Empowerment Qualitätsentwicklung

Empowerment von schulischem Personal als zentraler Ansatzpunkt der Qualitätsentwicklung

Qualitätsentwicklung in Schulen hängt massgeblich von Innovationsbereitschaft und Professionalität von Praktiker:innen ab. Um diese zu befördern, braucht es Settings, die persönliche und professionelle Entwicklungen systematisch unterstützen und dabei an das Systemwissen und die professionelle Weisheit der Praktiker:innen anschliessen, erläutert Nina Bremm.

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein Transfer von wissenschaftlichen Befunden oder die Implementation von politischen Reformprogrammen, die Schulen zu Qualitätsentwicklung anregen sollen, scheitern, wenn sie an der Arbeitsrealität und den Orientierungen der pädagogischen Professionellen vor Ort vorbeigehen. Befunde zeigen, dass Adaptionsversuche ökonomischer Managementkonzepte, die betriebswirtschaftliche Kategorien der Effektivität und Effizienz ins Zentrum ihrer Qualitätskonzepte stellen, auf pädagogische Kontexte in den letzten Jahrzehnten als eher unproduktiv zu bewerten sind (Heinrich 2021). So rücken momentan vermehrt Strategien ins Zentrum des Interesses, welche die Professionsentwicklung und das Empowerment schulischen Personals fokussieren.

Wie man Qualitätsentwicklung vorantreibt

Schulentwicklung lebt von der Innovationsbereitschaft der schulischen Akteure, von ihrem komplexen Kontext- und Erfahrungswissen und ihrer professionellen Weisheit. Um die Entwicklung von Qualität in Bildungsinstitutionen voranzutreiben, scheint es daher zentral, das Wissen und die Erfahrung der in Schule tätigen sichtbar zu machen und systematische Möglichkeiten ihrer professionellen Entwicklung zu schaffen.

Hilfreich scheinen hier vor allem Formate, in denen die Möglichkeit besteht, das eigene Wissen und die eigene Praxis zu teilen, gemeinsam zu reflektieren, neue Praktiken zu entwickeln und diese – ganz zentral – auch gemeinsam zu erproben. Dafür braucht es institutionalisierte Räume und Zeiten wie beispielsweise im Rahmen von professionellen Lerngemeinschaften oder interschulischen Netzwerken. Um eine solche horizontale Wissensgenerierung und Qualitätsentwicklung innerhalb des Systems anzuregen, müssen auf bildungspolitischer Ebene Wege gefunden werden, Schulen die benötigten Gefässe zur Verfügung zu stellen.

Über diese Rahmenbedingungen hinaus zeigt die Forschung, dass ein vertrauensvolles Arbeitsklima, emotionale Sicherheit, Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Möglichkeit, sich auszuprobieren und dabei auch Fehler machen zu dürfen, zentrale Gelingensbedingung für Innovationsbereitschaft und Qualitätsentwicklung in Schulen darstellen. Eine wichtige Rolle kommt hier der Schulleitung zu. Ergänzend zu bisher dominanten Management- Konzepten geraten somit Führungsstrategien in den Blick, die das Wohlbefinden, eine sichere und positive Schulkultur und das Empowerment der Praktiker:innen in komplexen Expertenorganisationen ins Zentrum stellen.

So erlangt gerade im US- Amerikanischen Diskurs das Konzept des «Caring Leaderships», das darauf abzielt, Beziehungen zu stärken und eine emotional sichere Kultur des Ausprobierens und der Innovationsbereitschaft zu fördern immer mehr Aufmerksamkeit (Seashore-Louis & Murphy, 2017; für den deutschsprachigen Raum auch Klein & Bremm 2019). Schulleitung kommt zudem die Rolle zu, Entwicklungsaktivitäten zu bündeln und zu priorisieren, persönliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten für Praktiker:innen zu schaffen zum Beispiel als Teacher Leader und Ressourcen so einzusetzen, dass eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung möglich wird.

