Ein Jahr im Bildungssystem Kanadas

Als Gastdozent ein Jahr an der University of British Columbia in Vancouver ist ein wunderbarer Spiegel, um mehr über das eigene Schulsystem zu lernen. Besonders beeindruckt hat der Umgang mit Inklusion. Gedanken von Frank Brückel.

Hautnah erleben, was auf der anderen Seite des Globus «Schulentwicklung» bedeutet und wie dort versucht wird, aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in den Schulen zu begegnen und Lösungen zu implementieren! Dies war das Ziel meiner Arbeit als Gastdozent an der University of British Columbia zwischen August 2019 und Juli 2019 in Vancouver, Kanada.

Das alles beherrschende Thema in British Columbia ist seit einigen Jahren die Inklusion. Dabei wird «inklusiv» sehr umfassend verstanden. Im Grunde geht es darum, dass Unterschiede hinsichtlich der Vielfalt in Kultur, Religion, Geschlecht, Fähigkeiten oder sozioökonomischem Hintergrund akzeptiert und geschätzt werden und alle Menschen gleiche Chancen in ihrer individuellen Entwicklung erhalten.

Beispielsweise gibt es in British Columbia nur noch eine Schule für alle, die vom Kindergarten bis zur 12. Klasse geht. Unterschiede in Niveaustufen A, B oder C oder Sonderschulen und Kleingruppenschulen gibt es keine. Fast überall wird binnendifferenziert, das heisst, dass es auch innerhalb der Schulen keine Sondergruppen mehr gibt. Damit das gelingt, braucht es aus Sicht der verantwortlichen Personen sowohl strukturelle Massnahmen wie auch eine entsprechende Ausbildung der Schulleitungen, Lehrpersonen, schulischen Heilpädagogen und anderen beteiligten Berufsgruppen.

Für mich war es sehr interessant zu sehen und zu verstehen, wie ein solch inklusives System an den Schulen umgesetzt und gelebt wird und wie es den kanadischen Schulen in den letzten Jahren gelungen ist, dahin zu kommen. Ich nutzte meine Zeit, um zunächst an der Universität mehr über die Lehramtstudiengänge zu erfahren. Ein Semester lang durfte ich als Student an Kursen und Veranstaltungen teilnehmen. Darüber hinaus war ich bei Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrern sowie bei Aus- und Weiterbildungen für Schulleiterinnen und Schulleitern dabei. In der zweiten Hälfte meines Aufenthaltes war ich in vielen Schuldistrikten eingeladen, um mir ein Bild von den Schulen vor Ort zu machen. Am Ende des Jahres hatte ich zudem die Möglichkeiten, Interviews mit Personen aus den verschiedensten Berufsgruppen zu führen, um sie genauer zu ihren Erfahrungen im Hinblick auf Schulentwicklung zu befragen. Diese intensiven Gespräche und ihre Auswertung haben mir geholfen, ein umfassendes Bild zu erhalten.

«Take Home Messages»

Immer wieder werde ich gefragt, was ich gelernt habe und was ich mit «zurückgebracht» habe. Zunächst einmal: eine umfassende Inklusion ist möglich. An den Schulen herrscht eine entspannte und fröhliche Atmosphäre bei Kindern und Erwachsenen. Meine Interviews zeigen, dass es ein herausfordernder Weg war, um dahin zu kommen. Ich habe jedoch niemanden getroffen, der zurück zu einem anderen – separativeren Modell – möchte. Auf der organisatorischen und didaktisch-methodischen Ebene konnte ich eine Menge «Puzzleteile» sehen, die an den Hochschulen, Bildungsbehörden und Schulen zusammengefügt werden müssen, damit in British Columbia schulische Inklusion gelebt werden kann.

Allem voran steht eine gegenseitige Unterstützung sowie eine Arbeitshaltung, die durch Respekt und Vorsicht geprägt ist. Erst das Zusammenspiel der Institutionen und ihrer Akteure führt dazu, dass sich die Lehrpersonen vor Ort nicht überfordert fühlen. Beispielsweise bietet die Schulbehörde sogenannte «Learning Support Teams» an, die eine Lehrperson bei Fragen oder Herausforderungen anfordern kann. Auf meine Frage, wie sie unterstützt wird, meinte eine Lehrerin: «Die Leute vom «Learning-Support-Team» des Distrikts – wenn wir sie brauchen, sind sie da. Sie drängen uns nie zu etwas, sie sagen uns nicht, was wir zu tun haben. Sie hören zu und versuchen dir die Unterstützung zu geben, die du brauchst».

Meine wichtigste Erkenntnis ist jedoch, dass die Umstellung zu einem vollständig gelebten inklusiven Schulsystem in den Köpfen aller beteiligten Akteure beginnen muss. Dass dies ein jahrelanger, kontinuierlicher Prozess ist, haben mir alle Interviewpartner bestätigt.

Ein Schulleiter meinte auf meine Frage, wie es gelingen konnte, von einem eher separativen Schulsystem hin zu einem inklusiven zu kommen: «Es ist interessant – du kannst das ohne die entsprechenden Wertvorstellungen der Menschen nicht schaffen. Nichts wird sich wirklich ändern, wenn die Leute nicht daran glauben. Auch wenn du versuchst, Strukturen anzupassen. Diese werden nichts daran ändern, wie die Menschen fühlen und wie sie über Erziehung denken und was das für die Arbeit in Schulen heisst. Darum haben wir vor allen Dingen an solchen Puzzleteilen gearbeitet».  

Zusammenfassend sehe ich nach meinem Jahr in Kanada, dass wir in der Schweiz sehr vieles richtig machen. Auch zeigt sich für mich, dass es gerade im Themenfeld Inklusion noch viel zu tun und zu überlegen gibt. Einerseits über Strukturen, die zu schaffen sind: zum Beispiel die Frage, wie die einzelnen Professionen zusammenarbeiten und wie Gelder gezielter genutzt werden können. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht allerdings die Frage, wie wir dahin kommen, dass wir als Gesellschaft grossmehrheitlich von der Idee einer «Schule für alle» angetan sind und danach fragen, wie wir diese gemeinsam realisieren möchten.

INFOBOX

Die Pädagogische Hochschule Zürich bietet in Kooperation mit der  Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik zum Thema Schulführung und Inklusion einen CAS an. Zu detaillierten Informationen und zur Anmeldung gelangen Sie hier.

Autor

Frank Brückel ist Dozent im Zentrum Schule und Entwicklung an der PH Zürich. Er leitet die Arbeitsgruppe Tagesschule und ist zudem Mitglied im Leitungsteam MAS Weiterbildungsstudien. Er kennt sich speziell in Schulentwicklung, Ganztagesbildung und Professionalisierung bei Lehrpersonen aus.

Redaktion: Melina Maerten

Bilder: zVg

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