These #1: Über Leidenschaft und Lehrpläne – Man wird ja wohl noch fragen dürfen

#1 «Über Leidenschaft und Lehrpläne» lautet der erste von drei Texten von Philipp Zimmer, Schulleiter der Volksschulgemeinde Wigoltingen, die in den kommenden Wochen auf dem Blog Schulführung erscheinen werden. #2 «Über Neugier und Strukturen» und #3 «Über Scheitern und Skills» ergänzen diesen Auftakt und werden in zwei folgenden Blogbeiträgen behandelt. Viel Freude beim Lesen!

Manchmal frage ich mich, was in unserem Schulsystem eigentlich alles „falschrum“ läuft. Warum lernen unsere Kinder und Jugendlichen vorwiegend nur von uns Erwachsenen und nicht umgekehrt und warum fliesst das Lernen dabei meist nur in eine Richtung? Warum beurteilen wir Lernende in der Qualität ihres Denkens und Handelns, aber sie uns nicht? Ist es überhaupt sinnvoll zu urteilen?

Warum vermitteln wir Kindern, dass sie beim Lernen möglichst wenig Fehler zu machen haben, statt möglichst viele? Warum geben künstliche Strukturen wie Schuljahre, Hausaufgaben, Ferien, Notenskalen, Alterskassen, Stundenpläne, 45-Minuten-Rhythmen, Stundentafeln und Fächerkanones den Takt des Lernens vor und nicht die Neugier, Leidenschaft und intrinsische Motivation, die in jedem Menschen von Natur aus schlummert?

Ich könnte endlos damit weitermachen, Muster und Strukturen von Schule zu hinterfragen und finde dabei oft selbst keine Antworten, die mich überzeugen. Aber gerade dann bekomme ich irgendwie immer Lust, es einfach mal anders zu machen, es gemeinsam auszuprobieren, es zu wagen. Aber das ist nicht immer leicht. Denn scheinbar haben wir irgendwann aufgehört Fragen zu stellen und akzeptiert, dass die Schule einfach die Schule ist. Sie formt unsere zukünftige Gesellschaft, damit diese dann wiederum die Schule nach dem Bild formen wird, das sie selbst nicht anders kennt. Diese Vorstellung von den Bildungsinstitutionen unseres Landes hat für mich allmählich ausgesorgt, denn sie wird unserer Lebensrealität nicht mehr gerecht.

Kindliches Denken gestaltet Zukunftsvisionen

Fragen an die Welt entstammen unserer Neugier. Wir stellen Fragen, weil wir Dingen auf den Grund gehen wollen. In einem Interview verweist Google-Innovationschef Dr. Frederik Pferdt auf eine NASA-Studie aus dem Jahr 1968, in welcher Kreativität und Innovationsfähigkeit gemessen wurden.

Dabei zeigte sich nach seiner Aussage, dass 98 Prozent der Kinder im Alter von 5-7 Jahren über eine sehr ausgeprägte Kreativität und Innovationsfähigkeit verfügen. Von den 10-jährigen Kindern waren es im Vergleich nur noch rund 30 Prozent, von den 15-Jährigen lediglich 12 Prozent und bei uns Erwachsenen nur noch 2 Prozent, die hohe Werte in den gemessenen Bereichen aufzeigten.

Im weiteren Verlaufe des Interviews betonte er, dass Kinder bis zu 140 Fragen pro Tag stellen würden, wobei es bei Erwachsenen nur etwa vier seien. Die erste Frage, mit der er eines seiner drei Kinder zitierte, war übrigens: „Warum muss ich zur Schule gehen?“. Kreativität, Neugier und Innovationsfähigkeit sind also verlernbar und gehen irgendwo im Laufe von Kindheit und Jugend nahezu verloren, denn die Natur sieht eigentlich einen ganz anderen Weg des Lernens vor als die Schule.

Was wäre, wenn…?

Das Lernpotential des Menschen wird dann optimal genutzt, wenn der Antrieb aus dem limbischen System (Emotionen) mit der Hirnrinde (vernetztes Wahrnehmen und Denken) zusammenspielt. Kleine Kinder nutzen diese Fähigkeit unbewusst und haben meist ein Umfeld, welches dies zulässt. So entwickeln sie für gewisse Dinge Leidenschaft, die sie in eine faszinierende Welt führt und in welcher sie in kürzester Zeit durch Erlebnisse und Erfahrung ein erstaunliches Wissen aufbauen. Dieses können sie später nutzen und mit anderen Bereichen vernetzen.

