Partizipation stärken und Schule entwickeln? Tagung an der PH Zürich für Schulpraxis, Wissenschaft und Bildungspolitik

Inwiefern können und sollen Schülerinnen und Schüler in der Schule mitreden, mitwirken und mitbestimmen? Wie sieht es aktuell aus und was ist das Ziel? Wie kann Schulentwicklung Partizipation fördern? Am 9. und 10. Mai 2019 werden diese und weitere Fragen an der PH Zürich an der Tagung «Partizipation – Schule – Entwicklung» diskutiert. Eine Anmeldung zur Tagung ist bis 1. Mai 2019 unter phzh.ch/pse möglich.

«Children are people with talents and capabilities, who contribute in a variety of ways to society and culture and so are deserving of esteem» (Thomas, 2012: 458) – Schule und Unterricht partizipativ zu gestalten und Raum für Unvorhergesehenes zu schaffen, ist allerdings oftmals noch keine Selbstverständlichkeit in den Schulen.

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Die Schule ist nicht bloss ein Lernort

Vielmehr ist die Schule der Lebensort, an dem in allen Bereichen der Gesellschaft aktiv gelernt werden muss.

8.20 Uhr am Mittwoch, 12. September 2018: Die rund 275 Primarstufenkinder des Schulhauses Walenbach versammeln sich in der Turnhalle; der stundenplanmässige Alltag findet heute nicht statt. Vielmehr steht der heutige Tag im Zeichen von fröhlichen Begegnungen, wertschätzendem Miteinander und einem friedvollen Zusammenhalt sowie gemeinsamen Spielen und dekorativem Basteln. Gemeinsam gesungen ertönt das selbst getextete Walenbachlied in voller Pracht und stimmt bereits durch den Inhalt auf den Tag ein.

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Forschungstagebuch 2/3

Im Rahmen des Forschungsprojektes ‘Von den Besten lernen – Schulleitungshandeln an den Siegerschulen des Deutschen Schulpreises’ reist Niels Anderegg für drei Tage an eine Siegerschule des Deutschen Schulpreises nach Ostdeutschland. Jeden Tag berichtet er im Blog Schulführung.

Mein 2. Forschungstag beginnt heute früh am Morgen. Um 7 Uhr treffe ich in der Schule ein und habe Zeit, im Lehrer/innen-Zimmer noch einen Kaffee zu trinken. Mehr als der Kaffee interessiert mich jedoch die Art und Weise wie die Lehrpersonen und Schüler/innen am Morgen an der Schule ankommen. Und ich werde nicht enttäuscht. Seit einigen Tagen sind viele Schüler/innen krank und auch bei den Lehrpersonen gibt es mehrere Absenzen. Zudem sind diese Woche noch einige Lehrpersonen im Skilager. Heute gibt es drei zusätzliche Krankmeldungen – insgesamt fehlen 15 von 40 Lehrpersonen. Ein Lehrer meldet sich ganz kurzfristig ab, da seine Tochter krank ist. Alle Stunden müssen von den anwesenden Lehrpersonen übernommen oder Klassen zusammen unterrichtet werden. Und das an einem Tag, wo sowohl der Schulleiter als auch seine Stellvertreterin nicht an der Schule sind. Jetzt zeigt sich, ob und wie Distributed und Teacher Leadership funktioniert. Und ja, es funktioniert. Mit einer grossen Gelassenheit wird organisiert und eingeteilt. Als ich den Lehrer, der auch Mitglied der erweiterten Schulleitung ist, darauf anspreche, zuckt er nur mit den Schultern. «Iss einfach so», meint er und erklärt, dass die Prozesse und Verantwortlichkeiten geklärt seien. «Jetzt springe ich ein und ein anderes Mal springt jemand für mich ein». Was er nicht sagt, ich aber eindrücklich erlebe, ist, dass die Schüler/innen es sich gewohnt sind, selbstständig zu arbeiten. Dies wird im regulären Unterricht eingeübt und von ihnen verlangt und funktioniert auch, wenn keine Lehrperson direkt anwesend ist. Im Laufe des Tages begegne ich immer wieder Schüler/innen, welche für sich selbstständig arbeiten. Es ist ein ganz normaler Schulalltag – nur mit etwas weniger Lehrpersonen.

Diese Selbständigkeit ist ein Produkt ihres pädagogischen Verständnisses und Handelns, wird mir erklärt. Schüler/innen müssen involviert werden, sie müssen ihren Fragen nachgehen können und verstehen, dass die Schule wegen ihnen stattfindet. Das bedeutet nicht, dass sie nur das machen, worauf sie Lust haben. Vielmehr bedeutet es, dass sie einbezogen sind, dass sie Teil und nicht nur Objekt der Schule sind und dass sie verstehen, was sie warum machen. Diese Haltung, welche über viele Jahre aufgebaut worden ist, wird von allen gelebt, wie der heutige Tag eindrücklich demonstriert.

