Fortschritt

Nachdem im ersten Jahr des Projekts vor allem das Forschungskonzept konkretisiert und Instrumente für die Erhebungsphase entwickelt wurden, die in einer Pilotphase überprüft wurden, ging es im zweiten Jahr um die Durchführung und die Gewinnung von Daten, sowie um erste Auswertungen.

Insgesamt liegt der Fortschritt beider Teilprojekte innerhalb des gesetzten Forschungsplans. Die hier dargestellten ersten Ergebnisse weisen darauf hin, dass im Sinne der Projektfragestellung visuelle Methoden im Rahmen von Berufsberatung und Berufswahlunterricht einen positiven Effekt auf die betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben.

1. Teilprojekt Befragung der Berufsberatungen (Sortieren visueller Berufsfotos):

Beim Teilprojekt „Berufsberatung“ konnte die Datenerhebung im November 2013 abgeschlossen werden. Die Datenerhebung betrifft sowohl den schriftlichen Fragebogen als auch die narrativen Interviews. Insgesamt sind nun 77 Fragebögen und 27 Interviews vorhanden, in welchen Ratsuchende der Berufsberatung zum Sortieren von Berufsfotos befragt wurden. In Folgenden sollen einige erste Resultate zusammenfassend dargestellt werden:

Die Stichprobe mit den 77 Fragebögen umfasst 51 Ratsuchende (66.2%) und 26 Personen aus Schulen (33.8%). Bei den 51 Ratsuchenden handelt es sich meist um 14 oder 15jährige Jugendliche, wobei das Geschlecht ausgeglichen ist (männlich 47.1%, weiblich 52.9%).

Die Auswertung der Daten zeigt:

  • die Skala „Berufsidentität“ erweist sich als hoch reliabel (Cronbachs Alpha = .87 bzw. .92),
  • die Akzeptanz sowohl bei den Beratungspersonen wie auch bei den ratsuchenden Personen hoch ist,

Auf die Frage „Was hat Ihnen beim Sortieren der Berufsfotos gefallen, was nicht?“ wurden von den 77 Beratungspersonen 49 inhaltlich wertvolle Antworten gegeben. (64%). Hier einige Beispiele dieser Antworten:

  • Bilder führten zu Interessen/Motiven, waren gute Gesprächsgrundlage.
  • Es war schwierig Antworten zu erhalten. Noch relativ jung & bisher wenig Gedanken zur Berufswahl gemacht.
  • Ihr Motiv: Dinge schön machen wurde deutlich. Neutrale Fotos brachten neue Seiten hervor, die zuvor nicht zur Sprache kam (Freude an Elektrizität) pho das wird m.e. nicht klar ohne Kontext.
  • Der Klient hatte Mühe Gruppen zu bilden.
  • Klientin wusste ihre Top 5 schon sehr genau. Konnte zu den Gründen eher wenig Auskunft geben.
  • Jugendliche war sehr schüchtern, konnte kaum Auskunft geben.
  • Durch das Sortieren der Berufsfotos kamen neue Berufsfelder zum Vorschein, die eventuell nur mit Fragetechnik nicht aufgedeckt worden wären.

Auf die Frage „Was hat dir beim Sortieren der Berufsfotos gefallen, was nicht?“ wurden von den 77 Ratsuchenden 46 ebenfalls inhaltlich wertvolle Antworten gegeben (60%), wie nachfolgende Beispiele belegen:

  • Dass man einen direkten Einblick in den Beruf bekommt.
  • Die Bilder haben zu einem guten Gespräch angeregt.
  • Ich habe mehr Berufe gefunden die mir gefallen.
  • gut war viele Berufe zur Auswahl zu haben. Nicht so gut, dass es viele sehr ähnliche gab.
  • + Neue Sachen gelernt, – hat lange gedauert.
  • Positiv: Ich musste meine Selektion kritisch hinterfragen!
  • Neue Jobs gesehen. Jetzt weiss ich was mir Spass macht.
  • Ich habe klar erkennt welche Berufe mir überhaupt nicht gefallen.
  • gefallen hat mir das man dazu richtig nachdenken muss.
  • Mir hat gefallen das es sehr geholfen hat und mich ein Stück weiter gebracht hat.
  • 96% der ratsuchenden Personen empfehlen das Sortieren der Berufsfotos einer/einem Freundin/Freund, welche/r sich mit der Berufswahl beschäftigt.
  • Der Unterschied der Berufsidentität vor und nach dem Sortieren ist hochsignifikant und die Effektgrösse mittel.
  • Die narrativen Interviews weisen berufswahlrelevante Inhalte auf (z.B. Klärung der Interessen, Identitätsprobleme, Ablösungsthemen, Konflikte mit Eltern, Rollenmodelle oder Lebensthemen).

2. Teilprojekt Photovoice in den Schulklassen

Das zweite Teilprojekt fokussierte im zweiten Jahr die Projektdurchführung in den Schulklassen. Dabei wurde eine Experimentalgruppe von 11 Schulklassen in den Kantonen Zürich, Solothurn und Schaffhausen gebildet, welche das Fotoprojekt vor dem Beginn des Berufswahlunterrichts durchführten. Am Ende des Projekts erhielten die beteiligten Schülerinnen und Schüler einen ausführlichen Online-Fragebogen, welcher sowohl zur Projektevaluation wie generell einer persönlichen Standortbestimmung im Berufswahlprozess diente. Der Teil zum Berufswahlprozess wurde zusätzlich von 7 Schulklassen beantwortet, die ohne die Durchführung des Fotoprojekts in den Berufswahlunterricht einstiegen. Diese Gruppe diente in der Folge als Kontrollgruppe, wobei bei der Gesamtauswertung vor allem auf die Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen Bezug genommen werden sollte.

