Thomas Marti

Die (neue) Krise der Erziehung

Es ist wichtig, den operativen Rahmen von Schulführung regelmässig zu erweitern. Die Kritik an den Schulen ist populär, baut aber mitunter auf Defizitdiskursen auf. Es lohnt sich, den Problemraum zu erweitern, bis hin zu Hannah Arendt, die sich deutlich zu einer damaligen Krise der Erziehung geäussert hat. Und heute? Thomas Marti mit dem 1. Teil seiner Beitragsserie.

Teil 1: Das Skizzieren der Karte

Wir befinden uns in einer multikausalen Krisensituation. Sei es die ökologische, die Demokratie-, Finanz-, Psycho- oder aktuell Corona-Krise. Diese haben uns vor grosse Herausforderungen gestellt und wird uns deren Weitere vorsetzen. Insbesondere die Schule als Institution gerät in den Fokus von allerlei Begehrlichkeiten.

Populäre Kritik an der Schule ist weit verbreitet und Forderungen nach einer Bildungsrevolution, einem Umdenken, einem neuen Mindset, nach Verantwortung, Selbstbestimmung und Anschlussfähigkeit, nach neuem Lernen und nach Fitness für die Zukunft gehört zur Tagesordnung. Die Popularität dieser Kritik beruht oft darauf, dass einzelne Aspekte der Schulwirklichkeit ausgewählt werden, um diese dann als Muster allen Übels ins Scheinwerferlicht zu stellen.

Die singuläre Perspektive

Die unterkomplexe Darstellung einer komplexen Institution bezeichnet Roland Reichenbach trefflich als «noblen Rousseauismus». Schule ist das Abbild einer widersprüchlichen Gesellschaft und in diesem Sinne genauso problematisch.

Lösungen aus einer singulären Perspektive klingen nur darum annähernd gut, weil sie die Systemebene ausblenden. Und mitunter sind Lösungen, die in Defizitdiskursen populär präsentiert werden, nur deshalb sinnig: Was aus einer bestimmten Perspektive bedeutungsvoll klingen mag, ist aus einer anderen Perspektive das Gegenteil.

Leere Hülsen und ein Kern Wahrheit

Für Gesellschaft und insbesondere für die Institution Schule gilt: Sie sind erstaunlich stabil, und das ist auch gut so. Damit sage ich nicht, dass Schule keines Fortschrittes bedarf; ganz im Gegenteil. Aber sie ist kein Unternehmen und auch keine Gemeinschaft. Sie ist jedoch konstituierend für Staat und Gesellschaft.

Niemand weiss, wie die Schule in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Vieles, was in Diskursen über die Schule und deren Zukunft vorgebracht wird, kommt nicht über den Status von ideologischen Behauptungen hinaus. Viele Begriffe, die zentral positioniert werden, sind inhaltlich leere Hülsen und bringen dem praxisnahen Fortschritt keinen Mehrwert. Seit der Pädagogisierung der allermeisten Lebensbereiche und der damit einhergehenden Entgrenzung des Diskurses über Schule gibt es unzählige Ansichten zu ihr und deren Zukunft. Die meisten haben einen Kern von Wahrheit.

Zu behaupten, die Schule sei nur in der einen oder anderen Art zu organisieren, die Sache sei gelöst oder lernen gehe von allein, spielend und habe immer Spass zu machen, ist eine romantische Vorstellung. Sie generiert zwar „Likes“ und Zuspruch, bringt die staatlichen Schulen aber nur bedingt weiter.

Verwalten, selbst tun und spielen

Es müsste uns zu denken geben, wenn Hannah Arendt in ihrem 1958 erschienenen Text «Die Krise der Erziehung» auf Grundüberzeugungen der damaligen Bildungskrise hinweist, die auch heute populär postuliert und präsentiert werden.

Arendt beschreibt in diesem Text mitunter drei Hauptpunkte, die zur seinerzeitigen Krise der Erziehung geführt haben. Und sie malt sie als ruinös aus.

Die erste Überzeugung sei diejenige, dass sich die Kinder selbst verwalten müssen oder sollen. Die zweite Grundüberzeugung beruht auf der damals (und heute? !) herrschenden Einsicht «dass man nur wissen und erkennen könne, was man selbst gemacht habe(…)». Diese habe weitreichende Folgen auf die Erziehung, die darin bestünden, «das Lernen durch Tun so weit wie möglich zu ersetzen. »

Der dritte Punkt betrifft das Spiel. Ergänzend zum Ersetzten des Lernens durch das Tun priorisiere man das Spiel gegenüber dem Arbeiten. Arendt äussert sich deutlich: «Man sah das Spielen als die lebendigste und dem Kinde angemessenste Form, sich in der Welt zu bewegen, als die einzige Art und Weise, die sich eigenständig aus der Kinderexistenz selbst entwickelte.»

INFOBOX

Lesen Sie auch den zweiten Teil «Die doppelte pädagogische Verantwortung» von Thomas Marti.

Zum Autor

Thomas Marti

Thomas Marti hat Soziologie, Philosophie und Volkswirtschaft studiert. Zudem ist er ausgebildete Lehrperson für Allgemeinbildenden Unterricht und Schulleiter. Er arbeitet in Teilzeitpensen als Schulleiter an der Schule St.Peter (Gemeinde Arosa) und an der Berufsschule PrA Graubünden. Sein Projekt ZeitBildung bietet Unterstützung auf der Passage zu moralischem Fortschritt in einer Neuen konstruktiven Zone und baut Brücken zwischen dem «Immer und Überall » und dem «Hier und Jetzt. »

Literaturquellen:

Arendt, Hannah, Die Krise der Erziehung, 1958. Hier verfügbar.

Brinkmann, Svend, Pfeif drauf! Schluss mit dem Selbstoptimierungswahn. München 2018.

Reichenbach, Roland, Schule, Bildung und Reform – Roland Reichenbach im Gespräch, Sternstunde Philosophie vom 02.07.20215. Hier anschauen.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg

4 Gedanken zu „Die (neue) Krise der Erziehung“

  1. So sehr ich Hanna Arendt als Philosophin schätze und mich gerne auf sie beziehe, der zitierte Aufsatz und einige ihrer Punkte erscheinen im Lichte der empirischen Forschung und in der heutigen Zeit doch etwas überholt.

    1. Besten Dank für Ihren Kommentar Frau Rüedi. Im Lichte einer von mir präferierten konstruktiven Zone oder der „radikalen Mitte“ scheint mir der Text von Hannah Arendt doch eine gute Grundlage, um die aktuelle Schuldiskussion und deren dunkle Seiten einzuordnen. Teil 1 skizziert die Karte, Teil 2 thematisiert dann das Unterwegssein mit der Karte. Das gegebene Format kommt einer entsprechenden Detaildiskussion allerdings nicht entgegen: gerne aber vor Ort. Mit freundlichen Grüssen, Thomas Marti

  2. Herzlichen Dank für das tolle Statement, in dem ich mich an ganz vielen Stellen wiederfinde – ich bin gespannt auf die nächsten Beiträge.

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