Führungsrochade in (Tages-)Schulen

Spielen Sie Schach oder coachen Sie ein Fussballteam? Dann ist Ihnen «Rochade» bestimmt ein Begriff. Das Grundprinzip der Rochade lässt sich als Metapher durchaus auf die Führungsarbeit in Schulen übertragen. Die Dozenten Reto Kuster und Frank Brückel zeigen Spielzüge auf.

Nicht selten lassen sich knifflige Spielsituationen mit dem Rochieren von Positionen überraschend schnell auflösen. Man setzt sich über gewohnte Formationen hinweg, überspringt oder wechselt die Seiten und kann damit wirksamer auf Spielzüge des Gegenübers reagieren.

Diese Situationen können auch in der Führungsarbeit in Schulen vorkommen. Speziell in Tagesschulen sehen sich die Leitungspersonen immer wieder mit der Sachlage konfrontiert, welche eine Rochade im Führungshandeln erfordern.

Die Frage, wer wen führt, lässt sich im Alltag kaum trennscharf beantworten, auch wenn Organigramme oder Aufgabenbeschriebe Eindeutigkeit vermitteln. Umso wichtiger ist es für ein Leitungsteam in Tagesschulen, Führungsverantwortung gemeinsam zu übernehmen und situativ zu handeln. Drei Fallbeispiele:

1 Lärm im Schulhaus

Eine Lehrperson der Mittelstufe klopft in der Kurzpause an die Türe des Leitungszimmers und richtet sich aufgebracht an die Schulleiterin. Der Lärmpegel jener Schülerinnen und Schüler, welche sich im Betreuungssetting befinden, sei ihr deutlich zu hoch. Die Schulleiterin hört aufmerksam zu.

Noch bevor sie antworten kann, schaltet sich der Leiter Betreuung ein, der seinen Arbeitsplatz in demselben Büro hat. Er fordert die Lehrperson auf, ihn ins Betreuungszimmer zu begleiten und ihr Anliegen direkt mit den Betreuungspersonen zu klären. Dort erfahren sie, dass die Kindergartenkinder soeben von einem Spiel im Freien zurückgekehrt sind. Auf dem Weg zurück ins Betreuungszimmer sei es zu einem Konflikt zwischen drei Kindern gekommen. Die Situation habe sich mittlerweile aber wieder beruhigt.

2 Belegung der Turnhalle

An einer Schulkonferenz monieren die Vertretungen aus der Betreuung, dass ihnen die Turnhalle ab 15 Uhr lediglich an zwei Zeitfenstern in der Woche zur Verfügung steht. Während das Anliegen vorgebracht wird, wandert der Blick der Schulleitung zum Leiter Hausdienst und Technik, der auf seinem Laptop die Datei mit dem Belegungsplan der Turnhalle öffnet und diese über den Beamer einblendet.

Er erläutert, wie der Belegungsplan zustande gekommen ist und wie er zusammen mit der Schulleitung intensiv nach anderen Möglichkeiten der Turnhallennutzung für die Betreuung gesucht hat. Die Betreuungspersonen können die aktuelle Lösung nachvollziehen, verlangen jedoch, dass sie bei der nächsten Planung früher und direkter einbezogen werden. Die Leiterin Betreuung sichert ihnen diesen Einbezug zu.

3 Mediennutzung durch die Sekundarschülerinnen und -schüler

Ein Jahrgangsteam hat personell grosse Veränderungen erfahren und kann deshalb die aktuellen Regelungen zur Mediennutzung in den ausserunterrichtlichen Schulzeiten nicht mehr nachvollziehen. Sie sind der Meinung, dass den Jugendlichen zu viel Bildschirmzeit gewährt wird.

Die Jahrgangsteamleiterin fragt deshalb bei der Schulleitung nach. Diese verweist auf die Schulsozialarbeiterin, welche einige Tage später zusammen mit einer Vertretung aus der Betreuung an die Sitzung des Jahrgangsteams eingeladen wird. Dort schildern die beiden, wie die Regelung vor drei Jahren mit dem Schülerinnen- und Schülerrat entwickelt wurde und welche Erfahrungen und Erkenntnisse sich daraus ergeben haben.

John MacBeath und Neil Dempster haben sich in ihrem Buch «Connecting Leadership and Learning» ausführlich mit geteilter Führung und gemeinsamer Führungsverantwortung auseinandergesetzt. Im Fokus stehen Führungsteams, weniger die einzelne Führungsperson.

Die kurzen Beispiele weisen darauf hin, dass geteilte Führung im Tagesschulbetrieb speziell gefordert ist, denn die Führung «rochiert», abhängig von Situationen und Personen. Nachhaltige Lösungen sind meist im Kollektiv zu finden. Entsprechende Führungskompetenzen, insbesondere das Gefühl für das Teilen von Führungsverantwortung, müssen laufend trainiert werden. Wer sich also für die Umsetzung von geteilter Führung im Schulalltag interessiert, kann in vielen Tagesschulen hervorragende Beispiele finden.

Reto Kuster, Dozent Zentrum Management und Leadership, Mitglied der Arbeitsgruppe Tagesschule, PH Zürich

Frank Brückel, Dozent Zentrum Schule und Entwicklung, Mitglied der Arbeitsgruppe Tagesschule, PH Zürich

Weitere Informationen und Veranstaltungen zum Thema

Vernetzungsanlass an der PH Zürich «Als Gemeinde auf dem Weg zur Tagesschule» 25. Januar 2020

Tagung «Tagesschulen – mehr als Schule!» 29. Januar 2020

Diskussionsforum «Tagesschule – heisse Eisen im Fokus» 4. Dezember 2019 / 26. Februar 2020 / 25. März 2020

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