5 Fragen an Urs Tschamper, Schulleiter Primarschule Bubikon

Im heutigen Beitrag stellt Michael Gerber, Schulleiter Schulhaus Weihermatt, Urdorf ZH fünf Fragen an Urs Tschamper, Schulleiter Primarschule Bubikon.

In dieser Rubrik werden spannende Schulführungspersonen vorgestellt, die wiederum eine Kollegin/einen Kollegen interviewen und so den Stafetten-Stab weitergeben.

Was bedeutet für dich Schulführung?

Ich möchte „Ermöglicher“ sein, Entwicklungshelfer, Unterstützer, manchmal auch Beschützer: Es ist mir wichtig, meinem Schulteam Vertrauen zu geben und motivierende Rahmenbedingungen und Freiräume zu schaffen, damit die Mitarbeitenden sich entfalten können, Freude an ihrer Arbeit haben und sich laufend verbessern. Dazu mache ich Betroffene zu Beteiligten: Indem ich Betroffene fair und der Situation entsprechend angemessen in Entscheidungen einbeziehe, fördere ich das aktive Mitdenken und die Mitarbeiterzufriedenheit.

In deiner CAS Arbeit «Steuerung der Schulentwicklung durch die Schulleitung» untersuchst du erfolgreiche Vorgehensweisen einer Schulleitung im Schulentwicklungsprozess. Was muss eine Schulleitung bei der Schulentwicklung beachten?

Wichtig ist, dass ich mich als Schulleiter immer wieder (hinter-)frage: In welchem Ausmass soll ich Entwicklungsprozesse anregen, begleiten, (an-)leiten, führen oder gar durchsetzen? Welches Handeln ist förderlich, welches hinderlich oder gar kontraproduktiv? Wie viel Druck und wie viel Zug – oder „neudeutsch“ ausdrückt: Wie viel „Top-down“ und wie viel „Bottom-up“ ist in welcher Situation angemessen?

Die grosse Kunst der Schulleitung bei der Schulentwicklung ist, Wege aufzuzeigen und zu ebnen, die Lehrpersonen zum selbstständigen Handeln befähigen und sie in ihrem Tun bestätigen – ohne alles selber machen zu wollen. Hilbert Meyer beschreibt dieses Führungsmodell treffend mit den Worten: „Steuern, nicht rudern!“

Was ist für dich der zentrale Baustein einer erfolgreichen Schul- und Unterrichtsentwicklung?

Ein zentraler Baustein, wenn nicht gar der absolut wichtigste, ist die „Lehrerkooperation“. Ich fördere deshalb als Schulleiter gezielt eine angemessene Kooperation in meinem Schulteam, unter anderem indem wir weniger Schulkonferenzen und mehr Stufenkonferenzen einplanen. Ich bin überzeugt, dass dort die Zeit für pädagogische Schulentwicklung besser genutzt wird.

Du bist jetzt im 4. Jahr als Schulleiter. Wo und wie hat sich dein Schulleiterhandeln entwickelt?

Ich habe inzwischen das Vertrauen, dass Schulentwicklung ein kooperativer Prozess ist und ich nicht alles wissen, steuern oder beeinflussen kann und muss. Ich weiss besser, was ich delegieren kann, wie (und wann) ich Lehrpersonen in schwierigen Situationen unterstützen und ihnen den Rücken stärken kann oder wie (und wann) ich ihnen gezielt Arbeitslast abnehmen muss.

Und: Die Gelassenheit hat bestimmt zugenommen…

Du hast vor deiner Stelle als Schulleiter unter anderem in der Schulaufsicht im Kanton Glarus oder in der IT Abteilung einer Bank gearbeitet. Kannst du von diesen Erfahrungen für deine momentane Arbeit profitieren?

