Schulleiterinnen und Schulleiter in ihrem Führungshandeln unterstützen

Eine Schule zu leiten, gilt vielerorts als einsame Verantwortung, die von den Schulleiterinnen und Schuleitern häufig als belastend wahrgenommen wird. Die Herausforderungen, mit denen sich Personen an der Spitze von Schulen konfrontiert sehen, nehmen in den letzten Jahren stark zu. Umso dringender braucht es ein starkes Beratungs- und Unterstützungsnetz, heisst es laut dem österreichischen Bildungsforscher Prof. Dr. Stefan Brauckmann. Jörg Berger hat ihn interviewt.

Wie nehmen Schulleiterinnen und Schulleiter ihre Aufgabe aktuell wahr?

Momentan sind die Zuschreibungen, was Schulleiterinnen und Schulleiter zu tun haben, sehr normativ und die Rollen werden immer weiter ausdifferenziert. Man hat mittlerweile den Eindruck, alles sei zur Führungsaufgabe geworden, von dem Umgang mit Daten bis zur Personalführung und zum Beschwerdemanagement. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter zeigen aktuell Überforderungstendenzen, wie aus Belastungs- und Beanspruchungsstudien klar hervorgeht. Diese Aufgaben können auch aus objektiver Sichtweise nicht mehr von einer Person allein bewältigt werden, zumal diese Personen auch nicht für die Vielzahl an Rollen vorbereitet worden sind.

Sollte man gerade bei dieser Vorbereitung ansetzen?

Ja, denn ich glaube, die beste Beratung und Begleitung ist eine gute Form der Vorbereitung. Schulleiterinnen und Schulleiter sollten frühzeitig professionalisiert werden. In Österreich hat man seit 1996 eine verpflichtende Ausbildung in den ersten beiden Jahren des Funktionsbeginns. Momentan übernehmen die Aus- und Fortbildnerinnen und Fortbildner wichtige Funktionen, weil ab 2023 eine bereits angelaufene verpflichtende Vorausbildung für Schulleitungsbewerberinnen und -bewerber in Kraft tritt. Deshalb haben wir der Fort- und Weiterbildung in unserem aktuellen Heft zum Thema Schulleitungshandeln mehr Raum gegeben.

Wer sitzt derzeit in den Direktionsbüros unserer Schulen und wovon ist deren professionelles Selbstverständnis geprägt?

Viele Schulleitungen arbeiten sehr professionell, selbst unter den harten Voraussetzungen, denen sie sich aktuell gegenübersehen. Viele von ihnen kommen aber in diese Verantwortung, ohne je zuvor Personal oder eine Organisation geführt zu haben, nicht wissend, mit wem sie kooperieren können und wie sie beispielsweise mit der Fülle an Daten operieren sollen, mit denen Schulen aktuell umgehen müssen. Schulleitungen haben mitunter den Eindruck, dass auf ihre Schulen ein Datenregen niedergeht, und in diesem Kontext frage ich mich: Wer hat ihnen eigentlich im Vorfeld gezeigt, wie man diesen warmen Datenregen auffängt, damit wertvolle Daten nicht versickern?

Wer kann es ihnen zeigen?

Gute Aus- und Fortbildung ist, wie ich bereits erwähnt habe, ein wichtiger Faktor, um Wissen darüber zu vermitteln. Diese Akteurinnen und Akteure sollen aber auch schon vorab mehr Know-how zur Frage weitergeben: Worauf lasse ich mich eigentlich ein, wenn ich Schulleiterin oder Schulleiter werde? Dazu dient auch die systematische, verpflichtende Vorausbildung.

Sie gehen davon aus, dass Schulleitungen mehr Beratung, Unterstützung und Begleitung brauchen. Stösst diese These bei allen Schulleiterinnen und Schulleiterin auf offene Ohren?

Ich glaube, dass es tatsächlich Zeit braucht, bis ein neues Führungsverständnis überall etabliert sein wird. Der eine oder die eine, der oder die alles an der Schule regelt und das Zepter allein in der Hand hält, wird es in Zukunft nicht mehr geben können, weil die Aufgaben zu vielfältig sind. Um Beratung, Unterstützung und Begleitung auch annehmen zu können, braucht es die Einsicht, dass man nicht alles allein machen kann und eben besonderer Unterstützung bedarf. Hier kommt auch die Schulaufsicht ins Bild, die in den ihr zugeschriebenen Kernaufgaben auch Beratungs- und Begleitungsfunktionen für die Schulleitung hat.

