Schulbesuche

Schulbesuche von Behördenmitgliedern

Seit der Einführung von Schulleitungen wird immer wieder darüber diskutiert, ob und in welcher Form Behördenmitglieder Unterrichts- oder Schulbesuche machen sollen. Während in den einen Kantonen solche Besuche weiterhin gesetzlich verankert sind, lassen andere diese Frage offen. Niels Anderegg erklärt, warum Besuche von Behördenmitgliedern wichtig sind und wie diese mit Beurteilungsfragen zusammenhängen.

Ich kann mich noch gut an die heftigen Diskussionen erinnern, welche wir bei der Einführung der Schulleitung hatten. Sollen die Mitglieder der Schulpflege noch Unterrichtsbesuche machen oder ist dies nun die Aufgabe der Schulleitung?

Die Gegner argumentierten mit der neuen Aufgabenverteilung. Die Schulpflege soll nicht mehr operativ tätig sein und sich auf die strategische Führung konzentrieren. Auch wurde die Angst geäussert, dass die Schulpflegen bei ihren Besuchen die Autorität der Schulleitung unterlaufen könnte. Andere wiederum wollten nicht weiter von Laien beurteilt werden beziehungsweise als Laien beurteilen.

Die Befürworter sahen die Gefahr, dass die Behördenmitglieder ohne die Besuche den Draht zur Schule verlieren könnten. Sie wüssten dann noch weniger von den Nöten und Anstrengungen der Lehrerinnen und Lehrern, dadurch könnten diese im Dorf nicht verteidigen und schon gar nicht strategisch führen. Der Schulalltag sei dann weit weg von der Schulpflege und ihre Entscheidungen hätten kaum noch etwas mit der Realität an der Schule zu tun. Auch wurde befürchtet, dass die Schulleitung ohne die Schulbesuche der Schulpflege zu viel Macht auf sich vereine und die Schulpflege sich kein eigenes Bild von der Schule machen könnte.

Interessanterweise verliefen damals die Gräben queer durch die Lehrerschaft und die Schulbehörden. Man war sich auf beiden Seiten nicht einig.

Es geht (auch) um Machtfragen

Die Diskussion konnte ich schon damals nicht verstehen. Für mich waren die Argumente zu stark von einem funktionalistischen und hierarchischen Verständnis geprägt. Im Kern der Diskussion standen Machtfragen. In der Tradition ging es bei den Unterrichtsbesuchen der Schulbehörden um Beurteilungsbesuche. Als es noch keine Schulleitungen gab, wurde jede Lehrperson einmal im Jahr von einem Behördenmitglied visitiert und die Beobachtungen und Einschätzungen an der Behördensitzungen präsentiert und diskutiert. Letztlich ging es – auch wenn die Lehrkräfte damals noch von der Bevölkerung gewählt wurden – um eine Beurteilung.

Mit der Einführung der Schulleitungen ging diese Aufgabe an die neue Funktion über. Neu ist die Schulleitung für die Beurteilung der Lehrerinnen und Lehrer zuständig. In einzelnen Kantonen ging die Übergabe dieser Aufgabe schneller, in anderen langsamer. Im Kanton Zürich vollzieht sich dieser Wechsel nun vollständig, indem neu die Schulleitung alleine für die Durchführung der Mitarbeitendenbeurteilung zuständig ist. Damit entfällt die Aufgabe der Unterrichtsbesuch für die Behördenmitglieder – eigentlich. Ich komme gleich darauf zurück.

Beurteilung von Lehrerinnen und Lehrern

Diese Form der Beurteilung geht davon aus, dass die vorgesetzte Person über die Arbeit und Leistungen der ihr untergebenen Person urteilen kann. Dies macht aus organisationaler Sicht durchaus Sinn, denn bei mangelhafter Leistung muss jemand Verantwortung übernehmen und entsprechend handeln. Konkreter: Wenn eine Lehrkraft im Unterricht einzelne Kinder blossstellt mit z.B. «Du bist halt ein Mädchen», die Unterrichtsvorbereitung darin besteht, das Mathematikbuch hervorzunehmen, z.B. «Löst die Aufgabe auf Seite 38 und wer fertig ist, kann in die Pause gehen», oder die Zusammenarbeit verweigert wie «Während die Heilpädagogin unterrichtet, kann ich korrigieren», dann muss jemand einschreiten und Handeln. Hier ist die Schulleitung gefordert, auch wenn es sehr wünschenswert ist, dass die Kolleginnen und Kollegen dieser Lehrperson ebenfalls reagieren.