Enorm! Ich möchte diese 13 Jahre mit ausserschulischen Berufserfahrungen nicht missen und empfehle jeder Schulleitungsperson, einmal etwas Privatwirtschaftsluft zu schnuppern und nicht direkt vom Klassenzimmer ins Schulleitungsbüro zu wechseln. Ich finde es allerdings sehr schade, dass der Kanton Zürich solche Erfahrungen nicht unterstützt bzw. honoriert. Bei meiner Rückkehr in den zürcherischen Schuldienst wurden mir bei der Einstufung in die Lohnskala die sechs Jahre beim Kanton Glarus nur zur Hälfte angerechnet. Ich hätte also geradesogut sechs Jahre lang Schuhe putzen oder Zeitungen austragen statt Schulen evaluieren können…

von Michael Gerber, Schulleiter Schulhaus Weihermatt, Urdorf ZH

«Der Fall: Rückstellung eines Kindes vom Kindergarteneintritt um ein Jahr»

Familie Meier, mit Wohnsitz im Kanton Zürich, erhält von der Schulverwaltung die Klassenzuteilung für ihre jüngste Tochter Lea, die am 15. Juli 2014 geboren wurde und zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritts, am 20. August 2018, unlängst das vierte Altersjahr vollendet haben wird. Nach Ansicht der Eltern ist Lea noch nicht reif für den Eintritt in den Kindergarten und sie erklären bei der Schulverwaltung übereinstimmend, dass sie ihre Tochter wegen Entwicklungsrückständen noch nicht im Kindergarten sähen und darum ersuchen, Lea um ein Jahr vom Kindergarteneintritt zurückzustellen. Die Schulverwaltungsleiterin erklärt der Familie, dass Kinder, die das vierte Altersjahr erreicht haben bis zum Stichtag, was bei Lea der Fall sei, grundsätzlich regulär einzuschulen seien. Familie Meier möchte sich damit nicht abfinden. Wie gestaltet sich die Zürcher Rechtslage?

Kinder, die das vierte Altersjahr vollendet haben, treten grundsätzlich auf Beginn des nächsten Schuljahres in den Kindergarten ein. Mit Inkraftsetzung des HarmoS-Konkordats am 1. August 2009 verschiebt sich der Stichtag jährlich um zwei Wochen nach hinten, bis schliesslich ab Schuljahresbeginn 2020/21 der 31. Juli als Stichtag gelten wird.

Auf Schuljahresbeginn 2018/19 werden Kinder eingeschult, die zwischen dem 1. Juli 2013 und dem 15. Juli 2014 geboren wurden oder im Vorjahr rückgestellt wurden. Stichtag ist der 15. Juli 2018.

§ 5 Abs. 1 VSG (Volksschulgesetz vom 7. Februar 2006) sieht vor, Kinder gestützt auf ihr Geburtsdatum – bei Vollendung des vierten Altersjahrs unter Berücksichtigung des Stichtags – regulär einzuschulen. Abweichungen vom Grundsatz bedürfen damit einer hinreichenden Begründung. Nach § 3 VSV (Volksschulverordnung vom 28. Juni 2006) kann die Schulpflege dann vom Grundsatz der regulären Einschulung abweichen und die Rückstellung um ein Jahr anordnen, wenn erstens der Entwicklungsstand des Kindes dies als angezeigt erscheinen lässt und zweitens den zu erwartenden Schwierigkeiten bei regulärer Einschulung nicht mit sonderpädagogischen Massnahmen begegnet werden kann.

In formeller Hinsicht müssen die Eltern ein begründetes Rückstellungsgesuch fristgerecht bei der Schulverwaltung einreichen. Nach § 34 Abs. 2 VSV wird die Schulpflege jeweils bis Ende April die Rückstellung anordnen oder aber das Gesuch abweisen.

Blosse Wünsche oder Einschätzungen der Eltern stellen keine hinreichende Entscheidungsgrundlage für die Schulpflege dar. Werden Fachpersonen beigezogen oder werden weitere Abklärungen vorgenommen bzw. angeordnet, wie dies § 34 Abs. 3 VSV vorsieht, muss die Abklärung soweit sachlich fundiert sein, dass die Schulpflege gestützt darauf über den Rückstellungsantrag befinden kann.

