Teilprojekt 2: Konstruktion und Überprüfung eines didaktischen Modells zur visuellen Berufserkundung in den Sekundarschulen

Dieser Teil des Projekts umfasst einen konstruktiven und einen evaluativen Teil:

a) Im konstruktiven Teil geht es darum, das Konzept «Photovoice», wie es in Vorarbeiten an der PH Zürich entwickelt wurde, in ein didaktisches Modell umzusetzen, das von Lehrpersonen im Kanton Zürich im Berufswahlunterricht umgesetzt wird.

b) Der evaluative Teil untersucht die Arbeit an den Schulen auf einer empirischen Basis, wobei sowohl quantitative wie qualitative Methoden zum Einsatz kommen.

Für die Mitarbeit am Projekt werden gezielt Lehrpersonen mit zweiten Sekundarklassen (Typ A, B und C) im Kanton Zürich angesprochen. Darunter sind auch jene Gruppen stark vertreten, für welche infolge schwacher Schulleistungen, Migrationshintergrund und/oder sozialer Lage die Berufswahlsituation eine besondere Herausforderung darstellt. Die zweite Klasse dieser Schultypen ist deshalb besonders geeignet, weil am Beginn der Berufsfindungsphase steht, wo erste Berufsvorstellungen ausgetauscht werden.

 

1. Konstruktion eines Unterrichtsmodells

Die Entwicklung eines Konzepts von Photovoice für den Berufswahlunterricht hat einmal davon auszugehen, dass es nicht die Gesamtsituation von Kindern und Jugendlichen betrifft, wie dies in Projekten des «Community Developments» der Fall ist. D.h. das didaktische Modell «Photovoice» ist erst einmal im Rahmen eines mehrstufigen Berufswahlprozesses zu verorten, wie er in der heutigen Sekundarschule im Rahmen der Anforderungen des Lehrplans stattfindet.

Die Vorprojekte an der PH Zürich geben in diesem Zusammenhang zu der Vermutung Anlass, dass Photovoice-Projekte vor allem als Einstieg in den Berufswahlprozess geeignet sind, indem die Schülerinnen und Schüler über aktives Fotografieren und im Rahmen der anschliessenden Diskussionen über ihre eigenproduzierten Bilder sich selbst bewusster über ihre Berufswünsche und über den aktuellen Stand ihrer diesbezüglichen Überlegungen werden. In der Diskussion über die Fotos fungieren ihre Mitschülerinnen und Mitschüler dabei als Modelle, mit denen sich die Beteiligten vergleichen können.

Auf diesem Hintergrund geht es im ersten konstruktiven Teil des Projekts darum, ein Unterrichtskonzept zu entwickeln, welches von den Lehrpersonen ohne beträchtlichen Mehraufwand umgesetzt werden kann. Aus den bisherigen Erfahrungen mit visualisierter Berufserkundung und Photovoice an der PH Zürich kann dabei von folgenden Eckpunkten ausgegangen werden:

Die bisherige Konzeptualisierung, wie sie in Egloff, Jungo (1010 a, S. 164 f.) verschriftlicht ist, umfasst folgende Elemente:

  • Einführung des Projekts an einem ersten Termin
  • Die Schülerinnen und Schüler haben daraufhin ca. eine Woche Zeit für das Fotografieren
  • Am zweiten Termin präsentiert die erste Halbklasse im Rahmen eines narrativ orientierten Gruppengesprächs ihre Fotoprojekte. (In der Zwischenzeit bekommt die andere Hälfte der Klasse einen berufsbezogenen Auftrag). Danach wird in einem zweiten Teil «umgedreht», indem die zweite Halbgruppe die Fotoprojekte präsentiert und die andere Hälfte der Klasse den berufsbezogenen Auftrag durchführt.

Für die weitere Ausarbeitung und Realisierung dieses Konzepts ist Unterrichtsmaterial zu produzieren, welches sowohl die Fotoaktivitäten wie die danach folgende Gesprächsauswertung unterstützt. Von Anfang an wird eine Gruppe von sechs Lehrpersonen (je zwei Sek B und C) beigezogen, welche in einer Pilotphase die Entwicklung der Materialien begleiten und in ihrem Unterricht auszuprobieren. Diese Erprobungsphase wird durch eine formative Evaluation (vgl. Patton 2002, S. 220) begleitet:

  • Die Materialien werden vor der Erprobung in den Schulen den Lehrpersonen zu einer kritischen Begutachtung überlassen, die mit einer Gruppendiskussion der Beteiligten verbunden ist.
  • Auf dieser Grundlage werden die Materialien überabeitet und zur praktischen Erprobung in den fünf Pilotklassen freigegeben.
  • Zu den Erfahrungen dieses Pilotprojekts erhalten die Lehrpersonen einen Auswertungsbogen, der dann wiederum im Rahmen einer Gruppendiskussion ausgewertet wird. Aufgrund dieser Rückmeldungen wird eine bereinigte Fassung des Unterrichtskonzepts ausgearbeitet, welche die Grundlage der nachfolgenden breiteren Erprobung ist.

