Wie Schulen den Corona Tsunami zu bewältigen versuchen

In den letzten beiden Wochen hat sich Niels Anderegg über die mangelnde Sensibilität mancher Expertinnen und Experten und von verschiedenen Hochschulen und Firmen geärgert. Mit dem Entscheid des Bundesrates die Schulen zu schliessen und den Unterricht mit Fernlernen weiterzuführen, kam auf die Schulen eine riesige Welle von Aufgaben und Pflichten zu.

Von einem Tag auf den anderen mussten die Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht komplett umstellen und ihn fortan mit digitalen Medien, Selbstlernaufgaben und anderen Unterrichtsmethoden gestalten. Neben didaktischen Herausforderungen waren auch Fragen der Betreuung, der Beziehungspflege und dem Umgang mit Schülerinnen und Schülern aufgetaucht, welche von ihren Eltern kaum oder nicht unterstützt werden können.

Wenn ich auf diese zwei bis drei Wochen zurückblicke, dann bin ich beeindruckt, was vielen Schulen in der so kurzen Zeit gelungen ist und habe höchsten Respekt von dem, wie die Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitenden und viele andere Personen sich engagiert haben. Die letzten Wochen waren wieder ein lebender Beweis für die Qualität und Wichtigkeit unserer Schule und den darin engagierten Personen. Ich hoffe, dass die Gesellschaft und Politik sich in den nächsten Jahren daran erinnert und der Schule und den darin tätigen Personen die entsprechende Anerkennung gibt und Ressourcen zur Verfügung stellt.

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«Chunsch cho bastle?»

Eine Liftfahrt mit zwei Studierenden kann inspirierend sein. Bei Niels Anderegg hat der Dialog zwischen den beiden die Frage zum Professionsverständnis aufgeworfen.

Zu einer Zeit, als die PH noch geöffnet war und man noch gemeinsam Lift fahren konnte, durfte ich einen Dialog zwischen zwei Studierenden mitanhören. Wir standen zu zweit im Lift, da schlüpft im letzten Moment noch eine Studentin mit hinein. Und schon ging die Fahrt los. Die beiden Studierenden schienen sich zu kennen. «Chunsch au is Bastle?», fragte der Student die Studentin. Diese bedauerte: «Nei, ich han Turne». Schon waren wir angekommen und die Studentin und ich mussten aussteigen, während der Student noch weiter hoch zu den Werkräumen fuhr.

Mein Sohn, der, wie er es nennt, an einer «richtigen» Hochschule studiert und den Tag nicht mit «Mandalamalen und Zahlentanzen» verbringt, hätte seine Freude an diesem Dialog. Er würde sich in seinen Vorurteilen gegenüber der PH und den PH-Studierenden bestätigt fühlen. Mich lässt der Dialog ratlos zurück.

Meine Ratlosigkeit hat mit dem hinter dem «Chunsch cho bastle» stehende Professionsverständnis zu tun. Welches Bild hat der Student von seinem Beruf, wenn es in seiner Ausbildung nicht um die Auseinandersetzung mit Fragen der Didaktik und Methodik in einem wesentlichen und gleichzeitig schwierig zu unterrichtendem Fach wie dem Werken geht? Und welches Bild seines Berufes und seiner Ausbildung vermittelt er damit gegen aussen? Kein Wunder geistern unterschiedlichste Witze über PH-Studierende umher und steht der Werkunterricht politisch immer wieder mal auf der Kippe. Wenn wir so über unsere Profession sprechen, dann müssen wir uns nicht wundern.

Das jugendliche Alter des Students erklärt und verzeiht vieles und dass es auch um eine gewisse Coolness gegenüber der Studentin ging, ist mir aus meiner eigenen Studienzeit nicht ganz unbekannt.

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Bildung in die Schulführung bringen

Der Titel für diesen Blogbeitrag kommt von Professorin Viviane M. J. Robinson von der Universität Auckland, Neuseeland. Mit «Putting Education back into Educational Leadership» hat sie 2006 einen Artikel geschrieben, von dem Niels Anderegg einzelne Stellen kurz vorstellt und zur Diskussion bringen möchte.

Die These des Beitrages ist, dass es eine leider häufig nicht beachtete Selbstverständlichkeit ist, dass die Bildung, also das Lernen der Schülerinnen und Schüler im Zentrum der Schulleitung stehen sollte. Zu häufig übernehmen wir allgemeine Führungskonzepte, statt aus der Schule heraus zu schauen, welche Form von Führung wir in unseren Bildungsorganisationen brauchen. Das neuste Beispiel dafür ist agile Führung.

