Geschäftsleiterin Volksschule Baden

«Den Schulleitungen gegenüber sehe ich mich auch als eine Art Dienstleisterin.»

Im überarbeiteten Volksschulgesetz des Kantons Zürich wird es ab nächstem Jahr offiziell die Möglichkeit geben, in grösseren Gemeinden eine «Leitung Bildung» einzuführen. Mirjam Obrist ist Geschäftsleiterin der Volksschule Baden und hat damit eine mit der Leitung Bildung vergleichbare Tätigkeit. Andrea Hugelshofer hat sie nach Gestaltungsmerkmalen ihrer Arbeit gefragt.

1. Mirjam Obrist, was charakterisiert Ihre Aufgabe als Geschäftsleiterin der Volksschule Baden?

Meine Funktion erlebe ich als Drehscheibe zwischen Schule/Pädagogik, Politik und Verwaltung. Deshalb ist das Denken in Zusammenhängen und eine gute Vernetzung wichtig in meiner Rolle. Ich spüre die Verantwortung für rund 350 Angestellte und 2300 Kinder und Jugendliche jeden Tag. Die Vielfalt dieser Menschen mit ihren spezifischen Bedürfnissen beeindruckt mich immer wieder neu.

Ich bin grundsätzlich erste Ansprechstelle für alle Belange der Volksschule und verantworte alle Prozesse, welche alle Stufen und Standorte der Volksschule Baden betreffen. Oft werde ich konfrontiert mit «schwierigen» Situationen, sei es im Zusammenhang mit Eltern, mit Lehrpersonen, durch herausfordernde Situationen oder weil die Entscheidungsfindung anspruchsvoll ist – Krisenmanagement ist fast Teil meines Alltags.

2. Sie haben in einer früheren Stelle die Einführung von Schulleitungen im Kanton Aargau geprägt und kennen die Perspektive der Schulleitungen sehr gut. Was ist Ihnen heute in der Zusammenarbeit mit den Schulleitungen besonders wichtig?

Schulleitungen haben eine äusserst herausfordernde Aufgabe. Ich führe ein Team von 10 Schulleiterinnen und Schulleitern. Sie alle arbeiten sehr professionell, eigenverantwortlich und engagiert. Sie sollen sich selbstwirksam erleben können, mit viel Autonomie. Mein grösster Anspruch an mich selbst ist, sie bestmöglich in ihrer Arbeit zu unterstützen und für ihre Arbeit bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Das beinhaltet alle bekannten Facetten einer Organisation: Effizienz in der Organisation, ressourcenorientierte Personalführung und motivierendes Arbeitsklima.

Den Schulleitungen gegenüber sehe ich mich auch als eine Art «Dienstleisterin», mit klaren Erwartungen und natürlich Weisungsbefugnis. Ich möchte, dass sie sich in ihrer Führungsrolle weiterentwickeln können. Klarheit, Verlässlichkeit, Transparenz und Humor sind für mich wichtige Werte in meiner Führungsaufgabe.

3. Am 27. September wird im Kanton Aargau über die Zukunft der Schulbehörden abgestimmt. Wie würde sich Ihre Rolle verändern, wenn es keine Schulbehörden mehr gäbe?

Ich glaube, meine Rolle würde sich nicht stark verändern. «Meine» Schulpflege erlebe ich als unterstützend und professionell. Sie konzentriert sich vollkommen auf die strategische Ebene, dies könnte auch durch den Stadtrat wahrgenommen werden. Es müssten selbstverständlich Prozesse neue definiert und Zuständigkeiten geklärt werden. Wir sind für alle Szenarien gut gerüstet.

Fehlen würden mir vor allem die pädagogischen Diskussionen, die Wertschätzung, Anerkennung und das Interesse an der Arbeit der Schule sowie die «Sparringpartner-Rolle» der Schulpflege für mich persönlich, welche ich ausserordentlich schätze.  

4. Sie haben die Einführung von Schulleitungen im Kanton Aargau stark miterlebt und mitgeprägt. Lassen sich daraus Hinweise ableiten, die auch für die Einführung einer neuen Leitungsstufe wertvoll sein könnten?

Schwierige Frage. Meine Einschätzung ist, dass die Einführung der Schulleitungen ein viel grösserer Schritt war. Heute ist Führung an der Volksschule – ich kann dies nur für den Kanton Aargau einschätzen – im Grunde akzeptiert.

Für die Einführung einer neuen Ebene gelten meines Erachtens die bekannten Grundsätze von Veränderungsprozessen: Betroffene Personen einbinden und mitnehmen, viel Aufmerksamkeit auf die Information und Kommunikation legen. Der Sinn der Veränderung muss nachvollziehbar sein. Das Herausschälen eines gemeinsamen Problemverständnisses ist meines Erachtens ein Schlüsselfaktor.

INFOBOX

Mirjam Obrist arbeitete als Lehrperson, Rektorin und Schulleiterin und hatte die Projektleitung «Geleitete Schule» sowie die Leitung der Sektion Schulentwicklung in der Abteilung Volksschule des Kantons Aargau inne. Seit 2017 ist sie als Geschäftsleiterin der Volksschule Baden tätig.

Zur Autorin

Andrea Hugelshofer ist Dozentin im Zentrum Management und Leadership an der PH Zürich. Sie beschäftigt sich als Beraterin und Dozentin mit Themen rund um Personalentwicklung, den Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie dem Umgang mit Konflikten. Insbesondere verantwortet sie spezifische Weiterbildungsangebote für Mitglieder von Schulbehörden.

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg/Jiri Vurma

3 Gedanken zu „«Den Schulleitungen gegenüber sehe ich mich auch als eine Art Dienstleisterin.»“

  1. Wunderbarer Beitrag und ein Beispiel dafür wie man gemeinsam Bildung weiterentwickeln kann.
    Führung bedeutet eben auch: Anderen „dienen“ können, also Rahmenbedingungen schaffen und Inhalte so vereinbaren, dass Schulleitungen die bestmögliche Autonomie erleben.
    Danke für das Teilen!

    1. Dienen im Sinne von Dienstleistung klingt selbstbewusst und klar – und für mich überhaupt nicht unterwürfig. Danke für Ihren Kommentar!

  2. Liebe Frau Hugelsdorfer

    Genau, das ist es! Und wie Sie richtig sagen: sehr weit von unterwürfig entfernt, ebenso weit von Machtausübung. Es ist klar, zielgerichtet und es geht um die Sache an sich und um eine vernünftige Zusammenarbeit.
    Sehr inspirierend!

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