Wer Schulleiter:innen sind

Der Schulleitungsmonitor Schweiz (SLMS) ist die erste gross angelegte Studie, die sich mit den Führungskräften der Volksschule auseinandersetzt. Die Befragung von schweizweit 2’000 Schulleitenden zeigt viel Zufriedenheit trotz hoher Arbeitszeit, grossem Aufwand für administrative, verwaltende und personelle Aufgaben sowie erstaunlicher Lohnungleichheit.

Schulleitungen spielen eine grosse Rolle in der Organisation und Entwicklung von Schulen. Das hat laut der NZZ am Sonntag vom 30. Januar 2022 Corona deutlich ans Licht gebracht: Dank des grossen Einsatzes dieser Führungskräfte in Kooperation mit ihren Lehrpersonen haben Schweizer Schulen laut der S-Clever-Studie im Vergleich zu umliegenden Ländern gut abgeschnitten. Um Erkenntnisse zur zentralen Position der Schulleitenden zu gewinnen, wurde von den beiden Schulleitungsverbänden VSLCH und CLACESO sowie den Pädagogischen Hochschulen FHNW und HEP Vaud der Schulleitungsmonitor lanciert, dies mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz und der Jacobs Foundation.

Die teilnehmenden Schweizer Schulleitungen sind knapp überwiegend männlich (53%). Das Alter liegt im Durchschnitt bei 50 Jahren. Während weibliche Lehrpersonen gemäss Daten des Bundesamts für Statistik an Primar- und Sekundarschulen in der Mehrheit sind, so stellt sich dies bei den Befragten anders dar: An Primarschulen (inklusive Kindergärten) sind die Schulleitungen in der Mehrheit weiblich (54%). An Sekundarschulen sind hingegen nur 29% der befragten Schulleitungen weiblich.

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Schulleitungen in der Schweiz sind tendenziell Teilzeitkräfte: Ein knappes Drittel (32%) der teilnehmenden Schulleitungen hat ein Pensum von 100%. 46% haben ein Pensum zwischen 60% und 95%. 22% haben ein Pensum von weniger als 60%.

Lohnungleichheit überrascht und wirft Fragen auf

Die teilnehmenden Schulleitungen wurden nach Ihrem Brutto-Jahreseinkommen auf ein 100%-Pensum gerechnet gefragt. Das rückgemeldete Einkommen liegt im Durchschnitt bei ca. CHF 137’000. Je nach Kanton und Dienstalter bestehen z.T. deutliche Unterschiede. Die Daten enthalten Hinweise auf eine mögliche Lohndifferenz in Höhe von durchschnittlich ca. CHF 9’800 zugunsten der männlichen Schulleitungen. Diese scheint je nach Alter anders auszufallen. Liegt die Differenz im Alter bis 40 Jahre noch bei ca. CHF 1’500, vergrössert sie sich bis zum Alter von 50 Jahren auf ca. CHF 7’500, bis zum Alter von 60 Jahren auf ca. CHF 10’300 und fällt dann bei den über 60-jährigen Befragten wieder etwas geringer aus (ca. CHF 7’400).

Wie Schulleitende zu ihrem Beruf kamen

Das Amt der Schulleitung wird in der Schweiz vornehmlich durch erfahrene Personen bekleidet: Im Mittel sind die befragten Schulleiter:innen seit knapp 10 Jahren in dieser Funktion. Sie waren zuvor im Mittel 15 Jahre lang als Lehrperson tätig.

Die zentralen Berufswahlmotive von Schulleitungen sind in der Rückschau vor allem eine abwechslungsreiche Tätigkeit auszuüben (95%), Schule pädagogisch weiterentwickeln zu können (93%), neue Ideen entwickeln und erproben zu können (91%), für das Wohl anderer Menschen sorgen zu können (88%) sowie anderen Menschen beistehen und helfen zu können (87%). Dem gegenüber geben nur 19% der befragten Schulleitungen an, dass es ein (sehr) wichtiges Motiv gewesen sei, ihr berufliches Ansehen zu verbessern.

Lediglich 38% geben als Motiv an, ihre beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern. Die Steigerung des Einkommens spielte für 34% der Befragten eine wichtige oder sehr wichtige Rolle bei der Entscheidung. Somit scheinen die Motive hauptsächlich intrinsischer Natur zu sein.

88% der Befragten haben eine formale Qualifikation für die Position der Schulleitung durchlaufen. In nahezu allen Fällen handelt es sich dabei um eine EDK-anerkannte Schulleitungsausbildung. 12% geben an, keine derartige Qualifikation durchlaufen zu haben.

