme, alles unter Kontrolle zu haben, dennoch verleiten dazu gehörende Pläne dazu, Unerwartetes auszublenden. Weick & Sutcliffe (2010) plädieren dafür, variabel mit Unerwartetem umzugehen und es nicht mit Routinen und Plänen einzudämmen (ebd. 72-76). So lassen sich neue Perspektiven gewinnen. Dies erfordert jedoch ein Streben nach Flexibilität und die Bereitschaft, Reaktionsfähigkeiten zu erweitern – mit anderen Worten: eine improvisierende Haltung bzw. Bereitschaft zu improvisieren.

Weick (1998) etwa unterscheidet für die Jazz-Improvisation vier Ebenen einer «improvisationalen Performanz»: Die Interpretation als striktes Befolgen von Plänen, das Umspielen des Plans in einer minimalen Variation, die reale Variation mit improvisierten Aktionen sowie die Improvisation, «die radikal von einem gefassten Plan abweichen kann» (Dell 2012, 136).

Selbstverständlich spielen zahlreiche Professionelle in ihrer Arbeit mit gutem Recht nach vorgegebenen «Partituren» und improvisieren nur in Notfällen. Das dürfen wir auch erwarten. Improvisation ist nur dann sinnstiftend, wenn es flexibles und innovatives Handeln braucht oder Routinen verändert und bewegt werden wollen und sollen. Und auch für Letzteres braucht es, wie im Folgenden erläutert, bestimmte Voraussetzungen.

Improvisieren
Dozierende spielen häufig nach gewohnten Partituren.

Improvisieren ist Interagieren

Zu improvisieren bedeutet nicht, gegen Hierarchien zu stossen. Barrett (1998) nennt dies «practice of taking turn». Solche Takings können zu Beginn oder während dem Spiel vereinbart werden. Zudem müssen alle Involvierten, die «Mitspielenden», über bestimmte Kompetenzen und Charakteristika verfügen, damit Improvisieren produktiv gelingt.

Weick (2002, 67f.) beschreibt mögliche Charakteristika von Gruppen mit einer hohen Improvisationsfähigkeit – hier eine Auswahl:

  1. Bereitschaft, auf Planung und Probe zu verzichten – zugunsten des Handelns in «Echtzeit».
  2. Kompetenz zeigen können ohne Planentwürfe und vorgängige Diagnose.
  3. Fähigkeit, sich bei der Ausgestaltung von Situationen mit minimalen Strukturen und Rahmenbedingungen zu identifizieren oder sich damit einverstanden zu erklären.
  4. Offen sein, sich von Routinen abzukehren oder Routinen positiv zu nutzen.
  5. Vorhandensein eines reichhaltigen und bedeutungsvollen Sets an Themen, Fragmenten und Ideen, mit welchen für weiterführende Handlungswege angeknüpft werden kann.
  6. Empfänglich sein dafür, Relevanzen vorgängiger Erfahrungen zu erkennen, um etwas Neuartiges daraus zu machen.
  7. Vertrauen in Fähigkeiten, mit Ereignissen umzugehen, die nicht der Routine entsprechen.
  8. Geschicktheit darin, Aufmerksamkeit bei Darbietungen anderer zu zeigen und darauf aufzubauen, um die Interaktion weiterlaufen zu lassen und interessante Möglichkeiten füreinander einzurichten.
  9. Fähigkeit, Geschwindigkeit und Tempo zu halten, indem die anderen improvisieren.
  10. Im Hier und Jetzt auf die Koordination fokussiert sein (sich nicht von Erinnerungen oder Erwartungen ablenken lassen).

Braucht es Improvisationskompetenz?

Lässt sich eine spezifische Kompetenz für den Umgang mit Unvorhersehbarkeit und Mehrdeutigkeit herauskristallisieren, die man als Improvisationskompetenz bezeichnen könnte? Und was bedeutetes es, kompetent zu improvisieren? Es bedeutet, gegebene Handlungsräume permanent zu hinterfragen, offen zu sein für Mögliches und vermeintlich Unmögliches, geplante oder erwartete Spielräume zu erweitern, indem wir entsprechend handeln. Improvisation bessert nicht gescheiterte Pläne nach oder auf. Improvisation geht konstruktiv mit Unerwartetem um.

10 Jahre Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung 
Das ZHE wurde 2009 mit einem kleinen Team gegründet. Es ist das heutige Zentrum für Hochschuldidaktik und -entwicklung. Im Laufe der Jahre stiessen das Schreibzentrum, das Zentrum Weiterbildung Berufsfachschulen, das Zentrum für Evaluation und die Professur Höhere Berufsbildung und Weiterbildung dazu. Seit 2018 sind wir die Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung. Wir bieten Weiterbildungen, Beratungen und Forschung für den Tertiärbereich (Hochschulen und Höhere Berufsbildung) und die Sekundarstufe II an. Als gewachsene Einheit in dynamischem Umfeld sind wir geübt in VUCA (volatility, uncertainty, complexity und ambiguity). Darum feiern wir am 14. März 2019 unser Jubiläum mit einer spannenden lecture performance von Christopher Dell zu «Improvisation – zwischen Chaos und Determinierung».

Zum Autorenteam

Porträt Geri ThomannGeri Thomann ist Leiter der Abteilung Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung der PH Zürich. Als Inhaber einer ZFH-Professur forscht und publiziert er regelmässig über Aspekte der Hochschulentwicklung und Führungsfragen.

Am ZHE bietet Geri Thomann den Kurs «Grundlagen der Beratung» an. Dieser richtet sich primär an Lehrende an Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung, ist aber auch für Lehrpersonen der Sekundarstufe II interessant.

Monique HoneggerMonique Honegger ist Senior Teacher und ZFH-Professorin an der PH Zürich. Beratend, forschend, weiterbildend und bildend (Gründerin des Schreibzentrums der PH Zürich, Hochschuldidaktik, Diversity_Gender, Deutschdidaktik).

Redaktion: Martina Meienberg