Interview Erziehungsdirektor Christian Amsler

«Gut Ding will Weile haben!»

Im Kanton Schaffhausen müssen Schulen nicht zwingend durch Schulleitungen geführt werden. Jörg Berger hat Christian Amsler, Regierungsrat für Schaffhausen, gefragt, was er ändern möchte und wie er über Schulführung denkt.

Herr Amsler, Sie sind seit 10 Jahren Erziehungsdirektor des Kantons Schaffhausen, dem einzigen Schweizer Kanton, der nicht vorschreibt, dass Schulen durch Schulleitungen geführt werden. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin vollends überzeugt, dass es in einer komplexen Welt, wie wir sie heute antreffen, ohne Schulleitung nicht mehr geht. Ich bin mir den Schaffhauser Tugenden bewusst.

Was muss ich mir darunter vorstellen?

Politisch ticken wir etwas anders und benötigen hin und wieder etwas länger als der Rest der Schweiz. Gleichzeitig sehe ich sehr optimistisch in die Zukunft. Ich bin überzeugt, dass Schulleitungen bald flächendeckend in den Schulen unseres Kantons anzutreffen sind.

Weshalb machen Sie nicht mehr Dampf?

Das wäre kontraproduktiv. Vor meiner Regierungstätigkeit im Jahre 2008 ging eine etwas überladene Gesetzesrevision den Bach runter. Dieses Mammutpaket enthielt die Einführung der Schulleitung. Dies war auch ein Grund, weshalb diese Vorlage abgeschmettert wurde. Vier Jahre später verloren wir nur noch knapp an der Urne und nun stimmen mich verschiedene positive Vorzeichen und Vorstösse des Kantonsparlamentes zuversichtlich. Ganz nach dem Motto: Gut Ding will Weile haben!

Was genau steckt in der Pipeline?

Kantonsratsmitglied René Schmidt (GLP, Schaffhausen) reichte einen breit abgestützten Vorstoss ein. Es hat tatsächlich ein Umdenken stattgefunden. Ratsmitglieder, die sich früher noch gegen die Einführung von Schulleitungen stark gemacht haben, setzen sich jetzt dafür ein.

Wie erklären Sie sich diesen Gesinnungswandel?

Die Realität in den Schulen ist heute eine andere. Das wird gesehen und anerkannt. An geleiteten Schulen funktioniert Vieles besser, schneller und effizienter. Dazu kommt, dass frisch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer nur noch an geleiteten Schulen unterrichten wollen. Das bringt die nicht geleiteten Schulen unter enormen Druck.

Verkörpern Sie persönlich auch dieses Selbstverständnis?

Ich absolvierte selbst die Schulleiterausbildung – übrigens ist dies eine meiner besten je besuchte Weiterbildung ­– und es zeigt sich für mich jeden Monat bei meinen ausgedehnten Schulbesuchen aufs Neue, wie Lehrerinnen und Lehrer darauf angewiesen sind, dass Sie eine Art Rückendeckung erfahren. Sie sind es, die den verschiedenen Anspruchsgruppen gerecht werden müssen.

Als Präsident der Erziehungsdirektoren der Deutschschweiz (D-EDK) machten Sie sich für den Lehrplan 21 stark. Welche Rolle spielte die Schulleitung damals für Sie?

In diesem anspruchsvollen Umfeld mit verschiedensten Disziplinen kommt der Schulleitung eine Schlüsselposition zu. Sie ist der ruhende Pol und für die Umsetzung des kompetenzorientierten Unterrichts matchentscheidend.

Welche Entwicklungen beobachten Sie mit Skepsis? Bereitet Ihnen etwas Bauchschmerzen?

Wenn wir das nicht hätten, wäre Schulführung ein lockerer Job. Das ist es im Gegenteil. Bildung ist enorm anspruchsvoll. Sie widerspiegelt 1:1 unsere heterogene Gesellschaft mit ihren mannigfaltig grossen Herausforderungen in gesellschaftspolitischer und sozialpolitischer Hinsicht. Aktuell beschäftigen mich die Fragen Integration vs. Separation, welche Fächer Gewicht erhalten sollen und welche weniger und das Thema der Zuwanderung.

In welchen Bereichen wünschten Sie sich mehr Einflussnahme durch die Schulleitung?