Wie ist es aber bei Lehrerinnen und Lehrern, die einen «guten Job» machen? Hier ist es für mich äusserst fragwürdig, ob tatsächlich die vorgesetzte Person darüber urteilen soll, wie «gut» sie diesen «Job» macht.

In der Schulführungsforschung galt lange Zeit ‘Instructional Leadership’ als der erfolgreichste Führungsstil. Die Idee dahinter ist, dass wenn die Schulleitung direkten Einfluss auf die Arbeit der Lehrperson nimmt, die Schülerinnen und Schüler die höchsten Resultate bei Leistungstests erzielen. Heute wissen wir, dass diese Form der Schulführung zu einer Deprofessionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern führt. Die Schulleitung hat jedoch gerade die entgegengesetzte Aufgabe, die Professionalisierung der Lehrerinnen und Lehrer zu unterstützen.

Ich bin deshalb sehr davon überzeugt, dass die Schulleitung die Aufgabe hat, bei Lehrerinnen und Lehrern, welche keinen «guten Job» machen, einzuschreiten und zu handeln. Bei allen anderen ist ihre Aufgabe jedoch nicht die Beurteilung, sondern das Vermitteln von Wertschätzung und das Unterstützen in ihrer Professionalisierung. Dies kann über Unterrichtsbesuche und Rückmeldungen von der Schulleitung sein. Es gibt aber auch viele andere Wege wie kollegiale Hospitationen, Fallarbeit, Schreiben und Diskutieren von Vignetten sowie forschendes Lernen. Zusammen mit Anne Köker von der Uni Bielefeld gebe ich gerade ein Heft der Zeitschrift «Lernende Schule» zum Thema Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern heraus und ich war beeindruckt, wie viele verschiedene Arten von Unterstützungsmöglichkeiten dieser Professionalisierung wir fanden.

Was heisst dies aber nun für die Unterrichtsbesuche der Schulbehördenmitglieder?

Schulbesuche von Behördenmitgliedern

Ich halte es weiterhin für wichtig, dass Behördenmitglieder Besuche an der Schule machen. Diese dienen aber nicht der Beurteilung – schon gar nicht, ob eine Lehrkraft sehr gut oder gut ist – sondern in der Wahrnehmung von dem, was an den Schulen gelebt und geleistet wird und in der Vermittlung von Wertschätzung. Diese drückt sich schon dadurch aus, wenn sich Behördenmitglieder für das interessiert, was an Schulen geschieht.

Im Rahmen ihrer Aufsichtspflicht hat die Schulbehörde durchaus auch eine beurteilende Funktion. Sie beurteilt jedoch nicht die einzelne Lehrerin oder den einzelnen Lehrer, sondern die ganze Schule. Deshalb macht sie nicht mehr Unterrichts-, sondern Schulbesuche. Dass dazu auch Einblicke in den Unterricht gehören, ist selbstverständlich. Der Fokus aber ist ein anderer.

Wenn ich einzelnen Behördenmitgliedern, Schulleitungen oder auch Lehrpersonen zuhöre, dann ist dieser Paradigmenwechsel noch nicht an allen Schulen vollzogen. Dies führt dann zu Spannungen zwischen Schulleitung und Schulbehörden und Frustration bei einzelnen Personen. Die Änderungen, welche im Kanton Zürich nun anstehen, können ein guter Anlass sein, dieses Thema an der Schule wieder einmal aufzunehmen und zu überprüfen, wie die Schulbesuche von Behördenmitgliedern an der eigenen Schule eigentlich gestaltet werden. Viele Schulen gehen bereits solche Wege und ich freue mich auf die Beispiele und auch die Diskussion anlässlich des nächsten Themenabends im Rahmen der Themenreihe «Fokus Schulbehörden».

INFOBOX

Im Rahmen der Themenreihe «Fokus Schulbehörden» findet am Dienstag, 6. April 2021, von 18-20 Uhr ein Abend zu «Schulbesuche reloaded» statt. Aus Sicht der Praxis und Wissenschaft wird dieses Thema durch Behördenmitglieder beleuchtet und unter den teilnehmenden Behördenmitgliedern diskutiert. Die Veranstaltung kann von zu Hause aus online besucht werden.

