Teilprojekt 1: Sortieren Visueller Berufsfotos

1. Evaluation der Anwendung der Berufsfotos

Der Foto-Interessentest (F-I-T) mit den Berufsfotos ist ein standardisiertes Instrument, das in der Berufsberatung sehr häufig benutzt wird. Im vorliegenden Projekt geht es allerdings nicht um die Reliabilität und Validität des Tests, die in früheren Arbeiten bereits überprüft wurde (vgl. Stoll, Jungo & Toggweiler, 2009). Vielmehr soll untersucht werden, in welchem Rahmen die Berufsfotos neben der testologischen Anwendung in der Berufsberatung verwendet wird. Hier interessiert insbesondere die Frage, ob die Berufsfotos über die Bestimmung von Berufsinteressen hinaus auch geeignet sind, als narrativer Stimulus, das Gespräch über die Berufswahl weiterzuführen. Die befragten Berufsberaterinnen und Berufsberater sollen danach gefragt werden,

a) was ihre Einschätzung zur Technik «Berufsfotos sortieren» ist?

b) wie zufrieden sie mit dieser Technik sind?

c) ob und wie sie die Berufsfotos als narrativen Stimulus zur weiteren Vertiefung der Berufswahlproblematik einsetzen?

Neben den Berufberater/innen sollen auch Ratsuchende über die Bedeutung befragt werden, welche sie den Berufsfotos im Rahmen des Berufswahlprozesses beimessen. Hier stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:

a) Wie schätzen die Ratsuchenden die Technik «Berufsfotos sortieren» ein?

b) Welche zusätzlichen Aspekte zur testologischen Abklärung bringt die Technik «Be- rufsfotos sortieren» im Sinne narrativer Impulse hervor?

c) Wie hat sich das berufsbezogene Selbstkonzept vor und nach der Technik «Berufsfo- tos sortieren» verändert (Prä- und Postmessung Selbstbild)?

d) Haben sich bei der Einschätzung des Tests Gruppenunterschiede (z.B. nach Alter, Geschlecht, Schulniveau oder Sprache) ergeben?

Mit dem unter c) genannten Selbstkonzept beziehen wir uns auf das berufswahlrele- vante Selbstkonzept, wie es von Egloff und Jungo (2009, S. 135, vgl. auch Kap. 2.3.1) definiert wurde. Zur Überprüfung des Selbstbildes kann das empirisch überprüfte In- strument «Aussagen über meine berufliche Situation (ABS)» von Jungo (2009, vgl. zur Überprüfung auch Künzli, 2011), welches eine Weiterentwicklung des Fragebogens «My vocational situation (MVS)» von Holland, Daiger und Power (1980) ist (deutsche Adaptation durch Jörin, Stoll, Bergmann & Eder, 2008), eingesetzt werden. Dieses Instrument erfasst Selbsteinschätzungen zur eigenen Person (Selbstbild), Informiertheit über die Arbeits- und Berufswelt und Kompetenzen zur Passung zwischen Berufs- und Arbeitswelt. Die Skalen des ABS soll als Prä- und Postmessung bei den Klienten genutzt werden, um mögliche Veränderungen zu messen, die im Rahmen der Visualisierungstechniken erfolgten.

Zur Realisierung dieses Konzepts werden die Berufsberater/innen der ganzen Schweiz angefragt, mit ihren Klientinnen und Klienten im Erhebungszeitraum von sechs Mona- ten die Daten des F-I-T und der Technik «Berufsfotos sortieren» auszufüllen. Sowohl die Beratenden wie die Ratsuchenden erhalten zusätzlich einen Fragebogen zur Ein- schätzung des F-I-T, der sowohl standardisierte Teile wie offene Fragen enthält – dies im Rahmen der oben skizzierten Fragestellungen. Für den Beratungsprozess wird ihnen zudem eine Handreichung zur Verfügung gestellt, die Empfehlungen enthält, wie die Berufsfotos für narrative Gespräche eingesetzt werden können.

Wir rechnen mit etwa 100 Beratungspersonen, die sich zur Teilnahme bereit erklären und 500 ausgefüllten Fragebögen von Ratsuchenden. Soweit die Fragen dies zulassen, wird der Fragebogen quantitativ ausgewertet. Daneben erfolgt eine qualitative Auswertung der offenen Fragen im Rahmen einer themencodierten qualitativen Auswertung mit der Software MAXQDA. Forschungsmethodisch orientieren wir uns dabei an dem Konzept der «Grounded Theory», wie es von Strauss/ Corbin 1996) beschrieben wird. Entsprechend der Zielsetzungen der Grounded Theory soll in diesem qualitativen Teil vor allem auf die Theoriebildung Wert gelegt werden.

 

2. Qualitative Untersuchung der Nutzung von Fotos im Setting der Berufs- beratung

Während unter 1. die Evaluation der Anwendungsformen des Foto-Sortierens in der Berufsberatung untersucht wird, soll im Rahmen eines qualitativen Untersuchungsteils zur Beratungspraxis der Berufsberater/innen gezielt auf die Frage Bezug genommen werden, inwieweit es über vorgegebene und professionell gestaltete Fotos gelingt, Jugendliche zu narrativen Aussagen zu stimulieren.

Im Rahmen der im quantitativen Teil erwähnten Beratungsgesprächen sollen 20 Ge- spräche von Berufsberater/innen mit Jugendlichen auf Video aufgenommen und im Rahmen qualitativer Methoden ausgewertet werden. Im Sinne der dokumentarischen Analyse von Bohnsack (2008) soll dabei versucht werden, typologische Unterschiede zwischen Klient/innengruppen herauszuarbeiten und deutlich zu machen, wie weit über diese Form der Visualisierung der Wahlprozess der Jugendlichen gefördert wer- den kann.

Die qualitative Analyse der Berufsberatungen ist dabei mit jener in den Schulen insofern zu parallelisieren, als es dadurch möglich sein soll, Vergleiche zwischen Dimensionen wie «eigen- vs. fremdproduzierte Bilder» und «individualisierte Beratung vs. soziale Auseinandersetzung in Unterrichtsgesprächen» zu ziehen.

Gleichzeitig sollen die qualitativen Daten mit jener aus der quantitativen Untersuchung abgeglichen werden. Es ist zu erwarten, dass sich durch die Vertiefung der qualitativen Analyse auch neue Gesichtspunkte für die Interpretation der quantitativen Resultate ergeben.