Den Atem anhalten – oder einen langen Atem haben?

Mit Respekt vor den Gewohnheiten der Menschen kann die aktuelle Krise optimal genutzt werden. Denn, wer wollte nicht auch schon mal als Schulleiter die hart gesottenen, analogen Lehrpersonen auf den digitalen Geschmack bringen? Jetzt sind praktisch alle dazu gezwungen. Doch was bleibt nach der Krise? Mit zwei einfachen Schritten kann eine digitale Nachhaltigkeit langfristig verankert werden. David Sigos, Schulleiter an der Primarschule Regensdorf, ist überzeugt, dass mit viel Verständnis und einer gemeinsamen Strategie der grosse digitale Schritt gelingt.

Vieles lässt sich aushalten, wenn die Aussichten gut sind. In diesem Fall: Der Normalbetrieb kann in absehbarer Zeit wieder aufgenommen werden. Endlich wieder unterrichten, wie ich es mir gewohnt bin! Doch was ist mit den positiven Erfahrungen der digitalen Lehr- und Lernformen? Warum wollen wir so stark zurück zum Gewohnten? Der Grund ist: Was wir nicht wollen, akzeptieren wir nicht. Wir wollen an unseren Gewohnheiten festhalten. 

Gewohnheiten sind der härteste Klebstoff der Welt

Niemand nimmt freiwillig die Krücken hervor und beginnt auf einem Bein zu hüpfen. Wer schon mal mit Krücken laufen musste, der weiss, dass mit der richtigen Technik eine höhere Gehgeschwindigkeit erzielt werden kann. Trotzdem bleiben die Krücken ungenutzt im Keller. Neugierige Menschen entdecken eine Möglichkeit, sich mit neuen Situationen besser zurechtzufinden. Der grosse Unterschied ist, sie wollen es, sie haben eine andere Motivation oder einen anderen Grund dafür. 

Warum wollen wir an unseren Gewohnheiten festhalten? Auf diese Frage gibt es eine sehr vereinfachte psychologische Erklärung: Anpassungen unserer Gewohnheiten kostet Energie, doch wir sind programmiert, Energie zu sparen. Darum ist es natürlich, sich nicht dauernd ausserhalb der Komfortzone bewegen zu wollen. Und das ist auch gut so.

Sehr plötzlich und ohne zu fragen, zwang die Covid-19-Situation alle Lehrpersonen in eine neue nie da gewesene Situation. Wer es gewohnt war, auch mal auf einem Bein zu stehen, wer sich also auch mal mit digitalen Methoden des Lernens auseinandergesetzt hatte, für den war es keine extreme Umstellung wie für andere. Lehrpersonen, die sich wenig mit dem digitalen Lernen auseinandergesetzt hatten, fanden sich in einer äusserst ungewohnten und höchstwahrscheinlich in einer ungewollten Situation.

Die gute Nachricht ist: Eine neue Gewohnheit ist durchschnittlich nach 66 Tagen in Ihrem Verhalten implementiert. Dann fühlt es ich normal an, wenn Sie die Änderung auch wollten. Wie schwierig es ist, eine Gewohnheit zu ändern oder hinzuzufügen ist leicht testbar. Versuchen Sie, in Ihrer Morgenroutine etwas zu ändern. Machen Sie zum Beispiel vor dem Kaffeetrinken fünf Liegestütze. Das ist kein grosser Aufwand, geht sehr schnell und wäre trotzdem effektiv. Wenn Sie es durchziehen, sollten Sie nach zwei Monaten eine gewisse Normalität verspüren.

Was bedeutet dies für das digitale Lernen Post-Covid-19? Ohne zusätzliche Bemühungen werden viele Lehrpersonen die Krücken sofort wegstellen und endlich wieder wie gehabt auf zwei Beinen unterrichten. Ohne zusätzliche Massnahmen bleibt vielleicht das Gefühl, dass Teile des digitalen Lernens doch nicht so schlimm sind. Aber ein echter Wandel in einem ganzen Lehrerteam braucht Begleitmassnahmen nach der ausserordentlichen Situation. Um den Wandel einzuleiten, ist das Verständnis von uns Schulleiterinnen und Schulleitern für die Euphorie der ungeduldigen Digital-Turbos sowie auch für analoge Frontalunterrichter eine wichtige Voraussetzung. 

So kann die Krise als Chance genutzt werden

Verständnis und Respekt sind die ersten Schritte für den Wandel. Erkenntnisse im Team sammeln, fördert die Einsicht, dass digitales Lernen nichts ersetzen wird, sondern eine zusätzliche Bereicherung darstellt. Es macht den Kindern, richtig aufbereitet, Spass mit digitalen Mitteln zu lernen. Diese Anreicherung des gesamten Lernens gilt es zu nutzen.

Der zweite Schritt ist eine Strategie, wie die gewonnenen Erkenntnisse in den Lernalltag integriert werden sollen. Diese Idee der Strategie soll dem Team nicht nur erklärt werden, sie sollen einbezogen sein. Auch dieser Schritt ist mit Aufwand verbunden, doch es lohnt sich. Und wenn dann das Team die eigenen Abmachungen schriftlich festhält und einfordern will, ja dann wurde die Krise optimal als Chance genutzt. 