Um die Jahrtausendwende hat die amerikanische Erziehungswissenschaftskonferenz (AERA) eine Taskforce eingesetzt, um die Frage der Ausrichtung der Schulführungsforschung neu zu positionieren. Der Grund für die Einsetzung dieser Arbeitsgruppe war der Verdacht, dass sich die Schulführungsforschung zu wenig um erziehungswissenschaftliche Fragen dreht. Dieser Verdacht hatte sich bestätigt und als Resultat der Taskforce wurde eine Neuausrichtung der amerikanischen – und damit der weltweiten – Schulführungsforschung mit stärkerem Bezug auf die Pädagogik gefordert. Diesen Gedanken nimmt Viviane Robinson in ihrem Aufsatz von 2006 auf.

In ihrer Analyse kommt Robinson zum Schluss, dass die Schulführungsforschung – und damit auch die Aus- und Weiterbildung von Schulleitenden – sich viel zu stark an den generischen Führungstheorien ausgerichtet hat. Sie spricht von «Generic Leadership». Bildungsorganisationen haben teilweise andere Ansprüche an Führung als beispielsweise Herstellungsorganisationen.

Nehmen wir das Beispiel Personalführung:

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Warum wir in der digitalen Gesellschaft die «Gemeinsame Schule» brauchen

Die Diversität gehört neben der Digitalisierung zu den wichtigsten Themen von Schule. Niels Anderegg versteht unter Diversität nicht «nur» sonderpädagogische Fragen, sondern auch Fragen der Gesellschaft und des Zusammenlebens.

Wir leben in einer globalen Gesellschaft, in der die einzelne Person mit ihren Wünschen und Bedürfnissen wichtig ist. Der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz spricht von der Gesellschaft der Singularitäten. Der Widerspruch zwischen «Ich bin wichtig» und der «Welt als Dorf» gilt es heute und noch sehr viel stärker in Zukunft zu gestalten. Dass die Schule der Ort ist, wo dies gelernt und gelebt werden kann, gehört nicht zu den sonst so beliebten Abschiebungen von gesellschaftlichen Problemen an die Schule. Sehr viel mehr ist es einer der Grundaufträge von Schule.

Die Bedeutung der Schule nach Gert Biesta und Hartmut von Hentig

Der Pädagoge Gert Biesta definiert für die Schule einen dreifachen Auftrag. Neben der Qualifizierung hat die Schule nach Biesta den Auftrag der Subjektwerdung und der Sozialisation. Unsere Gesellschaft braucht starke Persönlichkeiten, die miteinander kooperieren und die anstehenden Probleme gemeinsam lösen. Die Schule ist der Ort, wo dies gelernt, geübt und gelebt wird. Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, Erfahrungen in der Gemeinschaft zu machen und gleichzeitig sich selbst zu akzeptieren und sich einzubringen.

Der Pädagoge Hartmut von Hentig hat jeweils von der Schule als Polis gesprochen. Wenn man die Schule als Polis beobachten möchte, dann geht man heute wahrscheinlich am besten in den Kindergarten. Hier trifft man auf eine höchst diverse Kindergruppe, die gemeinsam spielt, lebt und lernt. Häufig machen die Kinder Unterschiedliches, gehen ihren Ideen und Neigungen nach. Sie wenden das an, was sie bereits können und bestaunen diejenigen, die anderes können, um es dann auszuprobieren. Die Kinder gehen ihren individuellen Weg und agieren doch als Gemeinschaft: Subjektwerdung und Sozialisation.

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Ein Jahr im Bildungssystem Kanadas

Als Gastdozent ein Jahr an der University of British Columbia in Vancouver ist ein wunderbarer Spiegel, um mehr über das eigene Schulsystem zu lernen. Besonders beeindruckt hat der Umgang mit Inklusion. Gedanken von Frank Brückel.

Hautnah erleben, was auf der anderen Seite des Globus «Schulentwicklung» bedeutet und wie dort versucht wird, aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in den Schulen zu begegnen und Lösungen zu implementieren! Dies war das Ziel meiner Arbeit als Gastdozent an der University of British Columbia zwischen August 2019 und Juli 2019 in Vancouver, Kanada.

Das alles beherrschende Thema in British Columbia ist seit einigen Jahren die Inklusion. Dabei wird «inklusiv» sehr umfassend verstanden. Im Grunde geht es darum, dass Unterschiede hinsichtlich der Vielfalt in Kultur, Religion, Geschlecht, Fähigkeiten oder sozioökonomischem Hintergrund akzeptiert und geschätzt werden und alle Menschen gleiche Chancen in ihrer individuellen Entwicklung erhalten.