Welche Rolle kann das Kollegium an der Schule einnehmen?

Wir können davon ausgehen, dass viele Lehrkräfte über Kompetenzen verfügen, die derzeit an den Schulen noch ungenutzt sind. Die Schulleitung sollte sich die Fragen stellen: Gibt es Personen, die mir bei der Verarbeitung und Nutzung von Daten hilfreich zur Seite stehen können? Wer kann bei der Konzeption von Beschwerdemanagement unterstützend tätig sein? Mit solchen Fragen können Kompetenzen mehrerer Personen einfliessen – das Dienstrecht für Lehrerinnen und Lehrer steht bisweilen einem solchem Ansinnen im Weg.

Ist Beratung und Unterstützung immer freiwillig?

Derzeit gibt es auch Formen der Pflichtberatung. Wenn eine Schule die Erwartungen der Bildungsstandards nicht hinreichend erfüllen kann, kommt ein multiprofessionelles Team, das bei der Weiterentwicklung verpflichtend unterstützt. Inwiefern dieser Zugang Erfolge zeigt, werden wir erst in Zukunft sehen.

Wer soll Ihrer Meinung nach das aktuelle «Special Issue» lesen?

Das Heft richtet sich an Praktikerinnen und Praktiker, in dem Fall in erster Linie natürlich die Personen in den Schulleitungen. Aber auch Lehrerinnen und Lehrer, und solche, die dies werden wollen, könnten davon profitieren, dass sie mehr über die Rolle der Schulleiterinnen und Schulleiter erfahren.

Auch die Schulaufsicht hat meines Erachtens eine wichtige Führungsaufgabe, die hinsichtlich des Zusammenspiels der einzelnen Akteurinnen und Akteure reflektiert werden muss. Meine Sorge ist, dass wir in Zukunft nicht mehr genügend Schulleiterinnen und Schulleiter haben werden. Deshalb: Lieber jetzt unterstützen und beraten, damit sich später genügend Personen für dieses Berufsbild interessieren und die sich auch darauf verstehen, weil sie umfassend auf ihre Rolle vorbereitet wurden.

INFOBOX

Stefan Brauckmann hat als Guest Editor zusammen mit Herausgeberin Helga Braun in der österreichischen Bildungszeitschrift «Erziehung und Unterricht»ein Themenheft mit dem Titel  «Führung in der Schule wahrnehmen: Erkenntnisse aus Forschung, Beratung sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung von Schulleitungen» herausgegeben. Unter anderen hat auch Niels Anderegg einen Beitrag zum Thema Mentoring beigesteuert. 

Brauckmann ist seit Jänner 2015 Universitätsprofessor für Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Bildungsbereich am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Neben Tätigkeiten am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung arbeitete er über zehn Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF), in der Abteilung Struktur und Steuerung des Bildungswesens. Der Bildungsforscher war als visiting scholar unter anderem an der UC Berkeley, der Stellenbosch University, der University Umea sowie der Open University of Cyprus tätig.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Schulleitungsforschung, Schulorganisationsforschung, Bildungsmanagement und –monitoring sowie politisch-administrative Rahmenbedingungen von Bildungssystemen. Zuletzt war er als Mitglied einer nationalen Experten/innengruppe massgeblich an der Erstellung des österreichweiten Schulleitungsprofils beteiligt, das 2019 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung veröffentlicht wurde.  

Zum Autor

Jörg Berger ist verantwortlich für den Blog Schulführung. Er arbeitet in der Lehrgangsleitung des CAS Digital Leadership in Education, als Schulleiter an der Schule Knonau und in der Geschäftsleitung des Fachverbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz VSLCH.



Redaktion: Melina Maerten

Titelbild: zVg von Stefan Brauckmann

Ein Gedanke zu „Schulleiterinnen und Schulleiter in ihrem Führungshandeln unterstützen“

  1. Top! Das setzt nochmal das Highlight auf die vielfältigen Belastungen, die diese Aufgabe mit sich bringt. Die Erwartungen sind ja bekanntlich von allen Seiten sehr hoch und ein Mensch allein oder zwei können das nicht auffangen.
    Die Zukunft wird eine stärker partizipative Schulführung hervorbringen. Dazu braucht es Freiräume und Kompetenzen für die Lehrpersonen. Das erfordert ein Umdenken und Handeln auf allen Ebenen. Gemeinsam geht es eben doch leichter. Danke für das tolle Interview!

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