Digitaler Wandel in der Schule

Viele Schulen führen momentan in der Mittelstufe die 1:1-Ausstattung ein (ein digitales Gerät pro Kind). Im Matheprogramm erhalten die Kinder ein unmittelbares Feedback, im Englisch werden die Wörter korrekt vorgelesen. Neu wird zudem das Fach Medien und Informatik unterrichtet. Die Struktur des bisherigen Unterrichts, der in Lektionen getaktet ist, ändert sich nur gering. Diese Integration von digitalen Medien in den Unterricht ist hoch anspruchsvoll für alle Beteiligten.

Digitaler Wandel geht allerdings noch weiter. Er fokussiert unter anderem die ganzheitliche Unterrichtsentwicklung und Fragen wie: Was verstehen wir heute unter Lernen und Lehren? Was verstehen wir unter Bildung? Die ehrliche Beantwortung stellt viele traditionelle Werte und Haltungen infrage und löst Folgefragen aus. Brauchen wir noch fixe Schulklassen, die aufgrund des Stichtages festgelegt sind? Sind Stundenpläne, welche den Schultag in einzelne, zusammenhangslose Elemente aufteilen, noch sinnvoll? Wie weit ist die Lehrperson Wissensvermittlerin, wie weit unterstützt und begleitet sie die Kinder auf ihrem eigenen Lernweg? Welchen Stellenwert haben soziale Kompetenzen, die ein kooperatives und konstruktives Miteinander ermöglichen?

Der digitale Wandel bezieht sich konsequenterweise nicht nur auf den Unterricht, sondern umfasst alle Prozesse und Bereiche der Schule. Ein zentraler Aspekt des digitalen Wandels ist die gelebte Fehlerkultur: Firmen mit einer funktionierenden Fehlerkultur adaptieren schneller an neue Technologien und können somit zeitnah auf die Marktbedürfnisse reagieren. Eine Schule ist aber keine Firma.

Im Aspekt Fehlerkultur steckt das riesige Dilemma der Schule, sobald sie einen grösseren Entwicklungsschritt machen will. Niemand kann garantieren, dass durch die Entwicklung alles sofort reibungsfrei läuft; oder dass es für alle sichtbar besser ist, als vorher. Es besteht immer ein Risiko, dass gewisse Elemente falsch eingeschätzt wurden. Kein Elternteil will, dass das eigene Kind während eines Entwicklungsprozesses zum «Testobjekt» wird. Keine Lehrperson, keine Schulleitung will dies. Dennoch wollen alle Beteiligten das Beste für die Kinder.

Dieses Spannungsfeld ist – aus verständlichen Gründen – sehr schwierig auszuhalten und aufzulösen. Es braucht Mut, viel Vertrauen und sehr viel Kommunikation, wenn sich eine Schule bewegen will. Es muss uns allen bewusst sein: Die Ansprüche an unsere Kinder sind nicht mehr dieselben, wie noch vor wenigen Jahren. Die Digitalisierung hat unseren Alltag durchdrungen, viele heutige Berufe wird es bald nicht mehr geben, neue Kompetenzen sind gefragt. Die Schule muss reagieren. Ein Schritt ist es, die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. So seltsam es tönen mag: Beim digitalen Wandel macht das Digitale den kleinsten Anteil aus; der Grossteil des Wandels geschieht hinsichtlich Haltungs- und Wertefragen.

Einen Podcast zum Thema «Alles wird digital: Schule, Autoversicherung, Unterschrift» finden Sie auf SRF.

Rahel Tschopp, Zentrumsleiterin Medienbildung und Informatik, PH Zürich

6 Gedanken zu „Digitaler Wandel in der Schule“

  1. Sehr interessanter Artikel!
    Ja, Fehlerkultur. Das Spannende daran ist ja, dass das Weiter-so ja genauso oder vielleicht noch mehr ein Fehler sein kann und die Kinder zu Versuchskaninchen werden. Der Unterschied ist, dass man weniger genau hinschaut, weils ja früher auch gut war. Vielleicht müssen wir ja das “öffentliche Improvisieren im Modus 2” lernen, wie Christopher Dell sagt. Also kein Rumprobieren, sondern ein bewusstes Experimentieren bei dem man genau darauf achtet, was geschieht und was der nächste Schritt sein könnte.
    Gut finde ich auch den Hinweis, dass das Digitale nur ein kleiner Teil dabei ist. Ich würde allerdings fragen, ob es nicht auch hier letztlich um Nachhaltigkeit geht. Wir wollen unsere Kinder ja auf das 21. Jh. vorbereiten und dann kann ich Schule nicht einfach so weiter machen wie im 20. Tatsächlich ist der digitale Wandel ja nicht die einzige Herausforderung: Erziehung zu nachhaltiger Entwicklung wäre für mich der grosse Rahmen.

    1. Vielen Dank für die spannenden Gedanken, Eckart Störmer. Was immer der grosse Rahmen ist; die nachhaltige Entwicklung muss enthalten sein. Und der digitale Wandel, die Inklusion und Tagesschulen. Das tönt vielleicht unglaublich anspruchsvoll. Ich bin aber überzeugt: Wenn man Schule als Ganzes neu denkt, haben alle diese Themen darin Platz, und das Eine ergibt das Andere.

      1. ‪“Diese Integration von digitalen Medien in den Unterricht ist hoch anspruchsvoll für alle Beteiligten.“ – Genau darum sollten die digitalen Medien NICHT in den Unterricht, sondern ins Lernen integriert werden.‬

  2. Hut ab und Respekt für jene, die sich innerhalb dieses Systems Tag für Tag für diese schier aussichtlose Entwicklungsarbeit einsetzen!

  3. Danke für die Rückmeldungen …
    und noch mehr Gedanken:
    Ich sehe nachhaltige Entwicklung nicht als etwas, das auch noch enthalten sein sollte. Wenn es stimmt, dass wir Menschen den Zustand unserer Welt durch unsere Handlungen gemeinsam hervorbringen – und daran habe ich keinen Zweifel –, dann ist Nachhaltigkeit das Mass für alle unsere Handlungen.
    Mit dem grossen Rahmen meine ich das Systemdenken. Für das System Erde lohnt es sich Entwicklungsarbeit zu leisten und die Dinge und sich selbst als innerhalb des Systems anzusehen. Ich sehe da keine Alternative.

  4. ‪“Diese Integration von digitalen Medien in den Unterricht ist hoch anspruchsvoll für alle Beteiligten.“ – Genau darum sollten die digitalen Medien NICHT in den Unterricht, sondern ins Lernen integriert werden.‬

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