Schulleiterin Nicole Iacono

«Bewegen, mich engagieren – und nicht reklamieren»

Seit einigen Jahren benötigen in verschiedenen Kantonen Schulleiter:innen nicht zwingend ein Lehrdiplom. Führungspersonen aus anderen Branchen können eine Schule leiten. Was ist die Motivation zu einem solchen Quereinstieg in die Schulleitung? Welche Erfahrungen machen Menschen im System Schule? Ivo Kamm hat sich mit Nicole Iacono, quereinsteigende Schulleiterin der Schule Mönchaltdorf getroffen.

Nicole, was hast du vor deiner Zeit als Schulleiterin beruflich gemacht?

Aufgewachsen in einer Unternehmerfamilie waren die Firmenthemen am Mittagstisch immer präsent. Es ist ein kleiner Familienbetrieb  in der Technikbranche. Personal, Finanzen, das Auf und Ab an Auftragsbestand waren somit Tagesthema und haben mein wirtschaftliches Denken sicherlich unbewusst schon in jungen Jahren geprägt.

Nach meiner Ausbildung arbeitete ich in der Privatwirtschaft als Communciations Manager bei Cathay Pacific Airways und leite nun seit 31 Jahren unser Familienunternehmen in der 2. Generation. In dieser Zeit habe ich zwei weitere Firmen, Decofun und Pastapassione, gegründet, wo ich meine private Leidenschaft für Innendekoration und Freude an gutem Essen in eine Unternehmensidee einfliessen lassen konnte.

Was hat dich bewogen, Schulleiterin zu werden?

Durch unsere 3 Kinder durfte ich ihre Kindheitsjahre intensiv begleiten: 3 Kinder, 3 Charaktere, 3 Lernwege. Jedes für sich einzigartig!

Mein Interesse an Bildung war schon immer gross und so interessierte ich mich immer mehr dafür, wie wir lernen, wie Lernfreude erhalten bleibt, worauf wir die heutigen Kinder und Jugendlichen vorbereiten. Die Gesellschaft verändert sich und die Erwartungen der Arbeitswelt ändern sich. Somit ist auch auf die Schulentwicklung ein Fokus zu richten.

Bewegen, mich engagieren  und nicht reklamieren – das war wohl meine Grundmotivation, eine Leitungsaufgabe in einer Schule zu übernehmen.

Als Behördenmitglied durfte ich bei der Schulpflege Volketswil mit der Leitung des Ausschuss Personal wertvolle Erfahrungen sammeln und den Start eines bedeutsamen  Schulraumprojekts mitdenken. Ich profitierte persönlich von einem vertiefteren Verständnis, wie Politik, Wirtschaft und Bildung zusammenspielen.

Warum würdest du den Schritt wieder tun?

Weil ich mich freue, jeden Tag umgeben von vielen Kindern, Mitarbeitenden, Eltern, Behördenmitgliedern, Wirtschaftsvertretern und spannenden Persönlichkeiten aus der Bildungswelt zu sein. Wie toll ist denn das?! Kein Tag gleicht dem anderen, Vielfalt pur. Langweile kenne ich nicht. Mein Lebensmotto lautet: Mit dem Herzen dabei – und ja, mein Herz schlägt für die Schule.

Was denkst du, muss eine Führungsperson sonst noch mitbringen, wenn er oder sie Schulleiter:in werden will?

  • Schulaffinität
  • Empathie
  • Unternehmerisches Denken
  • Politisches Verständnis
  • Freude an Veränderung
  • Sorgfalt und Geduld
  • Bereitschaft für den Perspektivenwechsel

Die Leitung einer Schule beinhaltet viele Bereiche, welche in privatwirtschaftlichen Unternehmen in Abteilungen organisiert sind.  Schulleitende sind Personalverantwortliche, Finanzmanager, Coaches, Unternehmens- und Organisationsentwickler sowie Kommunikationsverantwortliche. Sie pflegen die Vernetzung zu Behörden und der Öffentlichkeit.

Was ist dir als Quereinsteigerin aus der Weiterbildung zur Schulleiterin besonders in Erinnerung geblieben?

Spannend und bereichernd war die Zusammensetzung der Studierenden: Ein Sportredaktor vom Blick, ein Vertreter der Schweizerischen Schule in Mexiko, eine Marketing-Fachfrau, Journalisten, Radiosprecher und Banker. Also ein bunter Mix von Menschen! Uns allen gemeinsam war ein grosses Interesse an der Bildungswelt und die Lust, privatwirtschaftliches und schulisches Denken zu vernetzen, sodass die heutige und nächste Generation davon profitieren kann.

Noch heute bin ich im Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen und tauschen uns in spannenden, abendfüllenden Gesprächen regelmässigen aus. Circa 2-3 der Teilnehmenden sind mittlerweile als Schulleitende tätig, 1-3 haben sich aus unterschiedlichen Gründen wieder von der Schule verabschiedet. Im aufbauenden «DAS» studierten dann die Teilnehmer:innen mit und ohne Lehrdiplom zusammen in einem Lehrgang. Auch dieses Studium war vor allem in den Gruppensequenzen höchst spannend – bewusst setzten wir uns so zusammen, dass immer Personen mit und ohne Lehrdiplom gemeinsam arbeiteten.