 

 

 

 

 

Aber eigentlich will ich heute beschreiben, was ich als Forscher den ganzen Tag so mache. Die Aufgabe ist relativ einfach: Ich gehe den Alltag der Schule mit, beobachte und notiere meine Beobachtungen. Ich bin gewissermassen ein Schwimmer im Schulalltag und lass mich durch das Schulhaus treiben. Konkret habe ich am Morgen einen Lehrer mit seiner Klasse begleitet, habe ihn im Lehrer/innen-Zimmer beobachtet, im Unterricht und im Flur. Ich versuche, so viel wie möglich von dem, was ich sehe und wahrnehme, zu notieren. Dabei hat es Dinge, welche mich sofort anspringen und in denen ich Zusammenhänge sehe. Gleichzeitig gibt es auch Dinge, welche mir auf den ersten Blick nicht wesentlich erscheinen. Erst im Nachhinein, bei der Auswertung, erhalten sie plötzlich eine Relevanz. Dadurch habe ich die Möglichkeit, auch Neues zu entdecken und zu verstehen. Und gleichzeitig gibt es immer wieder Momente, in denen ich meine, etwas verstanden zu haben. Wenn ich meine Beobachtungsnotizen im Nachhinein auswerte, merke ich, dass das, was ich meine, Verstanden zu haben, nur die halbe Wahrheit ist und es Hinweise gibt, welche genau dagegen sprechen. Forschung ist ein langsames Suchen, Herantasten, Finden und Verwerfen. Meistens alles gleichzeitig. In der Feldphase geht es aber ‘nur’ um das Aufnehmen.  Das Verstehen brauche ich nur, um meinen Beobachtungen eine gewisse, jedoch nicht zu enge Richtung zu geben.

Neben dem Beobachten ist ein zweites, wesentliches Element das Führen von Gesprächen. Am zweiten und dritten Tag ist man an einer Schule nicht mehr fremd und die Lehrpersonen und Schüler/innen beginnen einem anzusprechen und Fragen zu stellen. Ungefragt beginnen die Leute zu erzählen und ich kriege viel authentischere Antworten, als wenn ich in einer Interviewsituation die Personen befragen würde (was ich jedoch auch immer wieder mache).

 

 

 

 

 

Im Verlauf des Tages habe ich auch die Aussenstelle besucht. Die Aussenstelle ist ein altes Schulhaus, das eigentlich nicht mehr benutzt werden kann, jedoch auf Grund des Platzmangels von der Schule genutzt wird. Gerade für mich als Schweizer war es wieder einmal beeindruckend zu sehen, wie trotz schlechten Rahmenbedingungen guter Unterricht gehalten werden kann. Gleichzeitig ist die Situation für die Lehrpersonen belastend. Und hier kommen wir wieder auf die Frage der Schulführung zu sprechen. Dem Schulleiter dieser Schule gelingt es immer wieder, Gelder für seine Schule zu finden und die politischen Behörden davon zu überzeugen, dass nun etwas geschehen muss. Ein schönes Beispiel dafür ist die ehemalige Turnhalle (siehe erstes Foto). Diese sollte eigentlich abgerissen werden. Ein Schüler hatte jedoch die Idee, dass daraus Werkstätten entstehen könnten. Obwohl das Geld für den Abriss bereits budgetiert war, gelang es dem Schulleiter alle davon zu überzeugen, dass die alte Turnhalle zu Werkstätten und die Schule sich dadurch stärker der Berufsorientierung widmen kann. Über verschiede Fördermittel gelang es, aus der alten Halle ein pädagogisches Bijou zu machen. Als vor einigen Wochen der Bundespräsidenten die Schule besuchte, wurden die Foto- und Filmaufnahmen just in dieser Halle gemacht. Der Schulleiter hat sich gefreut wie ein kleines Kind.

 

 

 

 

 

Den Begriff Feldphase nehme ich am Ende des Tages dann auch noch wörtlich. Nach vielen Stunden des Sitzens geniesse ich es, noch kurz vor dem Eindunkeln über die Felder des gefrorenen Moors zu joggen und mich zu bewegen. Ein guter Ort, um über die Eindrücke und Erkenntnisse des Tages nachzudenken.

Niels Anderegg, Zentrumsleiter Management und Leadership PH Zürich