Die edle Kunst der Schulführung ist es, den Lehrerinnen und Lehrern jene Voraussetzungen zu schaffen, damit diese ihren Auftrag bestmöglich bewältigen können. Schulleiterinnen und Schulleiter sollen für die idealen Rahmenbedingungen an ihrer Schule besorgt sein. Neben der Personalführung ist und bleibt es eine zentrale Aufgabe der Schulleitung, ihre Schule auch weiterzuentwickeln. Dies alles sicherzustellen, ist eine hehre Aufgabe.

Und was zeichnet für Sie eine gute Schulleiterin, einen guten Schulleiter aus?

Indem Betroffene zu Beteiligten gemacht werden, Lehrpersonen mitgenommen werden und mit guter Abstützung durch die verschiedenen Disziplinen die Schule vorangebracht wird. Eine gute Schulleiterin, ein guter Schulleiter setzt Schwerpunkte und gibt der Schule ein Gesicht nach aussen. Mir gefallen Alleinstellungsmerkmale von Schulen. Sie verleihen etwas Unverwechselbares. Ein gesundes Mass an Wettbewerb erachte ich als positiv.

INFOBOX

Regierungsrat Christian Amsler (FDP), ist als Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Schaffhausen zuständig für die Bereiche Bildung, Jugend, Familie, Sport, Kultur und Aussenbeziehungen. Der 56-jährige Politiker ist mit einer Lehrerin verheiratet, Vater von drei Kindern und präsidierte bis Ende 2016 die Erziehungsdirektoren Konferenz der Deutschschweiz (D-EDK).

Damit war er auch Schirmherr des Lehrplans 21. Vor seiner Wahl in den Schaffhauser Regierungsrat im Jahr 2009 war der ausgebildete Pädagoge Gemeindepräsident, Fraktionschef im Kantonsrat und hauptberuflich tätig als Prorektor der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen (PHSH). 2014 und 2018 war er Regierungspräsident und stand 2018 der Internationalen Bodenseekonferenz IBK vor.

Zum Autor

Jörg Berger ist verantwortlich für den Blog Schulführung. Er arbeitet in der Lehrgangsleitung des CAS Digital Leadership in Education, als Schulleiter an der Schule Knonau und in der Geschäftsleitung des Fachverbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz VSLCH.


Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg

2 Gedanken zu „«Gut Ding will Weile haben!»“

  1. Das ist ein sehr erfrischendes Interview und die Aussagen von Christian Amsler sind sehr wahr. Schulen, die sich spezifizieren und ausrichten, die erweitern nochmal die Vielfalt der Bildungsmöglichkeiten und das ist im Sinne der Gesellschaft. Die Vereinheitlichung ist meistens eine Reduktion, leider. Natürlich bleibt auch immer der Auftrag eine Grundbildung zu garantieren. Aber Schulen haben so viele Möglichkeiten noch Angebote zu schaffen, im Sinne einer Ausrichtung (Beispiel sind die hervorragenden Sportschulen oder MINT-Schulen). Eine Schule zu strukturieren, organisieren, strategisch auszurichten und vor allem personell zu führen ist eine der lohnenswertesten Beiträge zur Gesellschaft, die man leisten kann. Dazu gehören auch, und vor allem!, die Lehrpersonen, die den besten Rahmen für ihre Tätigkeit bekommen müssen. Dazu gehören für mich als zentrale Punkte immer wieder: Kompetenzen und Entscheidungsspielraum, sowie der Rückhalt der Schulleitungen.
    Super Interview, danke für das Teilen.
    Wir brauchen moderne und frische Ideen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
    Ich bin gespannt wie es im Kanton Schaffhausen weitergeht.

    1. Liebe Frau Reuls
      Ich danke Ihnen herzlich für die interessante Rückmeldung mit Ihren interessanten Gedanken zum Thema Schulführung. Schön, dass sie die beiden wichtigen Teilaspekte mit der Rückendeckung für die Lehrerinnen und Lehrer bestätigen, die Ihnen ein positives Umfeld für die wichtige pädagogische Arbeit ermöglichen, und auch die Entwicklung von Alleinstellungsmerkmalen der Schulen in vernünftigem Rahmen vorantreiben. Mit besten Grüssen Christian Amsler

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