Wie Schulen den Corona Tsunami zu bewältigen versuchen

In den letzten beiden Wochen hat sich Niels Anderegg über die mangelnde Sensibilität mancher Expertinnen und Experten und von verschiedenen Hochschulen und Firmen geärgert. Mit dem Entscheid des Bundesrates die Schulen zu schliessen und den Unterricht mit Fernlernen weiterzuführen, kam auf die Schulen eine riesige Welle von Aufgaben und Pflichten zu.

Von einem Tag auf den anderen mussten die Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht komplett umstellen und ihn fortan mit digitalen Medien, Selbstlernaufgaben und anderen Unterrichtsmethoden gestalten. Neben didaktischen Herausforderungen waren auch Fragen der Betreuung, der Beziehungspflege und dem Umgang mit Schülerinnen und Schülern aufgetaucht, welche von ihren Eltern kaum oder nicht unterstützt werden können.

Wenn ich auf diese zwei bis drei Wochen zurückblicke, dann bin ich beeindruckt, was vielen Schulen in der so kurzen Zeit gelungen ist und habe höchsten Respekt von dem, wie die Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitenden und viele andere Personen sich engagiert haben. Die letzten Wochen waren wieder ein lebender Beweis für die Qualität und Wichtigkeit unserer Schule und den darin engagierten Personen. Ich hoffe, dass die Gesellschaft und Politik sich in den nächsten Jahren daran erinnert und der Schule und den darin tätigen Personen die entsprechende Anerkennung gibt und Ressourcen zur Verfügung stellt.

Einige meiner Kolleginnen und Kollegen haben am Anfang der Schulschliessungen die Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulen mit Tipps, Tricks und Ratschlägen eingedeckt. Über Linkedin, Twitter und andere digitale Kanäle wurde gesagt, wie es geht, was richtig ist und was die Schulen nun machen sollen. Die verschiedenen Hochschulen und Organisationen haben Webseiten mit Hinweisen, Links und Beispielen aufgeschaltet. Beratungsfirmen haben ihre Angebote angepriesen und IT-Firmen haben ihre Programme für die Corona-Zeit gratis zur Verfügung gestellt. Und selbst einzelne Verbände sind auf diesen Tsunami, der über die Schulen hereingebrochen ist, eingestiegen.

Unterstützung anbieten

Eine Schulleiterin erzählte mir, dass sie eine Stunde nach dem Entscheid des Volkschulamts (VSA) über 80 Mails erhalten habe. Kaum eines war von Lehrerinnen und Lehrern oder Eltern – die allermeisten waren von Firmen und Hochschulen, welche ihre Hilfe angeboten haben. «Meinen sie, dass ich in diesem Moment alle E-Mails lese? Ich hatte da wohl Wichtigeres zu tun!».

Ich hatte bei vielen dieser Hilfsangeboten den Eindruck, dass es eher um die Darstellung der eigenen Wichtigkeit und Positionierung in einem Markt, als um die echte Unterstützung für die Schulen ging. In Zeiten, wie wir sie gerade erleben, ist es doch essenziell, dass die Informationen gebündelt kommuniziert werden. Die Informationen über den Umgang mit rechtlichen Fragen müssen doch einheitlich von der Bildungsverwaltung und der Regierung kommen.

Warum braucht es dann einen Kurs für Schulleitende, welche von einem Verband und einem Rechtsanwalt angeboten werden? Das Wissen zum Fernunterricht der verschiedenen Hochschulen müsste doch gebündelt und auf einer gemeinsamen Plattform den Schulen zur Verfügung gestellt werden. Warum hat aber jede Hochschule, jedes Amt und verschiedene Firmen eine eigene Plattform? Für mich sind das Auswüchse einer Entwicklung der letzten zwanzig Jahren, in denen immer stärker die verschiedenen Organisationen in Konkurrenz zueinanderstehen, statt gemeinsam – jeder in seiner Funktion – die Schulen zu stärken. Denn das wäre unsere Aufgabe. Bei dieser Flut von Angeboten überschwemmen wir die Schulen, was dazu führt, dass sie entweder untergehen oder die Information, welche sie wirklich brauchen würden, nicht finden können.