Der Weg in die Schulleitung kann begleitet werden durch (informelle) Mentorinnen und Mentoren, die Schulleitungen auf vielfältigen Wegen fördern und unterstützen. Etwas weniger als die Hälfte (41%) der Befragten berichtet von einer derartigen Unterstützung und Förderung. Mentorinnen und Mentoren unterstützten (angehende) Schulleitungen, indem sie bereitwillig bei Sorgen zuhörten (93%), Hinweise und Ratschläge für die Tätigkeit als Schulleitung gaben (94%) oder in stressigen Zeiten Mut und Unterstützung boten (87%). Auch dienten sie als Vorbild, besassen etwa Qualitäten, welche sich die Befragten zu eigen machen wollten (79%) oder Arbeitsweisen, die sie gerne übernehmen wollten (53%).

Wie es um die Arbeit von Schulleitungen steht

Knapp die Hälfte der befragten Schulleitungen gibt an, für 25 bis 50 Mitarbeitende Personalverantwortung zu tragen.

Bezogen auf ihre Arbeitszeit geben Schulleitungen mit Vollpensum an, im Schnitt 51 Stunden in einer normalen Arbeitswoche zu arbeiten. Personen mit 70%-Pensum geben eine Wochenarbeitszeit von 42 Stunden an. Ein Drittel aller Befragten unterrichtet zusätzlich zur Schulleitungstätigkeit. Dabei handelt es sich grösstenteils um die Schulleitungen mit Schulleitungspensen unter 50%.

Die Arbeit der befragten Schulleitungen verteilt sich auf vielfältige Bereiche: Verwaltungstätigkeiten nehmen im Durchschnitt 26% der Arbeitszeit in Anspruch. Auch Tätigkeiten im Bereich Personalführung und Personalentwicklung erweisen sich als zeitintensiv (im Durchschnitt 23% der Arbeitszeit). Arbeit an Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung (12%) sowie Arbeit an längerfristigen Zielen (11%) nehmen hingegen zeitlich einen geringeren Anteil in Anspruch. Alltägliche Belange prägen damit das Tätigkeitsprofil von Schulleitungen stärker als Schulentwicklung und Innovation.

Ein Grossteil der befragten Schulleitenden (88%) stimmt der Aussage zu oder eher zu, dass sie und ihr Team bislang sehr erfolgreich darin sind, die pädagogischen Ziele ihrer jeweiligen Schule zu erreichen. Knapp über 90% der befragten Schulleitungen haben in ihrer Schule Personen, die sie in ihrer Führungstätigkeit unterstützen, auch wenn es für diese Personen mit zusätzlicher Arbeit verbunden ist.

Es bleibt kaum Zeit für Weiterbildung

Mit Blick auf ihr Weiterbildungsverhalten in den vergangenen 12 Monaten geben 75% der befragten Schulleiter:innen an, berufsbezogene Literatur (z.B. Fachzeitschriften) gelesen zu haben. 61% haben an Veranstaltungen der Bildungsträger (z.B. kantonale Tagungen) teilgenommen. 48% haben an kürzeren Veranstaltungen an Hochschulen (z.B. Tagungen oder Workshops) teilgenommen, 26% haben ein Zertifikatsprogramm an einer Hochschule belegt. 41% der befragten Schulleitungen haben an Veranstaltungen von Verbänden und berufsbezogenen Organisationen teilgenommen. 36% haben private Angebote (z.B. privates Coaching) genutzt. In der Gesamtschau ergibt sich somit ein Engagement in der Weiterbildung, welches formale und informelle Angebote beinhaltet.

Wie es Schulleiter:innen geht

Die Schulleitungen wurden nach der grundsätzlichen Zufriedenheit mit ihrem Beruf gefragt, unabhängig von möglichen besonderen Situationen (wie z.B. zusätzliche Belastungen aufgrund der Covid-19- Pandemie). Eine grosse Mehrheit der befragten Schulleitungen ist mit ihrer bisherigen Karriere zufrieden (95%). 89% stimmen der Aussage zu oder eher zu, richtig Freude an ihrer Arbeit zu haben. 82% stimmen der Aussage zu oder eher zu, völlig in ihrer Arbeit aufzugehen. 88% geben an, dass ihre Arbeit sie inspiriert. 74% der befragten Schulleitungen geben jedoch an, zu wenig Zeit zu haben, um ihre täglichen Aufgaben zu erfüllen.

Allerdings geben 19% der befragten Schulleitungen an, die aktuelle Schule verlassen zu wollen, darunter 5%, die dies so schnell wie möglich tun wollen.