Wie sieht Ihre Strategie dafür aus?

Zum Autor

David Sigos Schulleiter Primarschule Regensdorf

David Sigos ist Schulleiter an der Primarschule Regensdorf und seit 2011 als Schulleiter tätig. Bewährtes hinterfragt er gerne und ist offen für kreative und innovative Ideen. Die digitale Arbeitsweise ist ihm vertraut, trotzdem ist ihm sehr bewusst, dass Menschen auch in Zukunft immer von Menschen lernen wollen. 

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg

2 Gedanken zu „Den Atem anhalten – oder einen langen Atem haben?“

  1. Lieber David
    Die Gewohnheiten der Lehrpersonen sind sicherlich ein wichtiger Aspekt von (Nicht-)Wandel, den es zu beachten gilt. Allerdings würde ich dem nur einen relativ kleinen Stellenwert beimessen.
    Gerade die Corona-Zeit mit Fernlernen hat gezeigt, dass Lehrpersonen durchaus sehr rasch Gewohnheiten ändern können und es auch tun. Sie hätten sich ja auch einfach zurücklehnen können, als es nicht mehr möglich war, den alten Gewohnheiten nachzukommen. Haben sie aber nicht getan (bei uns), sondern ein enormes Engagement an den Tag gelegt.

    Folgende Aspekte haben für mich ein noch höheres Gewicht als der Blick auf die Gewohnheit:

    1. Eigenes Bild von Schule
    Es gibt ein öffentliches Bild von Schule, dem auch die Lehrpersonen unterliegen. Es orientiert sich an dem, wie man Schule selber erlebt hat. Selbst bei jungen Lehrpersonen ist dieses Bild geprägt von der Haltung, dass die SuS einer Klasse immer zeitgleich die identischen Lerninhalte erwerben (bzw. vermittelt bekommen). Es baut darauf auf, dass dies gerecht sei (Chancengerechtigkeit).
    Wie soll also Schule sein, ganz grundsätzlich?

    2. Vermutete Erwartungshaltung anderer
    Wenn Lehrpersonen eher lehrerzentriert, gleichschalterisch und vielleicht auch anti-digital unterwegs sind, dann wird das oft damit begründet, dass das so von den Eltern erwartet werde. Es werde erwartet, dass die Lehrperson die Verantwortung für das Lernen der SuS übernehme. Deshalb brauche es auch beim digitalen Medieneinsatz strikte Regeln, die vermeiden, dass die SuS abgelenkt seien oder Zeit verblöden. Diese vermutete Erwartungshaltung hält davon ab, mutig Neues zu wagen.
    Welche Erwartungen hat die Gesellschaft tatsächlich an die Schule?

    3. Didaktisches Know-how
    Im Zusammenhang mit digitalen Medien im Unterricht fehlt oft das didaktische Know-how. Das Wissen und Können darum, wie Kompetenzen auch mit digitalen Medien vermittelt können. Seit wenigen Jahren bestreitet niemand mehr, dass Medienkompetenz für das Lernen und die Lebensgestaltung durchaus wichtig ist. Dennoch fehlt es an Know-how zum konkreten Einsatz.
    Wie kann Sinnhaftigkeit und didaktisches Know-how bei den Lehrpersonen ausgebaut werden?

    Wie unsere Strategie aussieht, die Krise auch als Chance zu nutzen?
    Zunächst einmal stelle ich fest, dass unsere Lehrpersonen der Krise sehr engagiert begegnen. Unglaublich, was alles möglich war und ist. Als Schulleitung unterstützen und wertschätzen wir dieses Engagement.
    Wir thematisieren in einem nächsten Schritt breit die Learnings, Highlights, positiven Erfahrungen in unserem Lehrerteam, in dem von der Kindergärtnerin bis zur Sek-Lehrperson alle am gleichen Tisch sitzen. Und wir wollen herausschälen, was in die Zukunft mitgenommen werden soll.

    Ich wünsche euch viel Erfolg.

    1. Lieber Thomas
      Danke vielmals für deine ausführliche Kommentar. Das sind gleich drei grosse Themen, die du da ansprichst. Vielleicht tauschen wir uns mal direkt aus? Eine Antwort auf alle drei Themen wäre wohl hier sehr lange. (Jörg, eventuell ein neues Thema für einen Wein-und-Käse-Abend?)
      Ich sehe und schätze es genau gleich ein wie du, das Engagement der Lehrpersonen ist sehr hoch und motiviert probieren viele die für sie neuen digitalen Mittel aus. Ich bin meinem Team sehr dankbar, dass sie sich nie geschont und sich sehr für die Kinder eingesetzt haben.

      Mich würde aber sehr interessieren, wie du genau im nächsten Schritt die Learnings und Highlights thematisieren willst. Denn diese Arbeitsgruppe wurde ja nicht geplant und das Verhältnis Aufwand-Ertrag muss in meinen Augen noch stimmen. Ich gehe mal vorsichtig mit einem Padlet an dieses Thema dran und lasse sie die positiven Aspekte festhalten. Später, wenn wir uns wieder treffen dürfen, tauschen wir uns im Plenum aus.

      Wünsche euch ebenfalls tolle Learnings und eine nachhaltige Umsetzung.

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