Balance finden zwischen Leistungserwartung und psychischer Gesundheit

Leistungserwartung und psychische Gesundheit – Wie Schulleitende die Balance finden

Führungspersonen in Bildungsorganisationen haben eine grosse Verantwortung, wenn es um das Wohl Ihrer Mitarbeitenden geht. In stressigen Zeiten wird von allen viel Leistung erwartet und diese kann auf die Psyche schlagen. Um Erfolge zu erzielen, benötigt es aber eine stabile Gesundheit. Andrea Hugelshofer und Heike Beuschlein haben sich über wesentliche Fragen zur Rolle von Schulleitungen rund um die psychische Gesundheit an Schulen ausgetauscht.

Andrea Hugelshofer: Heike, ich habe immer wieder Schulleitende vor Augen, welche mir schildern, dass sie sich Gedanken um Mitarbeitende machen, welche psychisch angeschlagen wirken. Da tauchen oft Fragen auf: Was gehört in die Privatsphäre der Lehrperson oder ist einfach eine «normale» Krise im Lebenslauf? Wo bin ich gefragt als fürsorgliche Schulleitung, auch in meiner Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler sowie gegenüber den anderen Lehrpersonen?

Heike Beuschlein: Andrea, Schulleitungen sind hier gefragt, sensibel unter Berücksichtigung vieler Bedürfnisse Entscheidungen zu treffen. Keine einfache Aufgabe! Es gibt in brennenden Situationen so viel zu beachten. Und wie können Schulleitungen auch auf ihre eigene Gesundheit achten?

Andrea Hugelshofer: Diese Frage passt sehr in diese intensive Zeit, in der viele Schulleitungen im Krisenmodus arbeiten, Heike. Sie sehen, was es alles zu tun gibt, möchten ihren Lehrpersonen Sorge tragen und sind allenfalls bereit, sich so zu verausgaben, dass sie auf ihre eigene Gesundheit nicht mehr achten. Auch in anderen Bereichen der Schule gibt es die sogenannte «interessierte Selbstgefährdung». Mir fällt zum Beispiel auf, wie viele Lehrpersonen ihre Mittagszeit möglichst optimiert nutzen – da finden oft Sitzungen und Absprachen über Mittag statt, das Essen wird dort integriert. Ich habe als Berufsfrau und Mutter grosses Verständnis für solche Effizienz, aber merke, wie gut eine echte Pause im Tag tut.

Heike Beuschlein: Und dabei ist ja bekannt, wie wichtig ein gutes Pausenmanagement für die Gesundheit ist, dass es auch ein Baustein zur Burn-out-Prophylaxe ist und zur Leistungssteigerung beiträgt. Aber oft sind Lehrpersonen im Spannungsfeld zwischen Familie, Schule und Freizeit. Sie koordinieren ihre unterschiedlichen Aufgaben möglichst optimiert. Und dies wiederum führt für Schulleitende dazu, sich zu überlegen, welche Einflussmöglichkeiten es gibt und wie der strukturelle Rahmen geschaffen werden kann, damit Lehrpersonen ihren vielfältigen Aufgaben gesund gerecht werden können.

Andrea Hugelshofer: Diese Einflussmöglichkeiten bewegen sich einerseits im präventiven Bereich, andererseits gibt es die Frühintervention. Das niederschwellige Hinschauen und Handeln, welches zum Beispiel in der Gemeinde Egg im Umgang mit gefährdeten Jugendlichen gepflegt wird. Ganz anspruchsvoll und belastend erleben viele Führungspersonen die Zeit, wenn ein:e Mitarbeiter:in wegen psychischer Erkrankung ausfällt, es unklar ist, wie es weiter geht und wie eine sinnvolle Zusammenarbeit mit der erkrankten Person und allenfalls dem Case Management aussehen kann.