Von den Klassenstufen her wurden neben Sek A Klassen und einer Talentförderklasse (Kanton Solothurn) insbesondere auch schwächere Schülerinnen und Schüler aus Sek B und Sek C Klassen einbezogen – dies um die Hypothese untersuchen zu können, dass visualisierende Methoden der Berufswahl vor allem für Kinder aus schwächeren bzw. riskanten Schulmilieus positive Auswirkungen hätten.

Hinzuzufügen ist, dass fast alle der Kontrollklassen nach Abschluss der offiziellen Projektphase aufgrund der ihnen zur Verfügung gestellten Unterlagen das Fotoprojekt auf freiwilliger Basis ebenfalls durchführten.

Bis Mitte 2014 sollen die Fragebogen empirisch ausgewertet und zu einem ersten Teilbericht verdichtet werden.

Ende 2013 fanden zudem Fokus-Gruppen-Interviews mit allen beteiligten Lehrpersonen statt. Darin sollten die Beobachtungen der Lehrpersonen sowohl zum Fragebogen wie zum Fotoprojekt erhoben werden. Die fünf Interviews mit den beteiligten Lehrpersonen-Gruppen dauerten je ca. eine Stunde. Sie wurden videografiert und anschliessen transkribiert. Im ersten Halbjahr 2014 werden diese Interviews mit Hilfe der QDA-Software MAXQDA systematisch ausgewertet.

Für die weitere Auswertung des Projekts wurden die Präsentationen der Schülerinnen und Schüler auf Video aufgenommen. Sie werden in diesem Jahr im Einzelnen ausgewertet – dies im Rahmen eines qualitativen Konzeptes, welches die Visualisierungen sowie das „Storytelling“ der Schülerinnen und Schüler bei der Vorstellung ihrer „Berufswahl-Geschichten“ vertieft analysieren soll.

@33spass: „Insgesamt hat das Projekt Spass gemacht“
Der Spassfaktor wird für die Projektarbeit allgemein hoch eingeschätzt. Besonders die Medienarbeit mit Fotos gefällt den Mädchen deutlich besser als den Knaben. Diese schätzen dagegen das Präsentieren vor der Klasse tendenziell höher ein – was einem entwicklungspsychologisch typischen Genderverhalten der Knaben entspricht.

@34fotos: „In diesem Projekt hat mir besonders das Fotografieren gefallen“
Besonders die Medienarbeit mit Fotos gefällt den Mädchen deutlich besser als den Knaben. Dies ist eine deutliche Bestätigung der im Projekt formulieren Vermutung, dass Schüler/innen mit Migrationshintergrund die Arbeit mit Fotos besonders schätzen.

@35ppt: In diesem Projekt hat mir besonders das Arbeiten an der Präsentation gefallen.
Die Arbeit mit Powerpoint-Präsentationen hat den Schüler/innen insgesamt gut gefallen. Statistisch hat den Schüler/innen der niedrigeren Stufen (Sek C+B) das Arbeiten mit Präsentationen besser gefallen, was wiederum den Erfolg des Projekts für „Risikolerner“ (Rummler 2012) bestätigt. Wenn Jugendliche zudem bereits ein etwas klareres Berufsbild haben, trifft die Arbeit mit Präsentationen ebenfalls auf grosse Zustimmung.

@36referat: In diesem Projekt hat mir besonders das Präsentieren vor der Klasse gefallen
Obwohl die Jugendlichen hier kaum eine klare Stellung beziehen, schätzen die Knaben das Präsentieren vor der Klasse tendenziell etwas höher ein, was einem entwicklungspsychologisch typischen Genderverhalten der Knaben entsprechen könnte. Diejenigen, die e geringere Berufswahlbereitschaft aufweisen , zeigten sich bei dieser Frage besonders zurückhaltend und unsicher.

@40_1viel_gelernt: „In diesem Projekt habe ich vieles gelernt“*.
Insgesamt sind die Schüler/innen der Meinung, dass sie im Projekt viel gelernt haben. Besonders die Schüler/innen der niedrigeren Stufen (Sek C+B) und diejenigen mit höherer Berufswahlbereitschaftkonnten vom Projekt profitieren.
@41_5empfehlen: „Ich würde anderen Klassen dieses Projekt für den Berufswahlunterricht empfehlen.“
Fast alle teilnehmenden Schüler/innen würden dieses Projekt im Hinblick auf den kommenden Berufswahlunterricht weiterempfehlen. Vor allem aber diejenigen der niedrigeren Stufen (Sek C+B) empfehlen das Projekt weiter.

Mehr zu diesen Ergebnissen in der Publikation:

Rummler, Klaus, Walter Scheuble, Heinz Moser, and Peter Holzwarth. 2014. “Schulische Lernräume Aufbrechen: Visual Storytelling Im Berufswahlunterricht.” In Lernräume Gestalten – Bildungskontexte Vielfältig Denken, edited by Klaus Rummler, 67:224–36. Medien in Der Wissenschaft. Münster, New York: Waxmann. http://2014.gmw-online.de/wp-content/uploads/224.pdf.

Insgesamt ist zum Verlauf des Teilprojekts festzuhalten, dass die Arbeit nach Plan verläuft, so dass der Projektabschluss 2015 im Rahmen der im Projektaufriss dargestellten zeitlichen Vorgaben erfolgen wird.