Was hat dich in deiner späteren Tätigkeit als Schulleiterin besonders unterstützt?

Unterstützend in meiner Tätigkeit als Schulleiterin empfinde ich mein persönliches Netzwerk, welches aus Menschen der Schule, Wirtschaft und Politik besteht. Ich denke gerne gesamtheitlich; der Einbezug aller Beteiligten ist mir wichtig. Gerne hole ich mir Meinungen von Personen ein, welche nicht im Bildungswesen arbeiten, um Feedback in unser System Schule einfliessen zu lassen.

Ab Herbst 2021 bietet die PH Zürich einen Lehrgang für den Quereinstieg in die Schulleitung an. Ziel des Lehrgangs ist es, Führungspersonen aus anderen Organisationen auf die Besonderheiten von Schulen vorzubereiten. Auf welche Inhalte soll deiner Ansicht nach im neuen Lehrgang besonderen Wert gelegt werden?

Sicherlich ein Beratungsgespräch vor dem Weiterbildungsstart, um zu klären, was die Motivation der potenziellen Teilnehmenden ist. Bringt die Person die für die Schulführung grundlegenden Kompetenzen mit. Nebst Managementkompetenzen sind pädagogische, psychologische und didaktische Kompetenzen essenziell, damit die fachliche Führung im schulspezifischen Bereich des Unterrichts gewährleistet ist.

Zudem erachte ich es als wichtig, dass eine vertiefende und nachhaltige Auseinandersetzung mit Inhalten der Schul- und Unterrichtsentwicklung gewährleistet ist. Schulmodelle, Organisationsformen und Qualitätsmanagement-Systeme sind für Personen aus der Privatwirtschaft Neuland und sind dementsprechend ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. «Learning on the job» – Module vor Ort an Schulen, begleitet von Schulleitenden, wo ein Praxiseinblick und Austausch ermöglicht werden kann, würde ich sehr begrüssen.

Welche Chancen und Gefahren siehst du für die Volksschule, wenn sie auch von Personen ohne pädagogische Ausbildung geleitet wird?

Ich mache gerne einen Ausblick, aber auch einen Rückblick. Ich darf bereits auf sechs Jahre Schulleitungstätigkeit zurückblicken, und dies ohne Lehrdiplom. Nachdem die Zulassung auch für Führungspersonen ohne Lehrdiplom gesetzlich verankert wurde, hatte ich die Gelegenheit, eine Schule leiten zu dürfen.

Meine Leitungstätigkeit erfolgt von meiner Seite bewusst in einer Co-Leitung. Den Austausch mit meinem Stellenpartner, welcher einen pädagogischen Background hat, erlebe ich als wertvoll und inspirierend. Pädagogische und unternehmerisch-geprägte Überlegungen in unsere Leitungstätigkeit einfliessen zu lassen, ist höchst spannend und für mich persönlich bereichernd. Ich bin überzeugt von dieser Öffnung und begrüsse eine Flexibilisierung der Schulleitungsausbildung sehr.

INFOBOX
Ob die Schulleitung ein Traumberuf für Sie ist, können Sie hier mittels eines einfachen und humorvollen Tests herausfinden. Und falls es Ihr Traumberuf ist: Am 02. Dezember 2021 startet der Lehrgang CAS Quereinstieg Schulleitung. Er bereitet Führungspersonen aus anderen Branchen auf die Aufgabe einer Schulleitung vor.

Über Nicole Iacono

  • 50+ mit einem reichen Rucksack an Lebenserfahrungen
  • Mutter von 3 erwachsenen Kindern, verheiratet
  • naturverbunden, gerne in Bewegung mit unserem Hund
  • Essen und Trinken ist mir wichtig, «tavolata»
  • Vielseitig interessiert (Sprachen, Kulturen, Literatur)
  • Reisen
  • «Passione» – mein innerer Motor für mein Leben, sei es im privaten oder geschäftlichen Bereich
  • Heute: Schulleitung Pädagogik/Sonderpädagogik in Mönchaltorf

Zum Autor

Ivo Kamm

Ivo Kamm war selbstständiger Unternehmer in der ICT Branche und später Schulleiter in Jonschwil. Seit kurzem ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Studiengangsleiter des CAS «Führen einer Bildungsorganisation», Coach, Supervisor und Organisationsberater am Zentrum für Management und Leadership der Pädagogischen Hochschule Zürich. Unter anderem leitet er auch den Lehrgang CAS Quereinstieg Schulleitung. Seine Schwerpunkte sind Digitale Bildung, Demokratiepädagogik und Inklusion.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg

2 Gedanken zu „«Bewegen, mich engagieren – und nicht reklamieren»“

    1. Liebe Chrismar, herzlichen Dank für deine positive Rückmeldung! Ich hoffe auf viele interessierte Führungspersonen, welche sich durch den Erfahrungsbericht von Nicole angesprochen fühlen und neue Wege in Richtung Schulleitung gehen möchten. Beste Grüsse, Ivo

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