kompetenzorientiertes Beurteilen

Wie relevant ist derzeit «Kompetenzorientiertes Beurteilen» für Schulen?

Die Einführung des Lehrplans 21 mit der Fokussierung auf Kompetenzen liegt nun schon einige Jahre zurück. Kompetenzorientiertes Unterrichten und daran angepasstes kompetenzorientiertes Beurteilen sollten sich mittlerweile flächendeckend im Kanton Zürich etabliert haben. Daher scheint die Relevanz zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik aktuell nicht mehr so gegeben zu sein. Doch der Jahresbericht 2019/2020 der Fachstelle für Schulbeurteilung des Kantons Zürich bringt diese Behauptung ins Wanken, wie Christine Eckhardt zusammenfasst.

Ein Blick in den Jahresbericht 2019/2020 der Fachstelle für Schulbeurteilung des Kantons Zürich (FSB) zeigt, dass im Vergleich zum Jahresbericht 2010/2011 sich das Bild bezüglich der «Beurteilung von Schülerleistungen» kantonal gesehen nicht wesentlich verändert hat. Damals wurden lediglich 15 Prozent der Schulen im Qualitätsbereich «Beurteilung von Schülerleistungen» mit «gut» oder «sehr gut» beurteilt».

Im aktuellen Jahresbericht wird rund 15 Prozent der evaluierten 60 Regel- und 4 Sonderschulen eine fortgeschrittene Beurteilungspraxis bescheinigt, während ein Grossteil der Schulen lediglich eine funktionsfähige Beurteilungspraxis aufweist. Unter «funktionsfähiger Praxis» wird eine teilweise Erfüllung des Qualitätsanspruchs verstanden, während eine «fortgeschrittene Praxis» den Qualitätsanspruch umfassend erfüllt. Primarschulen scheinen im Vergleich zu Sekundarschulen minimal mehr über eine fortgeschrittene Beurteilungspraxis zu verfügen. Allerdings bewegen sich die Werte auch hier im Bereich unter 20 Prozent.

Die Fachstelle bilanziert, dass sie die Beurteilungspraxis an Schulen als kritisch und als ein grosses Entwicklungspotenzial ansieht (Bildungsdirektion Fachstelle für Schulbeurteilung, Jahresbericht 2019/2020).

Nach dieser empirischen Einschätzung scheint die Thematik «Beurteilung von Schülerinnen und Schülern» derzeit top aktuell und sehr relevant zu sein und sollte daher eigentlich bei einem Grossteil der Schulen auf der Agenda der Schul- und Unterrichtsentwicklung stehen.

Grafik Qualitätsausprägungen
Figure 2: Qualitätsausprägungen 2019/2020 (Bildungsdirektion Fachstelle für Schulbeurteilung. Jahresbericht 2019/2020).

Kontinuierliche Relevanz der Thematik «Beurteilung»

Ergänzend zur Einschätzung der Fachstelle fordert die pädagogische Perspektive eigentlich eine kontinuierliche Relevanz der Thematik «Beurteilung von Schülerinnen und Schülern». Einerseits, weil Beurteilen Teil des kantonalen Berufsauftrags von Lehrpersonen ist (siehe nBA Handbuch 2020) und andererseits, weil es in einem sehr engen Zusammenhang zum Lernerfolg der Schüler:Schülerinnen steht (BIKU 2021).

Besonders bedeutsam ist die Thematik Beurteilung auch, weil sie das Leben der Schüler:innen prägend beeinflussen kann, wie das nachfolgende Zitat verdeutlicht. «In der fünften und sechsten Klasse hatte ich einen Lehrer, der sich die Mühe nahm, in meinen Aufsätzen die schreckliche Schrift eines Linkshänders und die Rechtschreibung vom Inhalt zu unterscheiden. Er lobte meine Aufsätze, freute sich über sie. Nur er allein ist schuld daran, dass ich hier stehe, dass ich so etwas wie ein Schriftsteller geworden bin.» (Peter Bichsel: Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Sammlung Luchterhand. Darmstadt und Neuwied 1982)

Abschliessend einige Reflexionsanstösse:

  • Wo würden SieIhre Schule im Hinblick auf die Einschätzung der Fachstelle einordnen?
  • Wie präsent ist die Relevanz der Thematik «Beurteilung von Schüler:Schülerinnen» an Ihrer Schule:
    • Ist die Bedeutsamkeit der Beurteilungspraxis für den Lernerfolg und das Leben der Kinder und Jugendlichen an Ihrer Schule bewusst?
    • Haben Sie eine gemeinsame, kompetenzorientierte Beurteilungspraxis an Ihrer Schule?
INFOBOX

Eine intensive, wissenschaftsbasierte und praxisnahe Auseinandersetzung mit der Thematik «Kompetenzorientiert Beurteilen» bietet das mehrteilige Weiterbildungsmodul «Tangram - Beurteilung». Es startet am 01. September 2021 und richtet sich sowohl an einzelne Lehrpersonen als auch an mehrere Mitglieder eines Schulteams. Kurzentschlossene interessierte Lehrpersonen sind herzlich willkommen, dazu zu stossen.

Zur Autorin

Christine Eckhardt

Christine Eckhardt ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Zürich in der Aus- und Weiterbildung tätig. Sie leitet unter anderem das Weiterbildungsangebot «Tangram – kompetenzorientiert Beurteilen» sowie das Ausbildungsmodul «Beobachten, beurteilen und fördern».

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: pixabay.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.