Das aufgebaute Wissen (persönliches Curriculum) folgt also ihrer Leidenschaft. Leider wird dieser natürliche Prozess später in der Schule häufig gestoppt und umgekehrt. Er blockiert den natürlichen Lernprozess und irritiert. Die Folge ist dann oft Lernverdrossenheit mit all den negativen Konsequenzen. Von klein auf, noch vor dem Eintritt in die Schule, entdecken Kinder ihre Lebensumwelt ohne künstliche Bildungskonstruktionen.

Dabei stützen sie sich auf ihre Intuition, indem sie stets ihren natürlichen Bedürfnissen folgen. Das, was sie fasziniert, versuchen sie zu entdecken, indem sie Grenzen ausloten, ausprobieren und manchmal auch durch schmerzhafte Erlebnisse ihre Lebenserfahrung erweitern. Sie selbst geben sich dabei ihre Lernziele vor und folgen vertrauensvoll ihrer Neugier. Dabei entdecken und verstehen sie in kürzester Zeit die komplexen Zusammenhänge des Lebens und gehen tiefe soziale Bindungen ein.

Ein altes Leiden der Pädagogik ist der Verlust dieses kindlichen Lernwillens während der Schulzeit. Aber warum schafft die neugierige Motivation des frühkindlichen Lernens häufig nicht den Transfer ins schulische Lernen? Dessen Lernprozesse richten sich oftmals nicht nach der Faszination des natürlich lernenden Gehirns.

Kein Platz für persönliche Lernpläne

Die Gesellschaft konstruiert detaillierte Lernstrukturen, gibt in Curricula und „LEHR“mitteln Lernziele und Kompetenzen sowie ausgereifte Zeitpläne vor, in denen Kinder und Jugendliche etwas wissen oder sogar können müssen, damit sie nach ihrer obligatorischen Schulzeit den Anschluss in ein weiteres System finden, welches erneut eine Struktur vorschreibt. Das Diktat der Konstruktion gibt Kindern vor, zu welcher Zeit, an welchem Ort, mit welchen Menschen, sie welchen Inhalt und welches Ziel verfolgen und wie sie letztlich dafür von aussen beurteilt werden. Seit mehreren Jahrhunderten halten wir an diesem Konstrukt fest, im Irrglauben, dass es jedem gerecht werden könne.

Das frühkindliche Lernen wird dabei um seine neugierige Freiheit gebracht, in der Annahme, dass die kindliche Lernleidenschaft der schulischen Struktur folgen würde, also folglich die Neugierde am Lernen den Vorgaben des Lehrplans. Folge man jedoch einem alten Leitsatz „Money follows passion – not the other way around“, müsste doch gerade das Schulsystem seinen klassischen Ablauf umkehren. Ich bin überzeugt, dass dieser Weg im strukturierten Bildungskonstrukt leider meist „the other way around“ führt.

Kinder und Jugendliche müssen sich in ihrem Lernalltag stets nach offiziellen curricularen Vorgaben richten. Da bleibt wenig Platz für die persönliche Neugier, den eigenen Rhythmus und selbst gesteckte Ziele. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass jungen Menschen der natürliche Lernweg erhalten bleiben muss, sowie die Zeit, den Dingen nachzugehen, welche sich mit den offiziellen Lehrplänen an vielen Stellen per se überschneiden.

Damit möchte ich nicht behaupten, dass Kinder und Jugendliche ausschliesslich das lernen, worauf sie gerade Lust haben, sondern dass im Rahmen curricularer Vorgaben Räume und Zeiten für individuelle Lernfelder entstehen müssen. Dies ist nur möglich, wenn Neugier sowie Leidenschaft beim Lernen in den Vordergrund gestellt werden und nicht die Strukturen des schulischen Lernens. Im nächsten Artikel soll es um diese Strukturen gehen: #2 «Über Neugier und Strukturen – MacGyver und der Stundenplan».

Philipp Zimmer, Schulleiter Volksschulgemeinde Wigoltingen

Hier gehts zum Blogbeitrag #2 «Über Neugier und Strukturen».

Titelbild: flickr.com

2 Gedanken zu „These #1: Über Leidenschaft und Lehrpläne – Man wird ja wohl noch fragen dürfen“

  1. Herzlichen Dank für Deine Fragen, Philipp.
    Wir sind viel zu sehr daran gewöhnt, bessere Antworten auf bekannte Fragen zu suchen(, wenn überhaupt). Das wird aber immer zu ähnlichen Lösungen führen. Die Kunst ist wohl, neue Fragen zu stellen.

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