Willi Müller Leitung Intensivweiterbildung

Aus der eigenen Echokammer heraustreten

Lehrpersonen sind heute eingebunden in einem Team von unterschiedlichen Expertinnen und Experten wie DAZ-Lehrpersonen oder Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Trotzdem tragen sie für ihre Klasse die Hauptverantwortung und sind da letztlich auf sich allein gestellt. Eine Möglichkeit, aus der eigenen Echokammer herauszutreten, bietet die 13-wöchige Intensivweiterbildung. Samuel Hug hat Willi Müller, Leiter der Intensivweiterbildung, zu seiner langjährigen Erfahrung interviewt.

Willi, du begleitest Lehrpersonen über mehrere Wochen. Wie nimmst du deren Arbeit heute wahr?

Schule geben ist grundsätzlich sehr vielschichtig. Es gibt einerseits die inhaltliche, fachliche und methodische Ebene. Andererseits laufen in der Schule emotionale, soziale und gruppendynamische Prozesse ab, die beleben, aber auch zu einer grossen Herausforderung werden können. Auch wenn die Lehrperson ihren Job grundsätzlich im Griff hat, können im Klassenzimmer immer wieder Prozesse in Gang kommen, die sehr schwierig zu steuern sind.

Auch mit viel Mühe und Geschick seitens der Lehrperson kann unter der Beobachtung von 40 Schüleraugen, die alles genau registrieren, etwas schieflaufen. Die Lehrperson ist der Situation ausgeliefert, sie kann sich nicht einfach zurückziehen. So wird wohl fast jede Lehrperson in ihrer gesamten Berufslaufbahn eine Klasse haben, die sie an Grenzen bringt.  

Ist der Druck auf die Lehrperson heute gestiegen?

Heute ist der Druck massiv stärker geworden. Mit den zusätzlichen Aufgaben wie der Integration von Kindern mit ganz unterschiedlichen Leistungsmöglichkeiten, dem Lehrplan 21, dem Umgang mit anspruchsvolleren, fordernden Eltern oder den administrativen Anliegen der Institutionen wird das Tätigkeitsspektrum immer umfangreicher und herausfordernder. Der eigentliche Anteil der Vermittlung geht zurück.

Unter diesen Bedingungen werden immer mehr Kompetenzen wie Selbststeuerung, Abgrenzungs- und Kommunikationsgeschick sowie Konflikt- und Kompromissfähigkeiten erwartet. Die damit einhergehende Hektik im Alltag schmälern die berufliche Zufriedenheit der Lehrpersonen.

Bietet die Intensivweiterbildung (IWB) Lehrpersonen eine Art Auszeit aus dem Beruf?

Die IWB ist eine berufliche Weiterbildung, aber ja, sie ist auch eine Auszeit. Und der Beruf ist ja immer verbunden mit dem persönlichen Leben, zumindest meistens. Wir beleuchten beide Ebenen, die berufliche und die private. Wenn sich zum Beispiel jemand in einem Scheidungsprozess befindet, hat dies auch Einfluss auf das Berufsleben. Wir geben Anregungen und versuchen, in der Gruppe einen Sog zu generieren und aufzuzeigen, dass es hilfreich ist, über die eigenen Herausforderungen ins Gespräch zu kommen, was jedoch auch seine Grenzen hat, salopp gesagt: «Wer ganz offen ist, ist nicht ganz dicht.» Aber wer sich nicht öffnet, bekommt auch keine Rückmeldung.

Das heisst, jeder muss individuell den Weg finden. Je länger der Kurs dauert, desto eher geschieht dieser Dialog. Durch einen wohldosierten und getakteten Aufbau eines vertrauensvollen Gruppenklimas und die Vorbildfunktion der Kursleitung kann der Dialog und die Offenheit in der Gruppe gefördert werden. Und wir hören immer wieder Teilnehmende sagen, dass sie Sachen ansprechen konnten, die sie bisher noch nie thematisiert haben.

«Wer ganz offen ist, ist nicht ganz dicht. Aber wer sich nicht öffnet, bekommt auch keine Rückmeldung.»

Wie nachhaltig ist eine dreimonatige IWB?

Grob geschätzt würde ich sagen, es gibt drei Kategorien mit einem Anteil von je einem Drittel der Teilnehmenden. Die erste Kategorie ändert ihr Leben. Sie kommen in der IWB zu einer Entscheidung, die schon lange in ihnen geschlummert hat, aber noch nicht realisiert wurde. Sie wechseln zum Beispiel ihre Stelle oder ihre Funktion und gehen einen neuen Weg.

Eine zweite Kategorie schraubt leicht an ihren festen Gewohnheiten, sie betreiben eine Art Feintuning in ihrem Leben, sodass es ihnen langfristig besser geht. Das kann eine kleine Verhaltensänderung oder Haltungsänderung im Alltag sein.

Der letzte Drittel der Teilnehmenden geniesst die Auszeit. Aber nach zwei Monaten sind sie wieder an der gleichen Stelle wie zuvor. Was auch durchaus verständlich ist, denn man darf nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, parallel zum Alltagstrubel langjährige, eingeschliffene Gewohnheiten zu verändern. Das ist eine sehr grosse Herausforderung. Und alle, die selbst schon solche Veränderungen angestrebt haben, können gut nachvollziehen, dass nicht immer alle Veränderungswünsche problemlos umgesetzt werden können.

INFOBOX

Die Intensivweiterbildung (IWB) ist ein Bildungsurlaub für Lehrpersonen der Volksschule über 13 Wochen. Diese Auszeit ermöglicht einen Rückzug vom beruflichen Alltag zugunsten eines Zwischenhalts in der beruflichen und persönlichen Laufbahn. Zur Wahl stehen vier Profile mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Ziel aller IWB-Profile ist ein Wiedereinstieg mit neuen Impulsen für eine nächste gelingende Berufs- und Lebensphase.

Eine Voraussetzung zur Teilnahme an der IWB sind 10 Jahre Schultätigkeit. Einige nutzen diese Gelegenheit schon bereits nach 10 Jahren. Es gibt aber auch etliche Leute, die erst nach 20 oder 25 Jahren zu uns kommen.

Hier geht es zur Videovorstellung der IWB

Möchten Sie Ihre Fragen stellen und genauere Informationen erhalten? Dann besuchen Sie unsere Infoveranstaltungen:
Infoveranstaltung vom 1.6.2022 
Infoveranstaltung vom 31.8.2022

Lern- und Beziehungsräume schaffen
Plattform Resonanz

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Zur Person

Willi Müller

Willi Müller leitet die Intensivweiterbildung «Perspektiven erweitern» an der PH Zürich. Zudem ist er Mitglied der schweizerischen Netzwerkgruppe der Leitungspersonen von Intensivweiterbildungen.

Zum Autor

Samuel Hug

Samuel Hug ist Verantwortlicher für Marketing-Kommunikation im Prorektorat Weiterbildung und Dienstleistungen der PH Zürich. Er arbeitet zur Zeit an der Kampagne «Resonanz – Lern- und Beziehungsräume schaffen», in der unterschiedliche Aspekte und Perspektiven zum Thema Resonanz vertieft werden.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg

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