Massgebendes Kriterium für den Rückstellungsentscheid bildet der individuelle Entwicklungsstand des Kindes. Liegt ein kinderärztlicher, schul- oder kinderpsychologischer Bericht vor, der Bezug nimmt auf den individuellen Entwicklungsrückstand des Kindes und liegt kumulativ dazu eine Einschätzung vor, ob den Schwierigkeiten des Kindes bei regulärer Einschulung mittels sonderpädagogischer Massnahmen hinreichend begegnet werden kann, wird die Schulpflege in die Lage versetzt, unter Würdigung des individuell-konkreten Einzelfalls und in Ausübung des sogenannten Einzelfallermessens per Mehrheitsbeschluss die Rückstellung anzuordnen oder aber das Gesuch der Eltern abzuweisen.

Den Eltern von Lea steht somit kein durchsetzbarer Anspruch auf Rückstellung ihres Kindes zu.

Thomas Bucher (MLaw), Dozent für Schulrecht, PH Zürich

Darum braucht es Schulleitungen!?

Der reisserische Titel könnte suggerieren, dass nun ein normatives, vielleicht auch gewerkschaftliches Pamphlet für Schulleitungen kommt. Wer dies erwartet, wird enttäuscht sein. Ich habe nur eine kleine Geschichte zu bieten.

Früher war alles anders
An einem Elternabend erzählt ein Vater einer Schulleiterin, dass auch er schon in diese Schule ging. Er erzählt ihr von seinem Klassenlehrer, welcher während 30 Jahren an dieser Schule wirkte – gefürchtet und geachtet gleichermassen. Von vielen Schülerinnen und Schüler wurde er wegen seinen legendären Wanderungen gehasst. Jeden Monat mussten sie unabhängig von Wetter, Jahreszeit und Kondition eine Wanderung machen. In der 4. Klasse waren es immer 10 Kilometer, in der 5. Klasse 15 Kilometer und in der 6. Klasse sogar 20 Kilometer. Jeden Monat 20 Kilometer! Der Lehrer kannte kein Pardon und jede und jeder musste da durch. Der Vater selber war jedoch froh bei diesem Lehrer gewesen zu sein. «Wir haben viel gelernt bei ihm und das Wandern … er war halt ein Wanderfan». Er erzählte auch vom Lehrer im Zimmer nebenan. Diesen hätte man meistens besser verstanden als den eigenen Lehrer. «Wenn der wütend war – der konnte schreien. Ein herzensguter Mensch war er. Aber manchmal rastete er einfach aus und dann war ‘fertig lustig’». Am Ende meinte der Vater, dass er eine gute Zeit an dieser Schule hatte. Aber früher war es anders und er ist froh, dass sein Sohn nicht mehr in die alte, sondern in die neue Schule gehen kann.

Wir und die Schule

Als die Schulleiterin nach dem Elternabend auf dem Fahrrad nach Hause fährt, kommt ihr der Gedanke, dass es vielleicht gerade deshalb Schulleitungen braucht. Die Lehrerinnen und Lehrer sind nicht mehr allmächtig und die Schülerinnen und Schüler den einzelnen Personen ausgesetzt. Der Schulleiterin ist es wichtig, dass sie gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrer die Verantwortung tragen, dass sie sich austauschen und von und miteinander lernen. Nicht mehr ‘ich und die Klasse’, sondern ‘wir und die Schule’. «Aber tun wir dies auch wirklich?» Die Schulleiterin stutzt einen kurzen Moment. Es könnte ja auch sein, dass Schulleitungen bewirken, dass Lehrerinnen und Lehrer zu gesichtslosen Unterrichtsbeamten verkommen, welche nur noch konsensorientierten Einheitsbrei produzieren. «Ich will keine Lehrerinnen und Lehrer, welche beim Eingang zum Schulhaus ihre Persönlichkeit und ihre Leidenschaft an die Garderobe hängen», resümiert die Schulleiterin für sich. «Und gleichzeitig will ich auch nicht, dass alle einfach machen können, was sie wollen». Zu Hause angekommen beschliesst die Schulleiterin sich und ihre Lehrerinnen und Lehrer in den nächsten Tagen und Wochen einmal zu beobachten.