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Lernen in der Wabe – Zwei Winterthurer haben einen innovativen Lernraum lanciert

Unter dem Namen «Lernwabe» haben zwei Winterthurer Erfinder einen neuen individuellen Lernraum lanciert. Dieser soll eine Antwort auf die aktuellen Raumprobleme der Schulen geben und den Schülerinnen und Schülern konzentriertes Lernen in einer wabenförmigen Box ermöglichen. Schulleiter Lukas Bär stellt die Erfindung vor.

Die Zeit, als Schüler stundenlang in ihren Bänken still sitzen mussten, ist glücklicherweise vorbei. Schulen setzen auf neue Lern- und Arbeitsformen. Die Kinder lernen selbstbestimmt, in individuellem Tempo, in kleinen Gruppen und in Freiarbeit.

Die Gestaltung der Schulzimmer hinkt da noch ein wenig hintennach. Das hat die beiden Winterthurer Erfinder, Daniela Bär und Marcel Hofmann, gestört. Wie die ETH-Architektin, Daniela Bär, sagt, brauchen die Schülerinnen und Schüler neue Arten von Lernräumen. Sie sollen für verschiedene Lernformen auch unterschiedliche Räume benutzen dürfen.

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Wertschätzende Schulführung – nicht nur im Advent

Es sind die kleinen Dinge, die Wertschätzung hervorzaubern. Zwischendurch miteinander Lachen, gemeinsam anspruchsvolle Situationen aushalten und füreinander da sein. Es gibt kein Patentrezept. Was für die eine Person gilt, muss bei der anderen nicht stimmig sein. Beat Schäli und Stephanie Kälin sind sich über wertschätzende Führung in deren Schulen einig.

Beat Schäli, Rektor der Schule Walchwil, erlebte in den vergangenen Jahren in der wertschätzenden Schulführung eine Tugend besonders hilfreich – die Demut: Eine Demut, die sagt, dass es Sachen gibt, die grösser und wichtiger sind als die eigene Person und das Renommee. Diese Tugend hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, sondern damit, Gegebenheiten zu akzeptieren, ohne sie zu werten. Das hilft im Umgang mit Menschen und im Schulalltag geht es bekanntlich immer um Menschen.

Wertschätzend führen, indem man aufeinander zugeht

Lehrpersonen sind der wichtigste Faktor für erfolgreiches Lernen. Sie verdienen Respekt, Vertrauen und ein offenes Ohr. Durch die Präsenz im Schulhaus und in den jeweiligen Klassenzimmern erhalten diese Worte das notwendige Gewicht. Mindestens einmal die Woche, idealerweise nach dem Wochenende, begrüsse ich die Lehrpersonen persönlich. Man nimmt ihr Wohlbefinden wahr und kann Sorgen und Ängste, aber auch Erfreuliches aufnehmen. Diese Zeit ist für mich eine wichtige Investition, gerade auch für Zeiten, wo es nicht so besinnlich zu und hergeht.

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Wertschätzung in der Führung – eine Idee von vielen Ideen

Welche Führung braucht ein Schulteam, um Wertschätzung zu erfahren und Eigenverantwortung zu übernehmen? Theres Odermatt, Schulleiterin des Zentrums Turmatt in Stans, teilt ihr persönlichen Gedanken.

In den letzten Monaten beschäftigt mich der Wert Demut in der Führung. Wenn ich im Freundeskreis dieses Wort in den Mund nehme, wird schnell klar, dieser Wert ist veraltet und vergraut. Heute brauche es Mut, hinzustehen, Ergebnisse sind gefragt, Standhaftigkeit bringt Erfolg oder überspitzt gesagt brauchts „Dominanz“ in der Führung? Oder ist die Balance zwischen all dem und „in der Demut“ leben eine der grössten Herausforderungen in der Führung?

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Wertschätzende Schulführung – Adventskalender selber machen

Mit einem Dankeschön, Teamanlass oder wie in der Schule Rheinfelden mit einem Ritual verbunden, kann Wertschätzung gezeigt werden. Schulleiterin Annette Wirz beschreibt in unserer Themenreihe, wie sie in ihrer Schule Wertschätzung kreativ ausdrückt.

Seit 14 Jahren erhält jede Lehrperson und auch alle Personen, die in irgendeiner Form in meinem Schulkreis arbeiten, einen persönlichen Adventsreim. Dies geschieht in Form eines Adventskalenders.