Gründe für einen Arbeitsplatzwechsel sind für 47% der wechselwilligen Schulleitungen der Wunsch nach beruflicher Entwicklung. 34% geben als Grund an, zu wenig Unterstützung durch übergeordnete Instanzen wie z.B. die Gemeinde oder Schulpflege zu erhalten. Weitere Gründe sind der Wunsch nach mehr Zeit für die Familie (27%) sowie eine als unangemessen empfundene Bezahlung (24%). Eine geringe Roll spielen hingegen das Arbeitsklima an der Schule (10%), ungünstige Arbeitszeiten (7%) sowie mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten (14%). Auch gesundheitliche (11%) oder altersbedingte (15%) Gründe werden eher selten genannt.

Des Weiteren wurde das Berufsverständnis von Schulleitungen untersucht: Die befragten Schulleitungen stimmen dabei fast alle der Aussage zu, dass man gute Schulleitungen am konsensfähigen Handeln erkennt (92%) sowie dass Schulleitungen vor allem motivierende Visionen entwerfen müssen, an deren Verwirklichung alle engagiert mitarbeiten (87%). Hohe Zustimmung erhalten ebenfalls die Aussagen, dass Schulleitungen als Expertinnen/Experten für zeitgemässen Unterricht Lehrpersonen in pädagogischen Fragen kompetent beraten können (87%) sowie dass sich Schulleitungen zeitliche Freiräume schaffen müssen, in denen sie intensiv an der Formulierung langfristiger Ziele für die Schule arbeiten (86%).

Niedrige Zustimmungswerte erhalten die Aussagen, dass Schulleitungen in erster Linie Kolleginnen/Kollegen und in zweiter Linie vorgesetzte Personen sein sollten (21%) sowie dass die Leistung von Schulleitungen sich nach den Lernergebnissen der Schülerinnen und Schülern bemessen sollten (35%).

Fazit

Die erste Befragung wurde im vergleichsweise coronaruhigen Herbst 2021 durchgeführt. Dass über 2000 Schulleitende aus der ganzen Schweiz daran teilgenommen haben, ist ein grosser Erfolg. Die Studie bietet erstmals ein schweizweites, fundiertes Bild rund um die Aufgaben und die Situation dieser Führungskräfte.

Auffallend ist, dass sie viel Freude an dem sehr vielfältigen Beruf haben und mehrheitlich zufrieden sind. Administrative und verwaltende Tätigkeiten kosten die Schulleitenden allerdings viel Zeit. Ebenso nimmt die wichtige Führung von bis zu 75 Lehrpersonen auf 100 Stellenprozente sehr viel Raum ein. So reicht die Zeit trotz der durchschnittlichen Arbeitswoche von 51 Stunden weder für die Erfüllung aller täglich anfallenden Aufgaben noch für pädagogische Schulentwicklung, Innovationen und Weiterbildung.

Sehr erstaunlich sind die Hinweise auf eine Lohndifferenz von bis zu 7 % zwischen weiblichen und männlichen Schulleitungen und bis zu 4 % zwischen Primar- und Sekundarschule trotz offener Lohntransparenz in vielen Kantonen.

Erkenntnis und Ziel der Schulleitungsverbände und beteiligten Pädagogischen Hochschulen ist, gemeinsam mit den kantonalen Bildungsbehörden herauszufinden, wo die Gründe für diese Situation liegen und wie die Rahmenbedingungen verbessert werden können. Dies, um die richtigen Weichen zu stellen für einen gesunden und attraktiven Beruf und für professionell geleitete Volksschulen von weiterhin hoher Qualität.

INFOBOX

Den Gesamtbericht des Schulleitungsmonitors Schweiz SLMS finden Sie auf der Website des Verbandes Schulleiter:innen Schweiz VSLCH.

Zum Autor

Pierre Tulowitzki leitet die Professur für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule FHNW. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragen der Führung und der Organisationsentwicklung in Bildungsorganisationen. Er ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung. Gemeinsam mit Jörg Berger leitet er den Schulleitungsmonitor Schweiz.

Redaktion: Jörg Berger

Titelbild: VSLCH, zVg

Grafiken: Nils Schulte-Goerke

2 Gedanken zu „Wer Schulleiter:innen sind“

  1. Super, dass eine so breit angelegte Umfrage bei Schulleitenden gemacht werden konnte! Die Schulleitung ist die zentrale Funktion um die Qualität der Schule beizubehalten und weiter zu entwickeln. Also gut zu wissen, wo angesetzt werden kann um den Beruf noch attraktiver zu gestalten und Schulleitende zu unterstützen.

    1. Danke für das ermutigende Feedback. Freut uns sehr, wenn die Berichte nützlich sind! Wir waren von der hohen Beteiligung sehr angetan. Dank den vielen Rückmeldungen, haben wir ein tolles Fundament für weitere Analysen. Wir haben auch noch qualitative Daten (die Schulleiterinnen und Schulleiter haben z.B. ihre Vision zur Schule des 21. Jahrhunderts geteilt).

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