Heike Beuschlein: Auch aus diesem Gespräch wird deutlich, dass «psychische Gesundheit» ein spürbares Spannungsfeld für Führungspersonen in Bildungsorganisationen ist. In diesem gilt es immer wieder abzuwägen, wo man selbst als Handelnde gefragt ist und wo man geeignete Unterstützung oder Fachstellen beizieht.

INFOBOX

Heike Beuschlein und Andrea Hugelshofer leiten die Tagung Schulführung «Psychische Gesundheit – Schulführung zwischen Fürsorge und Leistungserwartung»  am 27. November 2021. Es erwartet Sie spannende Referate und Workshops.

Wie  kann Stress reduziert und die Psyche gestärkt werden? Lesen Sie auch den Beitrag von Roger Keller, Professor für Gesundheitspsychologie, der über psychische Gesundheit von Schulleitungen und Lehrpersonen schrieb.

Zu den Autorinnen

Andrea Hugelshofer ist Dozentin im Zentrum Management und Leadership an der PH Zürich und Mitglied einer Kreisschulpflege in Winterthur. Sie beschäftigt sich als Beraterin und Dozentin mit Themen rund um Personalentwicklung, den Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie dem Umgang mit Konflikten. Insbesondere verantwortet sie spezifische Weiterbildungsangebote für Mitglieder von Schulbehörden.

Heike Beuschlein setzt sich als Dozentin und Beraterin in unterschiedlichen Kontexten mit Fragen zur Schulführung, Schulentwicklung und Kommunikation auseinander. Sie ist Lehrgangsleiterin des CAS Führen einer Bildungsorganisation (Schulleitungsausbildung), leitet den DAS Schulführung Advanced und organisiert im Tandem jährlich eine Studienreise für Führungspersonen.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: adobe stock

4 Gedanken zu „Leistungserwartung und psychische Gesundheit – Wie Schulleitende die Balance finden“

  1. Lieber Herr Fischer
    Ganz herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Es ist uns wichtig, Situationen in allen Facetten wahrzunehmen und speziell bei diesem Thema Sensibilitäten aufzuzeigen.

  2. Liebe Frau Hugelshofer und Frau Beuschlein

    Danke, dass Sie dieses sensible und wichtige Thema aufgreifen. In der Schulleitung muss ich daran interessiert sein, dass die Lehrpersonen gesund bleiben (was nicht heisst, dass sie immer entspannt sind).
    Aber in Zeiten des enormen Aufwands kann ich sehr wohl für aufgabenfreie Zeitfenster sorgen und achtsam mit den menschlichen Ressourcen umgehen. Diese Zeitfenster setze ich bewusst. Ausserdem setze ich bewusst Prioritäten, sodass nicht alles gleich erledigt werden muss.
    Dann muss ich auch oft daran denken, dass ich mich selbst als Lehrperson (und das sind wir ja alle in der Regel) auch oft verausgabt habe, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. Das hilft meist auch schon weiter.

    Auf jeden Fall gilt für mich: hinschauen – nicht wegschauen und nicht alles als vorbildliches Engagement abtun. Wenn jemand dabei ist, sich in einen Burnout zu arbeiten, gehe ich persönlich dies am liebsten in einem vertraulichen Gespräch an.
    Viel schlimmer ist für mich aber, dass sich diese Dysbalance nahezu eins zu eins auf die Lernenden überträgt – das beobachte ich leider immer mehr.

    Vielen Dank nochmals für dieses wichtige Thema. Sehr gerne würde ich mehr dazu erfahren.
    Beste Grüsse, Susanne

  3. Liebe Frau Reuls
    Ja, Patentrezepte gibt es nicht – aber Ihre Haltung des „Hinschauens“, des differenziert Wahrnehmens – auch bezüglich Auswirkungen auf Schülerinnen und Schüler oder aufs Kollegium – ist sicher ganz zentral!
    Sehen wir Sie allenfalls an unserer Tagung am 27. November? Es würde mich freuen, Sie persönlich kennenzulernen!
    Freundliche Grüsse, Andrea Hugelshofer

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