Im Flur zum Lehrerzimmer hängt jeden Tag im Dezember an einer eigens dafür vorgesehenen adventlich geschmückten Tafel ein gereimter und handgeschriebener Vers für eine Person (meistens natürlich mehr, da wir bis zu 40 Personen in Schulkreis sind). Der Vers drückt in Reimform meine Wertschätzung für die betreffende Person aus. Der Reim ist für alle sichtbar, die ins Lehrerzimmer gehen (nicht jedoch öffentlich zugänglich) und bleibt den Tag über, hängen. Die Lehrperson darf sich noch einen mit Süssigkeiten gefüllten Stiefel von der Adventskalenderleine nehmen. Der Vers wird von mir dann am nächsten Tag ins Fach der betreffenden Person gelegt.

Die ganze Zeit bis zum Schuljahresabschluss stehen die Lehrpersonen neugierig jeden Morgen um die Reime herum und lesen, schmunzeln (manchmal vielleicht auch über meine zu «drolligen» Reime) und können es teilweise kaum erwarten, bis ihr Vers an der Tafel hängt. Jede Mitarbeitende, jeder Mitarbeitende rückt für einen Tag gezielt in den Fokus aller Mitarbeiter und fühlt sich deutlich wahrgenommen und wertgeschätzt.

Ich selbst habe grosse Freude, die Verse zu schreiben und fange bereits jährlich im Oktober damit an. Ein lieb gewonnenes Ritual, das weder die Lehrpersonen noch ich missen möchten. Und nein, es fällt nicht immer leicht, zu jeder Person wertschätzend und gehaltvoll etwas zu schreiben, aber es gelingt.

Annette Wirz, Schulleiterin Schule Rheinfelden

Lesen Sie auch unseren vorherigen Artikel zur Themenreihe «Wertschätzende Schulführung»: Wenn Schulen Weihnachtslieder in der Adventszeit singen.

Bild: pixabay.com

Offener Brief an die Wertschätzung

Menschen brauchen mehr Wertschätzung, wenn sie belastet oder unsicher sind. Stimmt diese These? «Wertschätzung» ist eines der Lieblingsthemen von Bea Sager, Rektorin der Schule Sarnen. Sie schreibt ihre Gedanken in Form eines Offenen Briefes.

Liebe Wertschätzung

Über dich wird viel geschrieben und geredet. Denn wir alle wissen, du bist wichtig für ein gutes Arbeitsklima, bist die Essenz einer sinnstiftenden Arbeit und wohltuend für die Gesundheit. Dem stimme ich durchaus zu. Oft wird jedoch ein Aspekt vergessen.

Es geht um Erwartung. Ich bin verantwortlich für meine Gesundheit, mein Wohlergehen. Erst wenn ich mein Wesen, meine Gedanken, Taten und Arbeit wertschätze, bin ich erfüllt. Wenn ich aber leer bin und von andern erwarte, dass sie mein inneres Vakuum mit dir füllen, setzt ein ungesunder Kreislauf ein: Du wirst wahrscheinlich nicht in der Form erscheinen, wie ich dich erwarte. Ich fühle mich schlecht und minderwertig, meine innere Leere wird grösser und das Verlangen nach Anerkennung wächst. Meine Erwartungen können also nur enttäuscht werden.

Ja, du hast mit Achtsamkeit zu tun. Unser Lebensauftrag ist, zu uns selber Sorge zu tragen und zu achten, uns selber zu vertrauen und gern zu haben. Unser Auftrag als Führungsperson baut darauf auf:

  • Nur wenn wir zu uns selber Sorge tragen, können wir andern Kraft geben.
  • Nur wenn wir uns selber achten, können wir andere mit Würde behandeln.
  • Nur wenn wir uns selber vertrauen, können wir andern Zutrauen schenken.
  • Und nur wenn wir uns selber gern haben, können wir andern echte Zuneigung geben.

Einmal mehr: Es beginnt bei uns selber. Also weg von der Nabelschau und hin zum grosszügigen Verschenken von dir. Und das ist bubi-einfach: Wir freuen uns, einander zu sehen, gehen freundlich und respektvoll miteinander um, sagen was wir aneinander schätzen, sind grossmütig, gehen auf Schulbesuch, begegnen uns auf Augenhöhe… Also keine grossen Geschichten. Einfach machen. Ohne Erwartung. Und du, meine liebe Wertschätzung, vervielfachst dich, wenn wir verstehen, dass unsere Freude im Erschaffen liegt und nicht in den Nachwirkungen.

Liebe Grüsse

Béa Sager, Rektorin Schule Sarnen