Vielleicht fragen Sie sich nun, was ich Ihnen mit dieser Geschichte sagen will. Meine Antwort wäre: «Ich weiss es nicht». Deshalb liebe ich Geschichten. Ich kann aus Geschichten Dinge für mich herauslesen und diese mit anderen diskutieren. Andere Personen mit anderen Perspektiven werden anderes herauslesen. Die Frage, ob oder wozu es Schulleitungen braucht, kann die Geschichte nicht beantworten. Ich lese einiges heraus, was für Schulleitungen spricht. Ich sehe in der Geschichte Chancen und Risiken. So ambivalent wie die Geschichte ist, so ambivalent ist wahrscheinlich auch die Frage.

Welche Geschichten, Erfahrungen haben Sie? Ich bin ein neugieriger Mensch. Veröffentlichen Sie Ihre Geschichte hier auf dem Blog oder schicken Sie mir diese zu. Ich würde mich freuen.

Niels Anderegg, Zentrumsleiter Management und Leadership, PHZH

«Digitale Schule» ist mehr als ein digitales Klassenzimmer

Daniel Brodmann, Dozent und Lehrgangsleiter des CAS Schulmanagement an der PH Zürich hat Pierre Tulowitzki zum Vortrag «Die Organisation (von) Schule in einer digitalen Welt» eingeladen mit der Absicht, das Thema Schulmanagement bei Schulführungspersonen  zu stärken.

Spricht man von «Digitaler Schule», so entsteht beim Zuhören leicht ein innerliches Bild einer Schule, welche digitale Medien wie Smartphones, Tablets und Smartboards im Unterricht einsetzt; also dasjenige eines digitalen Klassenzimmers.

Pierre Tulowitzki, Juniorprofessor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, hat in seinem Referat vom 28. Februar 2018 an der Pädagogischen Hochschule Zürich, dieses Bild erweitert. «Digitale Schule» ist weit mehr als nur digitale Klassenzimmer. So sind Schulleitung und Schulverwaltung Teil einer «Digitalen Schule». Nicht zu unterschätzten sei, so Tulowitzki, die indirekte Wirkung eines digitalen Schulmanagements auf den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern. Ein digitales Schulmanagement erlaubt eine effiziente Schulführung, verringert den administrativen Schulleitungsaufwand und fördert dadurch das Schulklima. Das verbesserte Schulklima schliesslich schlägt sich auch in der Motivation aller Beteiligten und damit auch im Lernerfolg nieder.

Wie sieht gemäss Pierre Tulowitzki die «Digitale Volksschule der Zukunft» ergänzend zu digitalen Klassenzimmern aus?

– Noten sind für alle berechtigten Personen jederzeit einsehbar

– Zeugnisse sind online hinterlegt

– Raumbelegung und Pensenplanung sind transparent und jederzeit einsehbar

– Absenzen von Lehrpersonen und Lernenden sind online erfasst

– Die Kommunikation mit Lehrpersonen, Eltern (Sprechstunden) und Lernenden ist online möglich

– Elternabende mit Online-Beteiligung

– Schülerakten und Schulstatistiken sind elektronisch verfügbar

Während auf der Sekundarstufe II und auf der Tertiärstufe das digitale Schulmanagement Einzug gehalten hat, findet man auf der Volksschulstufe noch oft Einzellösungen und manuelle Administration. Aufgabe der Schulleitungen ist es, «als Türöffner» Rahmenbedingen für eine «Digitale Schule» zu schaffen und Vernetzungspotentiale zu erkennen. Schliesslich müssen sie einen Medienentwicklungsplan erstellen und geeignete Tools evaluieren, welche der Schulgrösse und der Datenflut gerecht werden und die Professionalisierung der Schule unterstützen. Hierfür sind die Schulleitungen von den politischen Behörden mit den entsprechenden Kompetenzen und Ressourcen auszustatten.

Daniel Brodmann,  Dozent Zentrum Management und Leadership PH Zürich

Präsentation Referat P. Tulowitzki