Die Gruppendiskussionen richten sich am Modell der Focus Gruppen aus, die nach Patton (2002, S. 236) für homogene Gruppen mit einem gemeinsamen Erfahrungshintergrund geeignet sind (vgl. zum Konzept der Focus Groups auch: Krueger 1994).

 

2. Evaluation des Unterrichtsmodells zur visualisierten Berufserkundung

Die Erprobung des in der ersten Projektphase ausgearbeiteten Konzeptes soll mit Lehrpersonen der 2. Sekundarklasse am Beginn des Berufswahlunterrichts gemäss den Vorgaben des Zürcherischen Lehrplans («Berufswahlunterricht») erfolgen. Es werden hier 20 Schulklassen der Sek B und C (je hälftig) ausgewählt. Die betroffenen Lehrpersonen erklären sich bereit, das entwickelte Unterrichtsmodell am Anfang ihres Berufswahlunterrichts einzusetzen.

Die wissenschaftliche Evaluation dieses Projektteils umfasst folgende perspektivischen Zugriffe:

(a) Evaluation zur Perspektive der Lehrpersonen: Die Evaluation des Unterrichts erfolgt über Auswertungsbogen der Lehrpersonen in allen 20 Klassen. Zusätzlich soll der im Teilprojekt 1 eingesetzte Fragebogen zur Messung des berufswahlrelevanten Selbstkonzeptes zum Einsatz kommen. Damit soll analog zur Untersuchung bei den Berufsberatungen deutlich werden, ob sich das berufswahlbezogene Selbstbild der Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Projektes verändert.

Der für die Evaluation eingesetzte Auswertungsbogen enthält neben geschlossenen auch offene Fragen, in welchem die Beteiligten den Unterrichtsprozess und das zugrundeliegende Unterrichtsmodell bewerten. Hier soll deutlich werden

  • welches die Stärken und die Schwächen des Unterrichtsmodell sind,
  • wie der Unterrichtsprozess verlief,
  • wo sich Umsetzungsprobleme im Lehr-Lern-Arrangement zeigten,
  • wie die Lehrpersonen die Zielerreichung im Unterricht bei den beteiligten Schülerinnen und Schülern einschätzen,
  • welche Optimierungsvorschläge von Seiten der Lehrpersonen vorgeschlagen werden.

In acht Klassen (je 4 Sek. B und C) wird zudem die Präsentation und Diskussion der Fotos in den Halbklassen zusätzlich mit Video aufgenommen und danach im Rahmen eines qualitativen Auswertungskonzeptes interpretiert. Die Aufnahme wird durch die Forschenden organisiert, die gleichzeitig den Unterrichtsprozess beobachten und im Sinne teilnehmender Feldbeobachtung ihre Wahrnehmungen aufzeichnen. In diesen acht Klassen werden zusätzlich eingesetzt:

Zur Auswertung werden die aufgenommenen Lektionen über eine Visionierung der Unterrichtsstunden aus der Perspektive der Forschungsgruppe eingeschätzt und mit dem Auswertungsbogen der Lehrperson verglichen (einbezogen werden hier auch die Feldnotizen der Forschenden, die im Rahmen der Durchführung entstanden waren).

Durch dieses Verfahren soll insbesondere auch deutlich werden, wie weit die in den Auswertungsbogen dargestellten Einschätzungen durch die Lehrpersonen auch in einer direkten Beobachtung («Visionierung») bestätigt werden.

Alle qualitativen Auswertungen erfolgen mit dem Programm MAXQDA. Die sprachlichen Aussagen des Unterrichtsprozesses werden transkribiert und ebenfalls mit MAXQDA interpretiert. Dabei orientiert sich die Rekonstruktion der Unterrichtsprozesse in den acht Klassen am Konzept der dokumentarischen Methode, wie es von Bohnsack (2008) entwickelt wurde. Insbesondere erscheint uns die Unterscheidung von «formulierender» und «reflektierender» Interpretation wichtig, die in eine Bildung von Typen mündet.

