Lernen sichtbar machen mit Vignette

Lernen sichtbar machen

Lernen ist ein zentrales Element von Schule. Viele Schulen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten grosse Anstrengungen unternommen, ihren Alltag so zu gestalten, dass die Schüler:innen möglichst gut lernen können. Selbstorganisiertes, personalisiertes oder organisiertes Lernen, offene Aufgaben, Churer Modell, altersdurchmischtes oder dialogisches Lernen und Lernbüros. Es gab viele Innovationen und Niels Anderegg ist froh, dass die «Einstuhlung» von Schüler:innen kaum noch vorkommt. Mit welcher Form man Lernen sichtbar machen kann.

Der Schulalltag bedeutet an den meisten Schulen nicht mehr, dass man während 45 Minuten mit Blick zur Tafel ruhig sitzt, sondern ist viel lebendiger und anregender geworden. Was in der Reformpädagogik an einzelnen Schulen begann, ist heute an vielen Schulen Alltag und das ist gut so.

Ich hatte und habe das Glück und Vergnügen als Forscher und neugieriger Mensch vertiefende Einblicke in viele verschiedene pädagogisch innovativen Schulen zu erhalten und konnte davon sehr profitieren. Dabei mache ich die Beobachtung, dass Schulen mit gleichen Konzepten sehr unterschiedlich arbeiten. Oder konkreter an einem Beispiel: Ich habe Schulen mit Lernlandschaften erlebt, welche eine grosse Bereicherung für die Schüler:innen sind und in denen intensiv und auf unterschiedliche Art und Weise gelernt wurde. In solchen Schulen fand eine reichhaltige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand und sich selbst statt und als Besucher wurde man richtiggehend angesteckt. Und dann erlebte ich Lernlandschaften, in welchen Schüler:innen wie in Grossraumbüros Arbeitsblatt um Arbeitsblatt lustlos abgearbeitet hatten oder irgendwo versuchten, in einer Nische der Arbeit zu entgehen.

Solche Beobachtungen kann man in allen pädagogischen Settings machen und ich bin sicher, dass Sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ich halte Lernlandschaften für spannende Entwicklungen und bin froh, dass es immer mehr Schulen gibt, welche sich in diese Richtung bewegen. Sie sind jedoch kein Garant dafür, dass die Schüler:innen gut lernen. Dies gilt auch für das Churermodell, altersdurchmischtes Lernen und andere Strukturmodelle, als auch für didaktische Konzepte wie das dialogische Lernen, offene Aufgaben oder den Projektunterricht. Strukturmodelle und didaktische Konzepte haben einen Einfluss auf das Lernen – und sind deshalb auch so wichtig – sie können aber das Lernen nicht garantieren. Dazu braucht es Pädagoginnen und Pädagogen, welche innerhalb dieser Settings Schüler:innen beim Lernen begleiten.

Wie man das Lernen mit Vignetten sichtbar macht

Um Schüler:innen im Lernen zu begleiten, muss Lernen für die Pädagoginnen und Pädagogen irgendwie sichtbar werden. Eine Form dies zu tun, sind durch Vignetten. Am einfachsten lassen sich Vignetten erklären, indem man eine liest:

Herr Meyer zeichnet an die Wandtafel einen geraden Strich mit einer kurzen Markierung. An die Klasse gewandt fragt er, was dies sei. Viele Hände schnellen in die Höhe. Auch Eduardo hat blitzschnell das Zeichen gegeben. Er wartet ganz aufgeregt, sein Blick auf Herrn Meyer fixiert. Doch Licinio darf antworten: „Eine Gerade!“. Das Gesicht von Eduardo hellt kurz auf, seine Hand bleibt oben. „Eine Gerade“, wiederholt Herr Meyer die Antwort von Licinio. Eduardo stockt, zögert einen Moment, zieht dann seine Hand ein. Nochmals einen kurzen Blick zu Herrn Meyer, dann nach links zu Marco, nach rechts zu Silvana. Er senkt den Kopf, starrt auf die Tischplatte, die Hände vor dem Oberkörper gekreuzt. „Eine Gerade ist es nicht, da sie zwei Enden hat“, antwortet Herr Meyer der Klasse. Ruckartig schaut Eduardo auf, streckt nochmals blitzartig seine Hand in die Höhe und nickt unmerklich mit dem Kopf.