Unterstützung für die Qualitätsentwicklung von aussen

Auch schulexterne Akteure können dabei helfen, Schulen in ihrer Qualitätsentwicklung zu unterstützen. In der Schulentwicklungsforschung sollten hierzu Formate verfolgt werden, die gemeinsame Diskurs- und Entwicklungsräume für Praktiker:innen, Wissenschaft und Bildungsverwaltung schaffen. So können unterschiedliche Wissensformen und Erfahrungskontexte produktiv bearbeitbar gemacht werden und in die Qualitätsentwicklung von Schulen und des Bildungssystems einfliessen.

Im Forschungs- und Schulentwicklungsprojekt «Potenziale entwickeln – Schulen stärken» konnten wir bereits während der Projektlaufzeit eine intensive Kooperation zwischen Schulpraxis, Lehrerfortbildung und Wissenschaft im Sinne einer «Research-Practice-Administration Community» etablieren, die zum gelingenden Transfer von Projektinhalten in das schulische Regelsystem beigetragen hat (dazu ausführlich Bremm & Manitius, 2019). Auch die Wissenschaft konnte hiervon profitieren, indem sie schulische Kontexte besser versteht und von brennenden Fragestellungen der Praktiker:innen erfährt, die in praxisrelevante Forschungssettings einbezogen werden können.

INFOBOX

Am 9. September startet die nächste Durchführung vom CAS Schulqualität an der PH Zürich unter der Leitung von Hansjürg Brauchli und Nina-Cathrin Strauss (PH Zürich) sowie Andreas Brunner (Fachstelle für Schulbeurteilung, Kanton Zürich). Der Lehrgang richtet sich an Interessierte im Schul- und Bildungsbereich, die sich mit Schul- und Unterrichtsqualität und deren datenbasierter Entwicklung beschäftigen.

Informationen direkt von den Lehrgangsleitungen erhalten und Ihre Fragen stellen, das können Sie an der Infoveranstaltung vom CAS Schulqualität vom 7. Juli 2021.

«Unser Qualitätsanspruch ist es, Lösungen für alle zu finden», sagt Barbara Roux, Leiterin Schule für Sehbehinderte (SfS) im Kanton Zürich im letzten Interview mit Nina-Cathrin Strauss.

Zur Autorin

Nina Bremm

Prof. Dr. Nina Bremm ist Professorin für Schulentwicklung im Zentrum für Schulentwicklung, Prorektorat Forschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zürich. In ihrer Forschung und Lehre beschäftigt sie sich schwerpunktmässig mit Fragen der kontextsensiblen Schulentwicklungsforschung, Bildungsbenachteiligung, Educational Governance, Netzwerk – und Innovationsforschung.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: unsplash.com

Literatur

Bremm, N. & Manitius, V. (2019). Knowledge brokerage in research-practice-administration partnerships. Learnings from Germany. In J. Malin & C. Brown (Eds.), The Role of Knowledge Brokers in Education. Connecting the Dots between Research and Practice. S. 139-154, Bingley: Emerald.

Heinrich, M. (2021). Vom Ende der Schulentwicklung als Qualitätsentwicklung? In: Modenhauer, A, Asbrand, B.; Hummrich, M. & Idl, S., Schulentwicklung als Theorieprojekt. S. 291-312, Wiesbaden: Springer.

Klein, Esther Dominique; Bremm, Nina. It’s almost as if I treat the teachers as I want them to treat the students. Caring als Facette von Führung an Schulen in sozial deprivierter Lage. Zeitschrift für Bildungsforschung 9 (2019) 1, S. 89-108 – URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-205280 – DOI: 10.1007/s35834-019-00233-7

Seashore Louis, K. & Murphy, J. (2017). Trust, caring and organizational learning: the leader’s role. Journal of Educational Administration, Vol. 55 Issue: 1, pp.103-126, https://doi.org/10.1108/ JEA-07-2016-0077

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