Die Aufmerksamkeit auf die Beziehungsgestaltung richten

Lässt man sich darauf ein, dass der Zustand unserer Welt – auch unserer Schulwelt – das Ergebnis unserer gemeinsamen Handlungen ist, dann führt kein Weg daran vorbei, die Gefühle und Sichtweisen aller Beteiligten in einem empathischen Dialog wahrzunehmen, sagt Eckart Störmer, Leiter der Tagesschule Oberglatt. Dies erfordert nicht nur ein verändertes Zuhören, sondern eine veränderte Qualität der Beziehungsgestaltung.

Als Schulleiter versuche ich zu vermitteln, dass sich schulische Professionalität oft gerade nicht darin zeigt, dass man jederzeit weiss, wie eine Situation zu beurteilen und was zu tun ist, sondern darin, dass wir den anderen (Schülern, Eltern und Kollegen …) empathisch und schöpferisch zuhören. Es geht darum, die Qualität der Beziehungsgestaltung positiv zu beeinflussen.

Hier liegt, wie Otto Scharmer (Dozent am Massachusetts Institute of Technology; 2019) sich ausdrückt, der Archimedische Punkt des sozialen Feldes. Durch Verbindung der sichtbaren (was wir tun, sagen und sehen) und der unsichtbaren Schichten (die innere Verfassung) des sozialen Feldes, kann die Qualität des sozialen Handelns verbessert werden. Deshalb rückt die Schulleitung der Tagesschule Oberglatt die Qualität der Beziehungsgestaltung mit Schülern und Eltern, aber auch mit den Mitarbeitenden in den Fokus. Es kommt dabei zunächst besonders auf die Qualität des Zuhörens an. Scharmer unterscheidet vier Arten des Zuhörens:

  1. Reaktives Zuhören (Herunterladen): Man hört nur, was man ohnehin schon kennt, ohne etwas Neues aufzunehmen.
  2. Faktisches Zuhören: Das Denken öffnet sich für neue Fakten. Dazu muss man das Urteilen aufgrund von schon Bekanntem unterbrechen.
  3. Empathisches Zuhören: Die Situation mit den Augen des anderen sehen. Dafür muss sich unser Herz für die Gefühle und Empfindungen des anderen Menschen öffnen.
  4. Schöpferisches Zuhören: Unser Zuhören öffnet einen Raum für etwas Neues, das noch nicht da ist.

Wir müssen also eine Perspektive einnehmen, die die Gefühle und Erwartungen möglichst aller Beteiligten wahrnimmt und sich fragt, was daraus entstehen kann. Worum es mir als Schulleiter geht, ist ein Kulturwandel, der unsere Aufmerksamkeit weg von der Oberfläche hin zu den Wurzeln unseres Handelns und denen unseres sozialen Feldes verschiebt.

Unsere Teams brauchen quasi die Erlaubnis für einen Aufschub und ein Sich-Öffnen für neue Perspektiven, um einen kreativen Raum zu schaffen, in dem sich eine positive Entwicklung aus der gemeinsamen Wahrnehmung abzeichnen kann.

PS: Ausführlicher habe ich meine Sicht in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Lernende Schule dargestellt.

Autor

Eckart Störmer, Leiter der Tagesschule Oberglatt: «Ich sehe die (Schul-)Welt nicht als äussere Tatsache, sondern als eine von uns gemeinsam hervorgebrachte. Deshalb sind für mich Schüler/innen, Eltern, Lehrpersonen und Angestellte zuallererst Menschen mit Fähigkeiten, Bedürfnissen, Gefühlen, Träumen und mit einer Geschichte.»

Redaktion: Melina Maerten

Literatur: C. Otto Scharmer. Theorie U. Von der Zukunft herführen. 4. Auflage, Heidelberg 2015.

Titelbild: zVg

2 Gedanken zu „Die Aufmerksamkeit auf die Beziehungsgestaltung richten“

  1. Wird Zeit, dass die Lehrenden umdenken. Seit Jahren beobachte ich als Instrumentallehrerin, dass die Empathie bei vielen Lehrenden abnimmt. Schade, denn gerade sie öffnet die Tür für ein optimales Lernumfeld für Lernende. Ich kann nur sagen, empathische Beziehungen sind wertvoll für Lernende wie für Lehrende.

    1. Ja, ich denke auch, dass es ein Umdenken braucht. „Wir glauben, unser Denken sei realistisch, wenn es von Mitgefühl befreit ist, von der Fähigkeit, Schmerz zu teilen, Leid zu verstehen, und vom Gefühl der Verbundenheit mit allen Lebewesen.“, sagt Arno Gruen zu recht. Das Denken (und Handeln) wird erst realistisch, wenn es von Mitgefühl getragen ist. Und das muss ein Lernziel der Schule sein, genauso wie man die Buchstaben in einem lesen lernen muss, muss man die Gefühle des Gegenüber lesen lernen.

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