Vignetten entstehen beim Beobachten von einzelnen Schülerinnen und Schülern während des Unterrichts. Sie sind möglichst prägnant geschrieben und sollen das wiedergeben, was ich als Beobachter:in erlebte. Als Forscher:in, aber auch als Schulleitung auf Unterrichtsbesuch oder Pädagogin oder Pädagoge während einer Hospitation erhält man einen anderen Blick auf das Geschehen im Unterricht und sieht plötzlich Details, welche sonst meist gar nicht auffallen. Wie beispielsweise das Wettbewerbshafte eines fragenden Unterrichts und wie sich Freude und Enttäuschung – wie in der Vignette bei Eduardo – schnell abwechseln können. Wie geht es Licinio in dieser Situation? Wie wäre es gewesen, wenn die Lösung von ihm richtig gewesen wäre? Was hätte dies mit Licinio und Eduardo gemacht?

Beim Lesen von Vignetten kommt man schnell in eine Diskussion und ein Ausloten einer Situation. Wichtig und wertvoll dabei ist, dass es meist kein richtig oder falsch gibt. Man kann zwar argumentieren, dass die Aufgabe für Licinio eine Beschämung war, da die ganze Klasse gesehen hat, dass sein Resultat falsch war. Gleichzeitig braucht es häufig Fehler, damit wir lernen können. Vielleicht haben Licinio – und auch andere Schüler:innen – in dieser Situation gelernt, dass eine Gerade keine zwei Enden haben kann. Unterrichten bewegt sich häufig zwischen Widersprüchen und es gehört zur Professionalität von Pädagoginnen und Pädagogen mit solchen umzugehen und diese zu gestalten. Und manchmal sind einem die Widersprüche gar nicht bewusst. Dass zum Beispiel aus einem fragend-entwickelnden Unterricht für einzelne Schüler:innen ein Wettbewerb wird. Die Auseinandersetzung mit Vignetten erweitert die Perspektive und gibt die Möglichkeit immer wieder über Lernerfahrungen zu sprechen und zu schauen, wie man in solchen Situationen reagieren könnte. Als Pädagogin oder Pädagoge werde ich achtsamer im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern und kann sie dadurch bei ihrem Lernen besser begleiten.

Die Arbeit mit Vignetten bietet ergänzend zu verschiedenen Strukturelementen wie Lernlandschaften oder Churer Modell und didaktische Konzepte wie das dialogische Lernen oder die Lernbegleitung einen wichtigen Beitrag, um den Unterricht so zu gestalten, dass Schüler:innen optimaler gefördert werden können. Sie sind ein simples, aber effektives Instrument für die eigene Professionalisierung.

INFOBOX

Das Erasmusprojekt ProLernen werden Schulungsmodule hergestellt, welche Lehrer:innen und andere Mitarbeitende von Schulen dazu dienen über das Schreiben und Lesen von Vignetten ihre eigene Professionalisierung voranzutreiben und im Kollegium zu verbreiten. Das Projekt wird von Erasmus und der PH Zürich gefördert. Mitglied der Forschungsgruppe sind neben der PH Zürich und dem Schulamt Liechtenstein auch die Universität Wien, PH Wien, Universität Klagenfurt, Universität Hannover, Universität Bozen und Universität West-Mazedonien. Die PH Zürich und das Schulamt Liechtenstein haben den Forschungsschwerpunkt bei Teacher Leaders.

Ihre Forschung dreht sich um die Frage, wie es Teacher Leaders gelingt, das Instrument von Vignetten zur Professionalisierung innerhalb einer Bildungsorganisation zu verbreiten und Einfluss auf andere Lehrer:innen und Mitarbeitende zu nehmen.

Für die Evaluation der Schulungsmodule und die Bearbeitung der Forschungsfragen werden Lehrer:innen und andere Mitarbeitende gesucht, welche mit Vignetten arbeiten wollen und bereit sind, diese mit anderen Kolleginnen und Kollegen innerhalb der eigenen Schule zu teilen. Sie haben die Möglichkeit eine Weiterbildung kostenfrei zu besuchen und erhalten damit eine Beratung und Begleitung.   

Weitere Informationen finden Sie hier.

Zum Autor

Niels Anderegg leitet das Zentrum Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Pädagogische Schulführung und Professionalisierung von Führungspersonen von und in Bildungsorganisationen. Zusammen mit Heike Beuschlein, Nina-Cathrin Strauss und Anette Leimbeck führt er das Erasmusprojekt ProLernen für das Schulamt Lichtenstein und die PH Zürich durch.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: adobe stock/Robert Kneschke

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