Zum Autor

Niels Anderegg leitet das Zentrum Management und Leadership an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Pädagogische Schulführung und Professionalisierung von Führungspersonen von und in Bildungsorganisationen. Er leitet die Lehrgänge Pädagogische Schulführung und Schulführung und Inklusion.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild:

3 Gedanken zu „Schulbesuche von Behördenmitgliedern“

  1. Lieber Niels Anderegg

    Danke für diesen wertvollen Beitrag. Wir stolpern ganz oft über Hierarchien, ob wir es wollen oder nicht. Jahrzehnte lang geübt und eintrainiert. Aber das ist ein Muster und nicht mehr zeitgemäss.
    Die Evaluation von Schulen halte ich für sehr wichtig, denn sowohl Lern,- als auch Arbeitserleben müssen sich ändern. Es ist ein längerer Prozess und Schulen sind keine abgeschlossenen Einheiten mehr wie früher – sie öffnen sich, werden bunter und vielfältiger.
    Solch eine Schulentwicklung geht auch aus der Mitte heraus und beginnt bei den Lehrpersonen. Dabei kann die Evaluation und das Feedback helfen Kurskorrekturen vorzunehmen. Solch ein Blick von Aussen ist Gold wert.

    Ich frage mich nur immer wieder: Wie oft spielen Projektionen eine Rolle hierbei? (Ich glaube, das passiert sehr oft). Denn die Kernfrage lautet immer: Was ist eine gute Schule? Was ist guter Unterricht? (Ich habe so meine Probleme mit dem Wörtchen „gut“).
    Selbst als SL bin ich auch Berufskollegin und habe da natürlich so meine Vorstellungen. Es ist schwierig unbefangen hineinzugehen in den Unterricht. Wichtig scheint mir das Vertrauen zu sein als Basis einer Zusammenarbeit. Dann kann man auch konstruktive Kritik äussern.
    Mitarbeitergespräche und Entwicklungsgespräche fallen mir da deutlich leichter.

    Ein weites Thema… Viele Grüsse!

    Susanne

    1. Liebe Susanne
      Danke für deine wertvollen Gedanken. Ja, das Wort ‚gut‘ und Evaluation. Die ‚gute Schule‘ ist kein Naturgesetz – es gibt sie nicht per se -, sondern ist eine normative Zuschreibung, die immer wieder gefunden werden muss. Und gleichzeitig ist das, was wir als ‚gut‘ befinden mit anderen Dingen verstrickt, die wir auch gut finden. Manchmal stehen dann in der hohen Komplexität von Schule gute Dinge im Widerspruch. Gerade deshalb ist die Diskussion darüber, was für dich und mich, was für die einzelnen Lehrkräfte, die Schulleitung, die Schulbehörde, aber auch für die Schüler:innen, die Eltern, die Dorfbevölkerung und viele mehr eine ‚gute Schule‘ ist so wesentlich. Wenn wir gemeinsam wissen, was für uns eine ‚gute Schule‘ ist, dann können wir auch gemeinsam an dieser arbeiten und sie weiterentwickeln. Und wir können auch mit dem Widersprächen und Paradoxien umgehen. Schulbesuchen von Behördenmitglieder sind für mich gerade auch unter diesem Aspekt sehr wesentlich.

      Herzliche Grüsse und danke fürs Mitdenken
      Niels

      1. Lieber Niels

        Danke dir, sehr gerne denke ich da mit 🙂
        Ja, Schulbesuche sind wichtig und richtig. Manchmal reicht es ja auch schon, wenn man achtsam mit den Projektionen umgeht und sie einem bewusst sind.
        Das QM ist ja aus der Wirtschaft bekannt. Dort werden in umfangreichen Katalogen Kriterien aufgelistet, wann ein Betrieb gut aufgestellt ist und den Qualitätskriterien entspricht (böse Zungen sagen ja, dass es beispielsweise um Tischhöhe etc. geht). Ich mache mir da ein wenig Sorgen, dass dies Einzug hält in die Schulen und damit zu einem richtigen Papierflieger wird.
        Eine Schule in ihrer individuellen Entwicklung zu fördern und mit ihnen zu arbeiten ist eine echte Win Win Situation für alle.
        Auch da gilt individualisieren statt normieren oder schlimmer noch standardisieren. Ob das möglich ist?

        Viele liebe Grüsse, Susanne

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