Innovationen, die um die Welt gehen

Dank Spotlight Switzerland reist eine 14-köpfige Gruppe von innovativen Lehrpersonen und Schulleitungen an den dreitägigen HundrED Innovation Summit in Helsinki. Remo Schnellmann, Klassenlehrer einer altersdurchmischten Mittelstufenklasse und Pädagogischer ICT-Supporter der Schule Knonau berichtet von den vielen inspirierenden Eindrücken der Konferenz.

Gebannt steht das kleine Mädchen auf der Bühne. Neben ihr ragen gigantische Dinosaurierskelette in die Höhe, die einem vor Millionen von Jahren in Angst und Schrecken versetzt hätten. Die Dinosaurierknochen sind es aber nicht, die sie etwas nervös machen. Es sind die etwa 250 Zuhörerinnen und Zuhörer, die im Naturhistorischen Museum in Helsinki gespannt auf ihre Worte zur Eröffnung des HundrED-Summits 2019 warten.

In ihrer eleganten Bluse, dem Jäckchen und den glitzernden Ballerinas wirkt die 10-jährige Marigold Mioc, zumindest äusserlich, eher wie eine prominente Rednerin als wie eine normale Schülerin.

Sie ist aus Kanada an den HundrED-Kongress nach Finnland gereist, um als Botschafterin der Lernenden ihre Gedanken und Wünsche mit Entwicklern, Investoren und Personen aus der Bildung zu teilen. Aus ihrer Sicht erklärt sie, wie sich die Schule entwickeln soll, damit sie nicht so endet wie die mächtigen Dinosaurier rundherum: angsteinflössend, trocken und ausgestorben.

Dabei erzählt sie von einer Schule, welche ermutigt, Verantwortung übergibt, Fehler als Chance wertschätzt, Lernende individuell anspricht und ihnen selber eine Stimme gibt.

Unter den Zuhörern befindet sich auch Jörg Berger, Schulleiter der Schule Knonau, den ich als Pädagogischer ICT-Supporter der Schule Knonau mit 12 weiteren Teilnehmern aus Schweizer Bildungsinstitutionen begleiten darf. Sie alle wurden anlässlich des Spotlight-Projektes eingeladen.

Die HundrED-Organisation, die zu diesem Treffen geladen hat, setzt sich zum Ziel, innovative Ideen zu unterstützen, Entwickler und Investoren zu vernetzen und den Ideen zu Wachstum zu verhelfen. Dazu gehören auch digitale Innovationen, wie sie an der Schule Knonau mit dem ausgezeichneten Robotik-Projekt umgesetzt wurden.

Schnell wird am kommenden Morgen im Nokia-Center aber klar, dass es um mehr als bloss eine technische Aufarbeitung traditioneller Bildungsinhalte geht. Doch während einige dieser traditionellen Inhalte, ähnlich der digitalen Geräte, auf der Polarität zwischen richtig und falsch, zwischen 0 und 1 basieren, beinhalten die Veränderungen, die davon ausgehen, ein viel breiteres Spektrum.

Nicht nur innerhalb der Schweiz, wie Jörg Berger als Botschafter der Schweizer Delegation auf der Hauptbühne betont, sondern auch im internationalen Kontext sind die Voraussetzungen verschieden. So stellt Rob Houben die Agora-Schule aus den Niederlanden vor, an der Marigold Mioc ihre wahre Freude hätte. Lernende arbeiten an ihren eignen Lerngeschichten. Bilder auf dem modernen Podium zeigen während der Präsentation eine kunterbunte Mischung aus traditionellen Arbeitsstationen, auseinandergebauten Autokarosserien und Indoor-Zelten.

Dem gegenüber stehen beispielsweise zwei Botschafter des Amblema-Projekts aus Venezuela, die davon erzählen, wie sie ihre Kinder durch kleine Trainingseinheiten in der Lese- und Rechenfertigkeit sowie der Achtsamkeit für ihre Umwelt stärken. Dabei erwähnen sie, fast nebenbei, dass sie in dieses Projekt auch das Hauspersonal, den Gärtner und das Sicherheitspersonal einbeziehen. Spätestens jetzt ist klar, dass es hier um eine ganz andere Form der Entwicklung von Bildungsinhalten geht. Mut, wie ihn Marigold Mioc gefordert hat, gehört hier ganz besonders dazu.

Ein weiterer Einblick dieser Art bietet Alemayehu Hailu Gebre, der in Äthiopien mit seiner «Speed School» dafür sorgt, dass Jugendliche ohne Schulabschluss zurück in die Schule und zum lebenslangen Lernen geführt werden.

Was alle Teilnehmer und die weiteren Referenten an diesem symbolischen Ort finnischer Wirtschaftsgeschichte vereint, sind die grossen Ideen und die kleinen Schritte, die es dazu braucht, Bildung lebendig und stark zu machen. Und sie alle teilen die Erfahrung, dass dieser Weg nicht alleine zu gehen ist.

Von der imposanten Oodi Bibliothek, in welcher der letzte Kongresstag stattfindet, nehmen die Teilnehmer symbolisch für den fantastischen Ausblick aus dem 3.Stock viele Sichtweisen, aber auch Kontakte und Strategien mit nach Hause. Was diese Visionen lebendig hält, ist gemäss Gregg Behr, Gründer von « Remake Learning» aus Pittsburgh, der Fokus auf die Anfänge, auf eine ganzheitliche Bildung und schliesslich auf eine regionale Umsetzung, in der diese gedeihen können.

Nach der berührenden Schlussrede von Deepak Ramola über die «Lektionen des Lebens» in seinem Herkunftsland Indien gelingt es mir, zwischen Kuchen, Kaffee und Tee nochmals kurz mit Marigold Mioc zu sprechen. Auf die Frage, ob sie denn nun das gehört habe, was sie sich am ersten Tag gewünscht hat, reagiert die 10-jähirge mit einem spontanen Ja und einem breiten Lächeln. Nach meiner Zusatzfrage, was denn ihre bisherige «Lektion des Lebens» gewesen sei, bleibt die aufgeweckte Schülerin jedoch einen Moment stumm.

Nach einer Weile entschuldigt sie sich bei mir, dass es ihr schwierig falle, so spontan eine Antwort auf diese Frage zu geben.

Ihrem Wunsch während der Begrüssungsrede entsprechend erkläre ich ihr, dass dies kein Fehler sei und sie sich dafür nicht entschuldigen müsse. Noch etwas zögerlich lächelnd meint sie schliesslich: «Vielleicht ist das gerade eine «Lektion des Lebens» – mich nicht dafür entschuldigen zu müssen, egal ob ich eine passende Antwort habe oder nicht.»

Remo Schnellmann, Klassenlehrer und Pädagogischer ICT-Supporter, Schule Knonau

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