Prioritäten setzen: Wichtigkeit ist Ansichtssache

Jeder setzt Prioritäten anders. Was wichtig erscheint und damit prioritär zu behandeln, kann sich von einer Person zur nächsten unterscheiden. Auch im Schulleitungsbüro müssen wir täglich priorisieren, sagt Martina Arpagaus. Das war besonders ein Thema, als ihre Arbeitskollegin gerade im Urlaub weilte und die Omikron-Welle über die Schule rollte.

Mitten in der Pandemie erreicht mich das E-Mail eines Vaters. Betreff: Znünibox. «Guten Tag Frau Arpagaus», beginnt das E-Mail ganz förmlich. Es geht um eine Box der Zahnprophylaxe mit einem herzigen «Häsli» abgebildet. Leider ist jene der Tochter kaputt gegangen. Jetzt ist sie sehr traurig. Ob wir per Zufall noch eine an Lager hätten, fragt nun der Vater. Und bedankt sich im Voraus.

Omikron vervielfacht die Arbeit und macht Priorisierung nötig

Diese Anfrage kommt in einem Moment, in welchem wir gerade die Einzeltests jener Kinder vorbereiten, die in einem positiven Pool sind. Davon habe ich mitten in der Nacht erfahren, als die SMS des Labors bei mir auf dem Handy eingingen. Jedes positive Resultat bedeutet massive Mehrarbeit am Folgetag.

An erholsamen Schlaf war nicht zu denken. Entsprechend begann ich in den frühesten Morgenstunden übermüdet meinen Arbeitstag, machte Listen für Einzelproben, telefonierte mit Eltern, instruierte Lehrpersonen – wenn solche überhaupt vorhanden waren. Leider traf Corona vor allem den Kindergarten, sodass dort täglich Lehrpersonen ausfielen. Ausgerechnet in der Stufe, in der kaum Vikariate gefunden werden können. Zur Not stand ich halt selbst um 8.20 Uhr vor der Klasse. Dass der Unterricht stattfand und alle Kinder betreut werden, war absolut prioritär.

Schulische Nachbarschaftshilfe gegen Einsamkeit und Alleingang   

Leider war nicht nur meine Kollegin weit weg in Costa Rica aufgrund Dienstaltersgeschenk (DAG), sondern auch ihr Stellvertreter, ein pensionierter Schulleiter, hatte Angst vor der Ansteckung, arbeitete im Homeoffice und kam jeweils erst gegen Abend ins Büro, wenn die meisten nach Hause gegangen waren. Wirklich einsam wurde es, als auch noch die Sekretärin Corona bekam und in Isolation musste.

Ich sass allein im Büro und merkte: Jetzt hängt alles an mir. Wunderbar, dass da das Telefon klingelte und die Leitung der Oberstufe nebenan ihre Unterstützung anbot, die ich – entgegen meinem Naturell – sofort dankend annahm. So konnten wir die nötigsten Aufgaben erfüllen. Seit diesen Tagen ist mir klar, dass ich nie im Leben allein eine Schule führen würde. Ich möchte immer Last und Verantwortung teilen können und vor allem brauche ich unbedingt ein Gegenüber, um mich auszutauschen.

Banale Einsicht: «Jeder ist in seinem eigenen Film»

Neben Corona und dem Reihentesten, kamen wie immer im Januar die ersten Kündigungen rein. Da hiess es, Weichen fürs kommende Schuljahr stellen, mögliche Stellenpartnerschaften prüfen, Referenztelefonate und Vorstellungsgespräche führen; parallel dazu der Normalbetrieb mit den üblichen Zwischenfällen wie Lehrpersonen, die verunfallen oder Auseinandersetzungen unter Schüler:innen. Jeweils abends konnte ich mich mit dem Stellvertreter meiner Kollegin beraten. Dabei wurde der banale, aber wahre Ausspruch «Jeder ist in seinem eigenen Film» zu unserem Mantra. Es half uns für alle Arten von Ideen, Ansichten und Anliegen aus dem Team oder von den Eltern Verständnis aufzubringen und sie einzuordnen. Gleichzeitig ermöglichte es uns, die eigene Rolle zu reflektieren.  

Übrigens: Der Vater im «Häsli-Film» bekam eine Antwort, als die Sekretärin wieder gesund war. Leider hatten wir kein «Znüniböxli» mehr auf Lager, aber er konnte es bestellen. Ich sah kürzlich das Mädchen genüsslich ein paar Apfelschnitze daraus essen.

INFOBOX

Grenzen im Privaten und Berufsleben haben die Schulleiterin Martina Arpagaus in ihrem letzten Beitrag beschäftigt. Sie berichtet über ein Missgeschick: "Plötzlich erscheint das Kind in meiner Dusche!"

Zur Autorin

Martina Arpagaus


Martina Arpagaus ist 47 Jahre alt. Nach ihrer Ausbildung als Kindergärtnerin arbeitete sie zwei Jahrzehnte als Radiojournalistin. Dann unterrichtete sie Deutsch als Zweitsprache und seit dem Sommer 2021 arbeitet sie als Schulleitung 2 in einer Zürcher Primarschule.»   

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: adobe stock

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