Spannungsfelder zwischen Schulmanagement – Digitalisierung – Schulentwicklung

In den letzten drei Jahrzehnten haben digitale Medien Einzug in alle Bereiche des Lebens und Arbeitens gehalten. Auch die Führung von Organisationen ist heute in vielen Fällen eng verbunden mit der Nutzung digitaler Technologien. Woran kann es auf dem Weg zum digitalen Schulmanagement haken? Pierre Tulowitzki und Julia Gerick zeigen drei Spannungsfelder im Verhältnis Schulmanagement – Digitalisierung ­– Schulentwicklung auf.

1. Schulleitung als Instanz für digitale Kompetenz vs. Schulleitung als nutzende Instanz digitaler Infrastruktur

Wer sollte an einer Schule die Ideen und «den Plan» für die Digitalisierung besitzen? Angesichts der Schlüsselposition der Schulleitung wäre es verlockend, zu fordern, dass sie die Kompetenzen rund um den Einsatz digitaler Medien zur Organisation von Schule innehaben sollten. Wer könnte bezüglich digitaler Organisation und Entwicklung besser Impulse setzen und Visionen entwickeln? Bereits jetzt üben Schulleitungen eine Fülle von Tätigkeiten aus und sind stark beansprucht.

Eine Delegation an eine Lehrperson (zum Beispiel PICTS, IT-Beauftragte/r) oder eine Gruppe (wie Steuergruppe für Digitalisierung) wäre ebenfalls nicht ohne Tücken. Wer entscheidet, wer verantwortet? Was beispielsweise, wenn die/der IT-Beauftragte eine schulweite Lern- und Kommunikationsplattform aufbauen möchte, die Schulleitung dem jedoch ablehnend gegenübersteht? Digital gestützte Organisation und Entwicklung von Schule wären nur begrenzt möglich, da die letzte Entscheidung (und Verantwortung) bei der Schulleitung liegt.

Die Auslagerung der Kompetenz wäre eine weitere Option. Schulen würde von einer übergeordneten Instanz die komplette IT-Infrastruktur einschliesslich Software vorgegeben. Somit würde Digitalisierung von Schulen zur Organisation und Entwicklung nach einer «Top-Down»-Logik gesteuert. Hier würden jedoch Potenziale einer individuellen Weiterentwicklung im Keim erstickt werden; es müssten alle Schulen über einen Kamm geschoren werden.

2. Digitale Medien als Medium von Schulentwicklung vs. digitale Medien als Inhalt von Schulentwicklung

Es stellt sich ferner die Frage, ob digitale Medien Mittel zum Zweck oder den eigentlichen Zweck von Schulentwicklung darstellen (sollten). Eine angemessene Reflexion dieser Frage scheint gegenwärtig eher übergangen zu werden. Ein geläufiges Anliegen ist beispielsweise ein stärkerer Einbezug beziehungsweise eine stärkere Beteiligung der Eltern. Dies kann man auf vielfältigem Wege erreichen.

Im Kontext digitaler Medien wäre hierfür denkbar, den Eltern in einer schulischen Lern- und Kommunikationsplattform Befugnisse zu erteilen, sodass sie beispielsweise Unterstützungsangebote rund um Schule auch virtuell anbieten oder über die Plattform einfacher kommunizieren können. Dies wäre jedoch Mittel zum Zweck; das eigentliche Ziel wäre eine stärkere Partizipation.

Angesichts der heutigen Omnipräsenz digitaler Medien kann es leicht passieren, dass sie bei vielen Schulentwicklungsvorhaben eine Rolle spielen. Manchmal stellen digitale Medien selbst das Ziel von Schulentwicklungsprojekten dar. Ihre Funktion sollte jedoch geklärt sein, bevor ein Entwicklungsvorhaben angegangen wird.

3. Alles erreichen können (technisch) vs. alles erreichen können (menschlich)

Jegliche digital gestützte Zusammenarbeit setzt voraus, dass alle Betroffenen beziehungsweise Beteiligten in der Lage und willens sind, diese Kanäle zu benutzen. Die sogenannte «digitale Kluft» wird somit zu einer Herausforderung bei Schulorganisation und Schulentwicklung. Einerseits bieten digital gestützte Prozesse (wie Arbeiten an Arbeitsblättern und Plänen mittels online-geteilter Dokumente) Potenzial, die Arbeit zu erleichtern und zu beschleunigen. Andererseits bergen sie die Gefahr, diejenigen auszugrenzen, die in puncto ICT (noch) nicht so fit sind. Ein Mischbetrieb (zum Beispiel «die Kollegen informiere ich per E-Mail, die anderen lieber durch einen Ausdruck im Postfach.») kommt immer wieder vor. Dieser ist jedoch in der Regel von Redundanzen und Ineffizienzen geprägt.

Weitere Spannungsfelder haben wir in einem Artikel zusammengetragen. Ihre Bearbeitung erfordert von der Schulleitung und von allen beteiligten Kolleginnen und Kollegen Mut, Kreativität und Ausdauer. Beim Abwägen der technischen Möglichkeiten mag die Prüffrage helfen, inwiefern die Technik dabei unterstützen kann, den Kernauftrag – nämliche die pädagogische Arbeit – besser zu erfüllen.

Jun.-Prof. Dr. Pierre Tulowitzki, Leiter des Instituts für Bildungsmanagement, Leiter der Abteilung für internationales Bildungsmanagement und Deutscher Leiter Studiengang International Education Management (INEMA), PH Ludwigsburg

und

Prof. Dr. Julia Gerick, Juniorprofessorin, Arbeitsbereich Schulpädagogik/Schulforschung, Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft

Verzeichnis:

Tulowitzki, P., & Gerick, J. (2018). Digitales Schulmanagement – Schulleitung und Schulentwicklung in einer digitalen Welt. In E. Zala-Mezö, N.-C. Strauss, & J. Häbig (Hrsg.), Dimensionen von Schulentwicklung. Verständnis, Veränderung und Vielfalt eines Phänomens (S. 205–224). Münster: Waxmann.

Über diese Aspekte wird Pierre Tulowitzki am Onlinekongress für Schulleitungen referieren. Hier geht’s es zum Programm.

Bild: waxmann.com

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