(b) Die Evaluation der Schülerinnen- und Schülerperspektive: Bei den Schülerinnen und Schülern aller 20 Klassen wird ein quantitativer Fragebogen eingesetzt. Angesichts der Fallzahl von ca. 300 bis 400 Schüler/innen, die am Projekt beteiligt sind, ist bei diesem Projektteil eine korrelationsstatistische Auswertung möglich, wobei Kriterien wie die Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und Migrationshintergrund einbezogen werden. Die Befragung wird mit dem Online Statistiktool Survemonkey durchgeführt und dann in SPSS weiter ausgewertet. Wo der Computerzugang nicht möglich ist, wird eine Printversion des Fragebogens verteilt. Generell sollen die Schülerinnen und Schüler das Unterrichtsmodell und insbesondere den Aspekt visualisierte Berufserkundung bewerten. Neben geschlossenen Fragen werden auch offene Fragen einbezogen, welche eine differenziertere Meinungsäusserung erlauben. Die Ausarbeitung des quantitativen Fragebogens erfolgt parallel zur Entwicklung des Unterrichtsmodells. Ebenfalls ist in diesem Zusammenhang auf das Instrument zur Erfassung des berufsbezogenen Selbstkonzepts zu verweisen, das im Rahmen der Schüler/innenbefragungen genutzt werden soll.

Die Schüler/innen-Evaluation in den acht videografierten Klassen beruht ebenfalls auf der dokumentarischen Methode von Bohnsack (2008). Sie bezieht sich auf die (videografierte) Präsentation und Diskussion der individuellen Fotos. Gemäss «Photovoice» steht diese im Mittelpunkt des narrativen Ansatzes: Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Gelegenheit, kurze Narrative zu den einzelnen Bildern zu entwickeln, wie es z.B. in einem der Vorprojekte zum Ausdruck kam. Dies belegt der folgende Interviewausschnitt:

V: gibt es bei euch jemand, wenn ihr nun den Beruf anschaut den ihr gewählt habt, als

Lieblingsberuf, öpper, also bei dir (S) ist es ja dein Vater gäll? F: ja

V: macht er Beck?

F: er war Beck, Mega lange hat er eine Bäckerei geführt. Und nachher ist er Produktionsleiter geworden bei der Jowa.

V: ja das ist die Bäckerei von der Migros oder?

F: Ja also backen tut er dort nicht mehr viel. Er ist eigentlich so der Manager der schaut wie viel sie backen müssen also so wie viele Gipfeli pro Tag es braucht. Pro Stunden machen sie irgendwie so zehntausend Gipfeli. (lacht)

V: Möchtest du, bist du wegen ihm auf den Beruf Koch gekommen? F: Koch nicht nein

V: einfach auf Beck?

F: ja Koch, das habe ich, finde ich einfach mega gut.

V: hat es jemanden in deiner Familie der sehr gerne kocht. Wo du irgendwie gesehen hast und du denkst woa…

F: Ja meine Mutter und mein Vater kochen sehr gerne.

 Bohnsack unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen narrativen Interviews und Gruppendiskussionen. Geht es bei ersteren um biografisch begründete Stegreiferzählungen (vgl. Bohnsack 2008, S. 93 ff.), so betreffen die Gruppeninterviews vor allem die kollektiv geteilten Erlebniszusammenhänge (ebd., S. 108 ff.). Im Fall von «Photovoice» scheint es sich anzubieten, diesen Bereich kollektiv geteilter (oder auch nicht-geteilter) Erfahrungen auf dem Hintergrund von Narrativen zu entfalten. Sind die Berufswünsche nicht etwas sehr individuelles und vom je besonderen Entwicklungsstand abhängig? Dagegen scheint mir die kollektive Erfahrung des Beruf-finden-müssens eher geringer. Im Sinne der dokumentarischen Analyse entfalten sich die gemeinsamen Erfahrungsräume gerade durch Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede in den biografischen Entwürfen und Orientierungen.

Inhaltlich soll die Evaluation im Hinblick auf die Schülerinnen und Schüler u.a. klären

  • ob es bestimmte Schülertypen gibt, welche auf die Methode der visualisierten Berufserkundung besser ansprechen (Faktoren wie soziale Schicht, Migrationserfahrung, Gender);
  • ob dabei, wie es unsere Ausgangshypothesen vermutet, die sprachliche Ausdrucksfähigkeit (eingeschätzt durch das Urteil ihrer Lehrperson), eine Rolle spielt;
  • ob die Frage eine Rolle spielt, wie klar der Berufswahlentscheid für die Schüler/innen bereits ist;
  • wie weit die Familie und der soziale Kontext erste Berufsvorstellungen beeinflussen.

 

3. Optimierung der Unterrichtsmaterialien

Die Gesamtauswertung berücksichtigt die verschiedenen in die Evaluation einbezogenen Perspektiven (Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen, Forschende). Ziel ist es dabei, aufgrund der verschiedenen Feedbacks und der Auswertung der Videos das Unterrichtsmodell auf der Grundlage einer dichten Beschreibung («thick description») (Geertz 1987) so zu optimieren, dass es im Berufswahlunterricht als erprobte Unterrichtseinheit eingesetzt werden kann.