Mein Eindruck, dass es bei diesen vielen Angeboten eher um uns selbst als um die Schulen geht, kommt auch daher, dass ich häufig den Eindruck habe, dass wir gar nicht wissen, was die Schulen wirklich brauchen. Und das können wir auch nicht, denn (in solchen Situationen wie momentan) nur die Schulen wissen können, was sie brauchen. Dazu gehört auch zu wissen, dass man nicht weiss, was man braucht.

Statt unsere Angebote und unser Wissen über die Schulen zu fluten, wäre es doch sehr viel wichtiger, da zu sein, wenn Schulen Fragen haben oder Unterstützung brauchen.

Wenn die Schulen auch nach den Frühlingsferien geschlossen bleiben müssen, können nach der gelungenen Aufbruchstimmung auch schwierigere Phasen kommen. Das gehört zu den Veränderungsprozessen. Umso wichtiger ist es, dass wir dann für die Schulen da sind, dass wir ein offenes Ohr haben und sie in ihrer Arbeit unterstützen. Denn es geht nicht darum, wie gut wir sind, sondern darum, wie gut wir die Schulen unterstützen können.

INFOBOX:

Das Beratungstelefon der PH Zürich unterstützt Lehr- und Führungspersonen der Volks- und Berufsschulen mittels einer kostenlosen Kurzberatung, der gezielten Vermittlung von Fachpersonen und Informationen zum Beratungs- und Weiterbildungsangebot. 
Montag – Freitag 15 - 18 Uhr: 043 305 50 50 

Die Hotline Fernlernen unterstützt Lehrpersonen und Schulleitungen von Volks- und Berufsschulen der deutschsprachigen Schweiz zu konkreten Fragen des Fernlernens.
Montag - Freitag 9 - 11 Uhr und 16 - 18 Uhr: 043 305 50 00 

Zum Autor

Niels Anderegg leitet an der PH Zürich das Zentrum Management und Leadership. In seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit befasst er sich mit dem Zusammenhang von Führung und Lernen. Er interessiert sich für die Frage, was eine «gute Schule» ist und was Führungspersonen dazu beitragen können. Unter anderem leitet er den Lehrgang «Pädagogische Schulführung» und «Schulführung und Inklusion».

Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: canva studio pexels.com

2 Gedanken zu „Wie Schulen den Corona Tsunami zu bewältigen versuchen“

  1. Du hattest Recht, Niels. Das kann ich nun als Schulleiter auch rückblickend sagen. Ich teile den Eindruck, dass es bei vielen Angeboten für Schulen, um das Angebot oder Anbieter an sich ging und geht.
    Es herrscht Goldgräber-Stimmung. Nie war es einfacher für Firmen und Bildungsanbieter die eigenen Angebote in Stellung zu bringen. Die Angebote suggerieren ja oft, dass man als Schule dies oder jenes unbedingt brauche. Und man kommt sich fast blöd vor, Angebote nicht zu nutzen (sie sind ja jetzt gratis). Dennoch darf man sich dadurch nicht verunsichern lassen als Schulleitung oder als Lehrperson.

    Aus Marketing-Sicht ist die Fernlernzeit für all diese Anbieter ein Glücksfall. Ohne Corona-Krise wäre es kaum möglich gewesen, Werbung so offensiv zu betreiben und dafür auch noch Applaus zu bekommen. Am deutlichsten ist das in den ganzen Digitalthemen spürbar.

    Das ist übrigens keine Schelte an die Anbieter. Wäre ich ein Anbieter, hätte ich diese Bedingungen wohl auch genutzt. Dem kann man sich jetzt fast nicht entziehen. Schliesslich geht es um Profilierung und Wettbewerb. Auch du bist Teil davon und platzierst in deinem Post geschickt die kostenlosen Beratungsnummern der PHZH 😉 Vielleicht ist der Beitrag ja auch nur entstanden, um diese platzieren zu können. Alles normal.

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